Nach dem Leichtwindstart, einem ersten Frontensystem und der Durchquerung eines Hochdruckgebietes müssen sich die Solisten im Vendée Arctique aktuell in harschen Bedingungen bewähren. Die See ist rauer geworden, der Wind hat zugenommen, die Prioritäten haben sich verschoben. Es geht nicht mehr nur darum, schnell zu segeln. Die Herausforderung besteht nach den ersten beiden Nächten seit dem Sonntagsstart darin, die richtige Balance zwischen Leistung, dem umsichtigen Umgang mit den Booten und klarem Urteilsvermögen zu finden.
Wie schnell in diesen Bedingungen ein kleinerer Zwischenfall zum Aus führen kann, hat “Macsf”-Skipper Corentin Horeau auf die harte Tour lernen müssen. Der Franzose musste mit technischem Defekt aufgeben. Das ist bitter für Horeau bei seinem ersten größeren Imoca-Solo. Er lag auf Platz zwei hinter Top-Favorit Sam Goodchild (”Macif Santé Prévoyance”) in bester Angriffsposition, als am Montagabend gegen 21 Uhr der Decksbeschlag abgerissen wurde, an dem der J3-Segelhals befestigt wird.
Rund zwei Stunden haben Corentin Horeau und sein Technikteam an Land alle Optionen geprüft, die eine Reparatur und die Fortsetzung des 3000-Seemeilen-Marathons zum Polarkreis ermöglichen könnten. Doch angesichts der für die kommenden Tage erwarteten Bedingungen und der Sorge vor schwereren Folgeschäden sah sich das Team gezwungen, das Rennen aufzugeben. Horeau befindet sich bereits auf dem Rückweg in den Team-Heimathafen Lorient.
Auf die unglückliche Kunde reagierte auch die Vendée-Arctique-Konkurrenz. Spitzenreiter Sam Goodchild sagte: “Ich bin traurig für Coco. Es ist hart ihn umkehren zu sehen. Er segelte wirklich gut und hatte einen hervorragenden Start ins Rennen hingelegt. Einen Konkurrenten wie ihn zu verlieren, ist immer enttäuschend. Aber ich bin sicher, dass er noch stärker zurückkommen wird.”
Vor der irischen Küste navigierte die nun auf achte Boote geschrumpfte Flotte am Morgen des 9. Juni durch die bislang härtesten Bedingungen bei dieser dritten Edition des Vendée Arctique. Für die führenden Boote ist der Gipfel in Windstärke und Wellengang laut Prognosen bereits erreicht. Sam Goodchild hatte diese Zone in der Nacht durchquert, während er auf der Vendée-Globe-Siegeryacht “Macif Santé Prévoyance” den Südwesten Irlands und die Dingle Bay passierte.
Der in Frankreich lebende Brite hatte sich bis zum Dienstagmorgen gut 47 Seemeilen auf seine nun erste Verfolgerin Élodie Bonafous erarbeitet. Die wiederum konnte zuletzt aber mit “Association Petits Princes - Queguiner” in den rauen Nordwestwinden von 25, in Böen auch bis zu mehr als 30 Knoten, wieder Boden gutmachen.. Während der Wellengang vier Meter überstieg, kämpften sich die die Top-Fünf an Irlands Westküste weiter nach Norden.
Die Bedingungen sind intensiv. Heute morgen hatten wir Böen bis 37 Knoten. Die Wellen sind wirklich riesig.” Francesca Clapcich
Auf den Plätzen drei bis fünf lagen am Dienstagmorgen im Vendée Arctique Violette Dorange (”Initiatives - Cœur”), Ambrogio Beccaria (”Allagrande Mapei”) und Francesca Clapcich (”11th Hour Racing”). Die Italo-Amerikanerin hatte am Morgen knapp 100 Seemeilen Rückstand auf Sam Goodchild angesammelt. Sie berichtete auch von einer kurzen Phase der Seekrankheit. Mit Grüßen an Landsmann Ambrogio Beccaria sagte die Skipperin von Boris Herrmanns ehemaliger “Malizia 3”: “Die beiden Italiener liegen nahe beeinander. Das ist ein großer Faktor. Ich versuche, ihn nicht entkommen zu lassen.”
Weitere rund 100 Seemeilen hinter ihr und noch rund 70 Seemeilen entfernt von Irlands Südwestzipfel strebte Arnaud Boissières auf “April Marine – Recherche Co-Partenaires” nach Norden. Ihm folgten Nico D’Estais auf dem einzigen Non-Foiler und Manuel Cousin “Coup de Pouce” mit rund 300 Seemeilen Rückstand auf Sam Goodchild.
Beim Rennen zum Polarkreis, den die Herausforderer im Vendée Arctique erstmals an einem Punkt ihrer Wahl passieren können, bevor sie umkehren und dem Rückweg antreten, agieren die Solisten aktuell mit Vorsicht. So sagte Ambrogio Beccaria: “Ich werde mir beim Passieren Irlands etwas Spielraum lassen. Vielleicht verliere ich dadurch ein paar Meilen, denn unter diesen Bedingungen kann selbst ein kleines Problem in Küstennähe schnell zu einem viel größeren Problem werden.”
Du musst auf alles aufpassen: deinen Rücken, deine Knie, die Art, wie du dich auf dem Boot bewegst. Es ist nicht direkt ein Kriegsgebiet, aber jeder Moment bedarf der Konzentration.” Ambrogio Beccaria
Dazu plagte den Italiener bei seiner Vendée-Arctique-Premiere ein Stromausfall. Beccaria berichtete: „Plötzlich befand ich mich in völliger Dunkelheit. Ich habe alles in etwa zwanzig Minuten repariert, aber sich an Bord einer Imoca, die mit mehr als zwanzig Knoten unterwegs ist, in einem Blackout wiederzufinden, ist definitiv ziemlich beängstigend.“
Die gleiche nüchterne Herangehensweise findet sich auch an Bord der Coup de Pouce bei Manu Cousin. Seit dem Start musste sich der Skipper mit einer Serie kleinerer Probleme auseinandersetzen, die auch mit der kurzen Vorbereitungszeit in Folge des verspäteten Neustarts zusammenhingen. Eine im Winter eingebaute neue Luke hat einen erheblichen Wassereinbruch verursacht, bevor der Skipper sie schließlich mit Sikaflex abdichten konnte.
Auf den schnellsten Booten nehmen im Vendée Arctique auf Kurs Nord schon die Planungen für die beste Annäherung an den Polarkreis Form an. Sam Goodchild verriet mit Blick auf Island: “Ich habe die westliche Option ausgeschlossen. Ich ziehe nun mehrere Wegpunkte östlich von Island in Betracht. Das gibt mir mehr Flexibilität und ermöglicht es mir, die endgültige Entscheidung noch etwas herauszuzögern.”
Ambrogio Beccaria sagte zu der anstehenden Entscheidung: “Es ist ein echtes Rätsel. Die Tatsache, dass wir über die Hinfahrt nachdenken müssen, während wir bereits die Rückroute im Hinterkopf behalten, beanspruchen einen großen Teil unserer Aufmerksamkeit.” Beccaria geht davon aus, dass das Bild für ihn und die anderen klarer wird, sobald Irland passiert ist. Bis der hohe Norden kommt, sind alle Solisten weiter im Hier und Jetzt gefordert, während der Atlantik die Ansagen macht.

Freie Reporterin Sport
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