SeenotInsektenstich mit lebensbedrohlichen Folgen

Ursula Meer

 · 26.06.2026

Seenot: Insektenstich mit lebensbedrohlichen FolgenFoto: Die Seenotretter – DGzRS/Alexander Krüger
Mit dem Seenotrettungskreuzer Felix Sand haben die freiwilligen Seenotretter der Station Grömitz eine Frau gerettet, die nach einem Insektenstich in Lebensgefahr schwebte.
​Eine 70-jährige Seglerin erlitt auf der Ostsee einen allergischen Schock nach einem Insektenstich. Die Seenotretter brachten sie in letzter Minute an Land. Ein Notfallmediziner erklärt, wie man sich schützt – und im Ernstfall richtig reagiert.

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​Gegen 14.50 Uhr am Donnerstagnachmittag (25.06.2026) ging der Notruf beim Maritime Rescue Co-ordination Centre (MRCC) in Bremen ein: Etwa vier Seemeilen östlich vor Kellenhusen war eine 70-jährige Seglerin von einem Insekt gestochen worden. Ihr Zustand verschlechterte sich rapide, sie klagte über akute Beschwerden – Verdacht auf allergischen Schock. Nur zehn Minuten später waren die Seenotretter bereits an Bord der Yacht. Was dann folgte, war ein Wettlauf gegen die Zeit. Der Fall zeigt: Ein allergischer Schock kann jeden treffen, die richtige Vorbereitung kann Leben retten.

​Glück im Unglück

​Der Seenotrettungskreuzer “Felix Sand” der DGzRS-Station Grömitz befand sich nicht weit entfernt von der in Not geratenen Yacht. Bereits zehn Minuten nach dem Notruf gingen die Retter längsseits. Drei Seenotretter stiegen über und leisteten medizinische Erstversorgung.

Der Zustand der Patientin verschlechterte sich weiter – es bestand Lebensgefahr. Die Entscheidung fiel schnell: Die Frau musste sofort an Land. An Bord des Seenotrettungskreuzers versorgten die Retter sie im Bordhospital weiter, mit Höchstgeschwindigkeit liefen sie Grömitz an. Gegen 15.40 Uhr erreichten sie den Hafen, wo die Frau stabilisiert und an den Rettungsdienst übergeben werden konnte.

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Das Seenotrettungsboot “Helene” der Freiwilligen-Station Fehmarn kümmerte sich um die Segelyacht, auf der der Ehemann nun allein an Bord war. Die Seenotretter nahmen die Yacht in Schlepp und brachten Boot und Skipper sicher nach Grömitz.

Wie erkennt man einen allergischen Schock?

Ein allergischer Schock kann binnen Sekunden nach dem Kontakt mit dem Allergen entstehen, aber auch eine längere Dauer ist möglich – je schneller er einsetzt, desto schwerer sind meist die Symptome. "Die meisten Patienten, die eine Allergie haben, wissen das auch", erklärt Dr. Fabian Steffen, Anästhesist und Notfall- und Intensivmediziner. Dass es ohne vorherige Kenntnis von der Allergie ausgerechnet auf See zu einer schweren allergischen Reaktion kommt, sei zwar möglich, aber nicht sehr wahrscheinlich. Doch wenn es dennoch passiert, wird es schnell ernst.

Die Beschwerden entwickeln sich oft schnell, typisch ist, dass mehrere Symptome gleichzeitig auftreten. Bei einer leichten Reaktion juckt es, die Augen tränen, man muss niesen. Die beginnende schwere allergische Reaktion erkennt man daran, dass es anschwillt – Augenlider, Zunge, die Atemwege. "Wenn die Atemwege zuschwellen und die Zunge anschwillt, dann ist wirklich das Kind in den Brunnen gefallen", warnt Steffen. Das Gesicht ist zunächst gerötet, später wird die Haut blass und kaltschweißig. Bei der Anaphylaxie wird eine große Menge Histamin freigesetzt, die Gefäße erweitern sich, der Blutdruck sinkt schlagartig ab – es kann zu einem Kreislaufzusammenbruch kommen.

Medikamente gegen akute Lebensgefahr

Wer zu allergischen Reaktionen neigt, sollte vorbereitet sein – nicht nur an Bord. Dr. Steffen empfiehlt je nach Schweregrad der bekannten Allergie unterschiedliche Medikamente:

Leichte ReaktionenAntihistaminika (rezeptfrei in der Apotheke)
Mittelschwere ReaktionenAntihistaminika plus Cortison
Schwere ReaktionenZusätzlich Adrenalin-Autoinjektor (z.B. EpiPen)

Für Menschen mit bekannten schweren Allergien ist der Adrenalin-Autoinjektor unverzichtbar. "Das Adrenalin wirkt mastzellstabilisierend", erklärt Steffen. "Das ist der gewünschte Effekt." Die Mastzellen setzen bei allergischen Reaktionen Histamin frei – Adrenalin stoppt diesen Prozess. Der EpiPen sollte nicht über 25 Grad Celsius gelagert und nicht im Kühlschrank aufbewahrt oder eingefroren werden. Schwankungen von plus/minus 15 Grad Celsius (zwischen 10 und 40 Grad) sind allerdings zulässig. Der große Vorteil gegenüber Ampullen: Der EpiPen ist für Laien einfach anzuwenden – ein entscheidender Faktor, wenn jede Sekunde zählt.

Erste Hilfe bei allergischem Schock

Wenn keine Medikamente an Bord sind, bleiben nur wenige Sofortmaßnahmen: Bei Schwellung der Atemwege können kalte Flüssigkeiten zum Trinken, Gurgeln und Eis zum Lutschen helfen – das kühlt von innen. Bei Blutdruckabfall gilt: Schocklagerung, die Person hinlegen, Beine hochlagern, warm halten. In jedem Fall muss sofort ein Notruf abgesetzt werden. Die Person darf nicht allein gelassen werden, die Vitalzeichen müssen beobachtet werden.

Übrigens: Für strukturierte Hilfe in medizinischen Notfällen an Bord gibt es die Medizintafeln von Delius Klasing, die Dr. Steffen mit entwickelt hat. Sie enthalten übersichtliche Handlungsanweisungen für lebensbedrohliche Notfälle inklusive Medikamentenempfehlungen – ein sinnvolles Instrument, wenn jede Sekunde zählt.

Insektenstiche zählen bei Erwachsenen zu den Hauptauslösern für einen anaphylaktischen Schock – bei Allergikern aktivieren die im Gift enthaltenen Proteine das Immunsystem und es kann zu lebensbedrohlichen systemischen Reaktionen kommen. Bei südwestlichem Wind der Stärke drei bis vier Beaufort verlief der Einsatz am 25. Juni unter guten Bedingungen – doch die Zeit drängte. Dass die “Felix Sand” zufällig in der Nähe war, rettete der Frau vermutlich das Leben.


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Ursula Meer

Ursula Meer

Redakteurin Panorama und Reise

Ursula Meer ist Redakteurin für Reisen, News und Panorama. Sie schreibt Segler-Porträts, Reportagen von Booten, Küsten & Meer und berichtet über Seenot und Sicherheit an Bord. Die Schönheit der Ostsee und ihrer Landschaften, erfahren auf langen Sommertörns, beschrieb sie im Bildband „Mare Balticum“. Ihr Fokus liegt jedoch auf Gezeitenrevieren, besonders der Nordsee und dem Wattenmeer, ihrem Heimatrevier.

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