Wally 101Einblick in den Bau einer Superyacht

Svante Domizlaff

 · 31.01.2023

Kunst am Bau: Holz spielt eine wichtige Rolle beim aufwendigen Bau der Negativform für den Rumpf, an der sich bereits die Linien und die Dimension der Yacht erkennen lassen. Ausgespart ist der Steven, er wird später hinzugefügt.
Foto: Andrea Fiumana

Mit der richtigen Vorbereitung wird moderner Yachtbau zur Kunst. Im italienischen Forlì bauen die Wizzards von Performance Yachts eine Wally 101 aus Karbon und für einen treuen Kunden. Ein Zwischenstand zur Halbzeit.

Den Meistern des klassischen Holzbootsbaus, ihren Architekten und Handwerkern begegnen wir heute mit Respekt, ja, mit Andacht. Sie erhoben den Yachtbau einst zur Kunst. Ihre große Zeit endete da, wo mithilfe moderner Kunststoffe die Endlos-Serienproduktionen aus der Form begannen. Mit dem Werkstoff Kohlefaser näherte sich der Bootsbau mit technisch komplexen Einzelbauten einer neuen, spektakulären Bootsbauraffinesse. Hier interessiert nicht nur das fertige Produkt, sondern auch seine Entstehung. Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Bau einer Wally 101, die derzeit auf der Werft Performance Boats in Forlì bei Ravenna an der Adria entsteht. Die Zahl 101 steht für die Länge des Schiffes in Fuß (30,80 Meter). Die Ablieferung der insgesamt 48. Kohlefasersegelyacht von Wally ist für das Frühjahr 2023 geplant.

Für den deutschen Auftraggeber ist es die vierte Wally-Yacht. Sie löst eine auf dem Regattakurs außerordentlich erfolg­reiche, aber inzwischen zwölf Jahre alte Wally 100 ab. Nach drei Konstruktionen aus dem argentinisch-italienischen Designstudio von Germán Frers setzt der Eigner erstmals auf den holländischen, in Deutschland lebenden Rolf Vrolijk, einen ausgewiesenen Regattaspezialisten.

Zehn Jahre Entwicklung bei Design und Material

Wally Yachts in Monaco, inzwischen unter dem Dach der italienischen Ferretti-Werftgruppe, ist es gelungen, den vor mehr als einem Vierteljahrhundert von Wally-Gründer Luca Bassani entwickelten minimalistischen Designstil von leistungsfähigen Cruiser-Racern durchzusetzen und Wally Yachts gegen alle Nachahmer weiterhin an der Spitze der Evolution im Yachtbau zu positionieren. Der Auftraggeber des neuen Schiffes erwartet von seiner neuen Wally 101 wiederum größtmöglichen Komfort für seine Urlaubstörns und ein Geschwindigkeitspotenzial, das es ihm erlaubt, bei den Regatten der International Maxi Class ein gewichtiges Wort mitzureden.

Obwohl sein neues Schiff nur um 30 Zentimeter länger ist als das alte, unterscheiden sich die beiden Projekte doch ganz erheblich. Das ist das Ergebnis zehn weiterer Jahre technischer Entwicklungen von Design und Material. Die Wally 101 mit ihrem gleitfähigen, fast surfbrettflachen Rumpf ist mit 7,49 Meter einen knappen Meter breiter, und der Liftkiel geht mit einem Tiefgang von 6,80 Metern im Regattamodus um stattliche 1,40 Meter tiefer als bei der Wally 100, was auf Kursen am Wind ein wichtiger Faktor ist. Bei den besonders für die Performance unter Segeln wichtigen Daten kann der Neubau mit einer Amwindsegelfläche von 630 Quadratmetern punkten, gegenüber 521 Quadratmetern der Vorgängerin. Auch im Hinblick auf die Gewichtseinsparung von jetzt 56,4 Tonnen gegenüber 68 Tonnen ist das neue Boot deutlich im Vorteil. Modernes Design und Technologie sorgen insgesamt für erheblich mehr Raum unter Deck, bei überlegenen Segelleistungen.

Die minimalistische Wally-DNA ist das Bindeglied

Als Wally Yachts 1995 seine ikonische 24 Meter lange „Genie of the Lamp“ als Push-Button-automatisierten Daycruiser vorstellte, ließ sich kaum erahnen, an welchen Schrauben das Wally-Team in Zukunft weiter drehen würde. Tatsächlich sind die Entwicklungen aus fast drei Jahrzehnten Hightech-Bootsbau optisch nicht auf den allerersten Blick zu erkennen. Alle verbindet jedoch die typische minimalistisch wirkende Wally-DNA.

Ihr Erfinder Luca Bassani zu der Frage, was denn so viele Jahre der Evolution im Yachtbau seinen Schiffen gebracht habe: „Die fülligeren Linien, mit der größten Breite im Heckbereich, und eine leichtere Rumpfstruktur ermöglichen ein größeres Volumen und mehr Leistungsfähigkeit unserer Yachten. Fortschrittliche Materialien wie Prepreg-Karbongelege, Hightech­fasern für das stehende und laufende Gut sowie leichtes Titanium für die Beschläge machen die Yachten steifer, leichter und zuverlässiger. Das gilt auch für die elektronische Ausrüstung und Bedien­elemente, die alle Schiffe noch sicherer und komfortabler machen. Wir bauen weiterhin Yachten nach dem Motto ,fast and easy‘, aber heute sind unsere Kunden und ihre Crews weit mehr in die Entwicklung einbezogen. Die Erfahrungen der Eigner mit früheren Wallys bilden für uns einen unschätzbaren Fundus an Erkenntnissen. Ihre persönlichen Wünsche und Vorstellungen für das externe und interne Layout spielen bei der Planung eine viel größere Rolle, als das früher der Fall war.“

Die Wally 101 als Kunst am Bau

Performance Boats gehört zu der Handvoll Werften welt­weit, die Erfahrung mit Karbon-Einzelbauten in der Größe und Qualität von Maxi-Yachten haben. Was hier, wie im Fall der Wally 101, nach zwei Jahren Arbeitszeit den Hof verlässt, ist ein 30,80 Meter langes Stück „Tech-Art“. Auch in den unterschiedlichen Entwicklungsstadien bei der Umsetzung des Projekts kann man von Kunst am Bau sprechen, wofür die Lattenstruktur als Grundlage für die Negativform des Rumpfes nur ein Beispiel ist: ein Kunstwerk in sich selbst.

Um eine optimal glatte Außenhaut zu erhalten und den Spachtelaufwand zu minimieren, wird das Sandwich-Laminat in die Form gelegt, was erheblich aufwendiger ist als das Verlegen auf der kopfüber liegenden Positivform. Sorge um eine korrekte Durchtränkung mit Harz kann es in einer Negativform nicht geben. Das vor der Verarbeitung auf minus 18 Grad Celsius heruntergekühlte Epoxidharz der Prepregs, also des mit Harz vorgetränkten Laminats, reagiert bei Hitze und härtet in einem 440 Quadratmeter großen Ofen bei 85 Grad Celsius aus. Auf die gleiche Art und Weise entsteht anschließend das Deck der Yacht – in einem Stück. Am 22. August 2022, 15 Monate nach Baubeginn, wurden Rumpf und Deck verheiratet, sodass bald danach mit dem Lackieren des Rumpfes begonnen werden konnte. Schwanenweiß ist die Farbe der Wahl für den Neubau.

Die Bootsbauer sind die besten der Welt

Zum Abschluss kommt noch einmal Luca Bassani zu Wort: „Unsere für das Laminieren zuständigen Bootsbauer sind seit den ersten Tagen von Wally dabei. Sie gehören zu den besten der Welt, und sie haben Techniken entwickelt, um das Optimum aus den hochwertigen Materialien herauszuholen.“ Da die fertige Wally 101 mit nur 56,4 Tonnen am Kran hängen soll, wäre sie damit rund 20 Prozent leichter als ähnliche Yachten vergleichbarer Länge.

Der Neubau aus den Rechnern des Konstruktionsbüros Judel/Vrolijk ist ein klassischer Wally-Hybrid: Die Fenstergalerie am Rumpf verrät ein komfortables Innenleben, die Linien des Rumpfes und das sportliche Riggpaket versprechen Dominanz auf der Regattabahn. Im nächsten Frühjahr wird das Kunstwerk erfahrbar, vorher schauen wir uns aber das Interior an - auch das zeigen wir dann hier auf yacht.de!


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