Steffi von Wolff
· 29.04.2026
Es ist jedes Jahr zwischen Januar und April das Gleiche: Rechnungen, Rechnungen, Rechnungen. Ja, auch Kfz-Versicherung, Haftpflicht und was weiß ich, aber vor allen Dingen Rechnungen fürs Boot. Und das sind nicht wenige. Wir wissen, wovon ich spreche: Versicherung, Winterlager, Polieren, Kranen, Liegeplatz, Motorwartung, Maststellen. Wunderbar, ganz wunderbar. Vor allen Dingen weil das für meinen Mann überhaupt kein Thema ist.
Der Umschlag liegt auf dem Küchentisch, unscheinbar, fast beiläufig, aber trotzdem weiß ich genau, was drin ist: eine Rechnung. Liegeplatz. Versicherung. Oder Winterlager. Zahlen, die nicht nur unseren Kontostand betreffen, sondern auch immer wieder unsere Beziehung.
Ich bin in unserer Ehe und der Ausübung des Hobbys diejenige, die man als Mitseglerin bezeichnen kann. Nicht dass ich das Segeln nicht mag, aber ich würde nicht in Schockstarre verfallen, sollte es mir jemand verweigern. Noch ein wichtiger Aspekt: Ich verbringe gern Zeit mit meinem Mann. Und lange habe ich geglaubt, der Kern des Problems wäre, dass ich sein Hobby nicht in gleichem Maß teile. Heute weiß ich, dass es komplizierter ist.
Es geht nicht nur um unterschiedliche Interessen. Es geht auch um Fairness, um Wahrnehmung des Ganzen, und es geht auch darum, wie zwei Menschen ihr gemeinsames Leben gestalten, wenn ihre Bedürfnisse nicht hundertprozentig deckungsgleich sind.
Unsere Streite laufen immer nach dem gleichen Muster ab, und ich weiß ganz genau, dass wir da beide Fehler machen. Ich bin stets die Vorwurfsvolle: „Das Segeln ist dein Hobby, ich mache das seit Ewigkeiten alles mit und finanziere das alles mit, ich sehe das nicht mehr ein, ich bin auch mal dran, ich könnte ein Pferd haben, wenn wir nicht ab März bis November dauernd auf dem Boot wären, nach 25 Jahren hab ich wohl das Recht, auch mal an mich zu denken, es reicht, es reicht …“ Und so weiter.
Mein Mann: „Na toll. Wie willst du denn dann bitte Urlaub machen ohne Boot? Willst du auf Mallorca/in Sri Lanka/in einem Clubhotel Urlaub machen und da am Sandstrand liegen? Ist es das, was du willst? An einem Sandstrand! Und dann liege ich da auch noch mit dir und gucke auf die Boote, die weiter hinten ankern. Sehe die Leute ins Wasser springen, aber ich liege an einem Sandstrand. Das kommt nicht infrage, ich mach an keinem Sandstrand Urlaub!“ Dann geht es los, ein Wort gibt das andere, der Streit ist vom Zaun gebrochen. Anschreien. Schuldzuweisungen. Genervtsein. Keine Lösung in Sicht.
Es ist nun mal so: Für meinen Mann ist das Segeln kein Zeitvertreib. Es ist Freiheit, Identität, ein Ausgleich zum Alltag. Und er liebt sein Boot. Es ist ihm heilig. Er spricht mit ihm. Ich sehe das. Ich verstehe das sogar. Wer diese Passion seit seinem vierten Lebensjahr hat, brennt dafür. Aber ich teile es nun mal nicht. Deswegen sind die Rechnungen wahrscheinlich jedes Jahr der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Weil ich mich über das Jahr nicht wertgeschätzt fühle. Ich mache dabei mit, dass er seine Leidenschaft auslebt, und er ist aus meiner Sicht undankbar, indem er das als selbstverständlich ansieht.
Doch für mich ist das Boot nun mal kein Traum, sondern ein Faktor. Und zwar ein in unserem Leben sehr präsenter Faktor. Finanziell sowieso, das erwähnte ich schon, aber vor allem auch zeitlich und emotional.
Anfangs dachte ich: Es ist halt sein Hobby. So wie andere Tennis spielen oder fotografieren. Ich wollte unkompliziert sein, unterstützend, verständnisvoll. Also bin ich mitgefahren und hab versucht, mich dafür zu interessieren. Seit Jahren bin ich dabei. Selbstverständlich ist es auch schön, in der Dänischen Südsee herumzureisen, Sonnenuntergänge auf dem Ankerplatz zu erleben – die Liste an schönen Erlebnissen ist lang. Trotzdem sind da die Kosten. Jedes Jahr aufs Neue. Für ein Freizeitvergnügen, das nicht meins ist. Und wer zahlt? Auf den ersten Blick scheint die Frage einfach: Doch wohl der, von dem die Initiative ausgeht, oder?
Und genau hier beginnt das Konfliktpotenzial, so Dr. Ewald Piel, Psychologe in Singen: „Geht man davon aus, dass hier aus dem gemeinsamen Einkommen die Bedürfnisse der Haushaltsmitglieder ohne festgelegte Budgets befriedigt werden sollen, kann man das Konfliktpotenzial schon erahnen. So fühlt sich der Partner, der weniger entnimmt oder die Entnahmen des anderen Partners als Verschwendung erachtet, schnell benachteiligt.“ So ging es auch mir schon oft. In jedem Jahr dieselbe Diskussion. Immer emotionaler, immer festgefahrener.
Dr. Piel empfiehlt daher eine Kostenaufstellung und einen Plan, wer für was zuständig ist. Es brauche gemeinsame Ziele. Kurzfristige, mittelfristige und langfristige. Und wenn die Einkommen unterschiedlich seien, solle auch die Kostenverteilung flexibel erfolgen. Gleichzeitig gehe es nicht nur um Geld. Experte Piel betont, dass auch Beiträge wie Haushaltsarbeit, Organisation oder emotionale Unterstützung berücksichtigt werden müssen. Das war für mich ein Aha-Moment.
Denn wir Mitsegler haben vielleicht weniger Geld zu den Kosten beigetragen, aber Zeit, Anpassung und oft auch Verzicht eingebracht. Dinge, die in keiner Rechnung auftauchen, aber dennoch zählen. Darüber muss gesprochen werden, das ist zu berücksichtigen.
Dann, ebenfalls ein wichtiger Punkt: Will der Partner überhaupt mitsegeln? Meine ehrliche Antwort ist: Nicht immer – und damit bin ich sicher nicht alleine. Ich segle oft, weil ich glaube, dass man das als Paar so macht. Bei schönem Wetter und wenn das Boot gerade liegt, sogar gern. Schönwettertante eben. Und weil ich Zeit mit meinem Partner verbringen will. Weil ich dazugehören möchte. Anders sieht es bei Sturm und grauen Wellen aus. Da möchte ich nach Hause aufs Sofa.
Doch genau in diesem Dazugehörenwollen liegt die Gefahr. Sichtbar werden unausgesprochene Erwartungen dann eventuell durch Abwehrverhalten, durch Aggression, durch ein Hinterfragen des Hobbys, so Psychologe Piel. Und leider sind diese typischen Verhaltensweisen nicht besonders konstruktiv. Der andere Partner fühlt sich schnell in die Ecke gedrängt und genötigt, eine Verteidigungsposition einzunehmen, wirft dem anderen Partner Illoyalität und anderes vor. Konflikte eskalieren leider, wenn sie nicht aktiv bearbeitet werden. Am Ende wird nicht selten die Beziehung hinterfragt. „Dann trenn dich doch“, habe auch ich im Streit oft zu meinem Mann gesagt. „Dann musst du dir eine suchen, die das Ganze mitmacht.“ Nicht sehr hilfreich, so was. Die Antworten allerdings auch nicht.
Dr. Piel: „Hier hilft vor allem Wahrhaftigkeit sich selbst gegenüber und bei eingefahrenen, belastenden Denk- und Verhaltensmustern die Unterstützung eines Psychologen. Aus Erfahrung weiß ich allerdings, dass der Gang zum Psychologen meistens spät, oft zu spät erfolgt.“
Wenn ein Interesse nicht wirklich geteilt, sondern aus Beziehungserwartung heraus mitgetragen wird, entsteht leicht ein Ungleichgewicht. Der eine lebt seine Leidenschaft, der andere übernimmt oftmals eine Helferrolle. Und diese Rolle wird selten als gleichwertig wahrgenommen. Ich habe mich oft genauso gefühlt: beteiligt, aber nicht wirklich anerkannt. Viele Konflikte sind nicht laut, sondern diffus. Da mal ein genervter Blick. Ein ironischer Kommentar. Ein Rückzug, wenn gemeckert wird, dass eine Leine nicht schnell genug geworfen wurde. „Mach doch deinen Kram alleine, ich geh unter Deck!“ Ein gern benutzter Satz von mir.
Wie Dr. Piel schreibt, zeigen sich unausgesprochene Erwartungen oft indirekt: durch Abwehr, durch Kritik, durch das Hinterfragen des Hobbys selbst. Das Problem daran ist: Diese Signale sind selten konstruktiv. Der andere fühlt sich angegriffen, geht in Verteidigung – und der eigentliche Kern bleibt verborgen.
Ich habe lange gebraucht, um zu erkennen, dass hinter meinem Ärger etwas anderes steckt: das Bedürfnis nach Gleichwertigkeit, nach Mitgestaltung, nach echter Beteiligung. Und dass ich dieses Bedürfnis nie klar ausgesprochen habe.
Theoretisch klingt alles einfach: sachlich bleiben, Bedürfnisse formulieren, nicht verallgemeinern. Praktisch ist es aber oft schwer. Gerade bei emotional aufgeladenen Themen wie Geld und Lebensstil verschwimmen Sach- und Beziehungsebene schnell. Ein Satz über Kosten wird plötzlich zu einer Aussage über Wertschätzung. Dr. Piel verweist hier auf grundlegende Kommunikationsprinzipien: Beobachtung statt Bewertung, konkrete statt pauschaler Aussagen, klare Benennung von Bedürfnissen. Ein Beispiel: Ein Satz wie „Das ist viel zu teuer!“ bewirkt etwas völlig anderes als etwa der Satz: „Ich merke, dass mich diese Ausgabe verunsichert, weil dadurch unsere finanzielle Sicherheit in Gefahr gerät, die mir wichtig ist.“ Der Unterschied liegt nicht nur in den Worten, sondern in der Haltung dahinter.
Wir gehen das jetzt an. Ein entscheidender Punkt für uns war die Erkenntnis, dass echte Lösungen nur entstehen, wenn beide Partner Entscheidungsfreiheit haben. Sobald Druck entsteht – sei es durch Vorwürfe oder Erwartungen –, verhärten sich die Fronten.
Eine Möglichkeit, die für uns bestimmt funktioniert, ist die klare Trennung von individuellen und gemeinsamen Budgets. Das probieren wir nun. Jeder hat einen Bereich, über den er frei entscheiden kann. Das, so Dr. Piel, schafft nicht nur Transparenz, sondern auch Verantwortung. Gleichzeitig haben wir begonnen, Zeit genauso bewusst zu planen wie Geld. Denn auch sie ist eine begrenzte Ressource. Und, vielleicht am wichtigsten: Ich habe akzeptiert, dass ich nicht alles teilen muss.
Dr. Piel formuliert es treffend: Das Glück einer Beziehung sollte sich aus mehreren Quellen speisen. Nicht ein Partner ist allein dafür verantwortlich. Nicht jeder Konflikt lässt sich durch einen Kompromiss lösen. Wenn die grundlegenden Haltungen zu unterschiedlich sind, kann es sinnvoller sein, nach alternativen Lösungen zu suchen. Das kann bedeuten, dass ein Hobby nicht mehr gemeinsam ausgeübt wird – ohne dass die Beziehung darunter leiden muss. Dieser Gedanke war für mich zunächst ungewohnt. Ich hatte lange geglaubt, dass gemeinsame Aktivitäten ein Maßstab für Nähe sind, aber ich sehe das nun differenzierter.
Nähe entsteht nicht dadurch, dass man alles zusammen macht, sondern dadurch, dass man sich gegenseitig Raum gibt, ohne sich dabei zu verlieren, so der Psychologe. Was hier auch hilft: einmal im Jahr bewusst zurückblicken. Was hat funktioniert? Was nicht? Haben sich unsere Ziele verändert? Die Prioritäten? Das funktioniert am besten nach dem Saisonende, aber vor Weihnachten, wenn die Eindrücke noch lebendig sind und die letzte Saison noch im laufenden Jahr abgeschlossen werden kann, die Partner somit unbelastet, mit neuem Elan und viel Vorfreude in die neue Saison starten können.
Dieser „Kassensturz“ betrifft nicht nur Geld, sondern das gesamte gemeinsame Leben. Er verhindert, dass sich kleine Unstimmigkeiten über Jahre hinweg aufstauen. Und er schafft etwas, das im Alltag oft verloren geht: bewusste Gestaltung.
Da sind wir also. Unser Boot ist immer noch da und die Rechnungen auch. Ja, wir diskutieren immer noch, aber eben anders. Weniger aus der emotionalen Situation heraus, mehr aus einem gemeinsamen Verständnis. Nicht perfekt, aber respektvoller. Denn Fairness in einer Beziehung ist nichts, was einfach entsteht. Die muss ausgehandelt werden, und das immer wieder neu. Zwischen Wasser und Wind, zwischen Freiheit und Verantwortung, zwischen zwei Menschen, die lernen, dass Gleichwertigkeit nicht bedeutet, gleich zu sein, sondern sich gegenseitig ernst zu nehmen. Und jetzt mach ich die Post auf.

Freie Autorin