Glosse Wolffs RevierSegeln ohne WC

Glosse Wolffs Revier: Segeln ohne WCFoto: YACHT/F. Gunkel
Die Autorin Steffi von Wolff

Man sollte meinen, dass ein WC an Bord eine Selbstverständlichkeit ist. Nun, nicht überall

Das Leben an Bord einer Segelyacht und in den Häfen bietet so manch skurrile Begegnung. Autorin Steffi von Wolff erzählt in ihrer Glosse Wolffs Revier regelmäßig von ihren Erlebnissen als Bordfrau. Nicht immer ernst gemeint, oft satirisch überspitzt, aber immer mit viel Herz und einem Augenzwinkern. Dieses Mal geht es um das heikle Thema der „Notdurft für Frauen an Bord einer Yacht ohne WC.

Segeln ohne WC

„Und dann konnte ich auch die ganze Zeit nicht aufs Klo!“, brüllt die Nachbarin auf dem Boot gegenüber, die sich seit dem Anlegen vor ungefähr einer Stunde mit ihrem Mann streitet. Ich verstehe die Frau so unglaublich gut, denn ich weiß es noch wie heute. Es war der erste Törn, an dem Tag und Nacht durchgesegelt wurde, und das ein ganzes Wochenende lang. Wundervoll, dachte ich damals.

Verlagssonderveröffentlichung

Mein Mann freute sich, dass sein alter Freund Gerald uns auf sein neues Boot eingeladen hatte. „Das wird so schön, in die Nacht hineinzusegeln, und dann steht man draußen am Rad und sinniert, sieht in die Sterne, und dann kommt irgendwann der Sonnenaufgang.“

Da fängst du an zu heulen.

Ich freute mich auch, selbst wenn ich bislang nachts lieber geschlafen hatte, anstatt zu heulen, aber so was sollte man mal mitgemacht haben. Also fuhren wir eines schönen Freitags gen Ostsee, um mit Gerald und seiner neuen Freundin Tag und Nacht zu segeln.

„Geralds Boot ist total reduziert“, schwärmte mein Mann während der Fahrt. „Alles an überflüssigem Gewicht wurde entfernt oder gar nicht erst eingebaut.“

Aha. „Aber wir können doch Kaffee kochen und was zu essen?“

„Sicher.“ Es hörte sich so an, als ob das nicht wichtig sei.

Das Boot war in der Tat sehr reduziert. Also sehr, sehr. Irgendwie schien es außer dünnen Matratzen überhaupt keine Einrichtung zu haben. Zu essen sollte es Wasser und Astronautenkost geben. Als ich aus Witz fragte, warum wir uns nicht gleich mit Sonden künstlich ernähren würden, schaute Gerald mich so an, als würde er ernsthaft über diese Möglichkeit nachdenken.

Nun, was macht man nicht alles aus Liebe mit. Mein Mann war so glücklich, also nahm ich auch das gefriergetrocknete Zeug in Kauf, das sich angeblich erhitzte, wenn man draufdrückte.

Ich weiß noch, dass wir alle noch mal im Hafen auf der Toilette waren, und dann ging es gegen Mittag los.

Anne, die Freundin von Gerald, segelte zum ersten Mal, und als der Wind stärker wurde, war sie grün im Gesicht. Die klare und wenig romantische Ansage lautete.

Bitte immer mit dem Wind kübeln.

„Du bist ja nett“, sagte ich zu Gerald.

„Ja was denn“, meinte er. „Soll ich ein Spinett rausholen und dazu wie ein Minnesänger singen, dass der Würfelhusten bitte so platziert werden soll, dass er uns nicht ins Gesicht fliegt?“

Also wirklich.

Das Boot lag schräg und dann immer schräger, und mir wurde auch schlecht, und ich hatte Durst und – Anne und ich mussten dringend, schließlich immer dringender, richtig, aufs Klo.

„Könnt ihr das Boot bitte kurz ein bisschen gerader machen, wir gehen schnell aufs Klo“, bat ich.

Dann kam dieser Satz, synchron von den beiden Männern:

Hier gibt’s kein Klo.

Ich sah Gerald an wie eine Erscheinung. „Wie bitte?“

„Es. Gibt. Kein. Klo.“

Ich sah meinen Mann an. Er zuckte mit den Schultern.

„Das hat mir keiner gesagt.“ Ich merkte, dass ich wütend wurde.

Wie konnte denn auf einem Schiff kein Klo sein?

Anne war genauso entsetzt wie ich.

Die Männer hatten es gut. Sie konnten sich einfach an einer der Wanten festhalten und in die Ostsee pinkeln.

Und das andere – wenn ich daran denke, schließe ich jetzt noch spontan die Augen – wurde von den beiden mit dem Hintern hängend über der Reling erledigt. Trotz Wind.

„So könnt ihr das doch auch machen“, sagte Gerald.

„Ich glaube, ich brenne“, erwiderte ich. Aber ich musste so dringend. Anne auch.

Schließlich holte Gerald widerwillig einen Eimer aus der Backskiste, auf den sollten wir uns nacheinander setzen.

Ich begann und fühlte mich gedemütigt, auch wenn die Männer sich netterweise umdrehten.

Und Anne, nun ja, hatte es nicht so mit der Motorik.

Der Eimer fiel mit dies und jenem um und alles … nun ja.

Gerald drehte durch.

Das frisst sich alles in das Holz, da bleiben für immer Flecken, und es stinkt für immer, o Gott, wie furchtbar.

Man füllte den Eimer hundertmal mit Ostseewasser, um das Drama zu beseitigen. Anne heulte.

„Ihr setzt euch nie wieder auf den Eimer“, hieß es dann, und die Männer machten daraufhin so schwachsinnige Vorschläge, dass wir kurz davor waren, ihnen demnächst einfach so extra ins Cockpit zu pinkeln.

„Ihr könnt doch eure Hände so machen, dass ihr da reinmachen könnt und dann alles über Bord …“

„Wie soll denn das gehen? Bei dem Wind vor allen Dingen“, sagte Anne jetzt böse.

„Oder ihr könnt euch vor den Abfluss hier setzen und das so steuern, dass es direkt …“ Mein Mann war auch sehr kreativ.

„Bist du irre? Da kommt trotzdem was aufs Teakdeck“, wiegelte Gerald ab. Der Wind wurde heftiger. Anne entließ Würfelhusten in die richtige Richtung und setzte sich dann hin. Ich setzte mich zu ihr. Und so begann es, dass wir Klo-Alternativen in Ermangelung eines Klos erfanden, nicht ohne zwischendurch wütend auf unsere Männer einzudreschen. Leider nur verbal.

Merkt euch Folgendes, ihr Guten:

  1. Wir Frauen können nicht einfach so überall pinkeln und müssen dafür nur den Reißverschluss aufmachen, und dabei können wir uns auch noch super unterhalten.
  2. Wir haben möglicherweise ein anderes Schamgefühl als ihr, und uns ist es nicht egal, ob wir vor euch auf Eimern hocken, während das Boot immer mehr Schräglage bekommt, wir Angst haben, dass der Eimer umkippt und wir natürlich Schuld sind, wenn das wertvolle Teakdeck „für immer eingeätzte Flecken hat“.
  3. Wir hängen uns auch nicht gern mit nacktem Hintern über eine Reling, womöglich noch begleitet von dummem Geschwätz.

Aber was tun? Wir beratschlagten und kamen auf folgende Ergebnisse, während unsere Blasen – wir hatten tagsüber einfach viel zu viel getrunken – beinahe platzten:

  1. Sämtliche vorhandene Handtücher nehmen und reinpinkeln, auswringen und ausspülen, damit man sie wieder benutzen kann (natürlich nicht fürs Gesicht, sondern fürs nächste Pinkeln)
  2. Plastiktüten befüllen, verknoten und im Boot sicher verstauen (Gerald: „Wenn die platzen, bring ich euch um!“)
  3. Sich mit dem Hintern ins Spülbecken setzen und einfach laufen lassen.
  4. Aus mitgebrachten Zeitschriften, die wir trotz des Gewichts an Bord behalten durften, eine Art Trichter mit einem langen Rohr bauen, das direkt in die See führt.

Zwischendurch unsere Männer: „Ihr stellt euch vielleicht an, wie kann man nur so unflexibel sein. Das ist doch alles kein Problem. Die Wikinger wussten sich doch auch zu helfen.“

Punkt 3 wurde von Gerald verboten. Punkt 4 erwies sich als Schwachsinn, weil das Papier natürlich durchweichte, wie wir nach einer Wasserprobe feststellten. Punkt 2 scheiterte daran, dass es keine Plastiktüten an Bord gab (das Gewicht), Punkt 1 wollten wir nun ausprobieren.

Mittlerweile war es dunkel geworden, und ein klarer Sternenhimmel tat sich auf. Eigentlich wunderschön.

„Sag mal“, sagte mein Mann zu seinem Freund. „Du hast doch wie ich immer Einwegwindeln an Bord, falls mal Wasser in der Bilge ist oder so.“

Wir schauten auf, verzweifelt. Ein Fünkchen Hoffnung tat sich auf.

Gerald, der gerade mit dem Hintern über der Reling hing und ins Firmament glotzte, nickte. „Warum?“

„Na, für unsere Frauen.“

Gerald sagte: „Die sind aber teuer, die Windeln, die sind jetzt nicht für so was.“

Ja, für was denn SONST?

Ich fragte streng:

Wo sind die Windeln?

Eine Viertelstunde später hatten wir die zweite Garnitur Inkontinenzwindeln an, die erste war schnell verbraucht.

Der Sternenhimmel wurde dichter, Anne und ich saßen da, und ihr war auch gar nicht mehr schlecht. In unseren Windeln fühlten wir uns sicher und geborgen und unsere Laune war schlagartig wieder gut und wurde nur getrübt von der Tatsache, dass Gerald Windeln einforderte, weil Wasser sich in der Bilge gestaut hatte.

„Nur über meine Leiche“, sagte Anne. „Du stellst dich wirklich an.“

PS: Anne und Gerald sind nicht mehr zusammen. Gerald wurde das mit den Windeln auf Dauer zu teuer.

Schönes Wochenende!



Das Segel-Buch von Steffi von Wolff:


Meistgelesene Artikel