Seiner Heimatstadt Bristol wird Sam Goodchild bei der Durchfahrt zwischen Großbritannien und Wales auf der einen und Irland auf der anderen Seite nicht ganz zuwinken können, doch seiner Wahlheimat Frankreich kommt der britische Spitzenreiter im Vendée Arctique jetzt schnell näher.
Gut 600 Seemeilen hatte Sam Goodchild im Vendée Arctique am Samstagmorgen noch bis in den Start- und Zielhafen zu segeln. Seinen Vorsprung vor Élodie Bonafous (”Association Petits Princes – Queguiner”) hatte er zwischenzeitlich schon bis auf mehr als 210 Seemeilen ausgebaut. Am Morgen des 13. Juni waren es immer noch 175 Seemeilen, während Élodie Bonafous phasenweise eine Handvoll Knoten schneller segelte. Hier geht es zum Live Tracker.
Nach und nach kehrt das Vendée-Arctique-Feld aus den nördlichen Polarkreisgefilden wieder in bekannte Gewässer zurück – und sortiert sich neu. Sieben der acht noch segelnden Solisten haben den Polarkreis in den vergangenen Tagen passiert. Die Zeiten zeigen die “Urkunden” in der Fotogalerie. Die zweite Rennhälfte ist für die meisten längst eröffnet. Nur Manu Cousin auf “Coup de Pouce” hatte am Samstagmorgen immer noch mehr als 100 Seemeilen zum “Cercle polaire” vor sich, während Spitzenreiter Sam Goodchild zwischen dem Vereinigten Königreich und Irland schon die Isle of Man ansteuerte.
An Bord der Imocas waren die Geschwindigkeiten zuletzt wieder deutlich gestiegen. Getragen von 25-Knoten-Winden und Böen von bis zu 30 Knoten, dazu gefordert von Wellengang mit bis zu vier Metern, haben die Solisten im Vendée Arctique erneut Durchschnittsgeschwindigkeiten von über 20 Knoten erreicht. Die Foils pfeifen dazu, die Büge schneiden durchs Salzwasser, die Meilen verfliegen.
Von außen sieht das rasant und leicht aus, doch an Bord haben die Segler wieder alle Hände von zu tun. Dazu kam eine weitere Herausforderung: die Wahl der Route nach Hause. Die enge Passage zwischen Irland und Großbritannien hat Vorteile, aber lockt nicht jeden. Die schwierige Routenwahl spaltet die Teilnehmer. Es geht um die Abwägung von Leistung, Risikobereitschaft und Vorsicht.
Das Vendée Arctique hatte mit seinem ungewöhnlichen Kurs von Les Sables-d’Olonne zum Polarkreis und zurück schon auf der Hinfahrt die Fantasien der Aktiven und der Beobachter beflügelt. Die Hebriden, die Färöer, der Polarkreis und Island, das zwischen zwei Nebelbänken aufblitzte: Es waren lauter Wegpunkte, die bei Regatten nicht alle Tage vorkommen.
Jetzt ist der Kurs zurück in den Zielhafen kaum weniger besonders: Um wieder in den Atlantik zu kommen, haben sich mehrere Teilnehmer für die Nordkanalpassage zwischen der Grünen Insel und Großbritannien entschieden. An ihrer engsten Stelle – auf Höhe der Meerenge von Moyle – liegen die beiden Küsten nur etwa zwanzig Kilometer auseinander. Es ist ein enger Kurs, den Strömungen, Schiffsverkehr und Verkehrstrennungsgebiete im Vendée-Arctique-Schlussdrittel zur strategisch äußerst anspruchsvollen Aufgabe machen.
Dazu gibt es eine Kulisse voller Geschichte und Mythologie. Einer berühmten irischen Legende zufolge soll der Riese Fionn Mac Cumhaill in dieser Region den Giant’s Causeway erbaut haben, um nach Schottland zu gelangen. Heute sind es Imoca-Yachten, die mit viel Speed dort entlangjagen. Ihre Sorgen und Pläne sind ganz andere als die der Helden in den keltischen Erzählungen. Denn für die Segler ist dieser Seeweg nicht nur eine Kuriosität. Er markiert eine der wichtigsten strategischen Entscheidungen im Vendée Arctique.
Für Sam Goodchild gab es kein Zögern. Der Spitzenreiter hat sich schon für die Nordkanalpassage entschieden. Die auf Rang zwei liegende Élodie Bonafous (”Association Petits Princes – Quéguiner”) folgt seiner Strategie. Auf dem Papier ist die Option verlockend. Sie ist direkter, kürzer und nach den aktuellen Prognosen vor allem schneller.
Doch nicht alle lassen sich locken. Ambrogio Beccaria (”Allagrande Mapei”), der am Freitag Violette Dorange (”Initiatives - Cœur”) überholt, sich zunächst Platz drei erobert und bis Samstagmorgen im Fernduell auch Élodie Bonafous überrundet hatte, entschied anders. Der Italiener hat sich bei zuletzt 24, 25 Knoten Speed entschlossen, Irland im Westen zu umfahren, kam dort zunächst auch sehr gut voran.
“Allagrande Mapei”-Skipper Ambrogio Beccaria sagte zu seinen Überlegungen auf dem Rückweg im Vendée Arctique und der Entscheidung für den Kurs entlang der irischen Westküste: “Wenn ich mir anschaue, was auf dem Programm steht: starker Wind, hohe See, Gegenströmung und ein Verkehrstrennungsgebiet, das es in einer engen Passage zu bewältigen gilt – ehrlich gesagt, da dreht sich mir der Magen um. Ich habe kein gutes Gefühl dabei.”
Beccaria hat sich sehr bewusst gegen die Nordkanalpassage von Goodchild und Bonafous entschieden. Er weiß, worauf er damit verzichtet und sprach es auch aus: „Das Schlimmste ist, dass ich weiß, dass dies wahrscheinlich die Siegerroute ist. Meine Routenberechnungen geben ihr manchmal einen Vorsprung von 50 bis 60 Seemeilen.“ Doch Beccarias Rechnung geht bei seinem ersten großen Imoca-Solo weit über die einfache Kosten-Nutzen-Rechnung hinaus.
Gerade erst hat er einen Autopiloten-Schreck überwunden. Auf dem Hinweg zum Polarkreis musste er in der Auftaktphase des Vendée Arctique einen Blackout pariere und später fünf Male in den eisigen Nordatlantik tauchen, um den Kiel von “Allagrande Mapei” von einer aufgepickten Fischerboje zu befreien. Das Autopilotenversagen hat seine Überzeugung bestärkt. “Wenn das Gleiche am falschen Ort passiert, kann das schnell zu einem echten Drama werden.”
Etwas unentschiedener klang am sehr frühen Morgen noch Violette Dorange, auch wenn ihr Kurs zuletzt wie auch der von Frankie Clapcich eher dem von Ambrogio Beccaria auf der Außenbahn zu folgen schien. Sie sagte: “Seit mehreren Stunden wälze ich das Problem hin und her. Im Moment tendiere ich eher zur Umgehung im Westen. Die Innenroute erscheint auf dem Papier sehr verlockend, ist aber auch viel riskanter.”
Violette Dorange segelt nach dem Verlust ihres Masthead Zeros vor allem in mäßigeren Winden mit Handicap. Sie machte auch sich selbst Mut als sie sagte: “Ich werde versuchen, das durch strategische Entscheidungen auszugleichen und das Beste aus dem zu machen, was mir an Bord noch bleibt.” Rund 60 Seemeilen hinter ihr war Francesca Clapcich anderer Ansicht.
Meine Absicht ist es nach wie vor, durch den Nordkanal zu fahren. Ich weiß, dass es eine komplexere Option ist, aber es ist die, die ich für mich wählen möchte.” Francesca Clapcich
Sie ergänzte, dass sie langsamer fahren würde, wenn es aus ihrer Sicht notwendig sein wird. Hinter der Aussage steckt die klare Erkenntnis, dass die kürzere Route den müder werdenden Solisten in der Realität von starken Strömungen, viel Schiffsverkehr und in hoher Manöverintensität in unbeständigen Winden sehr viel abverlangen wird. Starke Böen und plötzlich auftauchende Windlöcher gibt es zwischen den Klippen, die den Innenkurs an einigen Passagen säumen, gratis dazu.
Sam Goodchild dagegen dürfte bereits am Samstagnachmittag aus dem engen St.-Georgs-Kanal zwischen Irland und Wales raussegeln. Das Gesamtszenario im Vendée Arctique hat durch den Split des Feldes, das bald ganz Irland trennen wird, sechs Tage nach dem bewegten Start am 7. Juni an Spannung gewonnen.
Zur Erinnerung noch einmal die Vendée-Arctique-Route im Überblick. Die sah in der Vorab-Theorie zwar Polarkreisoptionen westlich und östlich von Island vor (alle Boote haben den Polarkeis östlich von Island passiert), nicht aber die Nordkanalroute, die Spitzenreiter Sam Goodchild und weitere Solisten gerade gewählt haben oder noch wählen werden:

Freie Reporterin Sport
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.