Glosse Wolffs RevierSprücheklopfer – weniger wäre mehr!

YACHT

 · 18.01.2024

Glosse Wolffs Revier: Sprücheklopfer – weniger wäre mehr!Foto: YACHT/F. Gunkel
Die Autorin Steffi von Wolff
Ob T-Shirts oder Kapuzenpullis, Handtücher, Küchenschürzen oder Kaffeebecher: Warum muss alles mit zumeist sinnfreien Sprüchen beflockt oder bedruckt sein? Auch viele Segler scheinen nicht mehr ohne zu können. Außer einem natürlich!

Das Leben an Bord einer Segelyacht und in den Häfen bietet so manch skurrile Begegnung. Autorin Steffi von Wolff erzählt in ihrer Glosse Wolffs Revier regelmäßig von ihren Erlebnissen als Bordfrau. Nicht immer ernst gemeint, oft satirisch überspitzt, aber immer mit viel Herz und einem Augenzwinkern.

Guck ihn dir an, guck ihn dir an! Schon wieder so ein Hirni.“ Die Saison ist seit einiger Zeit schon zu Ende, wir stehen in einem Baumarkt, um irgendwelche Haken oder Beschläge oder sonst was für die „Alte“ zu besorgen. Denn die neue Saison, sie wird kommen. Ich will die Gunst der Stunde nutzen, um gleich ein paar schöne Terrakottatöpfe für die Plastikpflanzen auf dem Balkon zu erstehen, denn manchmal sind wir im Sommer ja auch zu Hause. Also hin und wieder. Also ein paar Tage, wenn überhaupt. Also eigentlich lohnt es sich gar nicht, diese Töpfe zu kaufen, aber ich will es trotzdem.

Mein Mann zeigt mir nun mit einem Nicken, wen er meint. Da steht ein gut aussehender junger Mann, der ein Sweatshirt trägt, auf dessen Rückseite groß zu lesen ist : „Sagt Mutti, ihr Bub ist Segeln“. Mir erschließt sich der Sinn solcher Sätze nie, und ich frage mich immer, was jemanden dazu bewegt, Kleidung mit derart dämlichen Aufdrucken zu kaufen. Denn der Bub, dessen Mutti über seinen Segelausflug informiert werden soll, ist ja nicht der Einzige, der einen an seinen Vorhaben teilhaben lässt. Es gibt viele T-Shirts, Jacken und Pullover mit ähnlichen Aufdrucken. Nicht wenige davon sogar mit maritimen Wortspielereien, mit denen man sich im Hafen ein bisschen zum Horst macht.

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„Ich sag dir, der Typ da war noch nie auf einem Boot“, giftet mein Mann im Baumarkt weiter. „So ein Schwachsinn. Wenn es wenigstens kreativ wäre, aber das ist es nicht. Ein Oberteil, auf dem ‚Saisonabhängig‘ oder so steht, das würde ich tragen. Weißt du, wegen der Doppeldeutigkeit. Woher kommt das eigentlich, dass überall was Blödes draufstehen muss?“

Stimmt. Woher kommt das? Frauen tragen Pullover, auf denen „Wonderwoman“ steht, Männer Schürzen mit dem Aufdruck „Papi ist der Grillmeister“. Und einmal, das war wenigstens ein bisschen was anderes, sah ich eine junge Frau, deren Jackenrückseite mit „Willst Du Ärger? Dann sprich mich an!“ beflockt war. Die Frau war klein, blond gelockt und zart wie eine Elfe.

Was soll uns die Aufschrift “Segelohren” sagen?

Einmal lagen wir im Flensburger Stadthafen, neben uns auf einem Boot eine Gruppe spätpubertierender Jünglinge, die allesamt T-Shirts mit der Aufschrift „Segelohren“ trugen. War das vielleicht ein Ausflug angehender Schönheitschirurgen? „Was du immer für einen Quatsch denkst, auf so was würde ich im Leben nicht kommen“, regte mein Mann sich auf, als ich ihm von meiner Überlegung berichtete. „Allerdings, ein Motorboot würde besser zu denen passen“, sagte mein Mann. „Guck sie dir doch an. Der Großmäulige da, das ist Papas Söhnchen, der hat ihm das Schiff geliehen, und Bubi hat seine Claqueure dabei. Ich sag dir, gleich zischt’s, weil da die ersten Biere geöffnet werden – und dann gute Nacht, Marie! Mir geht schon wieder die Pumpe. Hoffentlich hast du Ohrenstöpsel zum Schlafen dabei.“

Hatte ich natürlich nicht. Mein Mann behielt recht. Die Segelohren grölten die halbe Nacht. Ich wollte rüberrufen, bekam dies aber von meinem unter Deck wie ein Springteufel herumwütenden Mann verboten, weil: „Willst du, dass die gegen die ‚Alte‘ pinkeln? Willst du, dass die Farbbomben auf die ‚Alte‘ werfen? Willst du, dass die einen Orca mieten, der unseren Kiel frisst?“

Wir lagen die halbe Nacht wach. Wenigstens wurden die Segelohren morgens um halb sieben vom Hafenmeister geweckt, und wir machten gegen neun beim Ablegen noch mal Krach, was mich sehr heiter stimmte, weil zwei Köpfe mit strubbeligen Haaren und übermüdeten Augen aus dem Niedergang ragten und böse schauten. „Selbst schuld, wenn die solche T-Shirts tragen“, rechtfertigte mein Mann unsere Bosheit.

„Work less“, auch mal ergänzt um „Sail more!“ – nur eines von unzähligen Mottos, mit denen sich manche gern schmückenFoto: YACHT/U. Janßen„Work less“, auch mal ergänzt um „Sail more!“ – nur eines von unzähligen Mottos, mit denen sich manche gern schmücken
»Ein Mensch ohne Träume ist wie ein Boot ohne Segel – wer um Himmels willen denkt sich so was aus? Und wer trägt das dann auch noch freiwillig?«

In Sønderborg machte mal ein schlecht gelauntes Ehepaar fest, das mit Sicherheit ein hochgeistiges Studium absolviert hatte, so dachte ich zumindest. Alles, wirklich alles, was wir sahen, war mit einem Spruch versehen. Auf einem über der Reling hängenden Duschtuch stand: „Ein Mensch ohne Träume ist wie ein Boot ohne Segel.“ Auf dem Shirt der grimmig dreinblickenden Frau hieß es: „Humor ist die Fähigkeit, im Leben mit dem Gegenwind zu segeln.“ Und auf dem des Mannes: „In einem wankenden Schiff fällt um, wer still steht, nicht, wer sich bewegt.“ Nun, nach drei Gläsern Cola-Rum ist Ulf, so hieß er, bei jedem Schritt gestolpert und auf die Rübe geknallt, irgendwann blieb er einfach liegen.

Seine Frau Gundula erzählte uns dann ausschweifend, dass Ulf im Grunde ein Weichei sei und noch nicht mal ein Ei kochen könne. Sie, Gundula, sei im Justizvollzug tätig und hätte doch viel lieber Soziologie studiert. Aber da er die „Kieloben“ unbedingt haben wollte damals, musste Gundula auf alles verzichten. Ihre Lieblingssätze waren: „Vielleicht geht er ja irgendwann mal über Bord. Ich helf ihm nicht raus. Dann bin ich mal dran! Habt ihr noch Gin?“ Sie hielt uns ihr mitgebrachtes Glas hin, auf dem „Und ist die See zu Ende, fahren wir ’ne Wende“ stand. Sie bemerkte meinen Blick und sagte: „Ein Geschenk zur Schiffstaufe. Hoffentlich geht’s bald kaputt. Ich mag solche sinnfreien Sprüche gar nicht.“

Selbst bedruckte Markenshirts

An einem anderen Morgen helfen wir einem Boot beim Anlegen, dessen Crew sich anstellt, als wäre sie noch nie auf dem Wasser gewesen. „Guck sie dir an, diese Lackaffen“, kommentiert mein Mann. „Das sind noch Schlimmere als die mit den dämlichen Sprüchen auf den Klamotten. Das teuerste Ölzeug, die teuersten Rettungswesten, und siehst du die Kappen? Siehst du die? Das sind Kappen vom Königlich Dänischen Yachtclub. Da sollte man doch meinen, dass die was von ihrem Handwerk verstehen, und jetzt guck bloß, wie die anlegen. Da geht mir doch gleich wieder die Pumpe!“

Den Ankömmlingen ruft er lautstark entgegen: „Passt auf, ihr Affenköpfe! Wenn ihr auch nur einen Kratzer in mein Boot macht, klatscht’s, aber keinen Beifall!“ Mir ist das natürlich unangenehm, und ich lächle die Leute freundlich an. Mein Mann hingegen blökt weiter: „Glauben die, nur weil sie Klamotten für 5.000 Euro anhaben, können die was? Die eine da hat auch noch lange Haare. Viel Spaß, wenn die sich erst mal in der Winsch verheddern. Und die andere da hat knallrot lackierte Fingernägel.“

Mit Worten jonglieren kann auch die Marketingabteilung der YACHT, zu bestaunen etwa auf unseren KaffeetassenFoto: Delius Klasing Verlag/aspringerMit Worten jonglieren kann auch die Marketingabteilung der YACHT, zu bestaunen etwa auf unseren Kaffeetassen

In einem sehr schönen Rot. Ich schaue mir meine Nagellackflaschen ja nur noch an, seit wir die „Alte“ haben. „Was sollen wir denn jetzt machen?“, hören wir kurz darauf ein Crewmitglied panisch rufen. „Ich komme mit dem Ruder nicht klar!“ Die anderen an Bord sind offenbar nicht viel kompetenter. Die mit dem schönen Nagellack ruft : „Ich weiß es nicht, Klausi, ich weiß es nicht!“

Mein Mann bekommt kaum noch Luft. „Mit Sicherheit tragen die First Layer für 500 Euro, aber Klausi kommt mit dem Ruder nicht klar! Mit dem Ruder! Noch nicht mal ein Anfänger sagt das, keiner sagt das, nur Touristen sagen das!“ Er klettert nach vorn und bleibt in Höhe der Wanten stehen. „Jetzt fahr das Boot doch mal gerade in die Box!“, ruft er Klausi zu. „Wie denn?“, schreit Klausi überfordert zurück, die anderen auf dem Boot starren meinen Mann hilflos an. Einer, der einen Fotoapparat um den Hals hängen hat, beugt sich zu allem Überfluss nun auch noch über die Reling und erbricht sich ins Hafenbecken.

Nach einer gefühlten Ewigkeit ist das Boot endlich festgemacht. „Können wir jetzt mal anfangen?“, fragt der von der Seekrankheit noch bleiche Fotograf. „Mit was denn anfangen?“, will mein Mann neugierig wissen. „Na, mit der Session!“ Der Fotograf geht nach unten, kommt mit einem Karton zurück, öffnet ihn und holt eine Ladung T-Shirts heraus. „Zieht euch mal um“, sagt er zur Crew, die offenbar gar keine Crew ist. Ach so, die machen hier eine Fotoproduktion. Deswegen kommen die mit dem Schiff nicht klar.

Neugierig gucken wir auf die T-Shirts. „Keine Wende ist das Ende“ steht da. „Lieber Arm dran als Kiel ab“. Und: „Lieber zweimal Ehebruch als einmal Mastbruch“. Es ist nicht zum Aushalten. „Und das auf teuren Musto-Shirts“, keucht mein Mann. „Welch Frevel! Ihr seid doch nicht ganz dicht, die Shirts so zu verhunzen“, blökt er aufs Nachbarboot. Ein junger Mann, der eben noch beim Anlegen von meinem Mann angeschnauzt wurde, grinst ihn nun an und reicht ihm ein Shirt : „Hier, das ist für dich!“

Ich lese: „Der beißt nicht, der will nur Segeln!“ Niemals hat ein Spruch besser gepasst.

Steffi von Wolff


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