Liebe Leserinnen und Leser,
der deutsche Langfahrtsegler-Verein Trans Ocean verkündete kürzlich ein sattes Mitgliederplus von über fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr. Und das in Zeiten, wo andernorts Segelvereine eher mit Mitgliederschwund zu kämpfen haben. Trans Ocean hingegen zählt nun über 5.000 Vereinsangehörige. Chapeau!
Bei den Atlantic Rallyes for Cruiser sind gerade über 200 Yachten auf dem Weg in die Karibik oder dort in diesen Tagen angekommen. Darunter einmal mehr zahlreiche deutsche Crews. Einige von ihnen wird es weiter ziehen, gen Südsee und um die Welt. Im kommenden Jahr findet die ARC dann bereits zum 40. Mal statt. Herzlichen Glückwunsch schon jetzt!
Jimmy Cornell, der Vater aller Langfahrtregatten, will im übernächsten Jahr eine neue Rally für abenteuerlustige Segler organisieren. Die soll die Teilnehmeryachten sowohl in die Arktis, als auch in die Antarktis führen. Ich bin mir sicher, die Resonanz darauf dürfte enorm sein.
Der Drang, das Segelglück in der Ferne zu suchen, scheint bei nicht wenigen Menschen hierzulande groß wie nie. Die Gründe dafür sind vielfältig, wie sich aus vielen Gesprächen und Berichten herauskristallisiert.
Mancher möchte einfach ausbrechen aus dem ewig gleichen Alltagstrott. Andere haben genug von all den Wirtschaftsproblemen, Kriegen und Naturkatastrophen, die in immer schnellerer Abfolge auf uns einprasseln. Nichts wie weg!
Und wieder andere haben vielleicht schon viele Jahre auf ihren Blauwasser-Traum hingearbeitet und können ihn sich nun erfüllen. Stichwort Boomer-Generation. Die erreicht gerade das Alter, in dem man über einen vorzeitigen Ausstieg aus dem Job nachdenken kann; Geld stellt dabei oftmals kein Problem dar.
Die auf Langfahrtyachten spezialisierten Werften freut’s. Ihre Auftragsbücher sind voll.
Natürlich muss man die Kirche im Dorf lassen. Alles in allem sind es vergleichsweise wenig Menschen, die wirklich aktiv auf Langfahrt sind. Aber der Trend deutet klar in eine Richtung: Es werden beständig mehr, die ihrem Fernweh nachgeben.
Das hat Folgen. Längst gibt es mancherorts Ärger im Paradies. Wenn auf kleinen Südseeatollen ganze Langfahrtflottillen einfallen oder anderswo Dutzende Blauwassercrews wochenlang die schönsten Buchten bevölkern und die oft einfache Infrastruktur an Land zusätzlich strapazieren, sehen die Einheimischen auf Dauer nicht tatenlos zu. Ankerverbote, begrenzte Aufenthaltsgenehmigungen und anderes mehr sind hie und da bereits die Folge. Luxusprobleme, sicherlich.
Und dennoch: Wehret den Anfängen! Noch ist Zeit, gegenzusteuern. Was nicht heißen muss, grundsätzlich von seinem Langfahrttraum abzulassen. Vielleicht sollte man ihn aber ein wenig überlegter angehen. Stichwort Nachhaltigkeit. Stichwort Autarkie. Stichwort Hilfsprojekte.
Wir sind als Segler nicht allein auf der Welt. Auch nicht, wenn wir auf fernen Ozeanen kreuzen. Wir hinterlassen Spuren. Die sollten so gering wie möglich ausfallen. Wer die Leinen loswirft, sollte sich heutzutage fragen, wie er unterwegs Abfall und Fäkalien entsorgt. Die See ist weder Müllkippe noch Kläranlage.
Zudem sollte man versuchen, seien Strombedarf allein und aus erneuerbaren Energiequellen zu stillen. Das Landstromkabel irgendwo in einem im Zweifel eher armen Land auszubringen, muss die Ausnahme bleiben.
Vor allem aber: In vielen Gegenden, die bevorzugt von Seglern angesteuert werden, leben die Einheimischen in einfachsten Verhältnissen. Oder sie sind sogar notleidend. Selbstverständlich können Yachten keine Hilfsmittel in großem Maßstab transportieren. Doch Veränderungen beginnen im Kleinen. Ob Stifte und Schreibblöcke für die Kinder auf einem abgelegenen Atoll oder Werkzeuge und bisweilen auch Baustoffe für die Erwachsenen: Es gibt durchaus Möglichkeiten, das Gute (das Segeln) mit sinnvoller Hilfe für andere zu verbinden.
Wir haben in der YACHT häufiger schon über unterstützenswerte und von Seglern initiierte Hilfsprojekte berichtet. Bald ist Weihnachten – eine gute Gelegenheit, an andere zu denken. Und wenn es dann mit der eigenen Blauwasserreise losgeht, auch unterwegs bitte die Sorgen, Nöte und Probleme der Menschen, denen man in der Ferne begegnet, nicht ausblenden. Das wünsche ich mir.
In diesem Sinne Ihnen allen eine frohe Adventszeit!
YACHT-Textchef
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