Glosse Wolffs RevierMir doch egal! Von rücksichtslosen Zeitgenossen

YACHT-Redaktion

 · 29.10.2022

Glosse Wolffs Revier: Mir doch egal! Von rücksichtslosen ZeitgenossenFoto: YACHT/F. Gunkel
Die Autorin Steffi von Wolff

Alle reden davon, dass man achtsam mit allem umgehen soll, dass man ein guter Mensch und rücksichtsvoll sein soll und überhaupt. Leider beherzigt das nicht jeder …

Das Leben an Bord einer Segelyacht und in den Häfen bietet so manch skurrile Begegnung. Autorin Steffi von Wolff erzählt in ihrer Glosse Wolffs Revier regelmäßig von ihren Erlebnissen als Bordfrau. Nicht immer ernst gemeint, oft satirisch überspitzt, aber immer mit viel Herz und einem Augenzwinkern. Dieses Mal geht es um rücksichtslose Zeitgenossen.

Auf dem Ego-Trip

„Dusch, klong, schepper!“

Im eigentlich sehr idyllischen Ærøskøbing ist ein Boot eingelaufen. Ein Charterschiff, wie man am Ostseebart und dem typischen Schriftzug des Bootsnamens erkennen kann. Leider ist das Boot auch draufgelaufen, nämlich auf ein kleines Motorboot, das da liegt. Holz splittert. Mein Mann und ich sehen auf.

Verlagssonderveröffentlichung

„Ach, ist doch scheißegal, der alte Bock“, höre ich eine Männerstimme. „Hauptsache, bei uns ist nix kaputt. Guck mal nach.“

„Nee, is nicht.“

„Entschuldigung“, sage ich, als das Schiff an uns vorbeifährt. „Sie haben das Boot da gerammt, da muss man doch den Eigner informieren.“ Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich mich so spießig fühle. Aber trotzdem.

„Da ist doch gar nix“, sagt der Motzkopf und fährt einfach weiter. Natürlich notiere ich mir böse Schiffsnamen, Datum und Uhrzeit und mache auch ein Foto. Ich bin ein gerechter Mensch. Und finde es einfach nur selbstverständlich, diesen Schaden zu melden.

Tjaja, die Leute.

Ich weiß nicht, ob sich meine Wahrnehmung in den letzten Jahren geändert hat, aber mir scheint, als wären Rücksichtslosigkeit und ein rüpelhaftes Benehmen vermehrt auch im Wassersport angekommen. Keine Ahnung, ob ich die Vergangenheit verkläre, aber vor zwanzig Jahren waren die Menschen höflicher zueinander und auch aufmerksamer. Natürlich darf man nicht alle über einen Kamm scheren, aber es ist schon anders geworden. Die Leute sind leichter genervt, sie sind laut, sie denken, sie können sich im Hafen alles erlauben, denn man hat ja frei. Es ist Wochenende oder man hat Urlaub, und so ein Hafen ist ja schließlich kein Gefängnis.

Das stimmt schon, aber in so einem Hafen ist man noch mal mehr auf Rücksicht angewiesen. Die Boote liegen eng nebeneinander, die Privatsphäre ist nicht wie in einem Hotelzimmer gegeben, soll heißen: Nehmt euch mal zusammen. Ihr seid hier nicht alleine.

Apropos nehmt: Während ich mit meinem Mann einen Sundowner nehme, kommt ein schickes 42-Fuß-Boot angerauscht. Sie steht vorn, er steht hinten und brüllt: „Den neben den beiden, die da glotzen, den nehmen wir!“ Rast ran, saust in die Box rein, als ob der Leibhaftige hinter ihm her wäre, und wir können gerade noch aufspringen und versuchen abzuhalten, während unsere Gläser natürlich umkippen und Gin-Tonic auf das Teakdeck fließt, was natürlich kleben wird wie Sau.

Glücklicherweise steht ein Herr vorn am Steg und kann das heranschießende Schiff gerade so abhalten, dann bekommt er von der Dame die Vorleine an den Kopf geworfen, und sie rennt wieder nach hinten, um die Fender rauszukicken.

Eine Bö drückt das Schiff zur Seite, wir halten ab. Eine Heckleine löst sich. Der Mann schreit: „Da war der Palstek nicht richtig fest!“, in unsere Richtung und ich bekomme sofort ein schlechtes Gewissen.

Zehn Minuten später ist kurz Ruhe im Karton. Der Mann mit der Leine im Gesicht ist, ohne dass ein Danke zu hören gewesen wäre, von dannen geschritten, und wir werden keines Blickes mehr gewürdigt. Tonic klebt an unseren Füßen. Dafür wird auf dem Nachbarboot nun die Musik aufgedreht und zwar in einer Lautstärke, dass wir uns nicht mehr richtig unterhalten können.

Ich frage mich immer – denn das ist kein Einzelfall –, ob diese Leute einfach nicht erzogen wurden, ob sie ihre Erziehung eventuell vergessen haben, oder ob sie einfach so denken, sie können das machen, ist ja jetzt ihr Liegeplatz, was ja so was wie eine Wohnung ist.

Aus den Tiefen des Schiffs kriechen nun zwei pubertierende Jünglinge, die auf ihren iPhones herumtippen und Cola trinken, während die Musik dröhnt und die Eltern es noch nicht mal fertigkriegen, die Fallen anständig abzubinden.

Man kann, und das ist das Tragische, bei diesen Leuten nur verlieren. Leider sind sie absolut beratungsresistent und nicht in der Lage, Kritik anzunehmen.

Dialoge laufen dann ungefähr so ab:

„Entschuldigung, hallo, hallo, hallo, ja, hier, nebenan, ah, gut, danke, dass Sie mich hören, könnten Sie wohl die Musik ein bisschen runterdrehen?“

Glotzender Blick: „Ist die zu laut?“

„Äh, ja.“

„Die ist doch gar nicht so laut.“

„Uns schon.“

Die Musik wird minimal leiser gedreht, und wir werden so angeschaut wie die größten Spießer, die Funktionswesten und Bauchtaschen tragen und ihren Lebensinhalt darin sehen, Möwen durchs Fernglas zu betrachten.

Oder: „Entschuldigung, Ihre Fallen klappern, könnten Sie die wohl abbinden?“

„Ja ja, ist ja gut, wir sind ja gerade erst angekommen.“ (Drei Stunden her.) Und dann das Allerschlimmste: Wenn gegen 16 Uhr nachmittags die ersten Bierflaschen geköpft werden und dann gerne mal der Würfelbecher zum Einsatz kommt.

Es wird zu indiskutablen Interpreten gesungen und gejodelt und gewürfelt, bis die Schwarte kracht.

Das sind dann die Momente, in denen ich mir ein Wochenende oder einen Urlaub in einem gemieteten Sarkophag wünsche. Die Ruhe muss herrlich sein.

Aber mal ehrlich, denke ich am nächsten Tag: Ist es so schwer, ein wenig Rücksicht zu nehmen, nicht wie ein Honk rumzubrüllen, schlicht ein bisschen Miteinander statt Gegeneinander zu praktizieren? Ich weiß, ich weiß, der Urlaub, der Urlaub.

„Und ich weiß, es sind nicht alle so“, denke ich, während ich die Außenboxen anschalte und dann Europe mit „The Final Countdown“ programmiere. Auf voller Lautstärke.

Es ist sechs Uhr morgens. Das wird ein schöner Tag.

Schönes Wochenende!



Das Segel-Buch von Steffi von Wolff:


Meistgelesene Artikel