Solo-WeltumseglerJoshua Slocum - Der verlorene Pionier

David Ingelfinger

 · 03.08.2026

Slocum während seiner Weltumsegelung, vermutlich im Hafen von Buenos Aires.
Foto: New Bedford Whaling Museum

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Joshua Slocum war schon im 19. Jahrhundert der erste Mensch, der allein die Welt umsegelte, danach verschwand er spurlos auf See. In einer neuen Reihe porträtieren wir die außergewöhnlichsten Solo-Weltumsegler der Geschichte.

Der US-Amerikaner Joshua Slocum war schon Mitte 50, als er 1895 zu seiner größten Reise aufbrach. Hinter ihm lagen eine Kapitänskarriere auf den großen Handelssegelschiffen, zwei Ehen, mehrere Schiffbrüche, abenteuerliche Rettungen und der langsame Untergang einer ganzen Epoche.

Ein Austernfischerboot und ein neuer Plan

Als ihm im Jahr 1892 ein befreundeter Walfang-Kapitän ein altes Austernfischerboot mit dem Namen „Spray“ anbot, ahnte Slocum wahrscheinlich noch nicht, dass dieser neue Lebensabschnitt ihm einen Eintrag in die Geschichtsbücher bringen würde. Zeitlich befinden wir uns hier in der Industrialisierung. Damals wurden viele Großsegler bereits abgeriggt und zu Kohlekähnen umgebaut. Einige ihrer ausgedienten Kapitäne verbrachten den vorzeitigen Ruhestand im Sailors' Snug Harbor, einem Seemannsheim in New York. Nicht so Joshua Slocum.

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Die „Spray“ stand heruntergekommen an Land in der Nähe von New Bedford. Der Zustand des Schiffes war alles andere als gut: Durch ihre Planken wuchs zwar ein Baum, ein Mast war aber nicht vorhanden. Ungeachtet aller Widrigkeiten machte sich Slocum ans Werk und hauchte dem Boot neues Leben ein. Er verbrachte 13 Monate mit dem Umbau und gab insgesamt 553,62 Dollar für das Material aus. Den Chronometer konnte er sich am Ende nicht mehr leisten. Für einen Dollar erstand er eine gebrauchte Blechuhr. Sie sollte der einzige Zeitmesser während seiner Weltumsegelung werden und dies zu Zeiten als die Schiffsuhr neben dem Sextanten zum wichtigsten Instrument an Bord gehörte.

Zwei Monate in der Magellanstraße

Am 24. April 1895 ging Slocum in Boston ankerauf. Die Route führte über Gibraltar und zurück über den Atlantik nach Brasilien. Nachdem schon zu Beginn seiner Reise in der Karibik eine Ziege seine einzige Seekarte aufgefressen haben soll, verließ er sich auf seine Erfahrung als Kapitän und die Erinnerung an vorherige Reisen.

Weiter ging es durch die berüchtigte Magellanstraße in Südpatagonien. Zwei Monate lang kämpfte sich die „Spray“ durch diese Meerenge mit ihren verschlungenen Seitenarmen, scharfen Riffen und Inseln – und das nach heutigen wie damaligen Maßstäben im totalen Blindflug. Absolute Windstille konnte im Nu in einen Hagelsturm umschlagen. Dazu kämpfte Slocum mit der größten Widrigkeit des Einhandsegelns: der Einsamkeit. Er rief Kommandos an eingebildete Matrosen und verlor während der Reise allmählich den Verstand. Seine Stimme klang hohl auf dem endlosen Ozean.

Den Pazifik bewältigte er mit Stationen auf den Juan-Fernández-Inseln und Samoa. Von Sydney aus segelte er 2.700 Seemeilen in 23 Tagen nach Cocos Keeling Island im Indischen Ozean. Nach eigener Aussage verbrachte er weniger als drei Stunden am Ruder. Am 27. Juni 1898 lief er wieder in Newport, Rhode Island, ein. Nach 46.000 Seemeilen und drei Jahren allein auf See hatte Joshua Slocum als erster Einhandsegler die Welt komplett umrundet.

Die Mutter aller Einhand-Boote

Schon damals wurde darüber sinniert, welchen Anteil sein Schiff am Erfolg des Einhandpioniers hatte. Er selbst beschreibt die „Spray“ als ausgewogen und so kursstabil, dass er sie nur selten steuern musste. Dieser Umstand sorgte immer wieder für Nachbauten, deren Seeverhalten dem von Slocum geschilderten aber selten vollends entsprach. Das legt die Vermutung nahe, dass sein Erfolg maßgeblich dem seemännischen Geschick Slocums zuzuschreiben ist.

Das ungeklärtes Ende von Joshua Slocum

Sein Buch „Sailing Alone Around the World“ erschien 1900 und wurde ein Welterfolg, mehrfach nachgedruckt und in viele Sprachen übersetzt, auch ins Deutsche. Der Schulabbrecher hatte nicht nur eine beeindruckende Kapitänskarriere absolviert, sondern auch einen Klassiker der Reiseliteratur geschrieben, der bis heute gelesen wird.

Der Versuch, sesshaft zu werden, gelang ihm jedoch nicht so recht. 1909 verließ Slocum Martha's Vineyard in Richtung Südamerika und wurde danach nie wieder gesehen. Vielleicht sank die „Spray“ im Sturm oder er fiel über Bord. Bis heute halten sich Gerüchte, dass er von einem der von ihm so verhassten Dampfschiffe überfahren wurde. Gewissheit gibt es jedoch nicht. 1924 wurde Joshua Slocum offiziell für tot erklärt. Zum ausführlichen Porträt gelangen Sie hier.


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Weit entfernt von den Küsten im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen, fand David Ingelfinger erst im Alter von elf Jahren auf den niederländischen Gewässern zum Segelsport. Was als Familienurlaub ohne großartige Vorkenntnisse begann, mündete in einer steilen Lernkurve, aus der die dauerhafte Leidenschaft fürs Segeln entsprang. Seine praktischen Erfahrungen festigte er über die Jahre mit dem Erwerb des SKS und zahlreichen Meilen als Skipper auf Charteryachten im Ijsselmeer, der Nordsee sowie im Mittelmeer. Nach seinem Studium der Publizistik schlägt er nun die Brücke zwischen dem journalistischen Handwerk und der Praxis auf dem Wasser und bringt seine Begeisterung für den Sport als Volontär in die Redaktion der YACHT ein.

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