Dieter Loibner
· 08.04.2026
Kevin Starnes (63) berichtet: „Wir sahen steile, aufrechte Wellen und fühlten uns wie auf einem Schaukelpferd. Der Bug pflügte zwar durchs Wasser, aber wir kamen einfach nicht voran.“ Die Erinnerung an den Frühjahrstörn im vergangenen Jahr zu den San Juan Islands im US-Bundesstaat Washington, nahe der kanadischen Grenze, wurde zur ersten wirklich ernsthaften Bewährungsprobe für seinen Doppelender „Arningali“. Der Name stammt aus der Sprache der Inuit und bedeutet sinngemäß „weiblicher Narwal mit Stoßzahn“.
Zusammen mit seiner Frau Sally (55) sitzt Starnes entspannt auf dem Ecksofa im Salon, der mit Kirschholz verkleidet ist und zugleich als eine Art Museum dient. Überall stehen skurrile Fundstücke aus aller Welt – wie in einem maritimen Flohmarkt, der an „Harrys Hafenbasar“ in Hamburg erinnert. Starnes spricht leise und zurückhaltend, oft vom Wind übertönt, der durch die Takelage pfeift. „Wir konnten nicht umkehren, weil uns die Strömung herumgerissen und auf die Felsen gedrückt hätte.“
Gefühl und Erinnerung sind noch frisch, man kämpft schließlich nicht alle Tage gegen böse Seen im Cattle Pass zwischen San Juan und Lopez Island, einer Passage, die mit felsigen Inselchen wie Deadman Island und Mummy Rock gespickt ist. Dort stünde auch eine Wuchtbrumme wie „Arningali“ bei hartem Kontakt auf verlorenem Posten, trotz der robusten Bauweise, mit der das 13-Meter-Boot knapp 14 Tonnen verdrängt.
Starnes ist kein Schwätzer, gerade deshalb glaubt man ihm seine packende Schilderung sofort – Literaturfans mögen dabei an Edgar Allan Poes „Maelstrom“ denken. Die „Arningali“ steckte in einer heiklen Situation, die nur zwei Ausgänge kannte: Entweder würde daraus eine Abenteuergeschichte, die man später noch den Enkeln erzählt, oder die Reise endete vorerst im Helikopter der Coast Guard.
Zwar hatte Starnes auf Chartertörns bereits Schwerwettertaktik trainiert, doch Cattle Pass war Neuland – diesmal als Skipper der eigenen Yacht. Und es blieb nicht bei Entscheidungen aus dem Cockpit: Er musste aufs wild stampfende Vorschiff, auf allen vieren, eingepickt in die Sicherheitsleinen, um das Stagsegel zu setzen, damit das Schiff genug Fahrt machte. Währenddessen übernahm Sally das Ruder und steuerte den Kutter mit einer Gelassenheit, die man von einer Segelanfängerin kaum erwarten würde. Ob sie sich irgendwie darauf vorbereitet habe? Ihre Antwort: „Ich bin Kindergärtnerin, also ja.“
Aus dem Kampf ergab sich außerdem eine klare Lehre: Für die Vorsegel mussten so schnell wie möglich Rollreffanlagen her, damit bei Schwerwetter niemand mehr aufs Vorschiff muss. Starnes hat das inzwischen umgesetzt – ein weiterer kleiner Meilenstein auf dem Weg zu dem großen Seeabenteuer, das ihn seit der Schulzeit reizt. Schon damals wollte er seinem Vater Ned beim Bau einer Fahrtenyacht helfen. „Wir träumten davon, um die Welt zu segeln“, sagte Starnes in einem lokalen Radiosender. Zu Hause im Süden des Bundesstaats Oregon segelten die beiden meist kleine Boote auf einem See; in tropischen Revieren charterten sie nur gelegentlich.
Ned, ein Tierarzt, plante, im Ruhestand auf große Fahrt zu gehen, und hoffte, Kevin, der damals am Beginn seiner Berufskarriere stand, könne ihn zwischendurch etappenweise begleiten. Sie wollten eine Rumpfschale erwerben, um den Ausbau selbst zu besorgen, wie es in den 1970er- und 1980er-Jahren verbreitet war. „Joe Breskin von Seven Seas Boat Works in Port Townsend, Washington, schaltete in Segelmagazinen eine kleine Anzeige mit der Zeichnung einer Orca 38, das hat uns sofort begeistert“, erzählte Kevin. „Also fuhren wir hin und waren von seiner Werkstatt und dem kunterbunten Durcheinander fasziniert. Neben Booten gab es da auch Klaviere, Lautsprecher, Kajaks und Leute, die herumwuselten. Es war unglaublich.“ Kevin begann noch in seiner Schulzeit, Entwürfe anzufertigen. Später, als Student der Tiermedizin, half er dem Vater so oft es ging beim Tischlern der Inneneinrichtung, während er „von diesem und jenem träumte und Dinge fürs Boot entwarf“.
Im Jahr 1982 erhielt Breskin den Auftrag, für Starnes eine Orca 38 zu bauen, die sich als letztes Exemplar dieser Modellreihe herausstellte. Es handelt sich dabei um einen Doppelender mit Langkiel, inspiriert von den Entwürfen William Atkins. Attribute wie „massiv“, „robust“ oder „unverwüstlich“ sind dabei zulässig, denn Sinnesfrieden hängt oft von einem subjektiven Sicherheitsgefühl ab. Über der Wasserlinie wurde ein Sandwich-Laminat verbaut, mit 1,27 Zentimeter dickem PVC-Schaumkern, umgeben von 1,6 Zentimeter GFK außen und 0,6 Zentimeter innen. Ähnlich das Deck, dessen Schaumkern außen mit rund einem und innen mit 0,6 Zentimeter dicken GFK-Lagen überzogen ist. Das Unterwasserschiff wurde aus 2,0 bis 2,5 Zentimeter starkem Massivlaminat hergestellt. Ein Panzer.
Alles schien somit auf Kurs, bis 1986 bei Ned Hautkrebs diagnostiziert wurde. Der damals 57-Jährige starb innerhalb weniger Monate, etwa zur selben Zeit, als Kevin sein Studium abschloss. Auf dem Sterbebett konnte Ned sicher sein, dass sein Sohn die Klinik übernehmen würde, doch sein letzter Wunsch war, dass Kevin den gemeinsamen Segeltraum am Leben erhielt, wozu er das Boot fertigstellen musste.
Am Willen sollte dies nicht scheitern, aber für einen 23-Jährigen, der eine Tierklinik zu führen hatte und eine Familie wollte, gab es andere Prioritäten. Die 800 Kilometer lange Anreise zum wartenden Bootsrumpf in Port Townsend war zu umständlich und langwierig, auch wenn Breskin großzügig den Rumpf in einer Werfthalle lagerte. „Ich saß in diesem Bootsrumpf ohne Deck, und die Lichter schienen von oben herab,“ erinnerte sich Kevin Starnes an den Tag, an dem er über die Zukunft des Bootes zu entscheiden hatte. „Alles leuchtete rot, fast wie im Mutterleib. Es war, als würde ich von diesem Boot umarmt. Und ich dachte an meinen gerade verstorbenen Vater und an die Last, diese leere Schale füllen zu müssen.“
Schließlich verfrachtete er den Kasko per Laster in den Süden Oregons, um in seinem Garten daran zu arbeiten. „Es war ein Familienprojekt und ein Abenteuerspielplatz für die Kinder“, erinnerte sich Starnes. „Sie rannten den Niedergang hinunter, sprangen übers Werkzeug, um aus der Luke am Vordeck zu klettern und sich vom Bug zu schwingen – verrückt!“
Die Arbeit ging schleppend voran, bis 2009 bei ihm ein Tumor im Kopf festgestellt wurde, der operativ entfernt werden musste. Doch der Eingriff verlief nicht optimal. „Ich lag im Koma und hatte dabei eine Art Nahtoderlebnis, habe mich aber davon erholt“, erzählt er. Kevin Starnes führt seine Genesung auf die Liebe und Unterstützung seiner Familie zurück, aber das erklärt nicht alles. „Ich wandelte quasi zum Licht, denn es gab noch etwas zu erledigen. Deshalb hatte ich das Gefühl, das Boot hat mich gerettet. Ich musste es fertigstellen, nicht nur für die Familie, sondern auch für meine Ehre, weil ich es schließlich auch angefangen hatte.“ Starnes hatte keine Zeit mehr zu verlieren, wenn er mit der Familie auf Blauwasserfahrt gehen wollte. Deshalb schickte er das Boot 2019 zurück nach Port Townsend, zu Cape George Marine Works, wo professionelle Bootsbauer es fertigstellten, weniger als einen halben Kilometer von dem Ort entfernt, wo die Schale von Seven Seas gebaut wurde, ehe die Werft den Betrieb einstellte. Cape George hat noch Betrieb mit Umbauten und Sonderanfertigungen. Die Werft erlangte in den 1980ern Bekanntheit für ihre Kutter, von denen einer beim letzten Golden Globe Race von Kirsten Neuschäfer zum Sieg gesteuert wurde.
Die vom Eigner begonnenen Arbeiten erfolgreich fortzuführen war laut Todd Uecker, Miteigentümer von CGMW, „ein Entwicklungsprozess“. „Kevin stellte viele Fragen, um sicherzugehen, dass wir ‚Arningali‘ in seinem Sinne fertigstellten. Das Boot war im Grunde gebaut, Stil und Details festgelegt, somit hatten wir nur Lücken zu schließen.“ Die da waren: Sanitäranlagen, Verkabelung, Tischlerarbeiten, Takelage und der Tausch des bereits existenten Dieselmotors gegen ein elektrisches Antriebssystem mit einem 30 Kilowatt starken Elco-Motor und insgesamt 80 Kilowattstunden Batteriekapazität für genügend Reichweite. Diesem System musste der ursprüngliche Saab-Einbaudiesel weichen, da Starnes infolge der Tumoroperation eine Allergie gegen Abgasdämpfe entwickelt hatte.
Nach vier Jahren Werkstatt lief „Arningali“ 2023 bei Bilderbuchwetter vor einer fröhlichen Ansammlung von Gästen in Port Townsend vom Stapel, vom Styling und der Ausführung als traditionelle Fahrtenyacht, doch mit Details, die ihresgleichen suchen. Da ist der spiralförmige Narwal-Bugspriet, den Starnes selbst geschnitzt hat. Da sind massive Deckbeschläge, die zum Teil von Toplicht in Hamburg geliefert wurden, wie eine bronzene Ankerwinde aus Polen, und da ist der „Tower of Power“, eine imposante Edelstahlkonstruktion, die sich über das schmale Heck erhebt und der Gewinnung von Energie aus Wind und Sonne dient. Die Sonnenkollektoren haben eine Kapazität von 1.750 Watt, und zwei Windgeneratoren steuern zusätzlich 700 Watt bei.
Unter Deck ist „Arningali“ sowohl Museum als auch Kuriositätenkabinett, gespickt mit Erinnerungsstücken und Kunstgegenständen aus allen Himmelsrichtungen. Zwei Schwertfisch- Schwerter mit Scrimshaw-Kunst schmücken den Decksbalken in der Kombüse. Über dem Navigationstisch hängen Megalodon-Zähne, und am vorderen Schott des Salons reflektiert ein ovaler Spiegel das Licht von Wandleuchtern mit Wachskerzen. Den emaillierten Holzofen am Hauptschott schmückt ein bronzener Delfin, der sich um einen Dreizack windet – einst Zierrat einer venezianischen Hochzeitsgondel.
Gegen Sonnenuntergang lässt der Wind schließlich etwas nach, während Kevin und Sally die philosophischen Betrachtungen ihrer Abenteuer ausklingen lassen. Die U.S. Coast Guard kam tatsächlich noch ins Spiel. Nicht zur Hilfe, sondern zur Kontrolle der Ausrüstung.
„Eigenverantwortung fehlt den Menschen heutzutage, weil wir nicht mehr auf uns selbst angewiesen sein müssen“, merkt Sally an, „doch so ein Erlebnis macht stolz und stärkt das Selbstvertrauen. Ein gutes Gefühl.“ Und Skipper Kevin ergänzt: „Es hat mich Demut gelehrt und dass ich vorsichtig sein muss, denn ich bin jetzt auch für Sally verantwortlich, nicht nur für mein Boot und mich selbst. Aber ich verfiel nicht in Panik, und das verleiht Sicherheit. Es war aufregend, ich fühle mich wieder lebendig.“ Gut möglich, dass Vater Ned dies aus dem Jenseits zufrieden zur Kenntnis nahm.