International 110Erschwinglicher Segelspaß mit Bleistiften auf dem Wasser

Dieter Loibner

 · 03.05.2026

Das Kanuheck mit dem untergehängten Ruder ist typisch für die 110.
Foto: Dieter Loibner
​Sie sind schmal, auch achtern spitz und sportiv: Die 1939 von C. Raymond Hunt konstruierten Kanuheck-Kieljollen vom Typ International 110 leben im Downsizing-Trend wieder auf.

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E​s war ein grauer Septembermorgen in Port Madison am Nordende von Bainbridge Island im US-Bundesstaat Wa­shington, doch im Klubhafen gab’s Farbe satt. „Wie ein Kasten Buntstifte“, kommentierte ein Segler angesichts der am Steg aufgereihten superschlanken Doppelender. Vorne spitz, hinten spitz, dazwischen entweder Sperrholz oder GFK in Rot, Grün, Blau, Weiß, Orange oder Klar lackiert. Ein Dutzend dieser einzigartigen Boote hat sich eingefunden, um den Meister der US-Westküste zu ermitteln und die Wiederbelebung der lokalen Flotte zu feiern, deren Betrieb mangels Teilnehmern jahrelang ruhte.


Weitere besondere Boote:


Die Wiege des International 110 liegt in Neuengland, wo auch C. Raymond Hunt ansässig war, der dieses Boot Ende der 1930er-Jahre entwarf. Der Anreiz war, nach Jahren der wirtschaftlichen Depression ein Boot zu schaffen, das durch geringe Herstellungs- und Unterhaltskosten ein breites Publikum ansprechen würde. Lizenzierte Werften wie Lawley in Neponset oder Graves in Marblehead produzierten die Boote aus dem damals revolutionären Bootsbau­sperrholz. Später wurden 110s auch im Mittleren Westen und an der Westküste hergestellt, auch aus GFK. Man schätzt die Gesamtzahl auf etwa 750 Boote, von denen derzeit noch rund 75 in den USA aktiv sind. Rufpreise auf der Klassenwebseite reichen je nach Zustand von lau bis 10.000 US-Dollar.

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​C. Raymond Hunts erschwingliches Segelboot-Konzept

„Mir kam schlicht der Gedanke, Boote zu entwerfen, die nicht so verdammt teuer sind“, gab Konstrukteur Hunt zu Protokoll, der auch die Concordia Yawl entwarf, die in der Nachkriegszeit bei Abeking & Rasmussen an der Weser für den US-Markt gebaut wurde. Ebenfalls aus seiner Feder stammen die populären Boston Whaler.

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Dabei handelt es sich beim 110, der gern auch als Urahn der Sportboote bezeichnet wird, um eine Sparversion des 225. Der war mit 10,7 Meter Länge deutlich größer und schneller, aber auch zu kostspielig für den Bau in Großserie. Hunts Design-Idee mit einem schmalen, effizienten Knick­spant-­Rumpf, der aus einem flachen Boden, fast senkrechten Seitenwänden und einem spitz zulaufenden Heck bestand, ließ sich aber auch trefflich nach unten skalieren. Kleiner bedeutete zugleich billiger und praktischer.

​Kurzer Kiel, schmaler Rumpf, gutmütiger Charakter

Der kurze Eisenkiel eines 110s hat nur 84 Zentimeter Tiefgang, doch auf ihn entfallen mit 300 Kilogramm etwa drei Viertel des Gesamtgewichts von 412 Kilogramm. Im Vergleich zu modernen Performance-­Booten kommen diese 7,32 Meter langen und 1,27 Meter schmalen International 110s mit einem auffällig kurzen Rigg aus. Bei einer Masthöhe von 6,70 Meter und einer Amwind-Segelfläche von 14,6 Quadratmeter wirken sie fast unterpowert, doch mehr braucht das Boot nicht. Das limitiert nicht nur die Beschaffungskosten für Segel, es begünstigt auch die Teilnahme von gemischten Teams.

Wie viele andere Oldtimer-Klassen mussten sich auch die International 110s dem Wandel der Zeit anpassen. Neben asymmetrischen Spinnakern, verschiedenen Vorsegeln, Doppelboden und Leinenführung ins Cockpit waren die Zulassung von GFK-Rümpfen und die Einführung des Trapezes von entscheidender Bedeutung, ohne allerdings den Bootscharakter zu ruinieren. „Der 110 hat eine gut beherrschbare Segelfläche und bleibt stets gutmütig“, erklärt Brendan Meyer, einer der Top-­Skipper aus Kalifornien mit Erfahrung auf modernen Sportbooten. Der spätere Sieger segelt ein knallrotes, einfach gehaltenes Holzboot, das schon einige Jahrzehnte im Kielwasser hat.

​Senioren auf der Regattabahn

Äußerst relaxt auch die Atmosphäre beim Skippers’ Meeting auf der Klubterrasse in Port Madison. Man sah sonnengegerbte Gesichter, die sich auf verschiedenste Altersklassen aufteilten, von Master (45–54) bis Great Grand Master (65+). Gesprächsthemen waren nicht nur Abenteuer auf der Regattabahn, Bootstrimm und Geschwindigkeit, sondern auch Hörgeräte, künstliche Gelenke und Herzschrittmacher.

Am Wasser dann die Stunde der Wahrheit. Es herrschte meist Leichtwind wie auf einem Alpensee, plus leichte Gezeitenströmung. Bei diesen Bedingungen mussten die Senioren auf der Kreuz im engen Cockpit kauern oder gar das leeseitige Trapez zu Hilfe nehmen, um die gewünschte Krängung zur Reduktion der benetzten Fläche herzustellen. Vor dem Wind rutschten die 110s scheinbar mühelos durchs Wasser, ohne erkennbare Heckwelle, allerdings nach Luv gekrängt, mit weit nach Luv geschoteten Spinnakern. Etliche Teams lockerten ihre Wanten mit einem Handgriff, um die Mastspitze für bessere Anströmung des Großsegels nach vorne zu neigen. Ebenfalls auffällig war, wie sich die reifen Semester in die Rollwenden warfen und unter dem niedrigen Großbaum durchtauchten, von Rost keine Spur.

​Skip Allan – mit 77 Jahren US-Meister

Schon gar nicht bei Skip Allan, dem legendären Blauwasser-Veteranen, der nicht nur für seine seglerischen Leistungen, sondern einst auch für die Rettung zweier Segler ausgezeichnet wurde, die er vor dem Ertrinken bewahrte. „Die 110er haben sehr gute Skipper und wunderbare Leute in der Klasse, die alle in einem ähnlichen Alter sind und sich mit ähnlichen Pro­ble­men herumschlagen“, erklärte er schmunzelnd beim Skippers’ Briefing. Im Jahr 2022 holte Allan als 110-Einsteiger gleich die nationale Meisterschaft in einem packenden Fotofinish, das er praktisch auf der Ziellinie der letzten Wettfahrt zu seinen Gunsten entschied. Er war damals 77 und ist damit der bisher älteste US-Meister der Klasse.

Um diese Regatta von praktisch null auf die Beine zu stellen, brauchte es allerdings ein paar Jahre Vorlaufzeit, denn es musste erst der Grundstein für den erfolgreichen Aufbau einer tragfähigen Flotte gelegt werden. Es galt, dem Abbau der eta­blier­ten Skiff- und Dingiklassen entgegenzuwirken, die unter Mitgliederschwund litten, weil Anschaffungs-, Material- und Unterhaltskosten ausuferten und so auch der Nachwuchs abhandenkam.

„Man braucht Boote und Segler, gegen die man gerne antritt, aber ein passender Bootsliegeplatz und Zugang zum Wasser sind genauso wichtig“, erklärt Zigmond Burzycki, seines Zeichens ehemaliger Händler von Van­guard-Segelbooten im Raum Seattle und einer der beiden Flottengründer. Unterstützt wurde er von James „Kimo“ Mackey, Inhaber des historischen Second-Rule-Sechsmeters „Saga“, den Bjarne Aas im Jahr 1935 entworfen hatte (siehe YACHT 9/2014). Mackey beklagte das Problem, geeignete Crew für seinen Sechser zu finden, der nun schön wie eh und je, aber ungesegelt an seiner Muring schwojt.

So kam es, dass Burzycki während des Covid-Lockdowns auf einer Boots­tour im Puget Sound einen alten International 110 erblickte, der von der Eignerin als Daysailer genutzt wurde. Weitere Nachforschungen ergaben, dass International 110s, die an der Ostküste und in Kalifornien noch in guter Anzahl segelten, vor allem mit Umsteigern aus bekannten Klassen, die ihr Segelhobby fortsetzen wollten, mit gleich viel Spaß, doch ohne die Umstände und Auslagen. Dazu kam, dass die ehemalige 110-Flotte in Seattle darauf wartete, wachgeküsst zu werden, und dass andernorts genug Gebrauchtboote des Typs Gut & Günstig zu haben waren.

​Bootsjagd an der Westküste

Der nächste Schritt war die Beschaffung dieser guten und günstigen Boote, die Zig Burzycki und Kimo Mackey aus eigener Tasche erwarben, um sie später an motivierte Interessenten zu verkaufen. Bauformen existieren noch, aber produziert wurden diese Boote schon seit geraumer Zeit nicht mehr. Also bereisten Mackey und Burzycki die westlichen USA und schauten auch bei der kalifornische Flotte in Inverness nahe San Francisco vorbei, wo sie fündig wurden und mehrere GFK-Boote neueren Datums mit Doppelboden und moderner Beschlagsausrüstung erstanden, plus ein bestens erhaltenes naturlackiertes Holzboot.

„Zig und Kimo haben mich aus heiterem Himmel kontaktiert“, erinnert sich Klassenpräsidentin und Vermesserin Milly Biller, 72. Von Beruf ist sie Bootsbauerin, und 110er segelt sie seit ihrer Kindheit. Wenn jemand ein Boot kaufen oder loswerden möchte, ist sie die erste Anlaufstelle. „Eines Tages rief mich einer an, der einen 110er mit Google Earth gefunden hatte, auf einem Lagerplatz in Los Angeles“, so Biller. Wegen unbezahlter Rechnungen des Besitzers war das Boot verpfändet, deshalb verscherbelte der Inhaber des Geländes es an den Suchenden. Der wiederum tauchte irgendwann beim ehemaligen Eigner auf, um Segel und Ausrüstung abzuholen – just „als die Polizei diesen im Rahmen einer Drogenrazzia verhaften wollte“, lacht sie.

​Moderne Bausätze für eine historische Klasse

Da eine Serienproduktion von International 110s nicht praktikabel ist, beauftragte Burzycki Brandon Davis von Turn Point Design in Port Townsend, Washington, mit der Entwicklung eines Bausatzes für ein GFK-Sandwich-Boot, das vor Ort professionell gebaut wurde, wobei penibel auf die Einhaltung der Klassenvorschriften zu achten war, um Kompatibilität zu existenten Booten zu wahren. „Traditionell wurden die Rümpfe aus geformtem Sperrholz gebaut“, erklärte Konstrukteur Davis, „doch um zehn Millimeter Sperrholzplatten in die gewünschte Form zu bekommen, braucht es richtig Power, ein Dutzend Spanngurte, stabile Spanten und viel Beharrlichkeit.“ Im Endeffekt wurden Rumpfboden und Deck des Prototyps aus GFK-Sandwich gebaut und die Bordwände aus Sperrholz.

Vorangegangen mit der Entwicklung eines 110er-Bausatzes für Sperrholz war Steve Clark ein erfolgreicher Segler an der US-Ostküste, der in den 1980ern Inhaber der Werft Vanguard Sailboats war, die unter anderem Sunfish und olympische Bootsklassen wie 470er und Finn Dinghy baute.

​Gelassenheit statt Kommerz

Die Rumpfform wurde von einem befreundeten Techniker mittels 3D-Scanner von einem GFK-Boot abgenommen, ehe Clark die Daten am Computer bearbeitete und damit den Entwurf sukzessive verfeinerte. Danach erstellte er Schnittdateien für eine CNC-Maschine, die er an Chesapeake Light Craft sandte, eine Firma, die Bausätze für kleine Sperrholzboote vertreibt. Dort erfolgte der Zuschnitt der Platten, die postwendend an Clark zurückgingen, der daraus seinen International 110 baute. Für Amateure sei ein derartiges Projekt zu komplex bemerkte Clark, doch wer unbedingt einen neuen International 110 möchte, kann nun aus zwei Bausätzen wählen und einen Profi mit dem Zusammenbau beauftragen.

Noch ist es aber nicht so weit, denn der Gebrauchtbootmarkt befriedigt die Bedürfnisse, auch weil viele Segler Restaurierungen selbst vornehmen. „Die 110er-Klasse hat talentierte Segler“, urteilte Kris Bundy, ein ehemaliger Weltmeister der I-14 Skiffs, „doch trotz ihres Ehrgeizes bleiben sie entspannt.“ Heutzutage pendelt er aus dem Mittleren Westen, um bei Regatten der wiederbelebten 110er-Flotte in Port Madison mitzusegeln, wo man die Kunst der Gelassenheit beherrscht.


​Technische Daten International 110

Das nur 1,27 Meter breite Gefährt ähnelt einem ­Segelkanu, ist aber mit Ballast unterwegs.Foto: Dieter LoibnerDas nur 1,27 Meter breite Gefährt ähnelt einem ­Segelkanu, ist aber mit Ballast unterwegs.
  • Konstrukteur: C. Raymond Hunt
  • Rumpflänge: 7,32 m
  • Wasserlinienlänge: 5,49 m
  • Breite: 1,27 m
  • Tiefgang: 0,84 m
  • Gewicht (min., o. Segel): 412 kg
  • Segelfläche: 14,6 m²
  • Website Klasse: 110class.com

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