MeinungWenn zum Saisonstart die Trolle zuschlagen

YACHT

 · 04.05.2024

Meinung: Wenn zum Saisonstart die Trolle zuschlagen
YACHT-Woche – Der Rückblick

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Liebe Leserinnen und Leser,

Chartersegler können jetzt an dieser Stelle eigentlich aufhören zu lesen, sich entspannt zurücklehnen und am Grill mit einem Bier darauf anstoßen, dass ihre Yachten von anderen arme Schweinen gewartet werden müssen. Obwohl mit Warten hat das eigentlich gar nichts zu tun. Eigner kennen es, Chartersegler vielleicht nicht: Du schiebst dein Boot im Herbst ins Winterlager. Alles an Bord funktioniert 1a, dann startet die nächste Saison – und plötzlich verweigert ein Teil seinen Dienst, dass vorher nie gezickt hat.

Bei mir war es das GPS. Im Herbst: Geschmeidigster Datenstrom, Positionen, Speed, alles in Hülle und Fülle vorhanden, freundliches „talken“ mit den anderen Bordgeräten. Alles funzt also, wie die ältere Generation sagen würde. Dann im Frühling: - - - bei allen Daten, „No Signal“. Neustart, Antenne noch da, Kabel auch. Stecker-Verbindung nach wie vor im Schrumpfschlauch fein säuberlich geradezu obszön eng vakuuminös eingetütet.

Sollten Putins Troll-Horden das GPS-Signal der freien Welt gehackt haben? Kurz keimt Hoffnung auf, aber nein, das Smartphone weiß, wo es ist. Seufzen. Ist ja auch besser für den so fernen Weltfrieden. Natürlich sitzt der blöde Stecker ganz hinten im Heck, nahe beim Ruder, da wo man nur auf dem Bauch kriechend mit Stirnlampe rankommt. Liebe Bootsbauer, warum muss sowas immer an solchen Stellen sitzen?

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Stecker freigelegt. Schrumpfschlauch drum herum , knochentrocken. Kein Anlaufen, Verfärbung oder was auch immer zu erkennen. Auseinandergenommen, Schrubbel hier, Schrubbel da, zusammengebaut: Geht wieder. Es ist zum Mäusemelken. Gibt es Korrosion nur auf atomarer Ebene?

Letztes Jahr war es der Windanzeiger: Nach zwei Monaten nur noch bis etwa 10 Knoten Wind Willens seine Arbeit zu verrichten, dann gar nicht mehr. Oder der Motor: Sauber eingewintert, Bilge geradezu klinisch, nächstes Frühjahr: Eine kleine Pfütze gelbes Kühlmittel, gerade so groß, dass man sie nicht als harmlose Inkontinenz abtun und einfach wegwischen will. Seufz.

Eine kurze Frage-Runde durch die Redaktion ergibt Interessantes. Das Phänomen kennen Viele: Loggen, Echolot, Fäkalientank, plötzlich klappernde Winschen, Funkanlagen - die Bandbreite ähnlicher Troll-Angriffe ist erschreckend.

Lustig ist auch, dass das oft eine Folge für den Ersatzteil-Bestand an Bord hat: Denn auf diesem Weg lernte ein Kollege beispielsweise, dass er viel mehr Sicherungen an Bord hat als gedacht. Oder haben sie schon einmal die kleinen Schmelzsicherungen gesehen, die in ihrer Bordelektronik verbaut sind? Nur blutige Greenhorns denken, die Sicherung sitze doch am Schaltpanel. Die, die man braucht, gibt es dann natürlich nicht beim Ausrüster oder im Baumarkt in Schweden, Kroatien oder sonstwo auf der Welt. Um von denen auf Mittelmeer-Inseln mit Bevölkerungsschwund gar nicht erst zu reden.

Nach einer Gewitter-Sturmbö brachen bei uns mal zwei Mastrutscher. In den nächsten drei Häfen gab es drei Ausrüster, alle hatten Mastrutscher - nur nie den passenden. Man macht sich keine Vorstellungen, wie viele Varianten es davon gibt. Und wir dachten, ein EU-genormtes Ladekabel für alle Smartphones wäre schon genug Handlungsbedarf!

Die Folge: An Bord fahre ich jetzt eine bunte Palette von Ersatz-ähnlichen Rutschern durch die Gegend, von denen man hoffte sie doch irgendwie nutzen zu können – plus zwei neue passende, die über Winter bestellt wurden. Lachen musste ich, als ich Stegnachbarn auf der Suche nach Ersatz-Rutschern fragte. Zwei präsentierten mir ebenfalls etwa sechs unterschiedliche: Vom alten Schiff, von einem im Müll gefundenen Segel gerettet, jeder hat da so seine Geschichte auf Lager. Das Positive: Es gab viel Gelächter und anschließend Bier im Cockpit. Wenigstens bin ich nicht allein.

Dann mal die Test & Technik-Kollegen und ein paar Fachleute gefragt. Das ernüchternde Resümee: „Du weißt schon das ‘Warten’ nicht von ‘abwarten bis es kaputt geht’, sondern ‘regelmäßiger Wartung’ kommt?“ Es gibt so Momente, da fühlt man sich als der Charter & Reise-Onkel der YACHT ganz einfach ganz klein und elend.

Aber dann kam doch ein guter Tipp zumindest in Sachen Windanzeige im Masttopp. Ob ich die Top-Einheit im Winter zuhause lagere? Ja tue ich. „Dann liegt es vermutlich daran, dass die nicht mehr ganz dicht gegen Wasser ist, im Winter trocknet sie aus, funktioniert 1a. In der Saison bahnt sich das Wasser langsam wieder den Weg hinein.“ Potzblitz, darauf muss man erstmal kommen.

Ehrlich, ich werde das Teil abdichten wie nichts Gutes. Wenn es danach die ganze Saison funktioniert, wird der Kollege in den Technik-Gott-Status erhoben und ich bringe jedes Jahr eine Flasche guten italienischen Weißwein von meinen Mittelmeer-Törns als Huldigung mit!

Andreas Fritsch,

YACHT-Redakteur

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