YACHT
· 14.09.2024
Liebe Leserinnen und Leser,
es ist schon spannend mitanzusehen, wie gestandene Segler auf einen Artikel über Navigationsbestecke reagieren. Sven M. Rutter hatte in YACHT 19 die verschiedenen Varianten von Kurslinealen, manuellen Plottern und Zirkeln vorgestellt und ihre jeweiligen Vor- und Nachteile dargestellt. Auf diesen Artikel hatten wir am vergangenen Wochenende auf Facebook hingewiesen.
Einer der ersten Kommentare dazu lautete: „Wie wirklichkeitsfremd kann man sein. Wir leben in der Zeit von Tablets mit Navigations-Apps.“
Das ist zweifellos richtig. Wir selbst stellen regelmäßig Navigations-Apps vor und testen auch GPS-Kartenplotter. Heißt das aber, dass man sich im Gegenzug vollkommen von der analogen Art des Segelns – in diesem Fall des Navigierens – abwendet? Und zugleich alle anderen, die daran noch festhalten wollen, als ewig Gestrige abtut?
Ich spinne den Gedanken einmal weiter: manuell bedienbare Schot- oder gar Ankerwinschen? Pah, wer braucht so etwas noch? Die bedient man heutzutage doch bitte auf Knopfdruck! Hafenmanöver erklären, womöglich das Eindampfen in die Spring zeigen? Wer ist denn bitte noch ohne Bugstrahlruder unterwegs? Das Wolkenbild am Himmel beobachten oder Wetterkarten selbst erstellen – wofür? Windvorhersagen gibt’s schließlich bequem via Smartphone, und das teils sogar kostenlos.
Ja, die moderne Technik macht vorm Segeln nicht halt. Und das soll sie auch gar nicht. Doch im Gegenzug müssen wir doch nicht althergebrachte Fertigkeiten aus unseren Köpfen respektive von Bord verbannen.
Nicht nur, dass es manch einem sogar Spaß macht, mit dem Finger über die Papierseekarte zu wandern, Kurse abzustecken, Distanzen auszumessen, Positionen abzutragen. Wichtiger noch ist, dass man sich das dafür erforderliche Wissen überhaupt aneignet – und es gegebenenfalls regelmäßig auffrischt.
Kurz, es geht ums Grundverständnis vom Segeln. Darum, eine Ahnung von dem zu haben, was ich tue. Das bekomme ich nicht oder zumindest ungleich schwerer, wenn ich nur noch auf Knöpfe drücke und kleine Displays starre, auf denen mir der Computer vorgibt, welcher Kurs zu steuern ist. Wenn er den entsprechenden Befehl nicht gleich an den Autopiloten weitergibt…
Will sagen, wer meint, schon alles zu wissen und zu können, um mit dem Boot sicher von A nach B zu kommen, darf sich gerne auf die diversen Errungenschaften der Technik verlassen. Hauptsache, er kommt auch dann noch klar, sollten diese einmal unerwartet nicht zur Verfügung stehen.
Allen anderen hingegen, für die das Analoge, das „Selbermachen“ beim Segeln ein wichtiger Teil ihres Hobbys ist – und das sind mehr als mancher glauben mag -, sei dies doch bitte weiterhin gestattet. Ich zumindest möchte künftig keine Artikel in der YACHT missen, die gleichermaßen Einsteigern wie Fortgeschrittenen erklären, wie man beispielsweise ohne Elektronik ans Ziel findet, ohne Autopilot Kurs hält, ohne Bugstrahler sicher an- und ablegt.
Wer das als überflüssig erachtet, kann weiterblättern oder -klicken; kein Problem damit. Abschätzige Kommentare hingegen dürfen getrost unterbleiben. Meinen Sie nicht auch? Ich bin gespannt auf Ihre Meinung.
YACHT-Textchef
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