Glosse Wolffs RevierVon Seemannsgarn bei kitschigem Sonnenuntergang

YACHT

 · 22.10.2022

Glosse Wolffs Revier: Von Seemannsgarn bei kitschigem SonnenuntergangFoto: YACHT/F. Gunkel
Die Autorin Steffi von Wolff
„Und dann habe ich in Afrika einen großen Weißen gesehen, und der hat mich gebissen, einfach so …“ Ja, bitte mehr davon! Ich liebe Seemannsgarn umrahmt mit Kitsch und kriege nicht genug davon!

Das Leben an Bord einer Segelyacht und in den Häfen bietet so manch skurrile Begegnung. Autorin Steffi von Wolff erzählt in ihrer Glosse Wolffs Revier regelmäßig von ihren Erlebnissen als Bordfrau. Nicht immer ernst gemeint, oft satirisch überspitzt, aber immer mit viel Herz und einem Augenzwinkern. Dieses Mal geht es um Geschichtenerzähler.

Der Seemannsgarn-Schnacker

Da ist einer! Da will ich hin, und zum Glück ist der Platz neben ihm frei. Hurra! Ein kauziger, vollbärtiger Einhandsegler, der an Bord Kräuter zieht, manche haben auch einen zauseligen Hund oder eine Katze dabei, einer redete mit seiner Schildkröte wie mit seiner Ehefrau. Diese Menschen meine ich. Dann bleibe ich extra lange draußen, um mit dem Zausel ins Gespräch zu kommen, und ein Dialog entsteht:

Na, auch aufm Boot?“

„Ja.“

Jo, ist ja auch schön aufm Boot.“

„Ja, total.“

Ich segle seit 50/60/80/133 Jahren.“
Ah! Ach, das ist ja eine lange Zeit.“
Das kann ich dir sagen, da hab ich Sachen erlebt. Bin ja früher zur See gefahren, so richtig aufm Riesenschiff, bin sogar mal in Afrika von ‘nem großen Weißen gebissen worden. Willste mal die Narbe sehen?“

Ich erstarre vor Ehrfurcht. Eine Narbe! Von einem großen Weißen. Das ist ja wie in der Szene bei „Der weiße Hai“, in der sich die drei Männer auf dem Boot stolz die ihnen von Seemonstern zugefügten Narben zeigen, wobei einer nur eine Blinddarmnarbe vorweisen kann, die auch noch gut verheilt ist.

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„Oh ja.“ Natürlich will ich die Narbe sehen!

Hebt sein bretonisches Fischerhemd hoch. „Hiiiiiiiia!“ Er deutet auf eine Narbe. Nun, es ist definitiv eine Narbe, aber ob die von einem Weißen Hai ist, würde ich jetzt nicht beschwören, aber egal. Ich möchte weitere Geschichten hören und sage natürlich „Oh, meine Güte, wie schrecklich, wie furchtbar!“, und das nimmt, nennen wir ihn Ahab, zum Anlass, noch mehr aus dem Hut zu ziehen, worauf ich natürlich spekuliere, während es langsam dunkel wird. Ahab fragt erst mal nach einem Kaltgetränk, das ich ihm gern offeriere, nachdem er von seinem Boot auf unseres rübergeklettert ist; ich zünde eine Petroleumlampe an und lausche weiter.

Ahab erzählt von Kämpfen mit Kraken, davon, dass er den Klabautermann leibhaftig gesehen habe, der hätte mit ihm Rum getrunken, netter Kerl, der Klaubauti, und in der Karibik sei er vor Tobago von Piraten fast gefangen genommen worden, eben aber nur fast, denn das waren dann doch nur Einheimische, die Obst und Gemüse verkaufen wollten. Immerhin kann Ahab auch kehlig über sich selbst lachen, und ich bin fast enttäuscht, dass es zu keiner Festnahme gekommen ist, und denke daran, wie herrlich es gewesen wäre, wenn Ahab von seiner Tochter Pippi gerettet worden wäre, während Blutsvente und Messerjocke sich selbst im Weg stehen. Gut möglich, dass ich einen Knall habe.

Ich könnt Sachen erzählen“,

ist Ahabs Lieblingssatz, und er erzählt und erzählt von einer Bashini, in die er sich damals in Ceylon unsterblich verliebt habe, aber sie war schon einem Kumara versprochen worden, und sie winkte weinend mit einem weißen Bettlaken, als Ahab auf dem großen Schiff davonfuhr.

Ahab erzählt von Affenbrotbaumsuppe, davon, wie ihn eine fünf Meter lange Anakonda essen wollte, aber nicht mit ihm, Ahab hat ihr Paroli geboten, und die Anakonda hat sich natürlich aus dem Staub gemacht. Während ich uns Wein nachgieße, erfahre ich, dass Ahab wegen Wundbrand fast ein Bein verloren hat (im Fieberwahn ist ihm Klaus Störtebeker erschienen, der ihm erzählt hat, wo auf Helgoland ein Schatz versteckt sei, aber Ahab hat es wieder vergessen), siebenmal verheiratet war – eine Frau hat er an Kannibalen verloren – und keine Angst vor Piranhas hat. Die kleinen Kameraden müsse man nur zu nehmen wissen.

Und während der Hafen in einen wundervollen Sonnenuntergang getaucht wird, gehen auf den anderen Booten auch die Lampen an, und dann, ich kann es kaum fassen, fängt irgendjemand an, Violine zu spielen. Ja, Violine! Während also Ahab mir vom Tauchen mit Manta-Rochen erzählt (natürlich ist er fast ertrunken, aber ein Manta hat ihn gerettet, weil er in ihm instinktiv einen Freund erkannt hat) und Vivaldi auf der Violine gespielt wird, bekomme ich Gänsehaut, weil das so schön ist. Auf dem Boot zu sitzen, Wein im Schein der Petroleumlampe zu trinken und Ahab zuzuhören. Mehr herrlicher Kitsch geht doch gar nicht, und das gibt es eben nur auf einem Boot!

Ahab fühlt sich auch wohl und erzählt von einem speziellen Gift, das er von Einheimischen in Papua-Neuguinea, die sich bedroht gefühlt hatten, in den Arm geschossen bekommen hatte. Mit einem hat er heute noch Kontakt, der hat ihn sogar in Bremen besucht und wurde ständig fast überfahren.

Ich finde ja, jeder sollte mit seinem Bootsnachbarn ins Gespräch kommen, ob es ein Ahab ist oder nicht. Man kann doch immer Interessantes erfahren, und es ist einfach nett, sich zu unterhalten, auch wenn niemand gebissen oder vergiftet wurde. Tja, leider sind die Ahabs so selten, man findet nicht immer welche. Und leider wollen nicht alle Leute mit einem ins Gespräch kommen, was ich wirklich schade finde. Aber oft sind es die Kinder, die einem zuhören, und dann mach ich selbst mal gern auf Ahab.

Ich bin mal in das offene Maul eines Orcas geschwommen und wurde wieder ausgespuckt. Seitdem kann ich beim Tauchen ganz lange die Luft anhalten“,

sagte ich also mal voller Inbrunst zu zwei Zehnjährigen.

Keine Antwort.

Ich wurde auch mal beim Schnorcheln von acht Muränen gleichzeitig angefallen.“

Keine Antwort.

In Australien hat mich mal ein Riesenkrokodil verfolgt, aber ich war schneller.“

Keine Antwort.

Irgendwann kam eine Frau aus dem Niedergang und sah mich an, dann ihre Kinder. Dann fummelten die Kinder in ihren Ohren herum und förderten jeweils zwei Silikonstöpsel zutage.

„Das macht unsere Familie grundsätzlich, wenn wir angelegt haben. Leute wie Sie gibt es überall.“

Leute wie mich?“

„Die Seemannsgarnspinner, die nicht wissen, wann genug geredet wurde.“

Ich …“

„Aber wissen Sie was?“

Was denn?“

„Vor etlichen Jahren, die Kinder waren noch nicht da, waren wir im Bermudadreieck und sind in den Sturm unseres Lebens gekommen. Unser Boot ist durchgekentert und unter Wasser habe ich dieses Leuchten gesehen, das …“

Ich setzte mich bequem hin.

Es geht doch!

Schönes Wochenende!



Das Segel-Buch von Steffi von Wolff:


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