Liebe Leserinnen und Leser,
es ist eine leise Entwicklung in der Yachtbranche: Werften, Designer und Konstrukteure schieben die Leistungsgrenze ihrer Serien-Tourenyachten immer weiter nach oben. Wo früher vielleicht eher Eleganz, Gemütlichkeit und gutmütige Segeleigenschaften im Vordergrund standen, rücken zunehmend Rumpfgeschwindigkeit, Segelflächenoptimierung und hydrodynamische Feinheiten in den Fokus. Werften investieren viel in die Entwicklung moderner Rümpfe, leistungsstarker Riggkonzepte und gewichtsparender Bauweisen – und zwar nicht nur für High-End-Rennyachten, sondern ganz gezielt auch im Bereich von Booten für die breite Basis der Fahrtensegler.
Der Ansatz ist nachvollziehbar: Das Bedürfnis nach Geschwindigkeit hat im Fahrtensegeln wohl mehr Facetten, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Wer schneller segeln kann, erreicht sein Tagesziel früher, kann einen Umweg zur schönsten Ankerbucht einplanen oder dem drohenden Wetterfenster schneller entkommen – zum Beispiel. Moderne Rumpfformen bieten aber nicht nur mehr Speed, sondern auch stabile Segeleigenschaften, bessere Kontrolle und damit vor allem auch mehr Sicherheit – Eigenschaften, auf die man als Segler gerne zählt. Und nicht zuletzt: Schnell segeln macht ganz einfach auch mehr Freude.
Überdies stoßen Yachten mit einem gehobenen Leistungsvermögen generell auf mehr Kaufinteresse. Für viele ist es wie beim Auto: Leistung ist sexy, auch wenn man das Potenzial nicht unbedingt immer abrufen muss und will. Beim gemütlichen Familientörn auf der Ostsee dürfte es dem breiten Kollektiv der Tourensegler eher wurscht sein, ob man nun mit einem halben Knoten mehr oder weniger vorankommt. Vielmehr ist der Weg das Ziel.
Die Jagd nach mehr Performance hat auch Schattenseiten. Die modernen, oft radikaleren Linien brechen mit dem klassischen Schönheitsideal. Statt langer, eleganter Überhänge, harmonischer Formen und weicher Übergänge geben heute vielmehr aggressiv wirkende Konstruktionen mit oftmals schon fast bedrohlichen Erscheinungen den Ton an. Was früher als sanft geschwungenes Stück maritimer Eleganz daherkam, sieht heute nicht selten so aus, als würde es gleich zur Vendée Globe oder – wie gerade aktuell – beim The Ocean Race Europe über die Weltmeere jagen. Wer sich in ein Boot auch aus emotionalen Gründen verliebt – und das tun hoffentlich nicht wenige – spürt hier Entfremdung.
Warum also der Drang? Einen Teil der Antwort muss man wohl im Wettbewerb suchen. In einem engen Markt ist jede messbare Verbesserung immer auch ein gutes Verkaufsargument. Sportliche Segeleigenschaften und ein hohes Leistungspotenzial sind auch bei der Beurteilung einer Fahrtenyacht unumstrittene Qualitätssiegel – selbst wenn sie für den späteren Eigner im Alltag weniger Bedeutung haben sollten. Dazu kommt: Wer sich ein Boot kauft, möchte das Gefühl haben, auch technisch auf der Höhe der Zeit zu sein. Daran ist ja auch nichts falsch – ganz im Gegenteil.
Trotzdem muss man sich auch vor Augen halten, worum es beim Fahrtensegeln wirklich geht. Es ist doch das bewusste Verlangsamen in einer Welt, die ständig beschleunigt. Es ist die Kunst, den Moment auszukosten, zu genießen. Es sind die stillen Momente im Abendlicht, das Spiel der Wellen am Bug, der Geruch von Salz und Wind. Die schönste Segelei entsteht nicht unbedingt aus dem Streben nach maximaler Leistung, Speed und Sportlichkeit, sondern oft in der Balance aus Komfort, Sicherheit, Genuss und – ja – auch Ästhetik. Schnell voranzukommen kann dabei wohl ein Mittel zum Zweck sein, aber es ist selten der Zweck selbst.
Performance hat im Segelsport ihren Platz, keine Frage. Aber wenn sie zur treibenden Kraft hinter jeder Designentscheidung wird, verliert die Tourenyacht auch ein Stück ihrer Seele.
Michael Good
YACHT-Redakteur
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