YACHT
· 28.02.2026
Liebe Leserinnen und Leser,
Neulich fragte mich ein Nachbar im Treppenhaus, als ich gerade einen Sack mit den frisch gewaschenen Fallen und Schoten zum Auto schleppte: "Segelst Du noch in der Ostsee? Bei der ganzen Kriegsgefahr?" Meine spontane Antwort: "Klar! Wo sonst? Außerdem sehe ich das noch nicht so dramatisch" Aber die Frage hat mich auf der Fahrt zum Boot nachdenklich gemacht. Lassen wir uns wirklich eines der schönsten Reviere Europas durch Bedrohungsszenarien kaputt reden? Oder besteht da mehr Hysterie als echte Gefahr?
Fakt ist: Die Ostsee steht unter Beobachtung. Mit Satelliten, Drohnen, U-Booten - alle schauen zu, wenn wir unsere Runden drehen. Die russische Schattenflotte ist ein immer wiederkehrendes Thema, dazu Sabotageakte an der maritimen Infrastruktur von Gas-Pipelines bis zu Datenkabeln. Aber mal ehrlich: Spüren wir davon wirklich was? Bis auf ein paar mehr Marineschiffe am Horizont und gelegentliche Sperrgebiete segeln wir doch wie eh und je. Die Schattenflotte? Fährt ihre Routen und lässt uns in Ruhe. Die militärischen Manöver? Werden angekündigt und umschifft. Alles nicht schön, aber kein akutes Problem, das uns direkt betrifft, einschränkt oder anders handeln lässt.
Das eigentliche Problem ist doch: Wir reden uns die Gefahr größer, als sie ist. Klar, theoretisch könnte morgen der große Knall kommen. Aber dann ist es auch egal, ob ich gerade vor Bornholm kreuze oder im Heimathafen liege. Wobei ich jeden verstehen kann, der angesichts der Situation in großer Sorge ist, nur mir geht es eben nicht so.
Die Frage, ob man lieber nach Westschweden fährt, statt in die östliche Ostsee, ist durchaus berechtigt. Gefühlt ist man dichter an Russland, an möglichen Spionageszenarien, wenn es Richtung Gotland oder finnische Schären geht. Aber ist das wirklich relevant? Wo ist man im Ernstfall schneller in Sicherheit? Von den Åland-Inseln aus oder aus dem Kattegat? Die Distanzen relativieren sich schnell, wenn's drauf ankommt.
Wir Segler haben theoretisch das ultimative Fluchtfahrzeug. Bei wirklichen Krisen waren Boote schon immer Rettungsanker - siehe die Flüchtlinge aus der DDR oder die Dänen im Zweiten Weltkrieg.
Unser Boot kann uns Mobilität und eine gewisse Unabhängigkeit geben, die Menschen an Land nicht haben. Wir könnten abgelegene Buchten anlaufen, wir könnten Europa verlassen - das sind zumindest mehr Optionen, als die meisten haben. Das ist zwar recht theoretisch, aber vermag zumindest ein subjektives Sicherheitsgefühl zu schaffen, auch wenn das nur die wenigsten umsetzen würden.
Und dann ist da noch dieser Aspekt: Als Segler sind wir nicht nur hilflose Zuschauer. Wir können die Augen offenhalten, verdächtige Aktivitäten melden, als zusätzliche Augen und Ohren fungieren. Mittlerweile sind wir aufgerufen, verdächtige Schiffe zu melden - ob sie noch ihren Anker haben, komische Manöver fahren oder sich vielleicht gerade an Unterseekabeln zu schaffen machen. Machen wir.
Das gibt einem das Gefühl, wenigstens ein kleines Rädchen im System zu sein, etwas tun zu können, statt nur ängstlich Nachrichten zu konsumieren.
Ich lasse mir die Ostsee oder gar das Segeln nicht durch Panikmache vermiesen. Wenn ich diesen Sommer nicht in die ostschwedischen Schären fahre, dann nicht wegen einer Bedrohungslage, sondern weil ich keinen Bock auf die westwindverseuchte Rückfahrt habe. Vielleicht geht’s bis nach Bornholm und in die Hanöbucht. Dort in Karlskrona besuche ich dann wieder das Marinemuseum und sehe mir die Ausstellung über spionierende Mini-U-Boote an, die wenige Meilen entfernt, unweit der größten schwedischen Militärbasis gefunden wurden. Nicht heutzutage, sondern vor 45 Jahren.
Risiken gab es schon immer - schlechtes Wetter, Havarien, medizinische Notfälle. Da kommt jetzt halt noch ein derzeit theoretisches Sicherheitsrisiko dazu. Na und?
Die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet während meines Törns der Dritte Weltkrieg ausbricht, ist deutlich geringer als die, dass ich mir den Fuß breche oder einen Motorschaden habe. Und darauf bin ich ja auch vorbereitet.
Realismus ja, Panikmache nein - und Leinen los! Ich freu mich auf die Saison!
Fridtjof Gunkel
stellv. YACHT-Chefredakteur
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