MeinungPolitik auf dem Rücken der Ostsee

YACHT

 · 02.03.2024

Meinung: Politik auf dem Rücken der Ostsee
YACHT-Woche – Der Rückblick

Themen in diesem Artikel

yacht/bullseye-yacht-woche-2000x500-lasse_3be4b4ed09560cc59e23fd3d0873f181

Liebe Leserinnen und Leser,

wer sich gefragt hat, warum Schleswig-Holsteins Umweltminister Tobias Goldschmidt das Nationalparkvorhaben nach der Absage durch den Regierungspartner CDU im Oktober nicht beerdigt hat, der bekam zu Beginn der Woche die Antwort: Es ist nicht gestorben. Dieser Eindruck jedenfalls entstand am Montag, als die Debatte durch ein Positionspapier wieder Fahrt aufnahm.

Sicher ist: Während der Konsultationsprozess trotz Aus für das Lieblingsprojekt des Ministers noch planmäßig zu Ende gebracht wurde, arbeiteten die den Grünen nahestehenden Umweltverbände bereits an dieser Alternativ-Empfehlung. Sie beschreibt, wie das Vorhaben, große Flächen der deutschen Ostsee unter strengeren Schutz zu stellen, auch ohne ein Nationalparkgesetz Wirklichkeit werden könnte.

Das Konzept sieht im Grunde alles vor, was in einem solchen Gesetz, dem der Koalitionspartner nicht zustimmen will, geregelt worden wäre: großräumige Schutzgebiete mit Geboten und sanktionierten Verboten, über deren Einhaltung eine Verwaltung wachen soll. Würde eine gesetzliche Regelung des vorerst gescheiterten Nationalparks Ostsee nach einer kommenden Wahl dann doch noch mehrheitsfähig, wäre der Park quasi schon da.

Dass die Verbände und das Ministerium eng vernetzt sind und wie ihr Zusammenspiel funktioniert, zeigt die Rolle des Landesnaturschutzbeauftragten, der vom Umweltmister im Land zwischen den Meeren als Bindeglied zwischen ehrenamtlichem und hauptamtlichem Naturschutz eingesetzt ist. In seinem Auftrag wurde das Positionspapier veröffentlicht. Schleswig-Holsteins Grüne stellen diese Alternative zum gescheiterten Projekt gleichwohl als externen Beitrag dar, damit dem Vorgang in der öffentlichen Debatte ein höheres Gewicht beigemessen wird.

Meistgelesen

1

2

3

4

5

Die Einbeziehung der Expertise von den in Vereinen und Verbänden organisierten Naturschutzfachleuten gehört selbstredend zum Geschäft eines Umweltministers. Vermeiden muss er allerdings, dass der Eindruck entsteht, diese Parallelwelt mache nicht lediglich Facharbeit, sondern gestalte die Politik wirkmächtiger als die Politiker selbst. Denn ein Mandat dafür haben solche Berater nicht.

Goldschmidt weiß das und verhält sich diplomatisch. Er bekundet öffentlich seine Freude über die „von außen eingebrachten“ Vorschläge des neuen Konzepts, das offiziell auch nicht seinem Ministerium, sondern der Landesregierung überreicht wurde. Tatsächlich war man bei der Übergabe entre nous, der Landesvater hatte keine Zeit und ließ sich vertreten – durch Goldschmidt.

Aus meiner Sicht haben Vorgänge wie dieser einen Beigeschmack. Denn wer einen Schritt zurücktritt und aus etwas Abstand auf das Mosaik schaut, der könnte den Eindruck bekommen, der Nationalpark soll von seinen Initiatoren nun auf einem anderen als dem demokratisch legitimierten Weg durchgesetzt werden. Was bedeuten würde, dass hier ein politisches Vorhaben höher gewichtet wird als der Wählerwille. Denn die Mehrheit im Kabinett ist dem Nationalpark, wie eingangs erwähnt, abhandengekommen.

Zwar betonte der Minister bei jeder sich bietenden Gelegenheit, dass die Bevölkerung dem Vorhaben mehrheitlich zustimme. Mehr noch, die Protestaktionen dagegen kommentierte er selbstbewusst mit dem Statement, da sei eine Minderheit sehr lautstark aufgetreten und habe dadurch den öffentlichen Eindruck vom Meinungsbild verzerrt.

Ob das jedoch so ist, lässt sich kaum belegen. Zwar beruft sich Goldschmidt bei dieser Behauptung auf eine vom BUND in Auftrag gegebene Umfrage, nach der knapp mehr als die Hälfte der Befragten Ja zu einem Nationalpark sagten. Die Methodik dieser Umfrage war jedoch, vorsichtig ausgedrückt, umstritten. Zudem brachte sie hervor, dass sich in den betroffenen Kreisen Schleswig-Holsteins auch gar keine Mehrheit für den Nationalpark aussprach. Und natürlich existieren auch Umfragen mit ganz anderen Ergebnissen.

Tatsache hingegen ist, dass sich das Ministerium im Rahmen der Konsultationen immer wieder mit Fragen konfrontiert sah, die nicht beantwortet wurden (siehe das Interview mit dem Umweltschutzbeauftragten des Landesseglerverbandes Schleswig-Holstein).

Gewiss, der Minister hat den Koalitionsvertrag auf seiner Seite. Dort wurden Maßnahmen zum Schutz der Ostsee vereinbart. Dass er sich dafür aber vor allem auf strenge Nutzungsregelungen konzentriert, auf die ein Nationalpark oder die nun vorgeschlagenen Naturschutzgebiete hinauslaufen – siehe gegenüber an der Nordseeküste –, ist zumindest so lange unverständlich, wie die Hauptfaktoren für den schlechten Zustand des Binnenmeeres – das sind vor allem Nährstoffeinträge – nicht wenigstens mit gleicher Priorität angegangen werden.

Enttäuschen muss aus Seglersicht, dass das Bekunden aller am Konsultationsprozess beteiligten Interessengruppen, sich gemeinsam mit der Politik auch ohne einen Nationalpark für den verbesserten Schutz der Ostsee einsetzen zu wollen, nicht ernst genommen wird. Im Gegenteil. Eine Abgeordnete der Grünen ließ sich von der Lokalpresse mit dem markigen Satz zitieren, freiwillige Vereinbarungen seien nicht genug. Eine derart drastische Absage an das Mitwirken der Bürger stärkt Politikverdrossenheit und hilft der Ostsee nicht.

Bis Mitte März will die Koalition sich auf einen Kurs in Sachen Ostseeschutz einigen. Ich bin gespannt, ob die CDU standhaft bleibt und Nutzungseinschränkungen für Wassersportler wirksam eine Absage erteilt, oder ob die Partei des Ministerpräsidenten Daniel Günther das verlockende Angebot annimmt, durch Zustimmung zu den Plänen der außerparlamentarischen Grünen den Koalitionsfrieden zu wahren. Das wäre fatal, denn es würde den Eindruck zahlreicher Protestwähler stärken, dass politische Vorhaben in unserer Demokratie auch ohne Mehrheiten durchgesetzt werden.

Lasse Johannsen,

stellv. Chefredakteur YACHT

Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:


Draufklicken zum Durchblicken:

Die Woche in Bildern

Es ist vollbracht: Charles Caudrelier hat die Arkea Ultim Challenge gewonnen!
Foto: Alexis Courcoux/Arkea Ultim Challenge

Lese-Empfehlungen der Redaktion

yacht/Myproject-122_588dd1e2bf08c53ce7f0b81757956597

Malizia 4

Erst der Foil-Schaden, jetzt reißt das Großsegel

yacht/261007-champolion-malizia-841_c06b8a0b0105b29220ee86f3f10a8107

Erst der Foil-Schaden, dann gebrochene Rumpfverstärkungen und nun ein Riss im Großsegel. Zwei neue Videos zeigen, wie Team Malizia den IMOCA vor der Route du Rhum repariert und weiterentwickelt.


Verschlickung der Elbe

Kleine Häfen kämpfen um jeden Meter Wassertiefe

yacht/100226754_cc5dabaf4f4f82a167e1f0282e35d759

Die Unterelbe verschlickt, Zeitfenster schrumpfen und Häfen werden schwer erreichbar. Mit flachen Booten und selbst gebauten Schlickmaschinen kämpfen Segler um ihr Revier.


Antrieb

Drehflügelpropeller Max Bianchi verstellt die Steigung während der Fahrt

yacht/max-prop-03_d71c162431257fcf66b1a95a9046dad2

Ein Drehflügelpropeller, der die Steigung während der Fahrt selbst verändert: Was Max Props Modell Max Bianchi beim Motoren und Motorsegeln leisten soll.


Interview

Was bedeutet es an Bord der „Thor Heyerdahl” zu arbeiten?

yacht/00-vorlage-podcast-artikel-teaserbild-2026-6_11b1c7a8a0dcb778cfd557b3041e5f6e

Seit mehr als 40 Jahren segelt die „Thor Heyerdahl“ durch die Weltmeere. YACHT-Redakteur Fabian Boerger erklärt, warum das Traditionsschiff relevant ist.


Hurrikans 2026

Dramatische Rettung vor Kalifornien – El Niño prägt die Sturmsaison

yacht/screenshot-2026-10-13-115041_64230bb6c91709fa2abf7f09494f4bee

Ein Rettungsschwimmer befreit einen Segler aus einer teilweise überfluteten Yacht vor Kalifornien. Warum die Hurrikansaison 2026 zwischen Atlantik und Pazifik so unterschiedlich verläuft.


Blauwasseryachten

Diese fünf wollen ans Ende der Welt

yacht/te-der-20-tonner-immer-wieder-zweistellige-werte-durchs-wasser-und-blieb-dabei-die-ruhe-selbst_f3068a158d6522ee5c589c0c35a736e1

Fünf Blauwasseryachten, fünf Konzepte: Boréal 56, Kraken 58, Pure 49, Stem 50 und Breehorn 55 zeigen ihre Stärken und Schwächen auf Langfahrt.


Rekordtief im Zürichsee

Segelyacht fliegt per Helikopter ins Winterlager

yacht/yacht-in-der-luft_05131d03241c95e263d11ca6f8cfe3ac

Die Pegelstände im Zürichsee liegen unter dem bisherigen Niedrigwasserrekord. Weil seine Segelyacht im flachen Wasser festzusitzen und zu kippen drohte, ließ ein 65-jähriger Eigner sein Boot mit einem Helikopter ausfliegen. Die Aktion kostete rund 2000 Franken zeigt, wie sehr der außergewöhnlich niedrige Wasserstand die Schifffahrt inzwischen beeinträchtigt.


Diebstahlserie geht weiter

Täter entwenden zwei 300-PS-Außenborder am Wieltsee

yacht/7b70726e-0143-47d1-a536-7c33bb106b0e_3204fffa58099a1681b4a9abad958e1d

Erneut schlagen Diebe am Wieltsee zu: Sie entwenden zwei Boote und demontieren schwere Außenbordmotoren. Es ist bereits der vierte Vorfall innerhalb von drei Monaten.


Gebrauchtboot der Woche

Arietta 31 - Anfang einer Ära

yacht/p1150741_760582d5c30e30dfa0fc0c0ed46a0882

Schmale Taille, Mahagonirumpf und elegante Überhänge: Die von Olle Enderlein entworfene Arietta 31 setzt auf ausgewogene Linien und Seetüchtigkeit statt auf maximalen Wohnraum. Als Vorläufer späterer skandinavischer Fahrtenboote ist sie heute ein interessanter Klassiker für Segler, die ein traditionelles, kompaktes Fahrtenboot suchen.


Breehorn 55 im Test

Ist sie das ideale Zuhause auf See?

yacht/m-verglast-hier-sitzt-man-bequem-zusammen-mit-mehreren-personen-mit-freier-sicht-nach-draussen_33f438de0ebff79c172bd9ce3671d65b

Pilothouse, Teakholzausbau und ein ungewöhnlich gut zugänglicher Technikkanal: So funktioniert die Breehorn 55 unter Deck und diese Kompromisse bleiben.


YACHT-Webinare

Einsteigerwebinare für jedermann. Jetzt anmelden!

yacht/laptop-an-bord-webinare-5156_508492bbd84a50c79856e2ffb7bca2d5Foto: N. Timm

Am 2. November ist unser umfangreiches Angebot interessanter Online-Fachvorträge zu den wichtigsten Themen rund ums Segeln gestartet. Lassen Sie sich von unseren Experten fit machen für die neue Saison. In einer Reihe von Webinaren vermitteln wir Praxiswissen und unsere Erfahrungen zu Themen, die gleichermaßen Einsteiger und Könner beschäftigen



Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:

Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Meistgelesen in der Rubrik Allgemeiner Service