Glosse Wolffs RevierMiteigner auf Bewährung

YACHT

 · 09.05.2024

Glosse Wolffs Revier: Miteigner auf BewährungFoto: FOTOS: GETTYIMAGES
Eine Yacht, zwei Eignerpaare. Ob das auf die Dauer gut geht, zeigt keine Probe
Wer sein Schiff in fremde Hände gibt, muss loslassen können. Und sollte sich genau überlegen, wem er die geliebte Yacht anvertraut

“Ah, die Post war da.“ Mein Mann schwenkt zwei Umschläge. Liegeplatz- und Versicherungsrechnung. Ich sehe die Beträge und traue mich nicht, es zu sagen, denke aber wie in jedem Jahr: „Das wäre ein schöner Strandurlaub mit Sonne, all-inclusive und so weiter.“ Also nicht an der Ostsee, sondern beim Inselhopping auf den Malediven oder in der Karibik, danach eine Safari in der Serengeti, endlich mal Löwen in freier Wildbahn sehen. Aber da beiße ich bei meinem Mann auf Granit.

„Du hast hier auch wilde Tiere. Denk mal an die Quallen und die Schweinswale. Außerdem ist da, wo du hinwillst, überall Sand.“ Mein Mann hasst Sand. Am meisten auf dem Boot. Er hat schon Stegnachbarn von der „Alten“ gescheucht, nachdem sie fröhlich erzählt hatten, dass sie einen Strandspaziergang mit Muschelsuchen gemacht haben; danach hat er die Fugen mit einer weichen Zahnbürste pedantisch gesäubert. In dieser Hinsicht ist er noch extremer als unser Stegnachbar Michael, und das will schon was heißen.

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Dann fällt mir etwas ein. Etwas, mit dem ich schon länger lieb­äugele. „Eine Eignergemeinschaft wäre doch eine Idee“, sage ich mit fröhlicher Stimme. Mein Mann starrt mich an wie eine Erscheinung. „Was meinst du damit? Was willst du damit sagen?“ „Mit so einer Lösung hat man nur die halben Kosten und …“ „… und das halbe Boot!“, keucht mein Mann und greift sich an die linke Brustseite. „Du willst unsere ‚Alte‘ also verkaufen.“

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„Es ist doch nur eine Idee.“ Muss er sich denn so echauffieren?

„Denk mal an meine Pumpe!“, ruft er. „Nie im Leben. Niemals teile ich meine ‚Alte‘. Nie!“ Dann wendet er sich von mir ab und liest die Rechnungen.

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Vielleicht ist eine Eignergemeinschaft doch eine gute Idee

Eine Woche später, wir sind gerade in Sønderborg angekommen und am Einräumen, klopft es ans Schiff. Waltraud und Ingo sind da. Nachdem mein Mann die ganzen laufenden Kosten für die „Alte“ überschlagen hatte, war meine Idee wohl doch nicht so schlecht. „Probieren kann man es ja mal. Aber wenn die Leute dem Schiff nicht guttun, ist Schicht im Schacht.“ Dann sitzen wir zu viert im Cockpit. „Also wir freuen uns ja so“, jubelt Waltraud. „Endlich können wir unseren Traum vom Segeln leben.“ Ingo nickt. „Wirklich schön, dass es geklappt hat und wir uns kennenlernen.“

„Erzählt doch mal von euch“, bittet mein Mann und gießt Weißwein nach. „Also welche Boote ihr gesegelt habt und so weiter.“ Ingo hebt sein Glas, und wir stoßen an. „Das waren alles geniale Sonderbauten mit extra Ausbauten. Angefangen haben wir mit einer Hacker New Micro Magic 2020.“

„Kenne ich gar nicht“, sagt mein Mann verwundert. „Das war auch ein Einzelbau“, erklärt Ingo nicht ohne Stolz. „Ich muss mal auf die Toilette.“ Waltraud steht auf. Sie muss aufs Klo? Das ist ja furchtbar. Ich hasse es, wenn Fremde unser Bordklo benutzen. Aber natürlich zeige ich ihr alles. „Ui“, sagt Waltraud, nachdem wir den Niedergang runtergegangen sind. „Wie ordentlich hier alles ist.“ Ja, und das soll auch so bleiben, will ich sagen, sage es aber natürlich nicht. Ich bin ja froh, dass mein Mann einer Suche nach Miteignern zugestimmt hat und Waltraud und Ingo jetzt hier sind. „Das Klopapier bitte nicht in die Schüssel tun, der Fäkalientank verstopft sonst“, bitte ich sie. „Das Papier kommt in den Müll.“ „Okay“, sagt Waltraud. Ich gehe wieder nach oben.

„Das war ein Biest“, höre ich Ingo erzählen. „Luvgierig wie sonst was, und bei jeder Wende wollte sie mir zeigen, dass sie das Sagen hatte.“ Mein Mann hört ihm ehrfürchtig zu. „Zwischendurch hatten wir eine D-Power Rapidcat“, geht es weiter, und meines Mannes Mund steht offen. „Kenn ich auch nicht.“ „Mit der kann auch nicht jeder“, sagt Ingo stolz. „Wahnsinnig schnell, die Gute. Man muss nur mit ihr umgehen können.“ „Ja, das ist wichtig“, sagt mein Mann, der Ingo nun anschaut wie ein Opti-Kind Boris Herrmann anschauen würde, nachdem er es auf den Arm genommen und mit auf die „Malizia“ genommen hat. „Die Krick Comtesse war auch okay, aber persönlich hat mir die Kyosho Fortune 612 am besten gefallen.“ Er hebt sein Glas. „Aufs Segeln.“ Mein Mann tut es ihm fast devot nach. „Wow. Kenn ich alles nicht. Aufs Segeln.“

Waltraud kommt zurück. „So schön sauber alles“, sagt sie. Ja, und das soll auch so bleiben. Ich lächle sie an. Die beiden Männer sind schon dabei, alles klarzumachen. Moment mal. „Wollen wir nicht erst mal rausfahren, um zu schauen, wie ihr mit der ‚Alten‘ klarkommt?“, frage ich verwundert. „Ach wo“, sagt mein Mann. „Ingo ist Vollprofi.“ Ingo nickt geschmeichelt. Aha. Daher weht der Wind. Mein Mann bewundert Ingo, weil der Boote kennt, von denen er noch nie etwas gehört hat.

Zwei Stunden später ist klar, dass sie einen ersten Törn über Ostern machen werden. Auf der „Alten“. Ohne uns. „Über Ostern?“, frage ich meinen Mann, nachdem alles festgezurrt wurde und die beiden weg sind. „Ostern ist doch immer das erste schöne verlängerte Wochenende, es gibt Lamm in Kräuterkruste und …“ „Falls ich dich daran erinnern darf: Du wolltest eine Eigner­gemeinschaft“, sagt er und hat ja recht.„Aber du bist jetzt Feuer und Flamme, nur weil Ingo Schiffe kennt, die du nicht kennst.“

„Gut möglich“, gibt er zu. „Googele die Boote doch mal“, schlage ich vor. „Vielleicht sind das ja die letzten Möhren.“ „Einen Teufel werde ich tun“, sagt mein Mann giftig.

„Ups, da sind wir gedotzt“

Gründonnerstag ist es so weit. Wal­traud und Ingo gehen an, wir von Bord. Mir kommt es vor, als würde ich zu meiner eigenen Enthauptung schreiten. „Dann mal einen schönen Törn“, ruft mein Mann, während die „Alte“ gefährlich nah an den Steg kommt. „Rückwärtsgang!“, ruft er Ingo zu. „Haha, Anfängerfehler“, kommt es zurück, und beide lachen. Ich bin fassungslos. Normalerweise wäre der Törn in dieser Sekunde beendet gewesen.

Dann beginnt der schlimmste Tag meines Lebens. Waltraud und Ingo wussten nicht so recht, wo sie hinfahren sollten, also haben wir ihnen Flensburg vorgeschlagen. Schon eine Stunde später ruft Ingo an. „Was sind denn das für Knöpfe da rechts?“ „Wo, da rechts?“ „Na, rechts eben. Neben dem Niedergang.“ „Ach so. Damit zieht man das Segel hoch. Elektrisch …“ „Wahrscheinlich musste Ingo sich darum nie kümmern“, sagt er zu mir. „Dafür wird er seine Leute gehabt haben. Umso besser finde ich, dass er dazu steht, es nicht zu wissen, bevor was passiert.“ „Mhm.“ Er fummelt auf seinem Handy herum. „Die haben den GPS-Tracker gar nicht an. So was Blödes.“ „Dann sag ihm, er soll ihn anmachen.“ „Nein, nein, da fühlt er sich gemaßregelt. Es ist schließlich für ihn eine Ehre, dass er mit unserer ‚Alten‘ segelt.“

Waltraud ruft an. „Das Klo ist, glaub ich, verstopft.“ „Wie das?“, frage ich. „Ich hab doch gesagt, kein Klopapier in die Schüssel.“ „Hab ich auch nicht. Ich hab Tempo-Taschentücher genommen, und ich brauchte … äh, ganz schön viele.“ O Goooooott, ich sterbe. „Das sieht auch so aus, als ob das fast überläuft.“ „Mach die Ventile alle zu.“ Ich erkläre ihr, wie das geht.

„Reg dich nicht auf“, sagt mein Mann. „Ingo ist Vollprofi. Der kriegt das wieder hin.“ Ingo ruft bei meinem Mann an. „Da stehen so rote Dinger. Was hat denn das zu bedeuten?“ „Rote Dinger? Das sind Tonnen. Pass auf, dass du nicht dagegen …“ Ich höre das „Klong“, obwohl das Handy nicht auf Lautsprecher gestellt ist, was mein Mann nun ändert. „Ups, da sind wir gedotzt“, höre ich Ingo rufen. „Huch, jetzt sind wir unten irgendwo gegengefahren.“

„Ihr seid aufgelaufen? Warum bleibst du nicht im Fahrwasser?“, kreischt mein Mann und ist rot im Gesicht. Die Pumpe, die Pumpe. „Fahrwasser?“ „Ja, Fahrwasser!“ Ingo legt einfach auf. „Um Himmels willen, wir müssen irgendwie nach Flensburg kommen, bevor die da anlegen und noch mehr kaputtmachen“, keucht mein Mann, und wir setzen uns ins Auto und fahren los, um die beiden in Empfang zu nehmen. Aber sie kommen nicht. „Ich drehe durch“, sagt mein Mann. „Nur weil du diese Eignergemeinschaft wolltest, haben wir jetzt den Salat.“ „Ich habe doch aber gesagt, dass …“ „Sei bitte einfach still.“

In Flensburg angekommen, halten wir Ausschau, und tatsächlich kommt da ein Boot der DGzRS, das unsere „Alte“ hinter sich herschleppt. Von der roten Tonne hat sie jede Menge rote Kratzer. Waltraud und Ingo legen mit unserer Hilfe an. „Das ist aber kein gutes Boot“, sind Ingos erste Worte. „Es reagiert viel später als die, die ich kenne.“ Wir sagen nichts und gehen an Bord.

Das Klo ist mittlerweile übergelaufen, und die beiden haben es fertiggebracht, sogar den Glaszylinder einer Petroleumlampe, meiner Lieblingslampe, vom Ständer zu fegen. Die Splitter liegen überall auf dem Holzboden, und es hat schon Kratzer gegeben. Eine Tupperschüssel ist ausgelaufen und hat den Kühlschrank verdreckt. „Der gute Heringssalat“, sagt Waltraud.

„Sagt mal“, sagt da einer von der DGzRS. „Der Typ hat mir erzählt, was er so alles gesegelt hat. Ist euch da kein Licht aufgegangen?“ „Wieso?“, fragt mein Mann verwundert. „Na ja, Krick Com­tesse und Kyosho Fortune und wie sie alle heißen“, sagt der Seenotretter amüsiert. „Was meinst du?“ „Das sind alles Modellboote“, kriegen wir zu hören. „Modellboote?“, sagt mein Mann blass. „Aber das ist doch fast dasselbe“, sagt Ingo ängstlich und sieht aus, als würde er vor Angst gleich unter sich machen. Mein Mann dreht sich zu ihm um. Dieses Osterfest wird Ingo ganz sicher nie vergessen.

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