YACHT
· 09.06.2024
Mit hochrotem Kopf kommt Hanno den Steg entlanggestampft. „Ich war gerade bei Klaus. Ihr glaubt es nicht. Wir kriegen einen neuen Nachbarn. Hier, auf 67.“ „Das ist ja neben uns“, sagt mein Mann so, als würde demnächst ein T-Rex zu unserer Nachbarschaft gehören. „Ja, ein Glück nicht neben uns. Weißt du noch, dieser Oskar, der ganz schlecht Gitarre gespielt hat?“ Mein Mann nickt. „Oder Sigrid und Steffen. Die haben nicht gelacht, die haben geschrien. Bin ich froh, dass die alle den Hafen gewechselt haben. Ich sag es euch, wenn der Neue mir querkommt, red ich Tacheles.“
„Jetzt lasst ihn doch erst mal ankommen, außerdem gehört der Steg nicht euch. Wer ist es denn?“, will ich wissen. „Kommt wohl aus Kiel. Mehr weiß ich auch nicht“ sagt Hanno. „Wie, mehr weißt du nicht? Da fragt man doch mal nach. Die können uns doch nicht Krethi und Plethi auf den Steg setzen.“ Mein Mann wieder. „Die müssen uns nicht fragen“, sage ich. „Das sagt Birte auch“, beschwert sich Hanno. „Dabei ist eine gute Gemeinschaft so wichtig. Vielleicht würfelt der Kieler abends stundenlang und schlägt krachend einen verwarzten Lederbecher auf den Cockpittisch.“ „Oder hört schaurige Shantys auf den Außenboxen“, fügt mein Mann hinzu. „Ah, da ist Norbi. Komm mal an Bord, Norbi. Wir müssen was besprechen.“ Auch Norbi ist entsetzt darüber, dass da einfach so ein Neuer kommen und Shantys hören will. „Dann liegt der da einfach an unserem Steg“, ist die einhellige, nicht positive Meinung. Mein Mann holt Bier. „Wir müssen einen Plan machen, damit der Neue gleich weiß, wo der Hase langläuft.“ Alle außer mir nicken.
Am nächsten Morgen macht ein Segelboot neben uns fest. Ich helfe beim Anlegen. Das muss der Neue sein. Nett sieht er aus. Er bedankt sich artig fürs Leinen annehmen und sagt, dass er diesen Hafen hier schon immer mochte. „Na dann, herzlich willkommen“, sage ich freundlich. Mein Mann, Hanno, Norbi, Gert, Thorsten und Volkmar stehen plötzlich neben mir wie aus dem Boden gestampft. „Ab 22 Uhr ist hier Ruhe“, kläfft Thorsten. „Dass das klar ist.“ „Und gewürfelt wird auch nicht an Deck.“ Mein Mann. „Es gibt hier klare Regeln“, erklärt Gert. „Wir wollen nicht mit jedem zusammenliegen. Sie kommen also aus Kiel?“ Er fragt das wie ein Inquisitor.
Der nette Mann ist leicht genervt. „Nein, aus Ærøskøbing. Ich wollte eigentlich nur nach einem schönen Segeltag hier anlegen.“ „Ach so“, sagt mein Mann. „Dann sind Sie gar nicht der Neue.“ „Nein, glücklicherweise nicht. Diesen armen Wicht sollte man warnen. Und wisst ihr was, ich will hier auch gar nicht liegen, ich mach an einem anderen Steg fest.“ Er lässt sich von mir die Leine zurückgeben und ist kurze Zeit später verschwunden.
Mittlerweile dreht sich alles um den Neuen. Man war sogar bei Klaus, dem Hafenmeister, um mehr über diese „dubiose Gestalt“ zu erfahren, aber der weiß auch nicht wirklich was, bittet uns aber, ihm zu sagen, dass er nach Ankunft im Hafenbüro seinen Liegeplatzaufkleber und einen Stromzähler abholen soll. „Ich sag euch, der macht den Stromzähler ab, bevor er kocht“, mutmaßt Norbi. „Das müssen wir beobachten.“ „Du machst ihn doch auch ab“, langsam reicht es mir. Waidwund werde ich angeschaut. „Das weiß aber keiner.“ Ach so. Birte kommt irgendwann zu mir. „Die drehen mal wieder am Rad“, sagt sie resigniert. „Hanno hat zu mir gesagt, wenn der Neue Leber brät, wird er ihn anzeigen.“
Später stoßen wir zur Männerrunde, die immer noch oder schon wieder am „Wenn“-Sagen ist. Jetzt geht es nicht mehr um gebratene Leber, sondern um einen Nierenspieß. „Innereien haben auf unserem Steg nichts zu suchen“, erklärt Gert. „Ihr wisst schon, dass in manch einer Bratwurst auch Innereien sind“, gebe ich zurück. „Das ist doch was ganz anderes. Bratwurst ist Bratwurst.“ Bratwurst ist somit frei von jeder Kritik. „Und was ist, wenn der Neue Bratwurst mag?“, frage ich stichelnd. „Nie im Leben. Das ist so ein Sonderling. Ich hab gestern mit meinem Cousin telefoniert, der liegt in Schilksee. Die hatten bis letztes Jahr da so einen Eremiten, einen Zausel, der hatte einen Papagei und ist dieses Jahr nicht wiedergekommen. Es hieß, er suche einen anderen Liegeplatz.“ „Bestimmt wäscht der sich nicht“, sagt mein Mann giftig. „Und ich sag euch, wenn dieser Papagei mir die ‚Alte‘ vollkackt, garantiere ich für nichts.“
Alle nicken. „Angeblich hat er auch eine Katze, aber die war immer unter Deck.“ „Wie süß“, sagt Gerts Frau Elsa. „Das wäre doch schön, eine Stegkatze.“ Gert starrt sie an. „Ich geb dir auch eine Stegkatze, die hat mit Sicherheit Läuse und überträgt die Pest.“ „Das sind Ratten“, korrigiere ich leicht entnervt. „Könnt ihr jetzt mal aufhören bitte. Man kriegt ja Angst.“
„Wenn diese Katze einmal auf mein Boot kommt und Kratzer macht, ist es eine Katze gewesen.“ Thorsten greift sich ans Herz. „Lange mach ich das nicht mehr mit.“ „Frag mich mal, mir geht andauernd die Pumpe“, klagt mein Mann.
Später treffen wir uns auf dem Grillplatz. „Ich sag euch, wenn es nicht der Zausel aus Kiel ist, ist der Neue mit Sicherheit so ein arroganter Lackaffe mit neuen Segelklamotten, der alles besser weiß“, ist Thorstens Meinung. „Der hilft auch nicht beim Anlegen. Der sagt sich: nach mir die Sintflut“, sagt Gert, und alle nicken, während sie ihre Bratwurst vertilgen. Ein paarmal versuchen Birte, ich und die anderen Damen der Runde, in selbige ein wenig Ruhe zu bringen, aber unsere Männer sind weit davon entfernt. „Wir machen das Schild nachher gleich auf rot“, schlägt mein Mann vor. „Der soll erst mal fragen, ob er da liegen darf.“
Am nächsten Morgen hilft mein Mann Hanno und zieht ihn in den Mast, weil er da was am Verklicker reparieren muss. „Bestimmt ist der Neue so ein Weichei und hat Höhenangst“, ruft mein Mann nach oben und weicht einem herunterfallenden Schraubenzieher aus. „Pass doch auf! Willst du mich umbringen?“
„Ha!“, kommt es von oben. „Weißt du, was mir gerade einfällt: Was ist, wenn der Neue so ein ganz Schlimmer ist, also so einer, der vor nichts haltmacht. Der eine Vergangenheit hat, von der niemand wissen darf!“ „Wie kommst du denn darauf?“, ruft Birte nach oben. „Man weiß doch nie, was hinter der Stirn eines Menschen vorgeht. Denkt mal an Hannibal Lecter.“
„Stimmt“, sage ich. „Der hat auch Leber gegessen.“
„Meinst du, der Neue ist ein Serienkiller?“, kreischt mein Mann nun Richtung Mast. „Möglich ist alles! Wer Innereien mag, ist mir suspekt! Vielleicht sollten wir alle ab sofort Pfefferspray mit uns führen! Oder Messer! Man ist ja offenbar auf diesem Steg nicht mehr sicher!“ Die Gastlieger ringsum stehen nun alle an Deck und hören ungläubig und entsetzt zu. Einsetzendes Gemurmel zeugt mit Sicherheit davon, dass sie überlegen, den Hafen zu wechseln. Würde ich auch.
„Man liest ja so viel“ Denkt mal an Fritz Honka oder Fritz Haarmann! Die sahen auch harmlos aus, und dann? Honka hat Frauen zerteilt! Und Haarmann hat die Menschen zu Dosenwurst verarbeitet! Das kann uns hier auch passieren!“
„Wäre vielleicht nicht das Schlechteste!“, ruft Jörg, der gerade dazugekommen ist und in Scheidung lebt. „Ein Serienkiller kommt uns nicht an den Steg!“, schreit mein Mann nach oben. „Allein wenn ich an das ganze Blut auf dem Teakdeck denke, wird mir ganz anders.“ Ach. Natürlich. Das Deck ist das Wichtigste. „Jetzt guck nicht so“, ich bin genervt. „Der Neue muss ja nicht auf unserem Boot morden.“ Mein Mann lässt Hanno wieder runter. „Kommst du mit, ich fahre in den Ort, Pfefferspray kaufen.“ Zusammen dackeln sie los. „Wohin soll das noch führen?“, fragt Birte. „Der arme neue Mann. So schlimm haben sie sich ja noch nie aufgeführt.“ „Das ist das Alter. Mein Mann guckt jetzt auch gern ‚Aktenzeichen XY ungelöst‘, sage ich. „Hanno auch“, sagt Birte. „Komm, wir trinken einen Crémant.“
„Ah!“ Hanno und mein Mann bleiben stehen, die anderen kommen hinzu. Eine junge Frau mit blonden Locken steht am Bug, hält die Vorleine in der Hand und strahlt uns an. An der Pinne eine andere Frau, auch mit blonden Locken, auch sie strahlt. „Hallo“, sagt Frau Nummer eins. „Hier ist ja die Nummer 67. Da sind wir ja richtig. Wir sind die Neuen!“ Die Männer stehen da mit ihrem Pfefferspray und glotzen die beiden sympathisch wirkenden Frauen an. „Nimmst du die Leine an?“, fragt die eine mich. „Ich bin Linda.“
„Und ich bin …“, fange ich an, werde aber von Thorsten zur Seite geschoben. „Natürlich helf ich dir. Ich bin Thorsten.“ Ach. „Wir haben uns so auf die Dänische Südsee gefreut“, erklärt Linda und strahlt noch mehr. „Wir kommen aus Kiel, das ist auch in Ordnung, aber hier ist es viel schöner.“
„Ja, das stimmt, und wir sind eine wirklich nette Gemeinschaft hier!“, beeilt sich Hanno zu sagen und reicht ihr die Hand. Mit der anderen steckt er das Pfefferspray in die Hosentasche. „Ach wirklich?“ Nun kommt die andere Frau nach vorn. „Ich bin Marie. Wir haben zum Einstand selbst gebackenes Brot mitgebracht. Hübsch ist es hier. Aber von euch, also speziell von diesem Steg, hat man ja schon viel gehört“, sagt Marie. „Oh.“ Die Männer sind geschmeichelt. „Ja, unsere Truppe ist außergewöhnlich. Und sehr nett“, sagt mein Mann. „Bestimmt habt ihr also nur Gutes über uns gehört.“ Die beiden Frauen sehen ihn an und antworten nicht. Das Schweigen ist sehr laut.