Liebe Leserinnen und Leser,
wir haben sie noch vor Augen. Die echten Seebären, verwegene Männer im schäbig abgewetzten Friesennerz, den Südwester tief ins wettergegerbte Gesicht gezogen. Es sind die Männer ohne Furcht und Tadel, die sich auf ihren Segelyachten durch die vom Sturm aufgepeitschte See plagen. Es sind die großen Kämpfer, die an den Winschen schuften und auf dem Vordeck mit den Elementen kämpfen. Es sind die wahren Helden, die wir bewundern und bewundert haben. Es sind die Idole unserer Kindheit.
Nun aber sind wir erwachsen geworden und sehen uns heute die Hochglanzprospekte neuer Yachten an, auf denen schöne und junge Menschen in adretten Bermudashorts und sportlichen Polos ganz entspannt in den romantischen Sonnenuntergang gleiten. Meist steht dabei die zierlich-hübsche Frau hinter dem großen Steuerrad, der Mann lehnt nebenan lässig im Heckkorb, in der Hand einen Aperol Spritz mit eingestecktem Cocktailschirmchen.
Ich gebe gern zu: Beide Darstellungen mögen jetzt vielleicht etwas überspitzt und klischeehaft rüberkommen, dennoch treffen sie irgendwie den Punkt der Sache. Denn: Früher war auch Fahrtensegeln noch richtig Sport, ein oft anstrengendes und manchmal aufreibendes Abenteuer, mit guter Seemannschaft als oberstem Gebot. Das Bild hat sich gewandelt. Dank der modernen Schiffskonzepte ist Fahrtensegeln mittlerweile einfach geworden, überschaubar, sicher und familientauglich. Und: Innovative Assistenzsysteme aller Art ergänzen Erfahrung, Praxis und Können.
Anstelle von Muskelkraft an den Winschen nehmen heute elektrische Antriebe die Schoten dicht – auf Knopfdruck, damit man die Bierdose selbst beim Segelsetzen nicht aus der Hand geben muss. Kurz überlappende Vorsegel oder Selbstwendefocken sorgen dafür, dass die Wenden auch ohne sportliche Höchstleistungen über die Bühne gehen. Und interaktive GPS-Plotter mit XXL-Bildschirmen weisen unmissverständlich und – mit Verlaub – idiotensicher den Weg zum Ziel. Das sind nur Beispiele. Kurzum: Das Seglerleben an Bord von Fahrtenyachten ist bequem, mühelos und vielleicht sogar ein bisschen faul geworden.
Das Thema hat viel Potenzial, die Geister zu scheiden, und wird dementsprechend nicht nur in den Segelclubs heiß diskutiert. Die Traditionalisten mögen sich angesichts der für sie ungeliebten Entwicklung vielleicht grämen und der langsam schwindenden Seemannschaft nachtrauern. Derweil freut sich die nautische Neuzeit darüber, dass Spaß, Genuss und Entspannung auf einer modernen Fahrtenyacht mittlerweile einen höheren Stellenwert einnehmen als Sport, Anstrengung und Krampf.
Als Testredakteur der YACHT habe ich die Möglichkeiten, die technischen und konstruktiven Errungenschaften der Yachtentwicklung aus nächster Nähe zu verfolgen. Mehr noch: Ich darf ausprobieren und soll bewerten. Dadurch bin ich natürlich schon von Berufs wegen nicht nur aufgeschlossen für, sondern auch begeistert über die vielen, spannenden Innovationen, welche die Schöpfung schlauer Köpfe in der Yachtbau-Industrie hervorbringt.
Gleichzeitig stelle ich mir manchmal auch etwas besorgt die Frage, wo die Reise der Yachtentwicklung wohl hinführen mag. Sehen wir möglicherweise schon bald superfuturistische Yachtkonzepte, auf denen künstliche Intelligenz und ausgeklügelte Navigationselektronik das Wissen und das Können von Seglern zur Gänze ersetzen? Hoffentlich nicht!
Die Vorstellung, dass Fahrtenboote demnächst eigenständig bestimmen, wann und wo sie wenden oder halsen, um den besten und schnellsten Weg zum Ziel zu finden, jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken. Und falls darüber hinaus auch noch kaptive Winschen unter Deck die Schoten im Manöver ganz von selbst dichtnehmen und die Segel nach Informationen von sensiblen Drucksensoren automatisch trimmen, dann ist möglicherweise die Zeit gekommen, sich vielleicht auch mal wieder auf die traditionellen Werte des Segelsports zu besinnen. Und zwar am besten, bevor der Segler vollständig zum Passagier wird.
YACHT-Redakteur
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