InterviewSamuel Tonne und seine segelnde Bibliothek

Johannes Erdmann

 · 09.01.2023

Interview: Samuel Tonne und seine segelnde BibliothekFoto: Samuel Tonne
Zwei Dinge sind immer mit an Bord: Bücher und Ukulele. Samuel Tonne sitzt im Hafen von Vlieland auf einer niederländischen Midget 15. Von hier aus soll ihn die Reise weiter in den Süden führen

Ein Boot voller Bücher über Boote – das war die Idee von Samuel Tonne. Der Segellehrer hatte zwischenzeitlich einen seiner drei Kleinkreuzer zur Bibliothek umfunktioniert

Sag mal, Samuel …

... wie viele Bücher passen an Bord?

Ich wollte mein Sechs-Meter-Boot eigentlich zur segelnden Bibliothek umfunktionieren und alle meine 350 Segelbücher unterbringen. Aber als 100 an Bord waren, wurde es schon langsam eng.

Wie kommt man denn auf solch eine Idee?

Das war zu Corona-Zeiten. Ich durfte wegen der Schutzmaßnahmen nicht segeln, aber ich hatte auf der Lübecker Teerhofinsel eine große Box angemietet, in die ich meine drei Kleinkreuzer hintereinanderlegen konnte. Um zumindest auf dem Wasser zu sein, bin ich dann an Bord gezogen und hatte ein Boot als Schlafzimmer und eins zum Kochen. Auf dem dritten wollte ich eine Bibliothek haben, um dort zumindest über große Segelreisen lesen zu können.

Verlagssonderveröffentlichung

Warum hattest du drei Boote gleichzeitig?

Die waren damals überaus günstig. Ich hätte mir zwar stattdessen auch ein größeres Boot kaufen können, aber ich mag es, mit einfachen Schiffen unterwegs zu sein. Man lernt dann zu schätzen, wie wenig man wirklich braucht.

Welches Buch hast du am liebsten gelesen?

„Mein Schicksal heißt Kathena“ von Wilfried Erdmann, ein Sinnbild guter Seemannschaft. „Shrimpy“ von Shane Acton hat mich auch fasziniert. Der Mann ist acht Jahre lang mit einem 5,5 Meter langen Sperrholzboot um die Welt gesegelt.

Ist daraus deine Kleinkreuzer-Liebe entstanden?

Mein erstes Segelboot war eine Vindö 40, aber dann bin ich mit einem Freund auf einer Jolle gesegelt und habe gesehen, wie herrlich unkompliziert kleine Schiffe sind. Ab da wurden meine Boote kleiner – und die Bücher haben mich auf die Idee gebracht, selbst eine lange Reise damit zu wagen.

Im Sommer 2020 bist du mit einer Kievit 680 erstmals die Midsummersail gesegelt. Wie kam das?

Ich wollte eine Langstrecke segeln, und da bot sich die Regatta zum nördlichsten Punkt der Ostsee an – 900 Seemeilen. Über das Internet habe ich eine nette Crew gefunden. Wir sind zwar als Letzte angekommen, dafür aber mit dem kleinsten Boot.

Das hast du in den Folgejahren dann sogar noch toppen wollen, richtig?

Ja, ein Jahr später bin ich mit einer Leisure 20 an den Start gegangen. 2022 dann sogar mit einem Kielzugvogel. Doch die Regattaleitung hat uns wegen des offenen Bootes disqualifiziert. Bis Schweden sind wir trotzdem nebenhergesegelt.

Nun ist es Ende November, und du segelst gerade vor Holland auf der Nordsee. Wo geht es hin?

Den Winter möchte ich auf den Kanaren verbringen. Für diese Reise habe ich mir tatsächlich ein etwas größeres Boot gekauft, eine Najade 900. Für lange Strecken ist ein bisschen mehr Platz an Bord dann doch nicht so schlecht.

Und was wird aus der Idee mit der Bibliothek?

Solange ich segele, lagern die meisten Bücher nun erst mal an Land. Danach kommen sie aber wieder zurück an Bord. Jeder kann sich dann bei mir welche ausleihen. Und wer weiß, vielleicht schreibe ich ja irgendwann sogar selbst einmal ein Buch.

Der 33-jährige Samuel Tonne hat in Flensburg studiert und sein Geld als Musiklehrer verdient – bis das Seefieber einsetzte. Heute arbeitet er als Segellehrer und lebt auf seinem BootFoto: Samuel Tonne
Der 33-jährige Samuel Tonne hat in Flensburg studiert und sein Geld als Musiklehrer verdient – bis das Seefieber einsetzte. Heute arbeitet er als Segellehrer und lebt auf seinem Boot

Samuel Tonne auf Instagram: @sammy_summer.de


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