Es gibt sie nicht oft, diese Frühjahrstage, wenn der Greifswalder Bodden daliegt wie in Blei gegossen. Ein Hoch spannt sich dann über die pommersche Küste, lässt nachts die Sterne und morgens den Raureif an Deck funkeln. Ende März, als die neue Y7 erstmals segelklar an der Pier des Flusses Ryck liegt, der Greifswald direkt mit der Ostsee verbindet, ist so ein Tag.
Michael Schmidt, der Werftgründer, der hier 30 Jahre zuvor schon HanseYachts groß gemacht hat, will sein jüngstes und wichtigstes Modell auf dem Wasser erleben. Die Ingenieure von Judel/Vrolijk & Co, erstmals für YYachts am Start, sind eigens aus Bremerhaven angereist, um Segeleindrücke der imposanten Konstruktion zu gewinnen. Doch als sich die 22-Meter-Yacht unter Maschine kaum hörbar von der Mole absetzt, regt sich noch kein Lüftchen.
Weiter draußen, immerhin, dreht sich im Topp des fast 35 Meter hohen Kohlefasermasts träge der Windmesser. Da oben weht es mit vier bis fünf, in der Spitze kurzzeitig auch mal mit sieben bis acht Knoten. Bis zur Wasseroberfläche setzt sich die leichte Brise jedoch nicht durch. Jedes herkömmliche Fahrtenboot würde bei diesen Druckverhältnissen zur Treibboje. Auch für die Y7 sind es durchaus herausfordernde Bedingungen.
Die 72-Fuß-Luxusyacht ist zwar komplett aus Carbon-Sandwich gebaut und leichter als die meisten ihrer Wettbewerber. Ihr achterstagloses Rigg, abgespannt über extrem breite, stark gepfeilte Salinge, ermöglicht ein Squarehead-Großsegel mit weit ausgestelltem Topp und 180 Quadratmeter Fläche – mehr als ein Volleyballfeld. Beim ersten Test bringt das Boot mit Code Zero insgesamt 500 Quadratmeter tiefschwarzer Technora-Membran an den Wind. Doch zieht da auch das Äquivalent eines loftartig gestalteten Apartments mit vier Schlafzimmern, ebenso vielen Bädern, Küche, Wohn-, Esszimmer und Boat-Office durchs Wasser.
Tatsächlich sind die Erwartungen der Crew, sagen wir, vorsichtig verhalten. Aber kaum stehen die Segel flach durchgetrimmt, tickern die Zahlen der Logge am Mastdisplay munter nach oben, bis sie annähernd denen des Windsensors entsprechen: 5,0 Knoten … 5,8 … 6,4 … 7,0 … 6,7. Es wirkt wie ein leises Wunder in der kühlen, sonst fast regungslosen Witterung.
Matthias Bröker von Judel/Vrolijk & Co, der die Y7 maßgeblich konstruiert hat, staunt noch Wochen danach über den Moment: „Wie sie sich im ölglatten Wasser ihren eigenen Wind gemacht hat, das war schon surreal“, schwärmt der Designer.
Dafür, mit dem Wind um die Wette zu segeln und anderen Yachten zu enteilen, wurde sie konzipiert. Leicht abrufbare Leistung ist einer, wenn nicht der Markenkern von YYachts. Daneben zeichnet die Boote eine eigene Ästhetik aus. Die schieren Rumpflinien und der flache, lotrechte Kajütaufbau prägen die Erscheinung. Michael Schmidt spricht von „zeitloser Eleganz“, was es gut trifft. Auch zehn Jahre nach der Werftgründung wirken die ersten Entwürfe heute noch frisch und unverwechselbar.
Das allererste Boot, die Y8 „Cool Breeze“, baute der umtriebige Unternehmer 2015 noch für sich selbst, weil er am Markt nicht fand, was er suchte. „Zu schwer, zu überladen, zu konservativ, zu kompliziert“ fand er die Modelle der etablierten Konkurrenz. „Da sprang bei mir kein Funke über.“ Er wollte eine Yacht, die er auch allein bedienen kann, die früh anspringt. „Ein Boot, das du fühlen kannst.“
Es sollte sein Ruhestandsprojekt werden nach 20 Gründerjahren bei HanseYachts, in denen er die Marke zur drittgrößten Werft der Welt entwickelt und erfolgreich an die Börse gebracht hatte. Wer ihn kennt, ahnte gleichwohl damals schon, dass es kaum bei der Baunummer eins bleiben würde. „Cool Breeze“ war eher eine Brücke, die ihn vom preissensitiven Serienbootsmarkt direkt ins Luxussegment führte, just als dort ein ungeahnter, bis heute kaum gebrochener Boom begann.
Die Kohlefaser-Bauweise war von Beginn an einer der Schlüssel für den Erfolg von YYachts. Die höhere Festigkeit und das geringere Gewicht ermöglichen gute Segelleistungen, ohne dass Eigner Komforteinbußen hinnehmen müssen. Im Gegenteil, die Lasten auf Schoten und Fallen sind niedriger, Komponenten wie Mast, Baum, Segel, Winschen können leichter dimensioniert werden – was wiederum die Verdrängung drückt. Eine Negativspirale mit höchst positiver Wirkung, zumal sie letztlich auch hilft, den Preis im Rahmen zu halten.
Die erste Y7 kam 2018 auf den Markt, ein Entwurf des amerikanischen Superyacht-Konstrukteurs Bill Tripp. Sie wurde zum Aushängeschild der Werft: Stilikone und Erfolgsmodell zugleich. Kein anderes Boot dieser Größe und Ausrichtung traf auf so große Nachfrage; insgesamt hat die Werft 25 Einheiten verkauft.
Ihre Nachfolgerin zu zeichnen vergleicht Judel/Vrolijk-Designer Jan Kuhnert mit dem Auftrag, „die nächste Modellgeneration des Porsche 911 zu entwickeln“ – ein Balanceakt zwischen der sensiblen Wahrung des Erbguts einerseits und entschlossener Modernisierung andererseits.
Diese durchaus diffizile Aufgabe haben die Ingenieure, die auch die gesamte Strukturberechnung übernahmen, bemerkenswert gut gemeistert. Aus allen Perspektiven wirkt die neue Y7 gespannter, gestreckter, aufregender.
Der leicht negative Deckssprung lässt sie im Vorschiff wie zum Sprung bereit wirken und bringt zudem den Anschlagpunkt von Gennaker und Code Zero nach unten. Der Heckspiegel ist breiter, aber wesentlich flacher, was dem Boot von achtern eine aparte Leichtigkeit gibt.
Nicht sichtbar, aber sehr wohl spürbar ist die deutlich höhere Steifigkeit. Matthias Bröker beziffert den Zuwachs auf 30 Prozent. Er beruht auf höherer Formstabilität und einem niedrigeren Massenschwerpunkt – Maßnahmen, welche die Reffgrenze nach oben verschieben und bei gemäßigten Bedingungen aufrechteres, effizienteres Segeln ermöglichen. Das Verhältnis von aufrichtendem Moment zu Krängungsmoment verbesserte sich um immerhin 25 Prozent.
Insgesamt elf für die Segelleistung relevante Parameter optimierten die Ingenieure aus Bremerhaven in Dutzenden von Iterationen, bis sie gemeinsam mit dem Entwicklungsteam der Werft die finale Form der Y7 festlegten. „Als Konstrukteure waren wir gefordert, viel mehr Volumen unter Deck zu schaffen, beim Segeln aber mindestens nichts an Performance zu verlieren, im besten Fall etwas zu holen“, sagt Bröker.
Dass diese Quadratur des Kreises gelungen ist, belegte nicht nur der erste Probeschlag auf dem Greifswalder Bodden. Noch eindrücklicher zeigte sich das Potenzial auf der Überführung von der Ostsee ins Mittelmeer, wo das Boot Anfang Mai seine Weltpremiere auf der Palma Boat Show feierte.
Klaus Kurzweg, der Skipper, der seit 2019 auf verschiedenen Vorgänger-Y7 an die 50.000 Seemeilen geloggt hat, surfte im Ärmelkanal bei 25 bis 28 Knoten Wind von schräg achtern nur unter Selbstwendefock und einfach gerefftem Groß „drei, vier Stunden nonstop, obwohl wir wenig Welle hatten“. Topspeed: 20,7 Knoten durchs Wasser, im Mittel um die 17 Knoten. „Sie lief wie auf Schienen.“ Als er auf den Balearen festgemacht hatte, sagte er: „Ich war in die alte Y7 verliebt und skeptisch, ob die neue da rankommt. Aber sie hat wirklich deutlich mehr Power.“
Lediglich die stramme Steuerung trübte den Segelspaß etwas. Die Doppelruderanlage arbeitete auch lastfrei an der Pier mit spürbarem Anfangswiderstand. Die Werft hat das Schubstangen-Steuersystem inzwischen bereits modifiziert.
An wie unter Deck hat die Y7 ebenfalls enorm gewonnen – weit mehr, als der Zuwachs in der Breite um 30 Zentimeter suggeriert. Der Raumgewinn liegt nicht nur durch die gedrungenere Rumpfform, sondern auch dank der konsequenteren Ausnutzung des Volumens eher im Bereich von 20 Prozent.
Erlebbar wird das im Salon, an den im Standardlayout vor dem Hauptschott an Steuerbord die U-förmige Pantry anschließt, an Backbord eine Art Lounge, die sich aber auch zum Büro oder abgetrennt zu einer Gästekammer ausbauen lässt. Wer diese Option nicht wählt, bewahrt den offenen Charakter des Salons, der dann optisch so weitläufig wie auf einer 80-Fuß-Yacht wirkt.
Ähnlich üppig die Eignerkammer, die in allen Ausbauvarianten vorn liegt. Sie verfügt über eine leicht außermittig montierte Doppelkoje, die bequem von drei Seiten erreichbar ist. Auf Wunsch schließt sich ein begehbarer Kleiderschrank an. Auch die optionale VIP- Gästekabine steuerbord achtern ist neu. Sie schränkt jedoch das Crew-Quartier etwas ein, das dann ohne eigene Messe auskommen muss.
Eigner können aus drei Grundlayouts wählen, die noch mal fünf Variationen erlauben. Das alles gibt es in vier verschiedenen Stilrichtungen, von dunkel-gediegen (die Werft nennt es Baltic) bis frisch und hell (Glacier, wie auf der Baunummer eins). Daraus allein lassen sich knapp drei Dutzend unterschiedliche Kombinationen konfigurieren, durch die das Boot extrem gut individualisierbar wird: für den Betrieb mit permanent an Bord lebender Profi-Crew etwa, aber auch für ein Eignerpaar mit Familie, das nur gelegentlich einen bezahlten Bootsmann zur Hilfe an Bord holt. Das Personal kann über einen eigenen Niedergang an Deck gelangen. Dieser liegt vor dem Großschotblock und ist so nahtlos in den achteren Abschluss der Plicht integriert, dass er fast unsichtbar bleibt – ein Detail, das man sonst nur bei Superyachten findet. Auch der sorgfältig isolierte Motorraum ist darüber erreichbar. Zusätzlich gibt es einen Zugang von vorn über den zentralen Techniktunnel, in dem sich die Waschmaschine und weite Teile der Elektrik verstecken.
Möglich macht das der seitlich nach Backbord versetzte Niedergang von der Plicht zum Salon, der noch weitere Vorteile bietet. So bleibt das Gästecockpit unbeeinträchtigt von den Laufwegen – eine heute gängige Auslegung im Luxussegment. Steuersäulen, Elektrowinschen, Fallenstopper und Leinenboxen schließen sich achtern an, sodass die Decksfläche klar segmentiert ist. Gut auch: Wer die Y7 aktiv segeln und trimmen will, muss niemanden aufs Laufdeck in Lee abkommandieren, denn die Winden stehen auf erhöhten Podesten weiter mittschiffs als auf der Vorgängerin, wo man geschützter holen und fieren kann.
Während die Baunummer eins nach der Messe in Palma bereits in Eignerhand segelt, geht die Zwei in Greifswald demnächst zu Wasser. Und Aufträge für drei weitere Yachten liegen schon vor. Segelfertig kosten sie in der Regel zwischen 3,2 und 3,6 Millionen Euro netto. Spricht alles dafür, als würde die Y7 ihren Erfolgskurs sehr dynamisch fortsetzen. YYachts, so scheint es jedenfalls, hat sich zum 10-jährigen Jubiläum das erste Geschenk selbst gemacht. Und im September folgt mit der neuen Y6 gleich das nächste.

Herausgeber YACHT
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