Baltic-Superyacht„Perseverance“ – Kutter der Neuzeit

Sören Gehlhaus

 · 28.11.2022

Erhaben: Carbonrumpf, Schanzkleid und Deckshaus ragen empor. Dykstras Kutter-Riss harmoniert dennoch und läuft über 20 Knoten. Das Bronze-Metallic ist eine BMW-Farbe
Foto: Eva-Stina Kjellman
Erhaben: Carbonrumpf, Schanzkleid und Deckshaus ragen empor. Dykstras Kutter-Riss harmoniert dennoch und läuft über 20 Knoten. Das Bronze-Metallic ist eine BMW-Farbe

Sparsamkeit. Geradlinigkeit. Bodenständigkeit. Nicht unbedingt Attribute von Superyachten und ihren Eignern. Baltics knapp 40 Meter langen Neoklassiker „Perseverance“ orderte ein segelverrückter wie verbrauchsbewusster Kunde

Man wundert sich doch ein wenig. Liegt in den Crewarealen der gleiche Boden wie in den Gästebereichen? Farbe und Anmutung scheinen identisch zu sein. In Wirklichkeit ist es andersherum. Der Auftraggeber von „Perseverance“, diesem neoklassischen Kutter in Bronze-Metallic, mag es pragmatisch. Sein Ansatz: Der Ahorn-Vinylboden ist kaum vom organischen Original zu unterscheiden und dazu pflegearm wie leichtgewichtig. Viel entscheidender bei der Konzeption war es – abgesehen von den Segeleigenschaften –, die Verbrauchseffizienz und Klimaverträglichkeit des Segelns anhand einer knapp 40 Meter langen Yacht zu demonstrieren.

Verlagssonderveröffentlichung

Die Beharrlichkeit und das Durchhaltevermögen trug bereits die 18 Meter lange Vorgängerin im Namen. Im ebenso hochgezogenen Rumpf und markanten Teak-Deckshaus war eine Vielzahl an Technik verbaut, um mit wenig Crew ablegen und Wartungen selbst durchführen zu können. Mehr Geräte, um die Unabhängigkeit zu erhöhen? Dank bewährter Systeme und mächtiger Software geht die Gleichung auch bei der Großen auf. Ein externes Team von Elektroingenieuren entwickelte eine Steuerung, die den Energiehunger aller Verbraucher orchestriert. Allen voran steht die Klimaanlage als einer der stromhungrigsten Abnehmer. Die Wärme, die sie dem Innenraum entzieht, wird über einen Wärmetauscher zur Warmwasserbereitung verwendet. So gelangt der 180 Liter fassende Boiler auf 55 Grad. Nachts verändert sich das Raumklima automatisch und schrittweise von 18 auf etwa 22 Grad. Tagsüber erkennen Sensoren, wann die Kabinen leer sind und nicht gekühlt oder beleuchtet werden müssen.

Rekuperation und Effizienz sparen 70 Liter Diesel pro Tag

Vor allem aber basiert das Energiekonzept darauf, dass viel gesegelt wird. Der „Perseverance“-Erdenker heißt hier so, weil er nicht die Bezeichnung übergestülpt bekommen möchte, mit der diese Publikation für gewöhnlich Yachtbesitzer umschreibt, die anonym bleiben möchten. Das ist, wie sich im Folgenden zeigen wird, nur folgerichtig wie unprätentiös. Vor der Verdopplung der Yachtgröße charterte er viel, um Ideen zu sammeln. Und es kam wieder das gleiche Designteam zusammen: deVosdeVries für das Interieur und Dykstra für den Riss sowie die Rumpf- und Riggberechnungen. Mit der Entscheidung für Baltic Yachts war klar, dass es einen Carbon- statt einen Alurumpf geben würde. Komplexe Systeme kennen die finnischen Yachtbauer nur zu gut, man denke an „Canova“.

Ab 14 Knoten läuft der Verstellpropeller mit und erzeugt 25 Kilowatt pro Stunde. Das kostet nur ein bis zwei Knoten Speed“

„Bei 14 bis 15 Knoten läuft der Verstellpropeller mit und erzeugt 25 Kilowatt Energie pro Stunde. Das kostet gerade einmal ein bis zwei Knoten Bootsspeed“, berichtet Baltics Projektmanager Tommy Johansson an Deck stehend. Wenn sich der Anstellwinkel der Propellerflügel um 180 Grad ändert, dreht sich die Welle in entgegengesetzter Richtung, und der Elektromotor wird zum Stromerzeuger. Wer so den ganzen Tag segelt, kann in der Nacht die Dieselgeneratoren ruhen lassen. „Vollgeladen decken die Batterien bis zu neun Stunden Hotelbetrieb ab“, so Johansson, der auf die inneren Betten der mittschiffs gelegenen Gästekabinen deutet, unter denen sich eine maximale Ladungsmenge von insgesamt 200 Kilowattstunden verbirgt. Ein Lithium-Pulverfass? Entspanntes Kopfschütteln bei dem erfahrenen Finnen. „Perseverance“ erfüllt die Klassenvorgaben von DNV-GL für weltweiten Chartereinsatz. Und dazu gehört, dass die Lithium-Eisenphosphat-Batterien in fünf Millimeter dicken Stahlgehäusen lagern müssen.

„Perseverance“ loggte 10.000 Seemeilen in ersten Jahr

Neben der Energiegewinnung lag der Fokus auf hoher Verbrauchseffizienz. Für die Seewasserkühlung gibt es nur einen einzigen Pumpenmotor und einen als Redundanz. Da dessen Drehzahl aber ein Frequenzumrichter automatisch steuert, entspricht die Durchflussmenge dem tatsächlichen Bedarf der technischen Geräte wie Kühl- und Gefrierschränke. Die Generatoren – meist ist nur einer in Betrieb – laufen dank speicherprogrammierbarer Steuerung unter optimaler Last und geben Lastspitzen an die Batterien weiter. Alle Maßnahmen zusammengenommen ergeben eine Einsparung von 70 Liter Diesel pro Tag oder 9.000 Litern pro Jahr.

Im ersten Jahr loggte „Perseverance“ bereits 10.000 Seemeilen, nahezu dauerhaft mit dem Auftraggeber an Bord. Der reiste bereits zur Ablieferung nach Jakobstad an das nördliche Ende der Ostsee und bat am Abend vor dem Ablegen, in die Crewliste aufgenommen zu werden. „Während der Überführung schafften wir direkt 20 Knoten. Meist bewegen wir uns mit zwölf Knoten fort“, erzählte der Vollblutsegler unserem Schwester-Magazin BOOTE EXCLUSIV auf einem gemeinsamen Probeschlag mit Baltics Café Racer 68 vor Mallorca. Am Rad stehend versuchte er „Perseverance“, die ihren Heimathafen in Palma hat, davonzusegeln. Doch sein Kapitän Ryan Taylor hatte Vollzeug gesetzt und kassierte uns schnell ein. Der Neuseeländer ist studierter Yachtkonstrukteur und begleitete den gesamten Bau, im letzten Jahr sogar vor Ort in Finnland.

Alles ist auf reibungslosen Segelbetrieb eingestellt

Das am Rollbaum von Southern Spars gefahrene Großsegel bietet drei Reffreihen, jeweils mit Schlaufen am Achterliek, und kann durch Regattatuch mit ausgestelltem Topp ersetzt werden. Falls doch mal um die Wette gesegelt wird. Projektbetreuer Johansson schaltet sich ein: „Die Hydraulik der Segelsysteme läuft auf 250 Bar, vollständig angetrieben von elektrischen Motoren. Es gibt keine PTOs auf den Generatoren.“ Vollelektrisch fährt etwa das feste Bimini des Cockpits hoch. Die Doyle-Segel bieten vor dem Wind eine Segelfläche von bis zu 1.559 Quadratmetern und in etwa die Hälfte am Wind. Die Wanten sind aus Carbonfasern, und der Liftkiel geht vier bis sechs Meter tief. Die Arbeitsgenua ist so weit über dem Deck angeschlagen, dass ihr Unterliek in Manövern über den 5,20 Meter langen Tender hinwegweht, wenn dieser auf dem Vorschiff lagert. Decksbeschläge inklusive der Poller bestehen aus Edelstahl und nicht, wie sonst bei Baltic fast schon Usus, aus Titan. Am Rumpf oberhalb der Scheuerleiste hängen Carbonplatten, damit die außenbords geführten Schoten des Code Zero oder Gennakers nicht dem Lack schaden.

Die Frage aller Layoutfragen ist rhetorischer Natur: Natürlich schläft die Crew hinten und die Gäste vorn. Zudem bestand der Projektinitiator auf einem Doghouse vor dem Mast. „Um an Deck zu gelangen, ohne alle wecken zu müssen“, freut sich Johansson. Vom Salon geht es in zwei gespiegelt angeordnete Doppelkabinen, eine mit Einzel- und die andere mit Doppelbett. Gegenüber dem Eignerbad liegt dank Pullmanbett eine zusätzliche Schlafstätte für zwei. Das deVosdeVries-Interieur verströmt einen zeitgenössischen Industriecharme. Die Amsterdamer Gestalter lassen zwar nicht die nackte Struktur durchscheinen, aber statt Backstein- sind es CFK-Flächen mit cremeweißem Finish. Ins Loftbild passen mattschwarz eingefasste Rundspiegel, bronzen sind die Türdrücker und Armaturen in den Bädern. Grauweiß gebeizte Eiche ist das Hauptholz, im Wechsel mit Ahorn auf den Möbeln, gemäß Baltics Leichtbauphilosophie als Furnier auf einem Carbon-Schaumkern-Sandwich.

Der Mast wird zum Kunstwerk

Eher unüblich sei es, so Johansson, den Mast, der mit 120 Tonnen auf den Fuß drückt, nicht zu verkleiden. Auf „Perseverance“ wird er zum Kunstwerk. Zwar ohne Vitrine, dafür aber mit praktischen Sitzgelegenheiten rundherum. Sie ziert stark ornamentiertes Leder, dessen Schwarzrot an Westernsättel oder Reitstiefel denken lässt. Es findet sich auch an Wänden oder auf Tischen wieder, die stets Schlingerleisten umgeben. Haltemöglichkeiten stehen im Einmeterradius bereit, sodass der Weg zur Lounge vor dem Motorenraum auch bei ordentlich Seegang sicher gelingt.

Von hier kann dem Chef zugeschaut oder – bei hochgefahrener Trennwand – ein Kinoabend genossen werden. Noch in der Gästeumgebung, die übrigens exakt gleich ausgebaut ist wie die Crewquartiere, stehen eine Espressomaschine made in Germany (ECM) und ein Weinkühler bereit. Die Galley dominieren Corian-Oberflächen mit Hohlkehlen und diverse Küchengeräte für komfortable Autonomie auf langen Törns. Backbords geht es in den halbhohen Motorenraum mit E-Motor und den beiden Generatoren (in Carbonboxen!), die mit je 120 Kilowatt Leistung nach IMO-Richtlinie keine Abgasnachbehandlung erfordern. Weiter achtern folgt die Crewmesse, prominent im Deckshaus und gegenüber der Navi-Ecke angesiedelt.

Rumpfklappe kompensiert geschlossenes Heck

Beim Heraustreten in das Arbeitscockpit fällt auf, dass die Teakaufbauten nicht gleichmäßig glänzen. „Sie sind nicht lackiert und müssen einmal im Monat geölt werden“, klärt Tommy Johansson auf. Im eingeschnürten Heck bietet der klassische wie schmale Spiegel keine Öffnungsoption. Boarding und Proviantierung geschehen über eine sich hydraulisch öffnende Rumpfklappe an Backbord. Die dazugehörige Carbontreppe lagert in zerlegter Form im breiten Laufdeck. Allenthalben finden sich klassische Anleihen. Da sind der 3,80 Meter lange, anlaminierte Bugspriet mit Ausbäumern, beides aus Carbon, das stattliche Wasserstag und ein Klüvernetz aus Dyneema. Der Anker wiederum fährt aus dem Unterwasserschiff heraus. Die von Dykstra ausgearbeitete Optik ist markant, die beiden Deckshäuser kann keine noch so hohe Krängung kaschieren. Aber sie passen ins Gesamtbild, auch weil das Teak weiße Kompositdächer deckeln.

Teak – geölt, nicht lackiert

Vor dem Hintergrund des technokratischen Fundaments nimmt sich die funkelnde Bronzehülle beinahe flamboyant aus. Die Farbwahl stellte eines der wenigen Wagnisse dar, noch dazu in Metallicausführung. Auf dem Wasser hätten Reflexionen zu unerwünschten Effekten führen können. Obwohl er den Bronzeton, der kurz vor der Patinabildung zu stehen scheint, von BMW und seiner alten Yacht kannte, sicherte sich der Auftraggeber ab: Zuerst kam ein postkartengroßes Farbsample, das war aber nicht aussagekräftig genug. Das nächste besaß die Maße eines Wandkalenders und überzeugte vollends.

„Perseverance“ lässt sich auch chartern

Den Pragmatismus wortwörtlich auf die Spitze könnte der Carbonmast treiben. Projektmanager Tommy Johansson schmunzelt, als er sich ausmalt: „Wieso nicht den Hohlraum als Hochdrucktank für Wasserstoff nutzen und die Generatoren durch Brennstoffzellen ersetzen?“ Erscheint nicht unmöglich, Autos nutzen bereits Kohlefasertanks für Flüssigwasserstoff, der jedoch auf minus 253 Grad heruntergekühlt werden muss.

Auf „Perseverance“ funktionieren pragmatische Lösungen auch in die andere Richtung: So klappt aus der Decke der Eignerkabine ein TV ab, obwohl das ursprünglich alles andere als geplant war. Doch der Projektinitiator ließ sich davon überzeugen, dass diese Maßnahme maßgeblich zum Erfolg auf dem Chartermarkt beitragen würde. Denn den besegelt die überaus durchdachte 40-Meter-Baltic auch. Allerdings ist kein Broker dazwischengeschaltet, digitale Anlaufstelle ist die Website perseverance-charter.com. Sie informiert transparent über die Verfügbarkeit und lässt direkte Anfragen nach der Charterrate zu. Im Winter geht es in die Karibik – auf eigenem Kiel und garantiert mit dem segelverrückten Auftraggeber.


Video-Rundgang über die “Perseverance”


Technische Daten „Perseverance“

  • Länge über alles: 39,60 m
  • Rumpflänge: 35,80 m
  • Länge (Wasserlinie): 31,03 m
  • Breite: 7,87 m
  • Tiefgang: 4,00–6,00 m
  • Verdrängung: 103 t
  • Ballast: 30 t
  • Material: Prepreg-Carbon
  • Rigg: Hall Spars, Southern Spars
  • Stehendes Gut: Future Fibres, ECsix
  • Segel: Doyle Sails
  • Segelfläche (vor dem Wind): 1559 qm
  • Segelfläche (am Wind): 754 qm
  • E-Motor: 1x Danfoss Editron PM, 280 kW
  • Generatoren: Volvo D7TA, 2 x 120 kWe
  • Batterien: LFP, 2x 100 kWh
  • Konstruktion: Dykstra Naval Architects
  • Exteriordesign: Dykstra Naval Architects
  • Interiordesign: deVosdeVries Design
  • Klasse: DNV-GL 1A
  • Werft: Baltic Yachts, 2021
Foto: Werft

Dieser Artikel erschien zuerst bei unserem Schwester-Magazin BOOTE EXCLUSIV


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