InterviewWilly Kuhweide über seine Olympia-Medaille 1972 vor Kiel

Tatjana Pokorny

 · 15.08.2022

Interview: Willy Kuhweide über seine Olympia-Medaille 1972 vor Kiel

Willy Kuhweide gewann im Heimatrevier vor Kiel sein zweites olympisches Edelmetall. Der 79-jährige Ausnahmesegler über Segeltrimm, die Spiele und einen Bruder im Geiste

Bis heute währt die Strahlkraft seines Triumphs. Der Berliner mit dem einprägsamen Namen ist als fünfmaliger Olympia-Teilnehmer, viermaliger Welt- und dreifacher Europameister einer der erfolgreichsten Segler der deutschen Geschichte. Seinen größten Erfolg feierte er 1964 vor Enoshima.

Kuhweide machte die Sagami-Bucht unter dramatischen Umständen zu seiner Arena, als Deutschland mit einer aus BRD- und DDR-Athleten gemischten Mannschaft antrat. Im Finn-Dinghy kommt es im Schatten des Kalten Krieges schon vor den Spielen zu einer heftig umkämpften Ausscheidungsserie und schweren Auseinandersetzungen zwischen den beiden Segelverbänden. Kuhweide entschied diese und den Wettkampf für sich.

Dem Regattasport bleibt Kuhweide bis 1986 treu. Zuvor gewinnt er mit Karsten Meyer eine weitere Olympia-Medaille: Bronze 1972 im Starboot. Anlässlich der Jubiläumsregatta, die in dieser Woche vor Kiel startet, sprachen wir mit dem Ausnahmesegler. Als Pilotenausbilder der Lufthansa zog Kuhweide in die USA, wo der heute 79-Jährige seither lebt, im Bundesstaat Arizona. Aus der Ferne verfolgt er das Olympia-Geschehen weiterhin mit größtem Interesse.

YACHT: Willy, du bist bei der 50-Jahre-Olympia-Regatta vor Kiel in diesem Jubiläumsjahr nicht dabei. Warum?

Willy Kuhweide: Nein, das Regattasegeln ist für mich Geschichte. Ich habe einige Anfragen höflich abgesagt. Für mich sind es aber nicht nur 50 Jahre Olympia, sondern auch 100 Jahre Starboot-Weltmeisterschaften. Bei der 50. hatte ich im Olympiajahr 1972 die Ehre, Weltmeister zu werden.

Mit diesem Titel warst du in der olympischen Zeit der Starboot-WM-Geschichte zwischen 1923 und 2012 der erste und neben Alex Hagen (1981, 1997) einer von nur zwei deutschen Steuermännern, die WM-Gold erringen konnten. Wie erinnerst du das Starboot?

Als super Bootsklasse, selbst ohne Spi sehr anspruchsvoll, da im Prinzip total übertakelt. Für den Steuermann sind die Anforderungen fast vergleichbar mit den Anforderungen eines Finn-Dinghys, allerdings mit feinfühligem, anspruchsvollem Trimmen der Backstagen.

Diese technischen Herausforderungen haben dich gereizt?

In all diesen Jahren wurde noch recht ausführlich zwischen den Kontrahenten diskutiert. Da ging es um die Feinjustierung der Segel, da jeder Zentimeter und jeder Millimeter einen Unterschied machen. Ich zählte zu jenen, die dafür plädierten, dass schon die kleinsten Unterschiede große Auswirkungen haben. Da wurde ein neuer Begriff kreiert: Nicht Zentimeter, nicht Millimeter, sondern „Willimeter“ machen den Unterschied.

Minimal waren auch die Unterschiede, die über die Medaillenränge im Starboot bei der olympischen Regatta 1972 entschieden. Eine unglückliche Wettfahrt hat damals euren Gold-Traum platzen lassen …

Das ist richtig. Bei der sechsten von sieben Wettfahrten führten die Brasilianer Jörg Bruder und Jan Aten beim Runden der letzten Tonne. Wir waren Zweite, hatten nur noch die Zielkreuz vor uns. Die Australier David Forbes und John Anderson gingen als Siebte rum. Auch Pelle Petterson und Stellan Westerdahl lagen zurück. Dann schlief der Wind bei Bruder und mir für fast eine halbe Stunde total ein. Die Australier behielten etwas Wind, umkreisten uns in einem Riesenbogen und wurden Erste. Wir Vierte. Ich war sauer auf die Wettfahrtleitung. Die Wettfahrt hätte abgebrochen werden müssen. Der Punktverlust im direkten Vergleich bedeutete den Verlust der sehr wahrscheinlichen Goldmedaille für Karsten und mich.

Da war auch im Finalrennen nichts mehr zu machen?

Theoretisch war nur noch Punktegleichstand zu erreichen, aber das hätte nicht für Gold gereicht, wegen der Anzahl besserer Plätze der Australier. Ich habe es mit Fassung getragen. Pelle konnte sich mit Rang fünf noch einen Platz sichern, der ihm mit 0,4 Punkten vor uns die Silberne einbrachte. C’est la vie.

Du hast insgesamt an fünf Olympischen Spielen teilgenommen. Macht es einen Unterschied, anderswo oder im Heimatrevier anzutreten?

Das war damals ein ganz besonderes Gefühl in Kiel! Immerhin war ich nach 1964 einige Jahre ein echter Kieler. In Kiel-Pries hatten meine damalige Frau Angelika und ich eine niedliche kleine Wohnung. Dort wurde unsere Tochter Corinna 1965 geboren. Die Kieler Förde war meine Heimat, und ich fühlte mich dort immer sehr wohl. Die Umstände hatten es dann sogar ergeben, dass wir uns bereit erklärten, die Aufgaben des Faschingsprinzenpaares zu übernehmen. Das war mal was ganz anderes, wenn auch sehr anstrengend.

Wie erinnerst du die Atmosphäre im damals neu errichteten Olympiazentrum?

Es war die mit Abstand tollste Stimmung im Hafen und in der Umgebung, die ich je bei Olympischen Spielen erlebt habe. Bis zum Anschlag in München war alles einsame Spitze. Da konnte auch Los Angeles 1984 nicht mithalten.

Wie haben euch die Nachrichten vom Terroranschlag erreicht?

Sie kamen über Telex, Telefon und Fernsehen nach Schilksee. Die Super-Stimmung war von jetzt auf sofort Vergangenheit. Wir dachten alle, dass die Spiele abgebrochen werden, und standen der Situation sehr hilflos gegenüber. Als am dritten Tag die Entscheidung fiel, dass die Spiele „jetzt erst recht“ weitergehen, ging ein Aufatmen durch die Teilnehmer. Das wurde sehr schnell als die richtige Entscheidung eingestuft.

Haben sich Schock und Trauer auf euer Leistungsvermögen ausgewirkt?

Die Auswirkungen waren eher gering. War man erst einmal aus dem Hafen heraus, übernahm wieder die trainierte Konzentrationsfähigkeit.

Erinnerst du dich an besondere Menschen bei Olympia 72 in Kiel, die dich inspiriert haben?

Mit Bruno Splieth (Red.: Regatta-Urgestein von der Förde, zweimaliger Olympiateilnehmer vom Kieler Yacht-Club) haben mich starke Gefühle und Gedanken verbunden. Unsere Gemeinsamkeiten waren enorm. Für viele Jahre war er dann auch mein Betreuer. Er war nicht nur für mich „Der Kieler Skipper“. Bei seiner Betreuung haben wir uns blind verstanden, weil wir beide in der Segelsprache dachten.

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