Am Kap Agulhas blickt eine junge, zierliche Frau auf den Indischen Ozean zur Linken und den Atlantik zur Rechten. Der Übergang vom Land zum Meer am südlichsten Punkt Afrikas markiert das Ende ihrer langen Reise.
Kirsten Neuschäfer, die Tochter eines deutschen Vaters und einer Südafrikanerin ist im südlichen Afrika aufgewachsen. Mit 19 Jahren zog es sie nach Finnland, wo sie zwei Jahre lang Schlittenhunde trainierte und fließend Finnisch sprechen lernte.
Für den Rückweg nach Südafrika wählte sie das Fahrrad – trotz aller Sorgen der Leute. Ein Jahr später steht sie am Kap und rekapituliert: Keine Befürchtung hat sich bewahrheitet. Sie ist glücklich, die Mammutstrecke bewältigt zu haben, und gleichzeitig traurig, dass das Abenteuer beendet ist. Doch vor ihr liegt die Weite der Ozeane und damit die ganze Welt. Neuschäfer fasst einen Entschluss: Sie wird Seglerin.
Also macht sie einen Segelschein und erkundigt sich nach Mitsegelgelegenheiten, denn das Revier vor der Haustür ist anspruchsvoll. „Um als Seglerin ernst genommen zu werden und Jobs zu bekommen, ist Erfahrung unerlässlich. Also habe ich überall angefragt, ob ich mal mitfahren könnte, um Seemeilen zu sammeln.“
Auf einem dieser Törns von Durban nach Kapstadt machen sie halt in East London. In einer Kneipe kommt sie mit dem Betreiber der örtlichen Segelschule ins Gespräch. „Er fragte mich nach meiner Segelerfahrung, und ich antwortete: ‚Ehrlich gesagt, habe ich kaum welche. Ich habe lediglich den Küstenschein.‘“ Zu ihrer Überraschung reagiert er begeistert: Er sucht gerade eine Segellehrerin und bietet ihr an, bereits am nächsten Tag bei ihm anzufangen. Auf ihren Einwand, dass sie noch keine Erfahrung im Unterrichten habe, entgegnet er unbesorgt, dass sie gleichzeitig lehren und lernen könne.
Und das tut sie wie kaum eine andere. Sie wird Segellehrerin und beginnt mit Überführungstörns der größeren Art. Ihr erster Einhandtörn ist die Überführung einer Ferrozement-Yacht von Portugal nach Südafrika. Bei einer Überführung segeln sie zu Saint Paul, einer unbewohnten Insel im Indischen Ozean, die etwa auf halbem Weg zwischen Südafrika und Australien liegt. Die Insel besteht aus einem steil aus dem Meer ragenden Vulkankrater, dessen eine Seite eingebrochen ist und eine etwa hundert Meter breite Einfahrt bildet. Das Eiland anzusteuern ist aufgrund der starken Dünung selbst bei wenig Wind ein waghalsiges Unterfangen. Sie werfen den Anker mitten im Krater. Schwimmend erreichen sie das Ufer. „Dort waren viele Robben, die mit uns schwammen. Sie sehen den Menschen nicht als Feind und begleiteten uns einfach“, schwärmt sie.
Doch lange können sie nicht verweilen, denn nachts zerrt das Boot in heftigen Fallwinden zwischen den hohen Kraterwänden am Anker. Im Dunkeln suchen sie die schmale Ausfahrt, während das Licht der starken Taschenlampe Hunderte von Robbenaugen zum Leuchten bringt. „Es sind diese abgelegenen Orte, die man nur mit dem Boot erreichen kann, die das Segeln so besonders machen.“ Dort draußen ist sie auf sich allein gestellt und muss an alles denken, bevor sie ablegt. Ersatzschrauben und Taucherausrüstung inklusive. Sie muss technisch ebenso versiert sein wie seglerisch. Dazu bescheiden, was Komfort angeht, innig verbunden mit dem Meer und furchtlos, auch wenn es tobt.
Beste Voraussetzungen, um am Golden Globe Race (GGR) teilzunehmen, dem wohl einsamsten Rennen der Erde. Neuschäfer wählt den dazu passenden Bootstyp: Eine Cape George 36. Mit einem Leergewicht von 13 Tonnen nicht eben ein Racer, aber stäbig und zuverlässig. In Neufundland in Kanada steht eine zum Verkauf. Neuschäfer entdeckt das Schiff, als sie unterwegs ist, von Südgeorgien auf dem Weg nach Grönland. Sie nimmt einen Kredit auf und kauft das Boot.
Doch dann kommt Corona. Ein Jahr lang darf sie nicht nach Kanada. Als sie endlich lossegeln kann, ist es immer noch so kalt, dass sie die Festmacher mit heißem Wasser auftauen muss. In 56 Tagen segelt sie nonstop ins heimische Kapstadt, lernt dabei das Boot kennen und erstellt eine Liste der Verbesserungswünsche. Und schon drei Monate später segelt Neuschäfer über die Azoren zum Starthafen des GGR im Regatta-Mekka Les Sables-d’Olonne.
15.000 Solo-Seemeilen hat die Einhandseglerin mit ihrer „Minnehaha“ so bereits vor dem Rennstart im Kielwasser. Drei knappe Wochen bleiben ihr vor Ort, um das Rennen nach den strengen Regeln final vorzubereiten. Essen zu bunkern, Bücher, Musikkassetten und alles, was man sonst gebrauchen kann in Monaten vollkommener Einsamkeit. Moderne Technik und Kommunikationsmittel sind tabu.
Der Österreicher Norbert Sedlacek musste gerade einen Rekordversuch abbrechen und hat jede Menge Vorräte, die nun in die Schapps der „Minnehaha“ wandern. Besser noch: Ein französischer Koch versorgt sie mit 100 Einmachgläsern eigens kreierter lokaler Küche. „Mein Boot hat ein Leergewicht von 13 Tonnen, da machen 100 Kilo zusätzlich für das Essen und 100 Bücher auch nichts mehr aus“, erzählt Neuschäfer lachend.
Am 4. September 2022 startet sie mit 15 männlichen Konkurrenten zur Retro-Regatta um die Welt. Der Auftakt verläuft zäh für die Südafrikanerin, aber sie segelt das Rennen souverän, während die Flotte sich durch Strandungen, Aufgaben oder Bruch selbst dezimiert. Bis zu einem planmäßig vor dem heimischen Kapstadt stattfindenden Medienstopp hat sie sich bereits auf Platz 2 vorgearbeitet, dicht gefolgt von dem finnischen Konkurrenten Tapio Lehtinen.
Im Indischen Ozean unterbricht Neuschäfer ihr Rennen und eilt dem Finnen zur Hilfe, dessen Boot innerhalb kürzester Zeit nach einer Kollision gesunken ist. Neuschäfer gelingt die spektakuläre Rettung, und nachdem Lehtinen auf einen Frachter verholt wurde, segelt sie mit einer Zeitgutschrift von 36 Stunden weiter.
Nach der Rundung Kap Hoorns folgt ein Zweikampf zwischen Neuschäfer und dem Inder Abhilash Tomy, der den beiden nervlich und körperlich alles abverlangt. Doch nach einem fulminanten Endspurt quert sie mit einem komfortablen Vorsprung die Ziellinie und gewinnt als erste Frau ein Solorennen um die Welt – ausgerechnet am Liberty Day ihres Heimatlandes.
Nachdem Freunde und Teammitglieder an Bord gekommen sind, wird „Minnehaha“ in den berühmten Kanal von Les Sables-d’Olonne geschleppt, dessen Flanken von begeisterten Segelfans gesäumt sind. „Kirsten, we love you!“ und Bravorufe fliegen der neuen Königin des Offshore-Segelns zu. Demütig bedankt sie sich für jeden Zuruf, bevor sie, mit einer roten Signalfackel ausgestattet, das Vorschiff einnimmt.
Don McIntyre, Initiator des Golden Globe Race, leitet die Pressekonferenz am nächsten Morgen ein: „Das GGR ist nicht nur ein Rennen um die Welt, es ist ein Spiel des Willens, das im Kopf stattfindet und über den Erfolg entscheidet. Kirsten, deine Vorbereitungen waren exzellent, aber am Ende des Tages hat deine mentale Stärke entschieden!“
Die ersten Nächte nach dem Zieleinlauf verbringt der neue Offshore-Star nicht im Hotel, sondern wieder auf „Minnehaha“, ihrem Zuhause und Zufluchtsort, wo sie wieder geschützt und alleine sein kann, wenn ihr der Trubel zu viel wird. Auf den Stegen von Port Olona kann sie keinen Schritt machen, ohne von Menschen umringt zu sein und für Autogramme und Selfies herzuhalten. Als die Siegeseuphorie langsam verfliegt und die Müdigkeit einsetzt, merkt man ihr an, wie ihr das zunehmend schwerer fällt. Die toughe Abenteurerin und Weltumseglerin wirkt auf einmal angreifbar. Aber sie kämpft und beantwortet jede Anfrage mit einem Lächeln.
Ihre Demut und Bodenständigkeit, gepaart mit ihrer Herzlichkeit und den leuchtenden Augen beim Erzählen – dieser faszinierende Mix zieht jeden Segler in ihren Bann.
Im Rahmen der Flagship Night zum Auftakt der boot Düsseldorf im Jahr 2024 wurde Kirsten Neuschäfer von der Messe und dem Verlag Delius Klasing, in dem auch die YACHT erscheint, der Seamaster Award verliehen. Schon vorher erhielt sie mehrere namhafte Auszeichnungen: Die abenteuerlustige Profi-Skipperin, die nie zuvor an einer Regatta teilgenommen hatte, wurde etwa bereits bei den World Sailing Awards zur Weltseglerin des Jahres 2023 gekürt, erhielt den von Bobby Schenk neu gestifteten Kap-Horn-Award und gewann außerdem die traditionsreiche Blue Water Medal des prestigeträchtigen Cruising Club of America. Die Leistung der zierlichen Südafrikanerin mit deutschen Wurzeln kann gar nicht genug gewürdigt werden.
In "Alles gut, K." schildert Kirsten Neuschäfer ihren historischen Triumph beim Golden Globe Race, einem der anspruchsvollsten Segelrennen der Welt. Ihr Sieg als erste Frau gegen 15 männliche Konkurrenten revolutioniert den Segelsport und inspiriert viele Abenteurer. Neuschäfers Bericht reicht von den Anfängen ihrer Segelkarriere bis zur komplizierten Rettung von Tapio Lehtinen im Indischen Ozean. Ihre Geschichten zeichnen ein lebendiges Bild der Herausforderungen und Freuden des Solosegelns. Dank ihrer außergewöhnlichen Leistungen erhält Neuschäfer renommierte Auszeichnungen und bleibt eine Ikone der modernen Seefahrt. Ihr Buch bietet einen tiefen Einblick in die Seele einer Entdeckerin und ermutigt Leser, den eigenen Träumen zu folgen. 29,90 Euro. ISBN 978-3-667-13143-0. shop.delius-klasing.de/

Redakteurin Panorama und Reise