Auch ohne große italienische Sprachkenntnisse ist gut verständlich, wie Ambrogio Beccaria im Video-Clip seine Situation mit einigen Schimpfworten beklagt. Um dann sein Boot in mehreren beherzten Tauchgängen zu befreien und schließlich einen Schrei der Erleichterung auszustoßen.
Nun segelt “Allagrande Mapei” im Vendée Arctique wieder mit gutem Tempo. Ambrogio Beccaria jagt Spitzenreiter Sam Goodchild und den drei Solistinnen Élodie Bonafous (”Association Petits Princes - Queguiner”), Violette Dorange (”Initiatives Cœur”) und Francesca Clapcich (”11th Hour Racing”) als Fünfter hinterher.
Was war passiert? Vor der Nordküste Irlands hatte sich eine Fischerleine mitsamt einer Boje im Kiel von “Allagrande Mapei” verfangen. Die Bremse löste sich nicht von alleine. Der Skipper wusste schnell, dass ihm in dieser Lage nur eine Option blieb, wenn er das Rennen nicht “hinkend” fortsetzen wollte – eine heikle Aktion in den eisigen Gewässern nahe des 60. Breitengrads Nord auf dem Kurs zum Polarkreis.
Ambrogio Beccaria zog seinen Neoprenanzug an, stieg in die Schwimmflossen und stülpte eine Tauchmaske über, um sich sich für die riskante Herausforderung zu wappnen. Gut gesichert, holte er mehrere Sekunden lang tief Luft, und tauchte vom Deck ins Wasser und unter den Rumpf von “Allagrande Mapei”.
Fünf Tauchgänge waren notwendig, um den Kiel von der Leine und der Boje zu befreien. “Mamma mia!”, erklang seine Stimme danach von Bord. Sein Jubel nach der erfolgreichen Aktion und der sicheren Rückkehr an Bord kam aus tiefstem Herzen. “Ich dachte, das Wasser wäre kälter, aber es war trotzdem nicht einfach, vor allem weil die Strömung das Boot abtreiben ließ”, berichtete Beccaria nach dem riskanten Einsatz im Vendée Arctique.
Das war ein ziemliches Abenteuer. Um den Kiel zu befreien, musste ich mindestens fünf Male tauchen.” Ambrogio Beccaria
Beccaria hat die Aktion und auch seine Tauchgänge gefilmt und zeigt damit jetzt ebenso seltene wie spektakuläre Bilder. Für ihn selbst, der in der Auftaktphase des Vendée Arctique bereits einen Blackout an Bord erleben und beheben musste, ist ist inzwischen wieder das laufende Rennen in den Vordergrund getreten: Weniger als 25 Seemeilen trennten den 34-jährigen gebürtigen Mailänder am Morgen nach der dritten Nacht auf See von Landsfrau Francsca Clapcich, die am Vortag noch berichtet hatte, dass das Duell mit Beccaria “schon ein Faktor” sei.
Von hinten droht Ambrogio Beccaria vorerst keine Gefahr. Das Feld hat sich in eine Drei-Klassen-Gesellschaft sortiert. Vorne bestimmt Top-Favorit Sam Goodchild das Tempo, hatte am Vormittag des 10. Juni noch rund 300 Seemeilen bis zum Polarkreis vor sich. Hinter ihm lag die erste Verfolgergruppe von Élodie Bonafous bis Ambrogio Beccaria rund 50 bis 150 Seemeilen zurück.
Etwa 300 bis 500 Seemeilen hinter dem Pacemaker folgten Arnaud Boissières (”April Marine – Recherche Co-Partenaires”), Nico d’Estais auf dem Non-Foiler “Café Joyeux” und Manu Cousin auf “Coup de Pouce”. Nach fast drei Tagen Renndauer und dem heftigen Segelrodeo entlang der irischen Westküste genossen die Solisten in der Vendée Arctique am Mittwoch den Anflug einer Atempause.
Seit ihrem Start in Les Sables-d’Olonne am vergangenen Sonntag haben die nach dem Ausfall von Corentin Horeau (”Macsf”) acht verbliebenen Solisten im Vendée Arctique eine körperlich so anstrengende wie unangenehme Phase starker Winde und sehr rauer See hinter sich gebracht. Die brutale Kombination der Bedingungen hatte das Bordleben zu einer Art Akrobatiktraining gemacht. Doch seit dem jüngsten Morgen hat sich das Bild gewandelt.
An der Spitze der Flotte herrschten zuletzt kaum mehr als 15 Knoten Wind und eine fast glatte See. Die Tage auf der Buckelpiste sind vorerst vorbei. Jetzt ist die Zeit für ruhiges Segeln, etwas mehr Schlaf und die anstehenden strategischen Entscheidungen gekommen. Der Polarkreis naht. Und mit ihm der erstmals im 3. Vendée Arctique frei von den Solisten wählbare Punkt, an dem sie ihn passieren und den Rückweg nach Les Sables-d’Olonne antreten.

Freie Reporterin Sport
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