Liebe Leserinnen und Leser,
leidet die älteste Sporttrophäe der Welt – der 1851 erstmals ausgetragene America’s Cup – an Altersschwäche? Und ist SailGP der hinterlistige Sohn, der am Sterbebett Mitleid vortäuscht und sich bereits auf das Erbe freut?
Eher nicht. Zumindest auf der Intensivstation dürfte der „Auld Mug“ in der jüngsten Vergangenheit jedoch durchaus Dauergast gewesen sein. Und manchmal wirkte es dabei, als stünden die Totengräber schon mit im Raum – als Notärzte getarnt und aus den eigenen Reihen.
Dabei war der America’s Cup rein technisch nie spektakulärer: AC75-Foiler, Geschwindigkeiten jenseits dessen, was viele Segler für möglich hielten, Bilder wie aus einem Sci-Fi-Film. Vielleicht ist das etwas zu viel Einblick in den redaktionsinternen Gossip, aber viele meiner Kollegen konnten sich damit bislang nicht anfreunden. Keine spritzende Gischt, keine hart arbeitende Crew mehr an Deck, keine Spis und auch keine mechanischen Winschen.
Doch das ist nicht mein Problem. Ich kenne den Cup nur mit Foilern (so jung bin ich) – und segle selbst einen. Und trotzdem schleicht sich auch bei mir ein Gefühl ein, das man beim prestigeträchtigsten aller Segelwettbewerbe eigentlich nicht erwarten sollte: Der Cup wirkt weniger zwingend als früher. Weniger „muss man sehen“. Weniger „darüber spricht man“. Weniger „das ist das Nonplusultra“. Weniger Vorfreude.
Mir scheint es, als verliere der America’s Cup gerade seine DNA. Nicht, weil er sich verändert, sondern weil er sich auf eine bestimmte Weise verändert.
Wer den Cup auf das Finale reduziert – ein paar Wochen Racing, ein paar Tage Match – verpasst, worin seine eigentliche Überlegenheit gegenüber fast jedem anderen Segel-Event lag: Er war immer auch ein monatelanger Thriller, in dem nicht nur Steuermänner und Taktiker, sondern vor allem Entwickler und Ingenieure die Hauptrollen spielten.
Für viele, die über den Cup berichten, beginnt die spannendste Phase eigentlich stets lange vor dem ersten Start. Nämlich dann, wenn neue Designs aus den Hallen rollen, wenn aus Gerüchten Hypothesen werden, wenn ein Detail am Rigg oder an der Rumpfform plötzlich zum Thema der Woche wird. Genau diese Faszination – „Was haben sie sich diesmal ausgedacht?“ – war im letzten Zyklus noch greifbarer. Ich erinnere mich nur allzu gut an verschiedenste Analysen und mein Interview mit Design-Guru Dr. Martin Fischer.
Vor Neapel erwartet uns bei der 38. Edition jedoch zum dritten Mal in Folge Wettsegeln auf Booten der selben Klasse. Klar, einige Modifikationen sind erlaubt. Doch der Entwicklungsspielraum ist im Vergleich zur vorherigen Ausgabe nochmals geschrumpft. Neubauten sind gänzlich verboten.
Begründet wird das unter anderem mit dem fadenscheinigen Argument der Nachhaltigkeit, vor allem aber mit finanziellen Schwierigkeiten verschiedener Teams. Der Cup stand zuletzt mehrfach kurz vor einem Herzstillstand. Dass er das überlebt hat, ist auch das Ergebnis derart harter Eingriffe.
Geht es nach Dan Bernasconi, Chefdesigner von Emirates Team New Zealand, spielen die Rümpfe ohnehin kaum eine Rolle: “Wir haben (...) erkannt, dass die Geschwindigkeitsunterschiede allein bei den Rumpfformen minimal waren. Alle Gewinne lagen in Foils und Systemen.” Spannend und absurd zugleich, wenn man bedenkt, dass wir noch immer über eine Segelregatta sprechen.
Doch es wurden bereits zahlreiche weitere Anpassungen verkündet: Da ist unter anderem das Partner-Modell als neue Vermarktungs- und Führungslogik, der kommunikativ groß angekündigte historische Kurswechsel und das Verlangen nach mehr Rhythmus – bis hin zur Idee einer Austragung alle zwei Jahre.
Getreu dem Motto „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit“, scheint man also auch abseits der Regattabahn gewillt, das historische Event in die aktuelle Zeit zu katapultieren. Doch was bei mir als Konsument ankommt, ist ein ganz anderes Gefühl: Der Cup ist sich nicht mehr sicher, was er sein will.
Der America’s Cup ist kein Vernunftformat und auch kein TikTok-Hype-Produkt. Nichts, das man „glattziehen“ muss, bis sich niemand mehr an ihm stößt. Der Cup lebt davon, dass sich Teams an ihm übernehmen und die Grenzen ausloten.
Denn er war nie am besten, wenn alle dasselbe taten. Er war am besten, wenn alle dasselbe Regelwerk hatten – und daraus unterschiedliche Philosophien entwickelten und Boote mit unterschiedlichsten Linien und Profilen bauten, die sich dann schlussendlich in ein episches Battle auf dem Wasser begaben.
Dazu kommt zweifelsfrei das grundlegende Problem der modernen Yachten, die sich bereits vor über zehn Jahren meilenweit vom normalen Regattasegler entfernt haben. Foiling hat dem Cup eine neue Bildmacht gegeben. Aber es hat auch eine unbequeme Nebenwirkung: Match Racing ist mit Foilern schwieriger, als man denkt. Die besondere Disziplin lebt von Nähe, knallhartem Eins gegen Eins, ständigen Rollenwechseln – und davon, dass ein einzelner Fehler nicht zwangsläufig das Ende eines Rennens ist.
Foiler hingegen bestrafen durch ihre enormen Geschwindigkeiten Fehler extrem hart. Das kann dramatisch sein. Es kann aber auch bedeuten: Ein Moment entscheidet, danach verwaltet der Führende.
Als deutlich spannender hatten sich beim vergangenen Cup vor Barcelona die Fleetraces der Jugend- und Frauenteams erwiesen. Diese werden nun auch Teil der Ausscheidungen im Rahmen des Louis Vuitton Cups sein. In der Theorie eine konsequente Entscheidung, mit der man sich allerdings auch dem SailGP-Format annähert.
CEO Russell Coutts liefert mit der an diesem Wochenende in Rio de Janeiro gastierenden Highspeed-Liga den modernen Gegenentwurf: spektakuläre Halbwindstarts und kurze Rennen, regelmäßige Events auf baugleichen Booten mit heroischen Superstars an Bord, mediale Ausschlachtung und ein trendiges Social-Media-Game.
Es wäre also naiv, so zu tun, als gäbe es diese Konkurrenz nicht. Doch für mich beginnt das Problem, wenn der Cup versucht, einen seiner mutmaßlichen Mörder zu imitieren. Gegen das Original wird er keine Chance haben und riskiert dabei stattdessen den Verlust seiner eigenen USPs.
Ich bin überzeugt, dass es eine erfolgreiche Koexistenz geben kann, die sogar beiden Wettbewerben in Teilbereichen zugutekommen kann. Doch dafür darf der America’s Cup keinesfalls „mehr SailGP“ werden. Im Gegenteil: Er muss wieder mehr America’s Cup werden.
Er braucht das klare Duell, den Mut zur Entwicklung und zum Neubau – offene Konstruktionsfenster, die echte Innovation erzwingen. Er braucht Prestige statt woke Purpose-PR als Leitmotiv. Nachhaltigkeit ist wichtig. Aber sie ist nicht die Emotion, die Menschen einschaltet. Ein Neubau-Verbot erzeugt keine Gänsehaut. Und er braucht wieder Dinge, über die man streitet, weil sie neu und anders sind – nicht, weil sie am grünen Tisch verhandelt wurden.
Der America’s Cup liegt vielleicht auf dem Sterbebett. Im Sinne des aktuellen Longevity-Trends, Langlebigkeit in Gesundheit mittels Verzichts zu erreichen, wird versucht, dem Cup eine Sparsamkeit und Disziplin aufzuzwingen, in der er nie gelebt hat. Ich würde mir wünschen, er verbrächte seine kommenden Jahre so, als wenn es die letzten wären: In Saus und Braus.
Max Gasser
YACHT-Redakteur
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