Michael Good
· 31.01.2026
Dass ausgerechnet große und teure Yachten in wirtschaftlich angespannten Zeiten starken Absatz finden, wirkt zunächst widersprüchlich – ist aber Realität. Die führenden Serienhersteller treiben ihre Programme konsequent in das gehobene Segment von 50 Fuß Länge und mehr. Sie haben in jüngster Zeit auch wieder intensiver im Luxussektor entwickelt und den Markt mit einer neuen Generationen von attraktiven, einfallsreichen und wandlungsfähigen Yachten bereichert.
Ein gutes Beispiel für diese Entwicklung ist die neue Oceanis 52 von Beneteau. Das aktuelle Flaggschiff der Fahrtenreihe tritt die Nachfolge der Oceanis 51.1 an – eines der größten Verkaufserfolge des Branchenprimus. Mehr als 420 Einheiten sind in acht Jahren Bauzeit vom Band gelaufen, ein bemerkenswerter Ausstoß für ein Boot dieser Größenklasse. An diese Erfolgsgeschichte soll die neue 52er nun anknüpfen. Die Voraussetzungen dafür scheinen günstig: Schon kurz nach der Markteinführung sind über 40 Boote fest bestellt.
Für den Entwurf zeichnet Roberto Biscontini Yacht Design verantwortlich. Zusammen mit Landsmann Lorenzo Argento hat der Italiener bei Beneteau zuletzt sowohl die luxuriösen Fahrtenyachten wie die Oceanis Yacht 54 und Oceanis Yacht 60 als auch die deutlich sportlicher positionierten First 44 und First 53 entwickelt. Diese Doppelrolle zwischen Komfort- und Performance prägt nun auch das Konzept, die Optik und die Konstruktion der neuen Oceanis 52. Sie positioniert sich in der Schnittmenge aus Cruising, Sport und Luxus und soll je nach Anspruch und Nutzung stimmige Kompromisse eingehen.
Zentraler Baustein dieses bewusst offen angelegten Konzepts ist die große Wandelbarkeit. Besonders deutlich wird dieser Ansatz beim Rigg. Serienmäßig wird die 52er mit Rollmast und Selbstwendefock ausgeliefert – eine auf einfache Handhabung und entspanntes Reisen ausgelegte Konfiguration, die sich auch für den Charterbetrieb eignet. Alternativ stehen ein klassischer Mast mit teilweise durchgelattetem Großsegel sowie auf Wunsch eine überlappende Genua zur Wahl. Wer den sportlichen Anspruch weiter schärfen möchte, entscheidet sich für das Performance-Rigg. Für alle Varianten sind sowohl Dacron- als auch hochwertige Laminatsegel erhältlich.
Das Testboot, die Baunummer eins, ist ebenfalls mit dem optionalen Performance-Paket „First Line“ ausgestattet. Der fast zwei Meter höhere Dreisalingmast trägt knapp 50 Quadratmeter mehr Segelfläche als die Standardversion – ein Plus von 52 Prozent. Entsprechend steigt die Segeltragzahl von 4,0 auf rund 4,9 und markiert damit bereits den Übergang vom klassischen Fahrtenboot zum Performance-Cruiser.
Dass sich die Französin in dieser Doppelrolle wohlfühlt, zeigt sie beim Test vor Barcelona, wo die Oceanis 52 für die Wahl zu Europas Yacht des Jahres 2026 antritt. Bei 18 bis 20 Knoten Wind kreuzt der rund 14 Tonnen schwere Cruiser auf einem guten Wendewinkel von etwa 85 Grad mit 7,8 Knoten Fahrt – beachtliche Werte, zumal der Test von rund zwei Metern Welle begleitet wird.
Am Wind segelt die Probandin ausgewogen und zugleich erfreulich steif. Der füllige Biscontini-Rumpf steuert dazu spürbar viel Formstabilität bei – dank flacher Spanten vor allem im achterlichen Rumpfbereich sowie einer ausgeprägten Aufkimmung. Die Krängung bleibt auch bei zunehmendem Druck maßvoll und gut kontrollierbar, trotz eines Ballastanteils von lediglich 23 Prozent in der Bombe des serienmäßigen T-Kiels mit 2,36 Metern Tiefgang. Allerdings geben die zwei Ruderblätter nur wenig Rückmeldung. Das Gefühl am Rad bleibt indifferent, sauberes Steuern am Wind und in der Welle erfordert erhöhte Aufmerksamkeit.
Das Handling stimmt grundsätzlich. Die vielen Schoten, Fallen und Trimmleinen werden ausnahmslos unter Deck bis zu den großen Winschen vor den Steuersäulen umgelenkt. Das erfordert einen überlegten Umgang mit den zahlreichen Funktionen sowie eine gute Manövervorbereitung. Mit etwas Übung und Know-how kommen mit diesem Layout jedoch auch Einhandsegler zurecht. Käufer sollten allerdings die Option auf elektrische Winschen in Betracht ziehen, die Lasten auf den Schoten sind erheblich.
Hinzu kommt die serienmäßige Großschotführung als Hahnepot, die noch vor dem Niedergang auf etwa halber Großbaumlänge angeschlagen ist. Der Kraftaufwand zum Dichtholen und Trimmen des Großsegels ist bei Wind entsprechend hoch und von Hand über die Winsch kaum noch zu bewältigen. Abhilfe kann der optional erhältliche Targabügel über dem Cockpit schaffen. Mit der weiter achtern angeschlagenen Großschotführung wird das Trimmen deutlich effizienter und spürbar kraftschonender. Zudem dient der Targabügel als Basis für eine vergrößerte Sprayhood oder für ein festes Bimini.
Für den Ausbau geht Beneteau neue Wege. Erstmals definiert die Werft die Basisversion nicht mehr als klassisches Eignerboot, sondern als konsequent auf den Chartereinsatz zugeschnittene Variante. Das Standardlayout verfügt über fünf Kabinen und drei Nasszellen und ist entsprechend auf hohe Belegungszahlen sowie eine dauerhaft anspruchsvolle Nutzung ausgelegt. Dazu passt der bewusst einfach gehaltene Innenausbau. Die Möbel sind überwiegend mit laminierten Oberflächen versehen und verzichten auf aufwendige Holzfurniere. Das wirkt zwar nüchtern und funktional, ist aber widerstandsfähig, pflegeleicht und leicht zu ersetzen – klare Vorteile im Charterbetrieb.
Ganz anders präsentiert sich die als Eignerversion vorgesehene Ausbaustufe wie beim Testschiff. Hier setzt Beneteau auf ein klassisches Drei-Kabinen-Layout mit großzügigen Doppelkabinen und deutlich höherem Qualitätsanspruch. Der Möbelbau fällt wertiger aus, mit sorgfältig verarbeiteten Echtholzfurnieren und merklich mehr Liebe zum Detail. Die Nasszelle im Vorschiff ist räumlich getrennt ausgeführt, mit separatem WC und eigenständigem Duschbereich – ein Komfortmerkmal, das in der gehobenen Längenklasse mittlerweile zum Standard gehört. Hinzu kommt ein sehr großzügig dimensionierter Arbeitsbereich an Backbord, der Navigation und Büro kombiniert.
Ebenso ungewöhnlich wie das Ausbau- und Nutzungskonzept fällt auch die Preisgestaltung der Oceanis 52 aus. Beneteau definiert den Einstieg bewusst über die als Standard ausgelegte Charterversion mit fünf Kabinen, einfachem Laminatausbau und funktionaler Grundausstattung. Diese Variante kostet 529.550 Euro brutto, die Segel sind bereits im Preis enthalten. Wer sich für die hochwertiger ausgeführte Eignerversion entscheidet – mit Drei-Kabinen-Layout, besserer Grundausstattung und gehobenem Holzausbau –, muss einen Aufpreis von 32.725 Euro einkalkulieren. Damit liegt der für den Marktvergleich relevante Basispreis bei 562.275 Euro und positioniert die Oceanis 52 klar im Wettbewerbsumfeld ihrer Klasse.
Stand 2025, wie die ausgewiesenen Preise definiert sind, lesen Sie hier!
Diese Preisstruktur ist zugleich im Kontext der jüngst angekündigten gruppenweiten Preisanpassungen bei Beneteau zu sehen. Im direkten Vergleich zum Vorgängermodell Oceanis 51.1 ist die neue, in vielen Bereichen besser und umfangreicher ausgestattete 52er rund 40.000 Euro günstiger. Auch gegenüber den wichtigsten Wettbewerbern präsentiert sich das Angebot der Franzosen attraktiv.
Mit der Oceanis 52 beschreitet Beneteau konsequent neue Wege. Das flexible Konzept, die ungewöhnliche Trennung zwischen Charter- und Eignerausführung sowie die guten Segeleigenschaften ergeben ein stimmiges Gesamtpaket. Die 52er ist kein Boot für klar definierte Schubladen, aber gerade das macht sie so interessant.
Wandelbares Konzept
Solide Bauausführung
Konkurrenzfähiger Preis
Viel Platz im Cockpit
Großes Leistungspotenzial
Hohe Varianz beim Rigg
Sportliche Segeleigenschaften
Wenig Steuergefühl
Zwei Ausführungen
Schöne Verarbeitung im Detail
Großzügige Kojenmaße
Lüftung in Nasszellen knapp
Gute Ausstattung an Deck
Bordtechnik sauber installiert
Steuerung ohne Redundanz
Keine Garage für das Dingi
Rumpf: GFK-Sandwich, Polyesterharz, Balsaholz-Kern. Deck: GFK- Sandwich mit Vakuum-Infusion.
Ab Werft wird der 110 PS starke Common-Rail-Dieselmotor von Yanmar (4JH110) mit Saildrive eingebaut. Dazu kommt im Standard ein Dreiflügel-Faltpropeller. Es ist keine Alternative vorgesehen.
Im Ausstattungsbündel First Line enthalten ist unter anderem ein höherer Dreisalingmast mit Dyform- Wanten, der Bugspriet, ein trimmbares Achterstag, verstellbare Genua-Holepunkte, laufendes Gut aus Dyneema, zusätzliche und elektrische Winschen sowie Steuerräder aus Kunststoff. Der Aufpreis für das Paket beträgt 40.700 Euro brutto.
Ein einfacher Satz Dacron-Segel (Groß und Fock) ist im Standard dabei. Bessere Segel gibt es gegen entsprechende Aufpreise.
Chantiers Beneteau; 85800 Saint-Gilles-Croix-de-Vie (Frankreich); www.beneteau.com/de
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