InterviewSchnäppchen oder Kostenfalle auf dem Gebrauchtbootmarkt?

Antonia von Lamezan

 · 15.07.2026

Uwe Gräfer, Gutachter für Segel- und Motorboote ist zu Gast im YACHT Podcast. Das Gespräch lesen Sie hier.
Wer 2026 eine gebrauchte Yacht kaufen will, findet auf dem Markt teils überraschend günstige Angebote. Doch gerade bei einem älteren Gebrauchtboot entscheidet der genaue Blick über Schnäppchen oder Kostenfalle. Uwe Gräfer, Sportbootsachverständiger und Gutachter mit 15 Jahren Erfahrung, erklärt im Interview mit Timm Kruse, worauf Käufer achten müssen, welche Mängel häufig übersehen werden und warum ein Gutachten vor der Preisverhandlung sinnvoll ist.

YACHT: Erkennen Sie ein schlechtes Boot manchmal schon, bevor Sie überhaupt an Bord gehen?

Uwe Gräfer: Tatsächlich ist das möglich. Man sieht natürlich nur die Oberfläche, aber der Wartungszustand lässt sich oft schon vom Steg aus erkennen. Das heißt nicht, dass man das Boot nicht kaufen sollte – man muss dann ins Detail gehen und schauen: Ist das kosmetisch oder gibt es strukturelle Mängel, die vielleicht teuer oder unkalkulierbar sind?

2026 gilt als gutes Jahr für Käufer von Gebrauchtbooten. Gibt es wirklich so viele Schnäppchen?

Da muss man differenzieren. Es gibt Schnäppchen, aber das betrifft in erster Linie ältere Semester – also nicht die Käufer, sondern die Boote. Klassiker aus den 70er, 80er und 90er Jahren sind teilweise sehr günstig zu haben, günstiger als noch vor ein paar Jahren. Jüngere Boote ab Baujahr 2005 sind auch etwas günstiger, aber da gibt es nicht dieses Verkäuferproblem, dass man die nicht loswird. Diese Boote lassen sich weiterhin gut verkaufen.

Ich habe gestern in Holland mit einem großen Makler gesprochen, ich bin im Ausland viel unterwegs und frage dann immer nach den Einschätzungen der Makler. Die haben bestätigt: Jüngere, gut gepflegte Boote verkaufen sich immer noch gut. Aber bei den älteren oder problematischen Gebracuhtbooten gibt es tatsächlich Schwierigkeiten.

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Was ist der häufigste Fehler beim Kauf eines Gebrauchtboots?

Der größte Fehler, das ist zeitunabhängig, ist, dass man zu emotional daran geht und sich direkt in ein Boot verliebt. Man sieht sich schon mit dem Sundowner an Deck sitzen, irgendwo im Mittelmeer oder an der Ostsee, und fantasiert sich in eine Zukunft mit dem Boot rein. Und dann ist man nicht offen, das nüchtern zu betrachten und auch die Probleme zu sehen.

Wir als Gutachter gehen nüchtern analytisch ran: Das Boot hat die und die Vorteile, hat die und die Nachteile. Und dann kommt eine abschließende Bewertung, die auch den Preis umfasst. Was muss man noch investieren, um den Traum zu realisieren? Oder lässt man die Finger davon, weil es tatsächlich ein Fass ohne Boden ist?

Sie sind also quasi die Spaßbremse?

Nein, unsere Rolle ist nicht die Spaßbremse zu sein. Wir wollen eine nüchterne Perspektive geben und die Risiken sichtbar machen, sodass der Kaufinteressent weiß, was wirklich auf ihn zukommt. Der Traum ist völlig legitim und menschlich. Ein Boot ist immer eine emotionale Sache, und das ist völlig in Ordnung. Wir geben als Gutachter dem Ganzen eine sachliche und realistische Perspektive: “Das und das erwartet dich in nächster Zeit. Du kannst das Ding kaufen, aber bilde Rücklagen oder such dir schon mal einen Bootsbauer, der mit dir dies und das macht.” Wir wollen keine Träume zerstören, sondern einen Realismus reinbringen und die Wirtschaftlichkeit im Auge behalten.

Was kostet ein Gutachten bei Ihnen?

Ein Gutachten hat im Grunde zwei Faktoren: das Zeithonorar für die Arbeit an Bord, bei Probefahrt, Prüfungen und Messungen und zusätzlich die Anfahrt. Gestern war ich in Holland, den Tag davor in Dänemark. Flug oder Auto, eventuell Übernachtung, das kommt on top. Aber selbst wenn ich alles zusammenrechne, bin ich bei einem 100.000-Euro-Boot irgendwo bei zwei Prozent, also rund 2.000 Euro. Und im Vergleich dazu, dass man sonst vielleicht ein wirklich kaputtes oder marodes Boot kauft, macht das immer Sinn.

Bieten Sie auch Beratung im Vorfeld an?

Ja, das ist ja nicht nur der Vor-Ort-Termin. Wir analysieren im Vorfeld, was der Kunde sucht, ob das ausgewählte Boot wirklich passt. Vielleicht sagen wir auch: “Überlege mal, ob du mit 2,20 Meter Tiefgang im Wattenmeer mit Festkiel glücklich wirst. Wäre es nicht besser, du schaust nach etwas mit variablem Tiefgang?”

Wir schauen uns das Inserat an, das Maklerexposé, die Bilder. Bei weiter entfernt liegenden Objekten können wir auch Fernbesichtigungen per Video machen, bevor sich jemand ins Flugzeug setzt und eine Enttäuschung erlebt. Exposés zeigen natürlich nur die Schokoladenseiten. Mit der Kamera vor Ort kann ich sagen: “Mach mal das Schapp auf, heb das Bodenbrett hoch, mach mir eine Nahaufnahme von der Stelle dort im GFK.” Wir haben viele Kunden, die tausende Euro für Flüge und Übernachtungen ausgeben, um irgendwelchen Booten nachzujagen, und mit einer Latte von Enttäuschungen zurückkommen. Das lässt sich heute wirklich vermeiden.

Was kostet so eine Videobesichtigung?

Das liegt im Bereich von 300 Euro; also günstiger als jeder Flug. Man hat dann einen vertieften Einblick und kann sagen: Wir treten dem näher - oder wir lassen es gleich.

Was erkennt ein Gutachter, was Käufer oft übersehen?

Wir haben den Vorteil, dass wir Muster erkennen können. Wir kennen viele Typen, haben sie schon öfter begutachtet. Da weiß man, wo die Schwachstellen bei dem Boot liegen, bei dem Motor, bei dem Rigg. Wir können einordnen: “Das ist immer so bei dem Dampfer”, oder “hier reißt einer aus dem Rahmen”. Dann kann auch eine frühere Havarie dahinterstecken. Das können wir aufgrund unserer Erfahrung einordnen. Ein Kaufinteressent hat im Jahr vielleicht zwei oder drei Boote gesehen, wir sehen 50 oder 100.

Können Sie aus dem Gutachteralltag erzählen?

Da gibt es eine ganze Menge. Verkäufer sind teilweise blind für die Macken ihres Bootes. Auch da spielt die Liebe eine Rolle. Ein Großsegel ist 30 Jahre alt, man kann es noch hochziehen und damit rumschippern. Der Verkäufer beschreibt es als “gutes Segel”. Nüchtern betrachtet kann man aber eigentlich nicht mehr richtig Höhe laufen.

Eine schöne Anekdote war eine Gasanlage, die seit 30 Jahren nicht angefasst worden war. Kein Schlauch gewechselt, kein Druckregler, gar nichts. Als ich den Eigner damit konfrontierte, sagte er: "Wieso? Da ist doch noch nie was passiert." Das finde ich bei einer Gasanlage eine starke Aussage.

Beim Motor gibt es ebenfalls klassische Fälle. Der Kühlmitteltausch bei Volvo-Motoren: Da ist nicht nur Frostschutz drin, sondern auch Korrosionsschutz. Man stellt fest, der Frostschutz reicht noch bis minus 30 Grad, aber der Korrosionsschutz ist längst erschöpft. Dann gammeln die Wärmetauscher durch, mit teuren Folgen. Solche Geschichten erleben wir fast täglich.

Stimmt der Mythos, dass alte schwedische Yachten wie Hallberg-Rassy oder Malö fast unzerstörbar sind?

Das ist tatsächlich Realität – und das spiegelt sich in den Gebrauchtbootpreisen wider. Die GFK-Arbeiten sind gut, das Interieur ist fantastisch. Bei einer 40 Jahre alten Hallberg-Rassy sieht das Interieur meistens aus wie gestern aus der Werft geholt.

Aber diese Boote sind nicht fehlerfrei. Die gute Substanz verleitet viele Eigner zur Sorglosigkeit. Wenn es an einer Pütting durchleckt, leckt das hinter der Koje rein und wird jahrelang weggewischt. Irgendwann ist das Schott dann vielleicht vergammelt. Und das Teakdeck ist immer ein großes Thema: ein Verschleißartikel, auch wenn er 30 oder 40 Jahre hält. Man kann sich eine Hallberg-Rassy schlecht ohne Teakdeck vorstellen. Bei anderen Booten sage ich: Reiß das ab, mach Kiwi-Grip drauf. Aber bei einer Hallberg-Rassy wäre das ein schrecklicher Stilbruch. Das muss man einkalkulieren.

Hat die Nachfrage nach Gutachtern zugenommen?

Ja. Das hängt auch mit der veränderten Struktur der Seglerschaft zusammen. Vor 30 Jahren hatten Segler eine klassische Karriere hinter sich: von der Jolle zum Jollenkreuzer, dann zum Kielboot. Die haben über Jahrzehnte Erfahrung aufgebaut, oft im Verein. Wenn ich in Wedel am Steg einen 80-jährigen Segler nach einem Boot frage, der kann mir eine Geschichte erzählen.

Heute kommen viele Leute aus einer ganz anderen Richtung. Die haben vielleicht noch nie etwas mit Booten zu tun gehabt oder ein paar Jahre gechartert und wollen jetzt etwas Eigenes. Die haben nicht diese gewachsene Verbindung. Und deshalb holt man sich den Sachverstand heute eben extern.

Sind die Preise wirklich so im Keller?

Nein, nicht abgrundtief. Ich würde grob die Linie bei Baujahr 2000 ziehen. Alles, was davor ist, tut sich derzeit schwerer. Gerade in den 80ern und 90ern gibt es noch einen weiteren Aspekt: Marken, die heute nicht mehr geläufig sind.

Ein Einsteiger, der eine Hanseat für 20.000 bis 25.000 Euro sieht, kann das nicht einordnen. Er kennt die Marke gar nicht. Er kennt Hanse, Bénéteau, Jeanneau, vielleicht Hallberg-Rassy. Aber eine Hanseat oder eine Bianca hat er nie erlebt. Das scheint verdächtig, ähnlich wie beim Gebrauchtwagenkauf, wenn die Marke nicht mehr existiert.

Wobei das keine schlechten Boote sind. Dazu kommt: Diese Boote sind konzeptionell anders. Segeleigenschaften im Vordergrund, wenig Volumen, begrenzter Komfort, alte einkreisgekühlte Dieselmotoren. Deshalb tun sich diese Boote schwer, obwohl das durchaus gute Boote sein können.

Ist Corona schuld an der aktuellen Marktlage für Gebrauchtboote?

Corona war sicherlich ein Effekt. Es gab eine wahnsinnige Nachfrage. Jetzt kommt das Erwachen. Viele haben nicht bedacht, dass es nicht nur der Anschaffungspreis ist. Die Leute wollten raus, aufs Wasser, unabhängig von Flugreisen Urlaub machen. Dann stellten sie fest: So witzig ist das nicht immer, man muss wirklich was tun. Die Sonne scheint nicht immer. Dann ist das Segel kaputt, es muss eine neue Persenning her, ein Winterlager. Wo soll ich überhaupt anlegen? Versicherungen, Werften, alles ist teurer geworden. Die Folgekosten wurden einfach nicht bedacht.

Wenn heute jemand zu mir kommt und sagt, ich kaufe ein Boot für 100.000 Euro, sage ich: Das ist damit nicht getan. Die Versicherung, der Liegeplatz, vielleicht neue Navigationsausrüstung, neue Polster. Das kommt alles on top.

Spielt auch die Demografie eine Rolle?

Das ist ein starker Effekt. Viele hochbetagte Eigner haben unter Corona gesagt: Wir behalten das noch, da können wir noch ein bisschen rumschippern. Jetzt ist der Verkauf wirklich fällig. Man merkt es an den Inseraten: Es sind dann teilweise die Witwen oder die Erben, die das Boot verkaufen müssen. Das sehen wir sehr häufig im Moment. Wer sich also damit anfreunden kann, ein älteres Boot zu kaufen, was durchaus seinen Charme hat, kann wirklich günstig einsteigen.

Verraten Sie uns zum Schluss, was Sie selbst segeln?

Ich habe mit meiner Familie eine X-332, die wir zur Coronazeit gekauft haben – aber nicht wegen Corona. Wir wollten etwas mit einer abgeschlossenen Achterkajüte, weil meine Tochter gerne ihre Freundinnen mitnimmt, und als pubertierendes Mädchen ist es dann ganz nett, die Tür zumachen zu können. Die X kannte ich aus meiner Praxis gut, und dann haben wir schnell eine in Schweden gefunden.

Als Gutachter ist die Entscheidungssicherheit ein Vorteil. Ich gehe in ein Boot rein, schaue bei Gebrauchtbooten die neuralgischen Punkte an, das geht verdammt flott. Ich bin mit der Fähre nach Göteborg gefahren, habe das Boot besichtigt und mich am Nachmittag mit den Verkäufern getroffen. Um 16 Uhr stand der Deal. Es war, was ein Freund von mir einen "Schnellbootangriff" nennt. Nicht zur Nachahmung empfohlen, aber bei uns ist es gut gegangen

Das Interview führte Timm Kruse.


​Hier könnt ihr den Segelpodcast der YACHT mit Uwe Gräfer hören

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Antonia von Lamezan ist gebürtige Hamburgerin und studierte Kultur- sowie Sozialwissenschaftlerin (Lüneburg/Kopenhagen). Obwohl die Seefahrt zur Familiengeschichte gehört, fand sie den eigenen Weg aufs Wasser erst als Erwachsene – dann jedoch mit voller Begeisterung und Konsequenz: Innerhalb eines Jahres absolvierte sie alle für die Langfahrt erforderlichen Scheine, tauschte das geregelte Stadtleben gegen das eigene Boot und segelte zwei Jahre lang auf eigenem Kiel durch Europa. Als Volontärin in der Redaktion verbindet sie nun fachlichen Hintergrund mit ihrer Leidenschaft für das Meer, Boote und das Schreiben.

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