Antonia von Lamezan
· 06.08.2026
Laura Pukropski: Eher gab es den Moment: “Warum gerade jetzt?” Was ich machen will, wusste ich schon sehr lange. Überrascht hat mich nicht, dass ich es mache, sondern dass es zeitlich überhaupt nicht so geplant war.
Im Leistungssport ist es eigentlich so, dass man sich seinen Kaderstatus über Wettkämpfe fürs kommende Jahr sichert. Wir hatten die Kriterien erfüllt und sind davon ausgegangen, dass wir für die nächste Saison finanziell abgesichert sind. Dann hieß es aber plötzlich, dass wir keine Gelder mehr bekommen und auch die Unterstützung über die Sporthilfe wegfällt. Für meinen Segelpartner und mich war das die Existenzgrundlage. Ohne diese Förderung und ohne Sponsoren ist Leistungssport auf dem Niveau kaum machbar.
Ganz abschließen kann man damit nicht sofort. Aber im Moment ist es schlicht nicht realistisch. Wenn das Geld fehlt, kann man in der Leistungsspitze nicht dauerhaft mithalten. Wir haben versucht, Sponsoren zu finden, aber das war sehr schwierig. Für mich war klar: Wenn das mit dem Leistungssport nicht mehr geht, dann ist da ein großer Traum geplatzt. Aber ich habe noch einen zweiten Traum, und dann tue ich eben alles dafür, dass der in Erfüllung geht: meine eigene Segelschule.
Ich bin einfach so: Wenn ich etwas mache, dann richtig. Meine Eltern sind keine Segler, ich komme überhaupt nicht aus einer Segelfamilie. Aber ich habe in dieser Segelschule angefangen und dort gesehen, wie die Menschen gelebt und gearbeitet haben. Ich habe erlebt, wie viele Menschen man mit dem Segeln glücklich machen kann. Genau das wollte ich auch.
Ich bin seit meinem 13. Lebensjahr als Segellehrerin in den Ferien an dieser Segelschule. Die Schule war für mich immer ein sehr besonderer Ort. Als die Eigner sie dann vor einigen Jahren die Marina und die Segelschule altersbedingt abgeben und verkaufen mussten, übernahmen Oliver Wallmüller und Martin Doller. Bedingung war, dass die Schule weitergeführt wird. Beide hatten dafür aber nicht die Kapazitäten. Ich habe das damals als Chance gesehen, mich mit ihnen zusammengesetzt und gesagt: “Ich kann das übernehmen”. So bin ich schon vor vier Jahren in die Leitung hineingewachsen und habe den Betrieb immer stärker mitverantwortet. Von Anfang an war besprochen, dass ich den Unternehmensteil übernehmen kann, wenn ich eines Tages mit dem Leistungssport aufhöre und der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist.
Mit einem eigenen Kredit. Das ist mir wichtig zu sagen, weil schnell vermutet wird, dass die Eltern das finanziert haben. Das stimmt nicht. Meine Eltern haben keinen Euro für den Kauf bezahlt. Sie helfen mir unglaublich im Alltag, aber die Übernahme selbst läuft über meinen eigenen Kredit.
Natürlich ist der Druck da. Kredit, Versicherungen, Pacht, laufende Ausgaben: das alles muss jeden Monat bedient werden. Dann überlegst du dir schon zweimal, ob du noch einen zusätzlichen Kurs gibst, obwohl du eigentlich müde bist. Aber das gehört zur Selbstständigkeit eben dazu. Die Verantwortung liegt am Ende bei mir.
Weil ich selbst das Gegenbeispiel bin. Meine Eltern segeln nicht, ich bin nicht auf einem Boot groß geworden und wir sind auch nicht reich. Trotzdem konnte ich sehr viele Jahre segeln und weit kommen. Dieser Ruf, dass Segeln elitär sei und man dafür in eine Segelfamilie geboren werden müsse, stimmt so einfach nicht. Ich möchte anderen genau diese Tür öffnen.
Ich versuche, gerade am Anfang Low-Budget-Angebote zu machen. Mit dem Schnuppersegeln zum Beispiel: 90 Minuten für 25 Euro pro Person, damit man einfach mal reingucken kann. Oder mit dem Kuttersegeln, bei dem ich die Leute ohne Vorerfahrung mit an Bord nehme.. Es geht darum, Schwellen abzubauen und das Segeln zugänglicher zu machen.
Das ist definitiv ein langfristiges Ziel. Kurzfristig geht es natürlich erst einmal darum, die ersten Jahre als Unternehmerin gut zu überstehen. Aber ich sehe vor Ort, was beim inklusiven Segeln möglich ist. Es gibt hier Initiativen, die Menschen aus Rehakliniken aufs Wasser bringen, teilweise auch Menschen im Rollstuhl, mit speziell umgebauten Booten und entsprechender Ausstattung. Was ich daran so schön finde, ist, dass Menschen vom Segeln wiederkommen und merken: “Hey, ich kann das noch alleine, das funktioniert, und das ist etwas Neues.” Das finde ich unglaublich stark.
Zeit, Ausbildung und geschultes Personal. Das kann man nicht nebenbei machen. Ich selbst bin in dem Bereich noch nicht fertig ausgebildet, aber das Ziel ist klar: Barrieren abbauen und Segeln auch für Menschen möglich machen, die sich diesen Zugang bislang vielleicht gar nicht vorstellen konnten.
Ich merke schon, dass ich nicht immer sofort ernst genommen werde. Damit hatte ich in dieser Form nicht gerechnet. Im Leistungssport lebt man doch in einer gewissen Blase. In der Selbstständigkeit merkt man dann schnell, wie Menschen reagieren, wenn eine 24-Jährige Unternehmerin ist. Da wird schon hinterfragt, ob man das kann. Und wenn jemand eine Prüfung nicht besteht, wird manchmal eher meine Kompetenz infrage gestellt als die eigene Vorbereitung.
Ich lerne das noch. Vieles nehme ich noch persönlich, und ich glaube, das muss ich nach und nach ablegen. Man darf sich nicht alles gefallen lassen, muss aber trotzdem professionell bleiben. Das ist ein Prozess.
Konsequenz im Umgang mit anderen. Entscheidungen, die mich selbst betreffen, kann ich gut treffen. Aber sobald es um andere Menschen geht, fällt es mir schwerer, hart zu bleiben. Das muss ich noch lernen, gerade im geschäftlichen Alltag.
Extrem. Bevor ich die Segelschule übernommen habe, habe ich mich mit meiner Familie zusammengesetzt und offen gesagt, was ich leisten kann und wobei ich Unterstützung brauche. Und alle haben sofort gesagt: Wir machen das mit. Meine Eltern wohnen anderthalb Stunden entfernt und kommen trotzdem fast jedes Wochenende. Mein Vater hilft bei Kursen und repariert Boote, meine Mutter unterstützt bei Buchhaltung und Organisation, mein Partner hilft ebenfalls, und auch meine Geschwister sind da, wenn es nötig ist. Dafür bin ich sehr dankbar.
Sehr intensiv. Ich stehe meistens gegen sechs Uhr auf und mache morgens Buchhaltung und Rechnungen, weil ich abends dafür oft keine Kraft mehr habe. Dann bereite ich den Tag in der Segelschule vor. Von morgens bis nachmittags laufen die Kurse, für Kinder oder Erwachsene. Danach gibt es oft noch Schnuppersegeln oder Kuttersegeln. Abends wird aufgeräumt, E-Mails werden beantwortet, und dann ist der Tag irgendwann vorbei. In der Saison geht das im Grunde sieben Tage die Woche.
Da möchte ich weitere Standbeine ausbauen. Zum einen plane ich Segeltörns in der Karibik, bei denen Teilnehmende Seemeilen für den SKS sammeln können. Zum anderen arbeite ich als Referentin zu Themen wie Teamgeist, Umgang mit Niederlagen und den Erfahrungen, die ich aus dem Leistungssport mitgenommen habe.
Dass ich viel strukturiert sein muss. Früher war ich eher spontan, das funktioniert jetzt nicht mehr. Jetzt muss alles geplant, aufgeschrieben und vorbereitet sein, auch damit andere mitarbeiten können. Außerdem lerne ich jeden Tag im Umgang mit Menschen dazu: wenn über Preise verhandelt wird, wenn jemand unfreundlich ist oder wenn man merkt, dass man nicht jede Kritik sofort auf sich selbst beziehen darf.
Leichter vielleicht nicht, aber ich merke schon, wie hart das körperlich und organisatorisch ist. Die Selbstständigkeit kam schneller als geplant. Ich hatte keine lange Vorbereitungszeit, um alles sauber aufzusetzen: Ämter, Rechnungswesen, Prozesse. Das passiert jetzt alles parallel zum laufenden Betrieb. Mein größtes Learning ist deshalb: Man braucht Strukturen im Hintergrund und Menschen, die einen unterstützen. Sonst kommt man an seine Grenzen.
Ich würde nicht sofort Nein sagen, aber ich würde auch nicht sofort jubeln. Ich weiß inzwischen sehr genau, was Spitzensport bedeutet: finanziell, körperlich, familiär und sozial. Im Moment würde ich das eher hinten anstellen, weil jetzt sehr viel an dieser Segelschule hängt und viele Menschen auf mich zählen.
Ich möchte nicht bei einer klassischen Segel- oder Bootsfahrschule stehen bleiben. Meine Vision ist ein barrierefreies Wassersportzentrum, das Erwachsenen- und Jugendbildung zusammenführt – mit Erlebnispädagogik, Teambuilding-Angeboten, Führungskräftetrainings und Begegnungsräumen auf dem Wasser. Es soll nicht nur um Scheine gehen, sondern um einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen, voneinander lernen und gemeinsam Erfahrungen machen können.
Ja, viel mehr. Im besten Fall bleibt es nicht bei einem Standort und auch nicht nur bei Deutschland. Aber ist mir dabei ganz wichtig: Segeln ist für mich Familie, Gemeinschaft und Miteinander. Es soll auf keinen Fall rein kommerziell werden, sondern es soll familiär bleiben.
Das Interview führte Timm Kruse.
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