Liebe Leserinnen und Leser,
ich muss Sie warnen: Diese Kolumne ist nicht ausgewogen. Sie ist nicht um Neutralität bemüht. Und sie wird niemanden schonen, der am 31. Mai 2026 zu Hause auf dem Sofa sitzt, während Hamburg über seine Zukunft abstimmt. Denn ich bin Segler. Ich liebe diesen Sport. Und deshalb sage ich jetzt unverblümt, was ich denke: Eine Chance wie diese kommt nicht zweimal.
Hamburg für Olympia!
Erinnern Sie sich an 2015? Ich erinnere mich leider allzu gut. Hamburg stimmte damals gegen eine Olympia-Bewerbung, und seither hat diese Stadt mit stoischer Konsequenz demonstriert, wie man eine historische Gelegenheit vergräbt. Ich war damals enttäuscht. Als Sportenthusiast, als Segler, als Journalist und als jemand, der weiß, was olympischer Segelsport für eine Nation bedeutet, hätte ich am liebsten jeden Hamburger persönlich angerufen und gefragt: Wisst ihr eigentlich, was ihr da gerade weggeworfen habt?
Aber gut. Die Vergangenheit ist die Vergangenheit. Wir haben jetzt eine zweite Chance.
Lassen Sie mich einen Moment aus der großen Politik heraustreten und über das reden, was mich und Sie, liebe Leserinnen und Leser, direkt betrifft: den Segelsport.
Deutschland ist eine Segelnation. Wir haben Weltklasse-Athletinnen und -Athleten, wir haben eine der stärksten Segelinfrastrukturen Europas, wir haben die Kieler Woche – das größte Segelsportevent der Welt. Und wir haben Kiel.
Kiel. Die Sailing City. Ein Ort, der für olympischen Segelsport gebaut wurde, der ihn 1972 erlebt hat und der seither nichts anderes tut, als sich auf die nächste Gelegenheit vorzubereiten. Ministerpräsident Daniel Günther hat Mittel freigegeben, um die Infrastruktur weiterzuentwickeln. Die Stadt hat in Bürgerentscheiden bereits positive Signale gesetzt. Kiel ist bereit. Kiel ist schon längst wieder bereit.
Und dann gibt es da noch Rostock-Warnemünde.
Ich sage das mit allem Respekt für Manuela Schwesig, die in Paris um Warnemünde geworben hat, und mit aufrichtigem Respekt für die neue Landessportschule auf der Mittelmole – architektonisch wirklich sehenswert. Aber ich sage es trotzdem: Warnemünde ist für die olympischen Segelwettbewerbe meine zweite Wahl. Kiel hat die Tradition, die Infrastruktur, das Know-how und die internationale Bekanntheit. Kiel ist in der Segelwelt eine Marke, die kein Marketing der Welt ersetzen kann. Wenn Deutschland Olympia bekommt – und ich hoffe inständig, dass das passiert –, dann segeln die besten Segler der Welt vor Kiel.
Aber dafür muss erst einmal Hamburg Ja sagen.
Ich verstehe die Skepsis. Wirklich. Zehn Milliarden Euro – so viel kosteten die Spiele in Paris. Das ist eine Zahl, bei der jeder Vernünftige schluckt. Und ja, das neue Konzept "Hamburg+" mit einer 60.000 Zuschauer fassenden Leichtathletik-Arena neben dem Volksparkstadion provoziert Diskussionen. Darf es auch, das ist schließlich Demokratie.
Aber lassen Sie uns ehrlich sein: Was ist die Alternative? Dass Deutschland – eine der größten Wirtschaftsnationen der Welt, eine der großen Sportnationen Europas – wieder kneift? Dass wir uns abermals hinter finanzpolitischer Kleinmut-Rhetorik verstecken und zusehen, wie andere Länder die Bühne betreten, auf der wir glänzen könnten?
Die Bundesregierung hat Olympia in den Koalitionsvertrag geschrieben. SPD, Grüne und CDU in Hamburg ziehen an einem Strang. Der DOSB hat einen klaren Fahrplan. Und das IOC wird frühestens 2027 entscheiden, wer nach Los Angeles 2028 und Brisbane 2032 die Sommerspiele ausrichten darf. Wir haben Zeit, wir haben Rückenwind, und wir haben – wenn Hamburg am 31. Mai 2026 Ja sagt – die Chance, als ernsthafter Kandidat in den internationalen Ring zu steigen.
Ich richte mich jetzt direkt an Sie. Nicht an die Politik, nicht an Verbandsfunktionäre, nicht an IOC-Mitglieder. An Sie. Den Hamburger. Die Hamburgerin. Die Menschen, die am 31. Mai 2026 die Entscheidung in der Hand halten.
Fünf bis sechs Millionen Euro kostet dieses Referendum. Das ist Geld, das Hamburg in die Hand nimmt, um Ihnen eine Stimme zu geben. Nutzen Sie sie. Stimmen Sie mit Ja.
Nicht weil Olympia keine Risiken hat. Sondern weil die Risiken des Nicht-Handelns größer sind. Weil eine Stadt, die zweimal Nein sagt, aufgehört hat, an sich selbst zu glauben. Weil Deutschland – als Gastgeber, als Ausrichter, als Seglernation – der Welt etwas zu zeigen hat.
Wir sind gut darin, Dinge zu verwalten. Wir sind gut darin, zu debattieren, abzuwägen, zu zögern. Was wir seltener sind: mutig. Olympia ist eine Mutfrage. Und Hamburg hat die einmalige Gelegenheit, genau das zu demonstrieren.
Also Hamburg: Raus aus dem Sofa. Rein in die Kabine. Kreuz bei Ja.
Mögen die Spiele in Kiel beginnen.
Martin Hager
YACHT-Chefredakteur
Umfrage beendet
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