Die flaue Biskaya wurde Dauerbrenner Sam Goodchild zum Verhängnis. Fast durchweg hatte der britische “Macif Santé Prévoyance”-Skipper das Vendée Arctique teilweise sehr dominant angeführt. Dann überholte ihn Ambrogio Beccaria am letzten Abend und passierte die Ziellinie am sehr frühen Dienstagmorgen als Erster. Das Polarkreisrennen von und nach Les Sables-d’Olonne hat einen Überraschungssieger, der das selbst nicht für möglich gehalten hat.
Ich hätte nie gedacht, dass ich gewinnen könnte.” Ambrogio Beccaria
Mit “Allagrande Mapei” kam Ambrogio Beccaria nach 3190 Seemeilen am am 16. Juni um 3:07 Uhr morgens ins Ziel. Den Sieg im Vendée Arctique sicherte er sich nach 8 Tagen, 14 Stunden, 5 Minuten und 50 Sekunden. Das war auch für ihn selbst kaum zu glauben. Beccaria sagte kurz nach dem Zieldurchgang: “Nach 24 Stunden in diesem Rennen war ich kurz davor zu sagen: Ich höre auf, ich kann nicht ohne Autopilot in den Norden fahren. Das traue ich mir nicht zu. Und doch schaffte er es. Und wie!
Ich habe es geschafft, alle Probleme zu überwinden, die ich hatte.” Ambrogio Beccaria
Er habe, so der Mailänder, Vertrauen ins Boot und in sich selbst gewonnen. Dann habe sich die Geschichte im Vendée Arctique “nach und nach geschrieben”. Doch bleibt auch bei ihm selbst und allen Beobachtern Erstaunen, dass Beccaria noch einen Rückstand von mehr als 200 Seemeilen gutmachen konnte. “Niemals im Leben hätte ich gedacht, dass ich 200 Seemeilen aufholen könnte”, sagte der 34-jährige Schiffbauingenieur, der 2019 als erster Italiener das Mini-Transat gewonnen hatte.
Jetzt hat er sieben Jahre später bei seinem ersten großen Imoca-Solo das 3. Vendée Arctique gewonnen. Dazu hielt er auch fest: “Beim Segeln gibt es immer auch einen kleinen Anteil an Glück. Das ist doch ein schöner Abschluss. Und wenn man sieht, dass die Chance da ist, vergisst man alles, vergisst man alle Schmerzen, alle Leiden, und tut einfach das, was man liebt: kämpfen!“
Ambrogio Beccaria tat das in einem Vendée Arctique, das mit Blick auf seine Route beispiellos war: Nie zuvor hatten Imoca-Skipper während eines Rennens den Polarkreis erreicht. Mit seinen vielen Wendungen hat das Vendée Arctique Segler und Fans in Atmem gehalten. Ambrogio Beccaria trug maßgeblich dazu bei, indem er schon in der Anfangspahse einen 20-minütigen Blackout an Bord zu parieren hatte. Vor der irischen Küste musste er dann auf Kurs Norden fünf Male unter den Rumpf von “Allagrande Mapei” tauchen, um den Kiel von einer Fischerboje zu befreien.
Danach hetzte er dem Feld als Fünfter hinterher. Den Polarkreis erreichte er als Vierter. Seine Erinnerung: “Wir sind ganz weit nach Norden gefahren, und irgendwann hatten wir das Gefühl, fast am Ende der Welt angekommen zu sein. Es herrschte eine ziemlich seltsame Atmosphäre. Man sah fast nichts mehr, man wusste nicht so recht, wo man war. Auch die Kälte war ziemlich intensiv. Aber es war wie ein Traum, der nie endet.”
Auf dem Rückweg nach Les Sables-d’Olonne hatte sich Ambrogio Beccaria auch aus Sicherheitsgründen gegen die enge Durchfahrt zwischen Großbritannien und Irland entschieden, die zuvor Sam Goodchild und Élodie Bonafous gewählt hatten. Er hatte auf den Außenkurs entlang der Westküste Irlands gesetzt, obwohl auch seine Routings laut eigener Aussage den anderen die besseren Aussichten bescheinigten. Doch es sollte anders kommen.
Als am Montag leichte Wind die Nerven der Solisten prüften, überholte der Italiener erst Élodie Bonafous, die nach dem Durchfahren eines Verkehrstrennungsgebietes ohnehin noch ihre harte 12-Stunden-Strafe zu absolvieren hatte, dann auch Sam Goodchild. Für Ambrogio Beccaria ist es der erste große Sieg bei seinem ersten Einhandrennen mit “Allagrande Mapei”. Sein Triumph mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15,5 Knoten besiegelte Sam Goodchilds “Niederlage”, der seine 3219 Seemeilen ebenfalls mit durchschnittlich 15,5 Knoten absolviert hatte.
Für den „Macif Santé Prévoyance“-Skipper hatten sich die Dinge fast spiegelverkehrt zu Beccaria entwickelt. Der Brite hatte in der ersten Nacht in Führung übernommen und das Rennen konstant unter Kontrolle. Kurz vor dem Ziel aber wurde er abrupt von flauen Winden gestoppt. Schon am Vortag des Finales hatte Goodchild sich gefragt, wie man wohl eine Führung ohne Wind verteidigen könne?
Dann musste er seine Führung in den letzten Stunden des Rennens an Ambrogio Beccaria abgeben. Die Ziellinie passierte Sam Goodchild 1 Stunde, 15 Minuten und 3 Sekunden nach dem Italiener. Trotz dieser Wende und der damit verbundenen Frustration hat Sam Goodchild eine nahezu makellose Leistung gezeigt und seinen Anspruch auf eine Spitzenposition in der Imoca-Welt unterstrichen.
Dritte wurde “Initiatives Cœur”-Skipperin Violette Dorange, die zwei Jahre nach ihrer Vendée-Globe-Premiere im Vendée Arctique zeigte, dass sie starke Fortschritte gemacht hat. Wie Ambrogio Beccaria hatte sich auch Violette Dorange auf dem Rückweg für den Außenkurs entlang der irischen Westküste entschieden. Wie Beccaria konnte auch sie zu den vorderen Booten aufschließen. Während Élodie Bonafous ihre Strafe absaß, segelte Violette Dorange aufs Podium.

Freie Reporterin Sport
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