Sören Gehlhaus
· 19.06.2026
Es sollte der Beginn ihres alljährlichen Frühsommertörns werden. Kirsten und Detlef Kaack starteten in Heiligenhafen und wollten den Großen Belt als Sprungbrett nutzen. In Korsør entschieden sie sich dafür, im Hafenbecken festzumachen. Ihre Elan 45 „Niddasch“ lag dort an der Kaianlage, als einziges Boot weit und breit. Das Hafenbecken misst an der breitesten Stelle 150 Meter und verjüngt sich auf Höhe des Liegeplatzes der Kaacks auf etwa 100 Meter Breite. Um 19:56 Uhr gab es den ersten Kontakt mit der 104 Meter langen und von Wismar aus kommenden „Olymp Trader“.
Das Kümo wollte durch die Klappbrücke am Ende des Hafenbeckens, um dahinter festzumachen und wohl Stückgut zu laden. Doch die Ansteuerung missglückte. Statt leicht und konstant einzulenken – das zeigt das AIS-Bewegungsprofil – lief die „Olymp Trader“ mit mutmaßlich zu hoher Fahrt ein, ehe sie hart nach Backbord steuerte. Bei der korrigierenden Rückwärtsfahrt schien der Schiffsführer die Kontrolle verloren zu haben. Polizeiliche Ermittlungen ergaben, dass der 54-jährige russische Erste Offizier unter Alkoholeinfluss stand – sein Blutalkoholwert lag ein Promille über dem zulässigen Grenzwert. Die „Olymp Trader“ wird von der dänischen Reederei Baltic Shipping Company betrieben, der Schiffseigner stammt aus Lettland.
YACHT: Herr Kaack, der Unfall liegt nun eine Woche zurück. Wie sieht die erste Schadensbilanz aus?
Detlef Kaack: Wir haben gerade erfahren, dass Seldén den neuen Mast frühestens im November liefern kann. Diese Saison können wir vergessen. Das Boot verbleibt zur Reparatur bei der Yachtwerft Klemens in Großenbrode und wird auf strukturelle Schäden untersucht. Backbords ist das Steuerrad verbogen und lässt sich nicht mehr bewegen, ebenso verhält es sich mit der Genua-Winsch. Heckkorb und Relingstützen sind rausgerissen, der Süllrand ist verbogen. Beide Scheuer- und Lochleisten müssen erneuert werden, an Steuerbord hat der Rumpf einige Schrammen.
Lassen Sie uns über den Hergang sprechen. Wo haben Sie sich befunden und was war Ihre erste Reaktion?
Detlef Kaack: Wir kamen nach Korsør und hatten beschlossen, uns in den Innenhafen zu legen. Der war komplett leer und wir machten an der Westseite im Gamle Havn als einziges Schiff fest. Das ist ein normaler Liegeplatz an der Kaimauer mit Stromanschluss, wo sonst auch viele Traditionsschiffe und andere Segler liegen. Übrigens in Sichtweite zur dänischen Seefahrtsbehörde. Nach einem Spaziergang aßen wir an Bord Abendbrot. Als wir einigermaßen fertig waren, sagte meine Frau: ,Da ist ein lautes Geräusch, kannst du mal rausgucken?‘ Ich schaute aus dem Kajütfenster und sah eine rote Wand vor mir, ein Riesenschiff. Ich sagte zu ihr, dass da ein Schiff sehr nahe wäre und sie es sich angucken müsste. Und dann bin ich ins Cockpit gegangen, um mir das genauer anzuschauen. Ich sah, wie das Schiff langsam mit dem Heck in Richtung Kaimauer bei voll rückwärtslaufender Schraube fuhr. Da war mir klar, das passt nicht.
Aus Faszination wurde schnell Sorge.
Detlef Kaack: Das 104 Meter lange Schiff näherte sich mit dem Heck immer weiter dem Kai und uns. Ich fing an zu extrapolieren, ein bisschen Gefühl hat man ja für Bewegung. Und dann sagte ich zu meiner Frau: ,Das geht schief. Ich glaube nicht, dass er das unter Kontrolle hat. Wir sollten schnell an Land gehen.‘ Ich filmte noch einen Augenblick weiter, weil ich dachte, das muss ich festhalten, falls da was passiert. und ging dann auch von Bord, als er auf uns zu trieb. Das sieht man in dem Film, den ich selbst gemacht habe [ganz unten].
Wie ging es an Land weiter?
Detlef Kaack: Es dauerte noch eine Minute, ehe er dran war. Er muss voll rückwärts gegeben haben, fuhr vorwärts und berührte, glaube ich, mit dem eigenen Ruder sogar noch den Kai. Ich weiß nicht mehr genau, ob er erst den Mast mitgerissen hat oder erst aufs Boot gefahren ist. Jedenfalls hing die Brückennock am Oberwant fest und durch den Zug neigte sich der Mast schon etwas nach vorne.
Brach der Mast sofort?
Detlef Kaack: Dann zog er wohl sehr stark am Achterstag, das sich am Aufbau verhakt hatte. Ich sah, wie unser Bootsrumpf sich hinten einen viertel bis halben Meter anhob, bevor die Aluminiumstruktur des Mastes brach. Wanten und Stage sind alle heil geblieben, werden aber nicht weiter genutzt. Der Mast knickte erst auf halber Höhe nach Backbord ab, ungefähr neunzig Grad Richtung Schiff. Und dann fuhr das Schiff wieder mit Vollgas rückwärts, wohl um zu bremsen und uns loszumachen; sie hatten uns schon ein Stück mitgeschleppt. Dabei rissen drei Festmacher. Schließlich bemüßigten sich oben auf der Brücke Leute, unser Achterstag abzupulen. Als sie frei waren, passierten sie die Klappbrücke und machten drüben am Kai fest.
Wie sah die Hilfe vor Ort aus?
Detlef Kaack: Eine ältere dänische Frau hatte bereits die Polizei gerufen, und ich dachte, unser Boot würde untergehen. Als es so aussah, dass es weiterschwamm, gingen wir an Bord und holten Unterlagen für den Fall der Fälle heraus. Die Polizei kam schnell und klärte mit uns, ob im Inneren Wasser einbrach und ob alles dicht war. Auf der Stelle entschieden sie über die Freigabe und dass wir es betreten durften. Danach fuhren sie mit Blaulicht zur ,Olymp Trader‘.
Haben Sie sich unmittelbar gut betreut gefühlt?
Detlef Kaack: Von Behördenseite exzellent. Vertreter vom Hafenamt und der Seefahrtsbehörde kamen sofort. Alle Leute und auch die Zuschauer, die zugeguckt haben, waren hilfsbereit und freundlich und haben meine Frau umarmt. Dänemark hat einen sehr guten Eindruck gemacht.
Wie war die Nacht an Bord?
Detlef Kaack: Das Quietschen und Kreischen, das man in dem einen Video hören kann, ging die ganze Nacht. Durch den Schwell im Hafen knatschte der Mast bei jedem Schwanken vom hin und her reibenden Aluminium. Nur die Unterwanten waren noch fest, die Fock hing im Bogen halb im Wasser. Da wir Angst hatten, der Mast würde brechen und ganz herunterkommen, haben wir achtern geschlafen. Meine Frau hat kein Auge zugetan.
Was brachte der nächste Tag?
Detlef Kaack: Am Morgen war der Seegang noch stärker, sodass wir das Boot kaum halten konnten. Und der Mast schwankte immer von links nach rechts und drohte weiter zu brechen. Unser Mast ist durchgesteckt und war auf Höhe des Decks gebrochen und auf halber Höhe ganz abgeknickt. Mit der Hilfe von Vertretern der gegnerischen Versicherung und des Schiffsbetreibers, verholten wir uns hinter einen Hochseeschlepper in ruhigeres Wasser. Den Schaden meldete ich Pantaenius, die Marine Claims Service (MCS) mit der Aufnahme und Regulierung des Schadens beauftragten. Von Hamburg fuhr sofort ein Mitarbeiter los und war um drei Uhr bei uns. Der hat die Ärmel hochgekrempelt und richtig mit angepackt, alles organisiert und bezahlt. Etwa den Autokran für die Mastdemontage. Die Segel riggten wir ab, der Mast wurde gleich verschrottet.
Hört sich wie ein tragischer Fall von Murphy‘s Law an.
Detlef Kaack: Vielleicht ist es ganz gut gewesen, dass er nicht voll beladen war. Sonst hätte uns das Schiff tatsächlich zerquetscht. Unmittelbar davor oder während der Kollision gab niemand einen Laut ab etwa durch ein Horn. Die haben uns leise weinend abgesäbelt und eine rot rauchende Seenotboje ins Wasser geworfen.
Kirsten Kaack: Es war eine Verkettung von Dummheiten, wir waren das einzige Schiff weit und breit.
Wie sah Ihre Törnplanung aus?
Kirsten Kaack: Von Korsør wollten wir nach Samsö, vielleicht weiter nach Mölle und in Helsingborg die Tango-Tage besuchen.
Es war aber nicht Ihr letzter Törn?
Kirsten Kaack: Es hätte fast dazu kommen können. Ich wurde gleich vom dänischen Fernsehen interviewt, während das Boot noch in orangenem Rauchqualm stand. Vermutlich war das ein Missverständnis, weil ich in dem Moment gesagt habe: ,That‘s it. That‘s our last trip.‘ Zu dem Zeitpunkt aber dachte ich, wir müssten das Boot aufgeben und noch an Bord springen, um letzte Sachen zu holen.
Würden Sie den Hafen noch einmal anlaufen?
Kirsten Kaack: Ja, aber nicht genau dort liegen. Also wir würden anlegen, um essen zu gehen und uns danach in den Yachthafen verholen. Jetzt habe ich schon Panik, wenn ich laute Motorengeräusche höre. Bisher bin ich immer davon ausgegangen, dass die fahren und anlegen können. Wenn sich jetzt ein Schiff neben uns eine Weile aufhält, bin ich schon skeptisch. Unser dreijähriger Enkel hat gesagt, er mag jetzt keine großen Schiffe mehr.
Wie sehr trifft Sie der Ausfall?
Detlef Kaack: Das Boot liegt in Heiligenhafen. Und da wir zwischen Ratzeburg und Mölln wohnen, nutzen wir es eigentlich jedes Wochenende oder auch mal in der Woche. Insofern haben wir einen merklichen Nutzungsausfall. Erst einmal geht dieses Jahr flöten. Aber ich bin siebzig. Man weiß nicht, wie viele Jahre man noch hat.
Kirsten Kaack: Und es ist für uns auch eine Art Wochenendhaus. Wir können nach Heiligenhafen fahren, haben da im Grunde eine komplette Wohnung, was so ein Schiff ja ist.
Was wäre die Alternative für diese Saison?
Detlef Kaack: Also ein Ausweichboot haben wir nicht parat, das Schlauchboot haben wir noch. Unser Stegnachbar von ,Yachtcharter und Meer‘ hat aus Jux gesagt, wir könnten für eine Woche ein Boot nutzen, wenn es nicht verchartert ist. Oder wir machen mal was ganz anderes. Wir wollten immer nach Australien, aber im Sommer ist das keine gute Idee. Schottland würde ich gern mal sehen. Doch da muss man sich mit Dauerregen und Kälte amüsieren.

Stellvertretender Chefredakteur BOOTE EXCLUSIV
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