MeinungFender nicht einholen: schlechte Seemannschaft – oder sogar gute?

YACHT

 · 05.08.2023

Meinung: Fender nicht einholen: schlechte Seemannschaft – oder sogar gute?
YACHT-Woche – Der Rückblick

yacht/bullseye-yacht-woche-johannes-2000x500_bbc0f1c0010f341ffabefdfe036538ea

Liebe Leserinnen und Leser,

die Sommerzeit ist für den Segler der Höhepunkt der Saison. Auch für uns YACHT-Redakteure. Doch so unterschiedlich die Boote in der Redaktion sind, so vielfältig sind auch die Vorlieben, was den Sommertörn angeht. Fast alle Kollegen haben ihre Boote in der Ostsee stationiert, was den Radius des Sommertörns natürlich etwas einschränkt, aber den Vorteil hat, dass sie das Schiff auch am Wochenende nach ein oder zwei Stunden Fahrt erreichen und nutzen können.

Wir allerdings lieben es, ferne Länder unter Segeln zu erkunden. Deshalb haben wir uns für die kommenden Jahre vorgenommen, das Mittelmeer zu erkunden, das wir noch wenig kennen. Was allerdings den Nachteil hat, dass wir das Boot deshalb nur zwei- oder maximal dreimal im Jahr nutzen können.

Im letzten Jahr haben wir die Adria von der Peloponnes bis Venedig erkundet, in diesem Jahr war die griechische Ägäis bis zum Ionischen Meer an der Reihe. Dabei haben wir mit Staunen ein paar Unterschiede zu anderen uns bekannten Revieren gefunden.

Meistgelesene Artikel

1

2

3

Natürlich waren uns schon vorher einige große Unterschiede bekannt. Das römisch-katholische Anlegen zum Beispiel. Die Abläufe und auch das Einschätzen der richtigen Entfernung beim Ankerwerfen brauchten etwas Übung. Die ersten Anlegemanöver endeten mit dem Heck drei Meter vor der Pier, weil plötzlich die Kette zu Ende war.

Auch das Ankern an überaus tiefen Stellen und mit Heckleinen war neu für uns. Vielfach in Buchten, die zum Wind hin offen liegen. Solche Ankerplätze gab es in der Karibik oder auf den Bahamas überhaupt nicht. Wir wählten die Ankerplätze dort immer auf der windabgewandten Seite, denn im stetigen Passatwind konnte man sich darauf verlassen, dass es keine Winddreher gibt.

Doch an eine Sache mussten wir uns im Mittelmeer besonders gewöhnen: an das Ankern mit Fendern.

„Schau mal, der hat vergessen, seine Fender einzuholen“, rief ich meiner Frau zu, als wir in Kroatien das erste Boot mit Fendern erblickten. Für uns an der Ostsee ist es ein Sinnbild für Müßiggang oder gar schlechte Seemannschaft, die Fender nach Verlassen des Hafens baumeln zu lassen. Selbst, wenn eine Crew auf einer Motorfahrt die Fender lediglich an Deck legt, anstatt sie ganz wegzustauen, ziehen manche Segler dort schon skeptisch die Augenbrauen hoch. Deshalb konnten wir mit dem Bild einer vor Anker liegenden Segelyacht, an deren Bordwand rundum etwa 14 Fender baumelten, überhaupt nichts anfangen.

Als dann aber die Sommersaison losging und immer mehr Boote in den Ankerbuchten auftauchten, sahen wir sie immer häufiger: Charterboote, aber auch Eignerboote, die rundum befendert vor Anker lagen. Aus Selbstschutz vor den anderen dicht ankernden Booten.

Denn die Buchten scheinen voller denn je zu sein. Und wenn sie sich bereits am frühen Nachmittag immer mehr füllen, dann beginnen schon bald die ersten Skipper die engen Lücken zu nutzen, die andere Boote als Sicherheitsabstand gelassen haben.

Meist sind das Charterskipper. Was aber nicht heißen soll, dass „Eigner“ grundsätzlich die besseren Seemänner wären. Das kann man so nicht sagen. Doch was auffällt: Die Eigner sorgen sich häufig mehr um das eigene Boot. Mehr als eine Crew, die sich ein (ohnehin häufig nicht ganz makelloses) Boot für eine Woche geliehen hat und dank einer Kautionsversicherung auch noch folgenlos neue Macken mitbringen kann. Anders als ein Eigner, der nach solch einem „Anditscher“ Gelcoat-Macken selbst zu reparieren oder Kratzer zu polieren hat.

In Epidauros in Griechenland hatten wir vor ein paar Wochen so ein klassisches Erlebnis: Die Bucht war kurz nach Mittag bereits voll – aus unserer Sicht –, und kurz vor dem Sonnenuntergang kam dann auch noch eine Charterflottille von zehn Booten an, die allesamt Platz finden mussten. Es dauerte nicht lange, und der griechische Skipper einer 14 Meter langen Charteryacht warf seinen Anker genau so, dass er zwischen uns und einem befreundeten Katamaran zum Liegen kam. In dem Bereich, den wir als „Sicherheitsabstand“ eingehalten und bewusst eng gehalten hatten, damit sich nicht noch einer dazwischendrängelt. Sein Cockpit lag keine vier Meter neben uns.

„Freunde, das ist zu nah. Der Wind soll drehen, und dann knallen wir ineinander“, ließ meine Frau die Nachbarn wissen. Der Skipper lachte sie geringschätzig aus, schüttelte den Kopf. „Ihr seid wirklich zu nah. Ein Kat schwingt ganz andersherum als euer Mono“, ergänzte ich. Der Skipper ignorierte auch mich und stellte den Motor ab. Dann begann er die Fender herunterzuklappen und am Dingi zu rödeln. Offenbar war der Tisch in der Taverne bereits vorbestellt. „Ey, ihr könnt hier echt nicht liegen bleiben. Wir ballern ganz sicher zusammen“, argumentierte ich. „Dann hängt doch Fender raus“, rief er zurück, „ihr seid ja schließlich nicht allein hier.“

In einer Box oder römisch-katholisch an der Pier bringen Fender zwar eine Menge und schützen effektiv, wenn sich ein Boot gegen das andere lehnt. Doch vor Anker bringen sie meiner Meinung nach wenig, wenn die Boote durch die unterschiedliche Position des Ankers, Kettenlänge, Lateralfläche und Bauform (Windanfälligkeit) völlig anders schwingen. Meist treffen sie sich in solchen Fällen mit den spitzen Ecken der Hecks. Dort, wo kein Fender hängt.

Statt weiter mit uns zu diskutieren, hörten wir dann überraschend kurze Zeit später, wie die Ankerwinsch der Yacht die Kette einholte. Der Skipper der Yacht rief uns noch ein paar griechische – und überraschend auch einige deutsche Schimpfwörter zu – und suchte sich dann einen anderen Ankerplatz in etwas tieferem Wasser. Wir hatten unseren alten Sicherheitsabstand zurück und kamen bei dem angekündigten Winddreher selbst unseren Freunden auf dem anderen Kat sehr nah. Gut, dass der Mono weg war.

Doch dieses Anker-Erlebnis machte mich noch eine Weile nachdenklich. Denn mit einer Sache hatte der Skipper recht: Wir sind nicht allein hier. Die Buchten sind voll, und sie werden im Sommer immer voller. Jeder will segeln und das schöne Revier genießen. Und hat auch das Recht dazu. Ein Revier, in dem wir zudem mit unserem Schiff aus Hamburg nur zu Gast ist.

Vermutlich sollten wir also künftig auch Fender raushängen.

Es ist natürlich völlig daneben, mit Fendern als „Rechtfertigung“ derart dicht im Sicherheitsabstand anderer Yachten zu ankern und dabei skrupellos und mutwillig Schäden an fremden Booten in Kauf zu nehmen – nur weil man den Tag über getrödelt hat und nun keinen Platz mehr findet.

Doch es ist eine ganz andere Sache, wenn man Fender raushängt, um rücksichtsvoll anderen Seglern eine Chance zu geben, auch noch eine letzte Lücke zu finden. Auch wenn es in der Praxis nicht viel bringen mag mit den Fendern ... Aber das Signal ist dasselbe wie der berühmte einzelne Fender an der Außenseite eines Längsseitsliegers – ein Fender, der allein nichts bringt, aber anderen Seglern oder Motorbootfahrern signalisiert: Wenn du nichts anderes mehr findest, kannst du gern bei mir rankommen.

Apropos Motorbootfahrer: Ein Tipp, um zumindest nachts sorglos zu schlafen, ist, in den Buchten immer nah an kleinen Motorbooten mit Schlupfkajüte zu ankern. Denn die – das ist ziemlich sicher – fahren nach dem Tagesstopp fast immer abends zurück in die Marina und vor Anker ist mehr Platz.

Johannes Erdmann,

YACHT-Redakteur

Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:


Draufklicken zum Durchblicken

Die Woche in Bildern:

Was für ein Anblick: Dänische Traditionssegler besuchten in dieser Woche Middelfart, Assens, Dyvig, Ærøskøbing, Faaborg und Svendborg und zogen 50.000 Besucher in ihren Bann

Lese-Empfehlungen der Redaktion:

yacht/Myproject-122_588dd1e2bf08c53ce7f0b81757956597

„Simena“

62 Meter klassische Eleganz mit modernem Hybridantrieb

yacht/100221586_5c825c9c730c2508ce5be13dbfdfd3f0

Die 62 Meter lange „Simena“ ist die erste Segelyacht von Ares Yachts. Die Ketsch verbindet klassische Linien mit Hybridantrieb, großer Reichweite und viel Komfort für weite Reisen.


Nord- und Ostsee

Bund sichert Millionen für Munitionsbergung zu

boot/100090294_245f4c7714ddb292fdd212954092db05

Minen, Patronen und Torpedos – in Nord- und Ostsee lagern Hunderttausende Tonnen alte Weltkriegsmunition. Nach erfolgreichen Testbergungen in der westlichen Ostsee geht das Mammutprojekt nun in eine neue Phase: Für die kommenden sechs Jahre stellt der Bund jährlich 50 Millionen Euro bereit, und in Rostock soll ein neues Bundeskompetenzzentrum die großflächige Räumung koordinieren. Die geplante Entsorgungsplattform soll 2028 in Betrieb gehen.


Neue Podcast-Folge

Gebrauchtbootkauf - Schnäppchen oder Kostenfalle?

yacht/boote-mit-blauem-yacht-banner-1_c877b8516038054d74e55b9f271db404

Nach dem Boom der Corona-Jahre hat sich der Gebrauchtbootmarkt deutlich verändert: Mehr Angebote und sinkende Preise wecken Hoffnungen bei Kaufinteressenten. In Episode 80 von “YACHT – Der Segelpodcast” spricht Sportbootsachverständiger Uwe Gräfer darüber, worauf Käufer achten sollten, wo echte Chancen liegen und wann ein vermeintliches Schnäppchen teuer werden kann.


“Bubu 3”

Wie ein Eigner seine Bavaria 26 komplett neu dachte

yacht/100218885_f22e6d24d1217924172be5a5bfecf867

Eine Bavaria 26 vom Bodensee wurde zum schwimmenden Unikat. Badeplattform, Bugspriet und Umbauten unter Deck zeigen, wie weit sich ein kleiner Kleinkreuzer neu denken lässt.


Sicherheit

Leckagen sekundenschnell abdichten mit der Leak Stop Gun

yacht/lsg-s-002_9d22fbfbf3e4bbf453861410173f3ba8

Die neue Leak Stop Gun S verspricht schnelle Hilfe bei Wassereinbruch. Ein CO₂-betriebener Ballon dichtet Lecks auf Yachten selbst unter Wasser ab.


Warnemünder Woche

„Skendata-Illbruck“ siegt bei der 88. Rund Bornholm

yacht/2026-07-06-kai-brueckner-start-rund-bornholm-2_c165e4a21b5c426ef7dc2520e7c79ca7

In diesem Jahr musste der Kurs wegen eines Sturms kurzfristig von rund 250 auf etwa 120 Seemeilen verkürzt werden. Auch bei halber Distanz lieferten sich zwei große Regattayachten ein enges Rennen um die schnellste Zeit. Am Ende gewinnt die „Skendata-Illbruck“. Auch in den anderen Wertungsgruppen stehen die Sieger fest.


Rolls-Royce

Phantom Regatta feiert englische Segelkultur

yacht/p90648606-highres-rolls-royce-presents_1e1948b286abfcb4c73a08200ec74c87

Rolls-Royce präsentiert beim Goodwood Festival of Speed im Juli ein Einzelstück: Der Phantom Regatta verbindet Automobilbau mit der Segelkultur der englischen Südküste. Das Extended-Modell zeigt handgemalte Galeriekunst, einen Sternenhimmel nach Gezeitenströmen und Picknicktische in Yacht-Optik.


Oyster 515

Beach-Club-Feeling auf 50 Fuß

yacht/oyster-515-aerial-view_efe15eb62d40473d7d5ffaab260c4e4b

Oyster Yachts präsentiert die Oyster 515 als Nachfolgerin der preisgekrönten 495 und will damit neue Maßstäbe in der 50-Fuß-Klasse setzen.


Team Malizia

“So werdet Ihr sie nie wieder sehen!”

yacht/whatsapp-image-2026-07-07-at-131125_b4e6e60b64c5235402ec5e747ab9fce4

"Malizia 4" hat ihren 90-Grad-Krängungstest bestanden. Team Malizias neue Imoca machte auch dabei einen starken Eindruck. Die Crew freute sich darüber.


Untergang der „Bayesian"

Millionenpoker um Konstruktionsfehler oder Crewversagen

yacht/100195309_59b8bc1ebc1dec1d7e7acd41887cd959

War die „Bayesian" eine Todesfalle – oder hat die Crew versagt? Zwei Untersuchungen, widersprüchliche Befunde und eine Millionenklage im Hintergrund.



Newsletter: YACHT-Woche

Der Yacht Newsletter fasst die wichtigsten Themen der Woche zusammen, alle Top-Themen kompakt und direkt in deiner Mail-Box. Einfach anmelden:


Artikel teilen:
Kommentare

Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.

Meistgelesen in der Rubrik Allgemeiner Service