InterviewEine Atlantikrunde zwischen Büroalltag und Passatwind

Fabian Boerger

 · 24.05.2026

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Foto: Robert Baumann (10), Boerger (1)
Von der Ostsee bis in die Karibik und zurück: Robert „Baumi" Baumann segelte mit seiner Alubat Ovni 395 “Globi” einen Winter lang über den Atlantik.
​Einen Winter, einen Ozean, elf Crewmitglieder – und ein Büro in der Vorschiffskoje: Robert Baumann erzählt, wie er seine Atlantikrunde mit Job und Familie unter einen Hut brachte.

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​Einen Winter lang segeln – mit diesem Plan erfüllte sich Robert Baumann, 54, gelernter Werkzeugmacher und Reifenhändler aus Schwerin, den Traum von der Atlantikrunde. Jahrelang segelte er mit Jollenkreuzern über Seen und Küstengewässer, segelte um Rügen oder auf der Müritz. Dann wuchs der Wunsch nach mehr. Die Idee nahm Gestalt an: einmal über den Atlantik.

Im September 2025 startete er. Über die Kap Verden steuerte er die Karibik an – zwölf Tage bis Barbados. Drei Monate blieb er mit der Familie in der Inselwelt, elf verschiedene Crewmitglieder kamen während der Reise an Bord. Pünktlich zum Trans Ocean Sommertreffen in Orth auf Fehmarn, Mitte Mai, kehrte er zurück, eine Atlantikrunde später.

Immer dabei: sein Laptop. Baumann arbeitete von unterwegs, erledigt seine Geschäfte vom Schiff aus. Dafür baute er in der Vorschiffskabine seiner Alubat Ovni 395 „Globi" ein kleines Büro ein – kompakt, funktional, selbst umgesetzt. Wir treffen Baumann an Bord. Er erzählt von der Reise, vom Leben zwischen Büro und Ozean – und davon, was bei der nächsten Überquerung anders laufen soll.

​YACHT: Sie sind am Schweriner See zuhause, segeln viel Jollenkreuzer. Wieso nun die Atlantikrunde?

Irgendwann will man weiter. Meine Frau sagte: „Warum nicht mal ein größeres Boot?" Auf Rügen entdeckte ich dann ein Boot an Land – mit Schwert. Eine 32-Fuß-Ovni, die mich ins Grübeln brachte. Als Jollenkreuzer-Segler hatte mich das Schwert sofort überzeugt. Wir kauften schließlich eine 35-Fuß-Ovni, doch die erwies sich als zu klein. Also suchten wir weiter und stießen auf eine Anzeige: drei Kabinen, Kirschholz, komplett ausgestattet mit Wassermacher und allem, was das Herz begehrt – genau nach meinem Geschmack.

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Allerdings stand sie in Venezuela. „Du spinnst", sagte meine Frau. Zwei Wochen später schrieb ich den Verkäufer an, einen Schweizer, der auf Deutsch antwortete. Wir verstanden uns auf Anhieb, er ist mittlerweile ein Freund. „Baumi, verkauf dein anderes Schiff und kauf meins", drängte er. Ich inserierte die Ovni – drei Tage später stand ein Franzose vor der Tür. Innerhalb einer Woche war das Boot verkauft. Ich setzte mich ins Flugzeug, flog nach Venezuela und kaufte das Schiff. Das war 2012.

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​Das heißt, Sie hatten bereits eine Atlantiküberquerung hinter sich?

​Ja genau.

Zurück in Deutschland habe ich das Boot fit gemacht, viel Eigenarbeit reingesteckt – das Boot wurde komplett nackig gemacht. Ich bin gelernter Werkzeugmacher, also habe alles selbst gemacht. Und so gingen die Träume von der Weltumseglung weiter.

Gut, ist jetzt eine Atlantikrunde geworden – reicht auch.

Atlantikrunde mit Büro in der Vorschiffskoje

Warum nicht die Weltumrundung?

​Ich bin noch im Arbeitsleben, noch nicht ganz frei. Zu lange aus dem Job raus zu sein, wäre problematisch. Jetzt hatte ich die Chance, von unterwegs weiterzuarbeiten – und die habe ich genutzt. Keine Auszeit, ich arbeite einfach weiter.

​Wie hat das funktioniert?

​Ich hatte Starlink an Bord. Das lief ein halbes Jahr durch, immer an. Vorne in der Vorschiffskoje ist mein Büro – mein Bett. Und vorne dann ein Laptop mit großem Bildschirm. Das ist eigentlich die ganze Geschichte, so schnell erzählt.

​Hat Sie das sehr eingenommen?

​Ohne wäre man schon deutlich freier. Man hätte nicht mehr den Druck, dass auch die Arbeit geschafft werden muss.

​Ihr Credo war: einen Winter segeln. In etwas mehr als einem halben Jahr haben Sie die Atlantikrunde hinter sich gebracht. Wie lief das?

​Auf dem Hinweg hatte ich extremes Glück. Wir fuhren fast durchgängig vorm Wind: über Brest und Madeira zu den Kap Verden, dann in zwölf Tagen nach Barbados. Drei Viertel des Atlantiks war der Spinnaker oben. Schwert hoch, da rutscht das Boot schön die Welle runter.

​Dann ging es in der Karibik weiter. In Martinique kam meine Frau an Bord. Mit ihr sind wir drei Monate durch die Karibik. Freunde und unsere Kinder kamen zu Besuch. Als diese Zeit dann vorbei war, kam die nächste Crew an Bord und dann ging es los in Richtung Azoren. Start war der 1. April.

​Elf Crewmitglieder, ein Atlantik

​Wie lang dauerte die Überfahrt?

​Bis zu den Azoren brauchten wir 17 Tage. Ende April segelten wir von dort weiter, ließen uns im Englischen Kanal noch etwas Zeit. Nach 20 Tagen waren wir dann hier auf Fehmarn.


Die ganze Reise in Zahlen:

  • Rund 12.000 Seemeilen
  • 8 Monate plus einen Tag
  • 190 Motorstunden
  • Rund 500 Liter Diesel
  • 6 Mal Crewwechsel mit 11 Freunden

​Auf den Etappen haben Sie unterschiedliche Crews begleitet.

​Genau. Alles Freunde, die segeln konnten, manche allerdings mit wenig Atlantikerfahrung. Für einige war es völlig Neuland.

​Wie zeigte sich das?

​Das sind Binnenseesegler, die Welle ist ihnen fremd. Sie kennen Jollenkreuzer auf Binnengewässern. An Bord hier geht aber alles gröber, kraftvoller zu. Auf so einem Boot ist das eine andere Welt – es ist ein wenig wie Frachtersegeln.

​Wann änderte sich das?

​Alle brauchten etwa eine Woche, um wirklich anzukommen. Insgesamt habe ich mit elf verschiedenen Crewmitgliedern gesegelt – und jeder von ihnen könnte das Boot mittlerweile alleine führen.

​Ihr Heimathafen ist Wismar. Statt durchzusegeln haben Sie einen Zwischenhalt auf Fehmarn, beim Trans-Ocean Sommertreffen, eingelegt. Was verbindet Sie mit dem Hochseeseglerverein?

​Ein Freund brachte mich zum Verein. Die Community ist großartig: Man segelt zusammen, tauscht Erfahrungen aus, lernt interessante Menschen kennen. Das macht Mut – und lässt die Sehnsucht wachsen. Deshalb sind wir immer wieder zu diesen Treffen gefahren.

​Auch die vielen WhatsApp-Gruppen helfen enorm. Ob Batterien oder Starlink – ich habe mir dort herausgepickt, wie ich es umsetze, habe gelesen und gelernt. Die Karibik-Gruppe ist ebenfalls Gold wert. Für mich geht es genau darum: Tipps holen, Inspiration sammeln. Dafür ist der Trans-Ocean super.

​Nächste Atlantik-Runde: Diesmal ohne Deadline

Was nehmen Sie von der Reise mit?

​Ich würde es definitiv nochmal machen – aber erst in fünf Jahren.

​Warum?

​Ich brauch erstmal Ruhe (lacht). Ich habe gelernt: die Ostsee ist auch sehr schön! Es ist überschaubarer, man ist immer zuhause, egal in welchem Land.

​Würden Sie beim nächsten Mal etwas anders machen?

​Das nächste Mal würde ich mir für die Runde drei, vier Jahre Zeit nehmen. Dann möchte ich auch freier sein und nicht mehr an die Arbeit gebunden sein.


Fabian Boerger

Fabian Boerger

Redakteur News & Panorama

Fabian Boerger ist an der Lübecker und Kieler Bucht zuhause – aufgewachsen in diversen Jollen und an Bord eines Folkeboots. Seit September 2024 arbeitet er als Redakteur im Panorama- und News-Ressort und verbindet dort seine Leidenschaften für das Segeln und den Journalismus. Vor seiner Zeit bei Delius Klasing studierte er Politikwissenschaften und Journalistik, arbeitete für den Norddeutschen Rundfunk und das ZDF. Sein Volontariat machte er bei der MADSACK Mediengruppe (LN, RND). Jetzt berichtet er über alle Themen, die die Segelwelt bewegen – mit dem Blick des Praktikers und der Präzision des Journalisten.

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