​Herzstillstand an BordWas die Crew sofort tun muss

Lars Bolle

 · 14.07.2026

Bei einem Herzstillstand kommt es auf jede Minute an. (Symbolbild)
Foto: KI
Ein aktueller DGzRS-Einsatz vor Neustadt zeigt, wie schnell ein medizinischer Notfall auf See lebensgefährlich werden kann. Wichtig sind dann ein schneller Notruf, eine möglichst genaue Diagnose und wenn nötig eine Herzdruckmassage und der Einsatz eines Defibrillators.

Themen in diesem Artikel

Nach Angaben der Seenotretter waren die Freiwilligen der Station Neustadt/Holstein am 12. Juli 2026 für einen 60-jährigen Skipper im Einsatz, der auf der Ostsee offenbar einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten hatte.

​Gegen 12 Uhr erreichte ein dringender Notruf die von der DGzRS betriebene deutsche Rettungsleitstelle See, das Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) Bremen: Ein 60-jähriger Mann war an Bord seines rund 15 Meter langen Motorbootes zusammengebrochen und hatte offenbar einen Herz-Kreislauf-Stillstand erlitten. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich etwa eine halbe Seemeile südlich des Hafens von Neustadt/Holstein auf der Ostsee. Mit an Bord war seine Ehefrau, die Reanimationsmaßnahmen einleitete.

Umgehend wurde die Besatzung des Seenotrettungsbootes “Henrich Wuppesahl” der DGzRS-Station Neustadt/Holstein alarmiert, das innerhalb weniger Minuten einsatzklar war. Die Seenotretter nahmen zusätzlich zur eigenen Besatzung ein Team des Landrettungsdienstes mit an Bord, darunter ein Notarzt und ein Notfallsanitäter.

Bereits nach rund zehn Minuten ging das Seenotrettungsboot beim Motorboot des Betroffenen längsseits. Das medizinische Personal stieg über und übernahm die laufende Reanimation. Ein Bekannter des Skippers hatte zuvor ebenfalls von dem Vorfall erfahren, war inzwischen mit seinem eigenen Boot vor Ort eingetroffen und nahm das Motorboot des Patienten in Schlepp. Gemeinsam fuhren alle in den nahen Hafen, wo der Mann in kritischem Zustand einem Rettungswagen übergeben und so ins Krankenhaus gebracht wurde.

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Mit dem in Neustadt/Holstein stationierten Seenotrettungsboot “Henrich Wuppesahl” kamen die Seenotretter dem 60-jährigen Patienten an Bord eines Motorbootes zu Hilfe.Foto: Archiv DGzRS/Philipp UntiedtMit dem in Neustadt/Holstein stationierten Seenotrettungsboot “Henrich Wuppesahl” kamen die Seenotretter dem 60-jährigen Patienten an Bord eines Motorbootes zu Hilfe.

Ein solcher Notfall sollte für jeden Skipper, jede Crew eine Erinnerung sein, das eigene Wissen hinsichtlich Herzinfarkt und Herzstillstand zu überprüfen. Hier die wichtigsten Fakten:

Erhöhte Gefahr bei Hitze

Vor allem Personen mit Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und ältere Menschen haben ein höheres Risiko für ein Herzversagen. Dies gilt um so mehr bei großer Hitze, weil diese das Herz-Kreislauf-System zusätzlich belastet. Wie Sie sich vor zu großer Hitze schützen können, erfahren Sie in unserem Spezialartikel.

Außerdem können kleine Helferlein in der Ausrüstungspalette einer Yacht spürbare Erleichterung bringen. Wir haben 15 in diesem Artikel zusammengestellt.

Herzinfarkt oder Herzstillstand

Für Skipper und Crew ist in solchen Fällen die Unterscheidung zwischen Herzinfarkt und Herzstillstand wichtig, um richtig reagieren zu können.

​Typische Symptome eines Herzinfarkts

  • Starke Schmerzen, Druck- oder Engegefühl hinter dem Brustbein
  • Schmerzen, die in linken oder rechten Arm, Schulter, Rücken, Hals, Kiefer oder Oberbauch ausstrahlen
  • Atemnot
  • Kalter Schweiß
  • Blässe
  • Übelkeit oder Erbrechen
  • Schwindel oder Benommenheit
  • Ausgeprägte Schwäche oder plötzliches Gefühl der Vernichtung ("Todesangst")

Wichtig: Bei Frauen, älteren Menschen und Diabetikern können die Beschwerden untypisch sein. Manchmal stehen Atemnot, Übelkeit oder starke Erschöpfung im Vordergrund, ohne ausgeprägte Brustschmerzen.

Sofortmaßnahmen auf einem Sportboot

1. Ruhe bewahren und Notruf absetzen

  • Über UKW-Funk (Mayday oder Pan-Pan je nach Lage) über Kanal 16 oder Mobiltelefon über 112 Hilfe anfordern.
  • Position möglichst genau angeben.
  • ​Wie ein Mayday abgesetzt wird, erfahren Sie in unserem Spezialartikel.

2. Boot sichern

  • Geschwindigkeit reduzieren oder stoppen.
  • Autopilot aktivieren oder einen anderen Schiffsführer ans Ruder lassen.
  • Wenn nötig den nächstgelegenen Hafen oder Rettungstreffpunkt anlaufen.

3. Betroffenen richtig lagern

  • Oberkörper leicht erhöht lagern.
  • Enge Kleidung öffnen.
  • Für Ruhe und Wärme sorgen.

5. Körperliche Belastung vermeiden

  • Der Betroffene sollte weder laufen noch arbeiten oder selbst steuern.

6. Vitalfunktionen überwachen

  • Bewusstsein und Atmung regelmäßig kontrollieren.
  • Den Betroffenen nicht allein lassen.

7. Bei Bewusstlosigkeit

  • Atmet die Person normal: stabile Seitenlage.

​ 8. Medikamente

  • Hat der Betroffene eigene Herzmedikamente (z. B. Nitrospray), kann er sie nach ärztlicher Verordnung anwenden.
  • Aspirin (Acetylsalicylsäure) sollte nur gegeben werden, wenn der Betroffene bei Bewusstsein ist, keine bekannte Allergie oder starke Blutungsneigung besteht und keine ärztlichen Gegenanzeigen bekannt sind. Im Zweifel hat die schnelle Alarmierung des Rettungsdienstes Vorrang.

Typische Symptome eines Herzstillstandes

​Ein Herzstillstand tritt meist plötzlich ein. Betroffene zeigen typischerweise folgende Anzeichen:

  • Plötzlicher Zusammenbruch
  • Bewusstlosigkeit, keine Reaktion auf Ansprache oder Schmerzreiz
  • Keine normale Atmung (keine Atmung oder nur vereinzeltes, schnappendes Luftschnappen, sogenannte Schnappatmung)
  • Kein erkennbarer Puls (für Laien wird die Pulskontrolle nicht empfohlen)
  • Blasse oder bläuliche Haut, insbesondere an Lippen und Fingern

Wichtig: Schnappatmung ist keine normale Atmung und muss wie ein Atemstillstand behandelt werden.

​Das Gehirn toleriert Sauerstoffmangel nur etwa drei Minuten, bevor Schäden drohen. Deshalb ist schnelle Hilfe wichtig. Das kann auch auf See gut funktionieren. Wie eng die Rettungskette auf See getaktet ist, zeigt auch die Reportage wie die DGzRS bei medizinischen Notfällen auf See arbeitet.

Sofortmaßnahmen an Bord – ohne Defibrillator (AED)

1. Notruf absetzen, Boot sichern

  • es gelten dieselben Maßnahmen wie oben beim Herzinfarkt

2. Bewusstsein und Atmung prüfen

  • Laut ansprechen und vorsichtig an den Schultern rütteln.
  • Atmung höchstens 10 Sekunden kontrollieren.

3. Sofort Herz-Lungen-Wiederbelebung beginnen

  • 30 kräftige Herzdruckmassagen in der Mitte des Brustkorbs.
  • Drucktiefe etwa 5 bis 6 cm.
  • Frequenz 100 bis 120 Kompressionen pro Minute.
  • Anschließend 2 Beatmungen, sofern beherrscht und möglich.
  • Wer nicht beatmen kann oder möchte, führt kontinuierlich Herzdruckmassagen durch.
  • ​Bei mehreren Helfern sollten sich die Reanimierenden etwa alle zwei Minuten abwechseln, um die Qualität der Herzdruckmassage aufrechtzuerhalten.

4. Wiederbelebung fortsetzen

Ohne Unterbrechung fortfahren, bis:

  • professionelle Hilfe übernimmt,
  • die Person wieder normal atmet oder sich bewegt,
  • oder der Helfer körperlich völlig erschöpft ist.

Sofortmaßnahmen an Bord – mit Defibrillator (AED)

Die Maßnahmen entsprechen zunächst denen ohne AED. Mehr zum Einsatz eines Defibrillators erklärt der Hintergrundartikel wann ein Defibrillator an Bord wirklich hilft.

Zusätzlich:

1. AED anwenden

  • ​einen automatisierten externer Defibrillator (kurz AED oder Defi) einsetzen, falls an Bord vorhanden.
  • ​Gerät einschalten und den Sprachanweisungen folgen.
  • Das Gerät analysiert selbst, ob ein schockbarer Rhythmus wie Kammerflimmern vorliegt, und gibt nur dann einen Schock frei. Deshalb ist eine Fehlanwendung bei einem nicht schockbaren Rhythmus praktisch ausgeschlossen.
  • ​Der Oberkörper des Betroffenen sollte möglichst trocken sein, damit die Elektroden halten. Liegt die Person in einer Wasserlache, dürfen Helfer beim Schock nicht in derselben Pfütze stehen.

2. Sofort weiter reanimieren

  • Unmittelbar nach dem Schock oder wenn kein Schock empfohlen wird, sofort wieder mit der Herzdruckmassage beginnen.
  • Erst nach etwa zwei Minuten fordert der AED zur nächsten Analyse auf.

Wichtig: Bei einem Herzstillstand zählt jede Minute. Entscheidend sind drei Maßnahmen: sofort Hilfe alarmieren, unverzüglich mit der Herzdruckmassage beginnen und – falls vorhanden – den AED so früh wie möglich einsetzen.


Sollte auf größeren Segelyachten und in jedem Clubhafen ein AED Standard sein, oder ist gutes Reanimationstraining wichtiger? Kommentiere mit deiner Einschätzung und deinen Erfahrungen an Bord.

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Lars Bolle

Lars Bolle

Chefredakteur Digital

Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und Gründer von YACHT-Online. Viele Jahre war der Diplom-Sportwissenschaftler als Redakteur der YACHT in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat die größten Segelsport-Veranstaltungen der Welt begleitet, vom America's Cup bis zu Olympischen Spielen. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu europaweiten Charter-Törns.

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