YACHT
· 21.06.2025
Liebe Leserinnen und Leser,
„kann man da noch hinfahren?“. Seit drei Jahren höre ich diese Frage immer häufiger, in Emails an die Redaktion, auf Messen, am Steg. Auch in diesem Jahr schon, obwohl die Segelsaison erst vor ein paar Wochen begonnen hat. Gemeint ist dabei immer das gleiche Revier: unsere Ostsee.
Die Ostsee, das Meer in unserer Mitte, einer der friedlichsten Rückzugsorte, auch auf dem Wasser, so weitläufig, dass sich eins auf jeden Fall finden lässt: Ruhe. Die Große Ostseerunde gehört zum Schönsten, was man sich für einen langen Segelsommer vorstellen kann. Start und Ziel: direkt vor der eigenen Haustür.
Das Baltikum, die Bottenwiek – gerade die weiter entlegenen Seegebiete sind es, die bei vielen Skipperinnen und Skippern Sehnsucht auslösen. Einmal auf eigenem Kiel an der Boje von Törehamn festmachen, am nördlichsten Punkt der Ostsee. Kein Problem! Der einzige entscheidende Faktor: genügend Zeit.
So ist es doch, oder?
Offenbar nicht mehr so ganz. Inzwischen lässt ein ungutes Gefühl die meisten Seglerinnen und Seglerin mit solchen Törnplänen innehalten. Einige ändern ihre Routen, andere reduzieren ihre Ziele. Ihre Überlegungen haben einen ernsten Hintergrund: Russlands völkerrechtswidriger Angriff auf die Ukraine schlägt auch auf der spiegelglatten Oberfläche der entlegenen Ostsee Wellen.
Auf einmal spielt bei der lange geplanten Langfahrt nicht mehr nur die Zeit eine Rolle. Sondern auch die Sicherheit: „Kann man da noch hinfahren?“
Die Nachrichten jedenfalls reißen nicht ab, die uns verunsichern – und verunsichern sollen: Meldungen über GPS-Spoofing zum Beispiel, also die Störung der für die Navigation wichtigen Satellitensignale. Die Zerstörung von Unterseekabeln, der Einsatz von Spionagedrohnen, für die Umwelt gefährliche, weil oft in erbärmlichem Zustand befindliche Frachter und Tanker der sogenannten Schattenflotte.
Entsprechend umfangreich fallen die Gegenmaßnahmen aus, von der verstärkten Verkehrsüberwachung durch Seestreitkräfte der NATO, von denen selbst die Sportschifffahrt schon um Mithilfe gebeten wurde, bis zu dem Plan, hohe Offshore-Windturbinen als Radarstandorte zu nutzen. Gerade endete das Seemanöver BALTOPS 2025 mit über 50 Marineeinheiten aus 17 Mitgliedsstaaten des westlichen Bündnisses. Ausgangspunkt war erstmals Rostock-Warnemünde. Jetzt sind viele der Schiffe zu Gast bei der Kieler Woche.
Wenn man sich die Segeldrohnen anschaut, die die dänische Marine derzeit in der Køge Bugt für Überwachungsaufgaben testet, verschwimmt der Unterschied zwischen Freizeit und Zeitenwende noch stärker. Wären die unbemannten, völlig autonom operierenden 30-Fuß-USVs (Englisch: unmanned surface vessels) weiß statt grau, man könnte sie auf Distanz mit ihrem hohen Großsegel und dem flachen Rumpf für einen exotischen Performance Cruiser halten.
Demonstrationen maritimer Stärke sind jedenfalls unübersehbar. Kein Wunder, schließlich sollen sie die andere Seite beeindrucken. Gleichzeitig muss man davon ausgehen, dass sich die Situation erst bei einem Ende der russischen Aggression wieder nachhaltig entspannen dürfte.
Zum Glück ist die Ostsee immer noch ein sehr weites Meer, zumindest nach europäischen Maßstäben. Ich erinnere mich noch gut an einen Besuch auf Örö in den Turku-Schären während eines Törns vor einigen Jahren. Auf den ersten Blick unscheinbar, barg das Innere der kleinen Insel ein überraschendes militärisches Geheimnis.
Im Jahr 1912, als Finnland noch zu Russland gehörte, wurde dort in unschuldigster Umgebung eine Küstenbatterie errichtet. Ausgestattet wurde sie mit den gleichen schweren Geschützen, die der Zar damals in seine Schlachtschiffe einbauen ließ. Die Kanonen wirkten weit auf den finnischen Meerbusen hinaus und sollten Sankt Petersburg vor feindlichen Attacken über See schützen.
Nach der Unabhängigkeit übernahmen die Finnen die Waffenstellung und betrieben sie bis 2004, nun jedoch warnend gegen die sowjetische Flotte gerichtet. 2015 schließlich wurde Örö demilitarisiert, die tonnenschweren Geschützrohre Museumsstücke und die Insel zum Naturschutzgebiet. Ein kleines Paradies, das zum Frieden zurückgefunden hatte.
Es gibt also Hoffnung; die heutige Situation ist nicht die erste dieser Art. Manchmal hilft es, die Dinge im größeren Kontext einzuordnen, um eine aktuelle Bedrohung angemessen bewerten zu können, egal ob sie als allgemein oder persönlich wahrgenommen wird.
Also: Kann man da noch hinfahren?
Die Antwort auf diese Frage müssen letzten Endes jede Skipperin und jeder Skipper für sich selbst finden, ebenso jedes Crewmitglied. Es ist keine leichte Zeit. Was dem einen tiefere Sorge bereitet, mag für die andere ein notwendiger Schritt, ein akzeptables Risiko sein.
Ich selbst freue mich auf meinen Ostseetörn in diesem Jahr, genauer im Juli: von Kalmar an der schwedischen Ostküste entlang durch die Stockholmer Schären in die königliche Metropole. Wir hoffen auf gutes Wetter und werden die Augen offenhalten. Und hoffentlich den einen oder anderen friedlichen Flecken finden. Die Feierlaune der Schweden so kurz nach Mittsommer ist ja legendär.
Vielleicht sehen wir uns unterwegs!
YACHT-Redakteur
Wenn die Wände von „Christina O“ sprechen könnten, würden sie Weltgeschichte erzählen. Nun erhielt der 99 Meter lange Stahlbau einen massiven Preisnachlass. Morley Yachts listet die Ex-Onassis-Yacht für 52 statt vormals 90 Millionen Euro.
Aufs eigene Boot ziehen, den Alltag hinter sich lassen: YACHT-Volontärin Antonia von Lamezan und ihr Partner Lukas Hoppe erzählen davon im YACHT-Podcast.
Das Oberlandesgericht Schleswig hat in einem Berufungsverfahren Maßstäbe dafür festgelegt, wie eine Yacht festgemacht sein muss, damit kein Verschulden vorliegt, wenn sie sich im Sturm losreißt und Nachbarlieger beschädigt.
"Heer we go again!": Vendée-Globe-Absolvent Oliver Heer hat in Lorient seine Imoca im neuen Look gezeigt. Ihr Name ist Programm: "Embrace The Challenge!"
Wir waren an Bord der neuen Linjett 36 und haben sie im Heimatrevier nördlich von Stockholm gesegelt. Erste Eindrücke vom kompakten Performance-Cruiser.
In Dortmund hat das Ordnungsamt die Verschrottung eines Trailerbootes veranlasst und dem Halter die Rechnung präsentiert. Wie der Fall einzuordnen ist.
DDR-Lost-Place oder extravagante Insel? Die ehemalige Entmagnetisierungsstation Ostervilm im Greifswalder Bodden kommt am 4. Juni 2026 unter den Hammer – mit spannendem History-Flair, aber auch Auflagen und Risiken.
Pünktlich zum Star-Wars-Tag: Designstudie einer 150-Meter-Superyacht von ThirtyC.
In Flensburg wartet die 12-Meter-Rennyacht “Gretel” auf einen neuen Eigner. Falls es nach dem Verkauf heim nach Australien gehen sollte, gehört die Mitfahrgelegenheit auf einem Frachtschiff im kommenden Sommer zum Angebot.
Ein Gutachten der italienischen Staatsanwaltschaft widerspricht der Annahme, dass ein extremer Sturm die Luxusyacht „Bayesian" zum Kentern brachte. Stattdessen rückt die Crew in den Fokus.
Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden: