Liebe Leserinnen und Leser,
ich war skeptisch. Wirklich skeptisch.
Liegeplätze per App vorreservieren – ist das nicht der Anfang vom Ende dieses Freiheitsgefühls, das Segeln doch ausmacht? Wetter lesen, spontan entscheiden, dem Bauchgefühl folgen. „Wir schauen mal, wo wir landen.“ Und dann klickt man sich einen Platz wie ein Kinoticket. Klingt erst mal falsch.
Bis man es ausprobiert.
Ich habe das in Kroatien mit MySea gemacht. Nach ein, zwei Anläufen war klar: Das funktioniert nicht nur. Es verändert den ganzen Tag auf dem Wasser. Und zwar nicht, weil es luxuriös wäre. Nicht, weil es besonders bequem wäre. Sondern weil es etwas viel Wichtigeres schafft: Ruhe.
Diese mentale Entlastung bemerkt man oft erst, wenn sie plötzlich da ist.
Wer in stark frequentierten Revieren unterwegs ist, kennt das Muster. Ab mittags beginnt im Kopf das Rechnen. Wo schlafen wir heute? Wie voll wird es? Wann müssen wir los, damit überhaupt noch etwas frei ist? Wer zu lange vor Anker bleibt, riskiert den Liegeplatz. Wer zu spät kommt, landet im Päckchen oder muss doch noch ankern, obwohl man an genau diesem Tag vielleicht einfach nur festmachen will.
Klar, das kann auch seinen Reiz haben. Es gehört für viele zum Bootfahren dazu. Für mich bedeutet es manchmal aber auch Stress. Und zwar genau dann, wenn der Tag eigentlich leicht sein sollte.
Mit Reservierung fällt dieser Druck weg. Du weißt: Am Ende des Tages ist da ein sicherer Liegeplatz. Punkt.
Dadurch kommt etwas zurück, das man auf den ersten Blick gar nicht mit Planung verbindet: Freiheit.
Plötzlich kann man die Mittagsstunden vor Anker genießen, ohne innerlich schon halb in der Marina zu sein. Man kann einen längeren Schlag machen und auch erst später ankommen, ohne dieses gehetzte „wir müssen spätestens um 15 Uhr los“. Man nutzt den Tag wieder als Tag – und zwar als ganzen.
Bei mir hat das an ganz unterschiedlichen Orten funktioniert. In Trogir ebenso wie bei einem kleinen Restaurant mit gerade einmal drei Bojen. Eine davon war für mich reserviert. Das klingt banal. In der Praxis war es eine gigantische Erleichterung. Hinfahren, festmachen, fertig. Kein Spekulieren, kein Taktieren, kein „vielleicht geht noch was, kein was machen wir wenn…“.
Und dann war da noch ein zweiter Effekt, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte: dieses Gefühl, wirklich erwartet zu werden. Es war nicht nur die Boje klar, sondern im Restaurant auch der Tisch, passend zur Crewstärke, mit Reservierungsschildchen, am besten gelegen, vorn am Hang mit Weitsicht über die Bucht. Da war ich nicht irgendein Boot, das zufällig vorbeikam. Ich wurde empfangen, wurde erwartet, fühlte mich willkommen.
Natürlich gibt es Einwände. Dass Plätze blockiert werden. Dass Spontane das Nachsehen haben. Dass damit ein weiteres Stück Freiheit kommerzialisiert wird.
Mich überzeugt das Gegenargument mehr.
Eine Reservierung ist nach meinem Empfinden kein Angriff auf die Freiheit, weder auf meine noch auf die anderer. Sie ist ein Werkzeug. Niemand muss es nutzen. Wer die Ungewissheit liebt, das Päckchen als sozialen Höhepunkt sieht oder das spontane Ankern zum Kern des Törns erklärt, kann das weiterhin tun. Nichts davon verschwindet. Ich nehme ja auch niemandem einen Liegeplatz weg. Im Zweifel wäre ich eben früh in der Marina oder an der Boje, um sicherzugehen. Wer dann später kommt, guckt in die Röhre. Mit Reservierung guckt er vielleicht neidisch auf den scheinbar freien Platz, der erst später belegt wird, rational hat sich für ihn aber nichts geändert.
Ja, es kostet mehr als die klassische Liegegebühr. Aber ich zahle in diesem Moment nicht nur für einen Platz am Steg oder an der Boje. Ich zahle für Zeit. Für weniger Hektik an Bord. Für weniger Diskussionen. Für bessere Entscheidungen. Für einen Tag, der sich nicht ab dem frühen Nachmittag nur noch um die Suche nach einem Platz dreht - dass der reservierte Platz dann auch wirklich wahrgenommen werden sollte, versteht sich hoffentlich von selbst.
Vor allem zahle ich dafür, dass aus einem schönen Törn kein unnötig hektischer wird.
Am Ende ist es ziemlich simpel: Die App nimmt mir das Bootfahren nicht ab, das wäre für mich schlimm, ich mache es ja gern. Sie nimmt mir nur einen Teil des Stresses ab. Und das ist ein Unterschied.
Die eigentliche Freiheit auf dem Wasser besteht schließlich nicht darin, alles offenlassen zu müssen. Sondern darin, wählen zu können. Und manchmal heißt diese Wahl ganz einfach: reservieren.
Lars Bolle
Chefredakteur Wassersport digital
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