Das Leben in einer WG muss man mögen. Man teilt das Klo, das Essen und den Alltag. Die persönlichen Grenzen verschwimmen, Privatsphäre wird zur Mangelware. Doch die Gemeinschaft kann auch tragen – finanziell und körperlich, wenn große Pläne umgesetzt werden sollen.
Für Moritz Wichmann wurde sie genau das: die Basis, auf der sein Lebenstraum Wirklichkeit wurde. Der heute 39-Jährige segelte mit seiner „Free Spirit“, einer Dufour 43 Classic, einmal um die Welt. Im August 2022 startete er in Griechenland und legte in 18 Monaten 29.000 Seemeilen zurück. Allein war Wichmann dabei nicht. 221 Mitsegler begleiteten ihn auf mehr als 40 verschiedenen Törns, zwischen zwei und acht Personen teilten sich den begrenzten Raum an Bord. Die „Free Spirit“ wurde zur schwimmenden WG.
Für diese ungewöhnliche Weltumrundung erhielt Wichmann kürzlich den Weltumseglerpreis des Hochseesegler-Vereins Trans-Ocean. Bei der Verleihung sagte er, die Auszeichnung würdige nicht nur die großen Passagen, sondern auch die unspektakulären Seiten der Reise. Die vielen Stunden Arbeit an Bord, die Jagd nach Ersatzteilen, all die Momente, die alles andere als magisch sind.
Moritz Wichmann: Ich arbeitete bereits viele Jahre nebenberuflich als Skipper und segelte die klassischen Charterreviere ab. Irgendwann hatte ich fast alles gesehen. Die Weltumseglung war der nächste logische Schritt. Allerdings war ich nicht wohlhabend genug, um das allein oder mit Freunden durchzuziehen. Gleichzeitig bin ich ein sozialer Mensch und gerne unter Menschen. Also entstand die Idee, das Ganze wie eine schwimmende WG auf See aufzuziehen. Es war einerseits der monetäre Aspekt, andererseits das Soziale.
Genau. Ich richtete schnell einen kleinen Blog ein und plante die Törns ein Jahr im Voraus. Zwischendurch baute ich genügend Puffer ein. Zudem gab es alle acht Wochen eine Woche Bootsarbeit, in der wir Schäden reparierten. So konnte ich sicherstellen, dass ich zum Zeitpunkt X auch tatsächlich in Panama losfahren oder in Tahiti ankommen konnte.
Bis auf eine Woche, in der wir einen Törn verschieben mussten, hat es funktioniert!
Jein. Man wird immer organisierter. Das ist sicherlich Teil des Erwachsenwerdens. Durch meine Zeit als Skipper habe ich bereits viel Erfahrung sammeln können. Mithilfe eines Kalenders und der durchschnittlichen Winddaten wusste ich, wie lange ich ungefähr für die 40 Törns brauchen würde. Zudem lag die Route meist im Passatgürtel. Dort ist der Wind sehr berechenbar – so hat es gut funktioniert.
Ja, genau. Am Ende kamen noch mal zehn hinzu, da wir noch ein halbes Jahr durch das Mittelmeer segelten. Ansonsten sind wir ziemlich genau die Route von Jimmy Cornell aus „Segelrouten der Welt“ gesegelt, für die er rund zwei Jahre vorschlägt. Als echter Engländer startet seine Route natürlich in Gibraltar. Wir starteten bereits im östlichen Mittelmeer, in Griechenland, und waren nach 18 Monaten zurück in Zypern.
Ja, das kommt hin. Im Roten Meer kam mein Vater zur Hilfe – zusammen mit einer anderen Person waren wir da nur zu dritt. Vier Wochen, von Fidschi nach Australien, segelte ich auch mal nur mit meiner Freundin, aber auf dem Weg über den Atlantik waren wir zu acht. Da war das Boot rappelvoll.
Auf jeden Fall. Ich sagte mal im Scherz zu meiner Freundin: „Wenn ich noch eine Anfrage bekomme, wo jemand umsonst über den Atlantik mitgenommen werden will, dann drehe ich durch.“ (Lacht) Für diese Strecke wollten bestimmt 40 Personen mit. Das scheint bei vielen auf der Bucketlist zu stehen.
Eine bunte Mischung: spontane Backpacker auf Abenteuersuche. Einige segelten zum ersten Mal, manche waren noch nie auf einem Boot gewesen und wollten gleich auf den Atlantik – etwa von Gibraltar zu den Kanaren. Andere hatten bereits Segelerfahrung und suchten mehr als die übliche Woche Mallorca oder Kroatien.
Ich wollte immer eine gemischte, internationale Crew an Bord haben. Das gelang mir mal besser, mal schlechter. Oft bestand die eine Hälfte aus Deutschen und die andere Hälfte aus einem bunten Mix. Von Bali nach Singapur etwa segelten bei mir eine Türkin, eine Haitianerin, ein Engländer und drei Deutsche mit.
Ja, durchaus. Etwa eine Schweizerin: Sie war die kompletten neun Tage seekrank, während wir von Thailand nach Sri Lanka segelten. Das war allerdings die Ausnahme. Ich bin auch ein wenig stolz, dass es bis auf kleine Blessuren keine echten Verletzungen gab.
Ja, aber die Fälle kann ich an einer Hand abzählen. Zum Beispiel hatten wir eine Frau, die im Indischen Ozean mit der gesamten Crew aneckte und schließlich in Sokotra von Bord ging. Das war eine Ausnahme.
Die meisten Leute wollen dasselbe. Sie sind kompromissbereit und unkompliziert. Auf meinem Blog gibt es ein FAQ, das erklärt, wie das Leben an Bord funktioniert und was sie erwartet – das müssen alle vorher lesen. Vorab zu prüfen, ob man zusammenpasst, war in der kurzen Zeit nicht wirklich möglich. Mein Vorteil war, dass ich bereits Erfahrung als Charter-Skipper hatte. Und klar, man muss auch der Typ für so ein Vorhaben sein.
Ich sparte jahrelang, wie viele andere, die diesen Traum haben. Im Winter ’21/22 machte ich mich dann auf die Suche nach einem Boot. In Griechenland stieß ich auf eine Dufour 43 Classic. Ein griechisches Ehepaar wollte sie aus Altersgründen verkaufen. In einem Speed-Refit überarbeitete ich drei Wochen lang die wichtigsten Sicherheitsteile. Ich tauschte Seeventile aus, erneuerte das Rigg. Während der Weltumseglung kümmerte ich mich dann um den Rest. Ich installierte und erweiterte die Solaranlage, reparierte den Watermaker. Das zog sich über Monate hin, weil wir sehr lange auf Ersatzteile warten mussten. Es war ein jahrelanger Traum, auf den ich lange hingearbeitet hatte. Mit 35 Jahren startete ich – das war vor vier Jahren.
Die Hurrikan-Saison in der Karibik gab den Zeitrahmen vor. Ich musste spätestens Anfang November von den Kanaren starten, also rechtzeitig das Mittelmeer verlassen. Hätte ich das verpasst, hätte ich ein ganzes Jahr warten müssen – das wollte ich vermeiden. Zudem war das Boot in relativ gutem Zustand. Vieles ließ sich von unterwegs erledigen.
Nun ja, ich bin kein Aussteiger, Rentner oder wohlhabender Amerikaner. Kein klassischer Weltumsegler. Ich sparte mir ein Budget zusammen und plante, das Ganze in zwei Jahren durchzuziehen. Schließlich wollte ich noch nicht mit dem Berufsleben abschließen. Drei oder fünf Jahre um die Welt zu segeln, das können sich viele nicht leisten. Das ist sicherlich auch der Grund, weshalb viele Weltumsegler älter sind. Das ändert sich zwar mit den Youtube-Weltumseglern, aber die segeln alle deutlich langsamer. Ich machte ein paar Instagram-Storys, ließ mich aber nicht von tagelangem Videoschnitt aufhalten.
Grundsätzlich funktionierte es gut. Im Laufe der Zeit erhöhte ich die Preise: von anfangs 350 Euro pro Woche auf später 500 Euro. Erst das reichte, um die laufenden Kosten zu decken. Beim nächsten Mal würde ich für Strecken mit erwartbar niedriger Nachfrage im Voraus nach Mitseglern suchen – etwa im Pazifik oder im Roten Meer. Außerdem glaube ich mittlerweile, dass ich auch die Nordküste Australiens auslassen würde. Zum einen weil die Behörden dort recht pingelig sind, was das Einklarieren angeht. Zum anderen kann man wegen der Krokodile nicht ins Wasser gehen. Einfach mal so reinspringen ist nicht möglich. Indonesien ist da einfach schöner.
Eigentlich nicht. Wobei – ich bereue, keine regelmäßigen Handy- und Foto-Backups gemacht zu haben. Im Roten Meer verlor ich mein Handy und damit fast alle Bilder zwischen Panama und Suakin. Ich saß hinter dem Steuerrad auf der Ruderbank, als mir das Handy aus der Jogginghosentasche glitt. Es schlug noch einmal aufs Deck, dann verschwand es mit einem Plopp. Wir waren mit fünf Knoten unterwegs, offshore, früh am Morgen – keine Chance. Das war der emotionale Tiefpunkt der Weltumseglung. Insgesamt war es ein großes Abenteuer. Dass die logistische Herausforderung aufging, macht mich stolz. Ich sage immer: Es gibt kein Problem, das wir nicht lösen können.
Mittlerweile arbeite ich für die Deutsche Energie-Agentur (DENA), das ist ein Thinktank zum Thema erneuerbare Energien. In Teilzeit, sodass ich alle sechs bis acht Wochen für ein, zwei Wochen nach Griechenland fliegen und mich um das Boot kümmern kann. Parallel organisiere ich Skipper, die das Boot weitersegeln. So bieten wir weiterhin Törns von jungen Erwachsenen für junge Erwachsene an. Unabhängiger als Standard-Charter-Anbieter und an keinen Ort gebunden: Mit Watermaker und Solar ausgestattet kann das Boot theoretisch wochenlang unterwegs sein. Wir müssen nicht in irgendeine Marina, um Wasser zu bunkern oder die Batterien aufzuladen.
Diese Frage höre ich oft. Dahinter steckt wohl eine ziemlich romantisierende Vorstellung von Weltumseglung oder Segeln überhaupt. Ich freue mich über etwas mehr Stabilität – es geht um die richtige Balance. Lossegeln könnte ich sofort wieder, genauso kann ich jederzeit als Skipper arbeiten. Eine Weltumseglung besteht aber nicht nur aus Ankerplätzen mit Strand und Palmen im Pazifik. Sie kann auch anstrengend sein, eine Herausforderung, die man aushalten muss.
Das Rote Meer zu durchkreuzen war richtig anstrengend. Auf beiden Uferseiten liegen autoritäre, islamistische Staaten, deren korrupte Beamte versuchen, Geld abzuzweigen. Es gibt beides: die Momente, in denen man in den Sonnenuntergang segelt oder auf irgendeinem Pazifikatoll am Lagerfeuer sitzt – und die Momente, in denen man mit Beamten der Einreisebehörden streitet.
Alles in allem ja. Manchmal ist es schön, manchmal ist es Durchhalten.
Die Frage, die ich mir stelle, ist, ob man das Boot einigermaßen kostenneutral halten und vielleicht mit kleinem Gewinn weiterbetreiben kann. Die zweite Herausforderung ist, dass ich demnächst Vater werde – das Leben geht also weiter!
Die Weltumseglung ist beendet, doch die „Free Spirit“ segelt weiter. Aktuell liegt sie in Griechenland und bietet Kojencharter-Törns an – von Einsteiger-Trips bis zu segelintensiven Abenteuern. Junge Skipper führen die Reisen. Watermaker und Solarpaneele machen das Boot autark und unabhängiger als herkömmliche Charteryachten.
Mehr unter: www.magicaloceansailing.com

Redakteur News & Panorama