”Da überholt der und schnappt uns den letzten Liegeplatz für unsere Bootsgröße weg. Das muss man sich mal vorstellen!“, hören wir vom Nachbarboot, während wir gelassen dasitzen und uns anlächeln. „Wir mussten dann auf einen größeren Platz fahren und entsprechend mehr bezahlen. Bedankt hat er sich auch nicht richtig. Noch nicht mal ein Bier war drin. Das war das letzte Mal, dass wir jemandem nach dem Auflaufen geholfen haben. Das ist doch das Allerletzte!“
Unverschämt, klar. Aber – muss der Ärger darüber sein? Ändert sich dadurch etwas am Verhalten des anderen? Nein. Warum also aufregen? Hinnehmen, drüber lachen, vergessen. Man wird manche Leute einfach niemals verstehen, geht aber ab einem gewissen Alter anders damit um. Ist so.
Schauen wir mal aufs Wasser und gucken uns die Segler zwischen 20 und 30 an. Da ist Schnelligkeit enorm wichtig; oft machen sie einen gehetzten Eindruck. Erzählt mein Mann vom Regattasegeln, als er jung war, sind die geschilderten Situationen voller Dynamik, Ehrgeiz und Siegeswillen. Schnell, schneller, Sieger. Die Jungen wollen nun mal rasch reagieren, schnell entscheiden, schneller handeln, und ja, sie werden auch schneller aufbrausend. Der letzte Liegeplatz wird weggeschnappt – das ist zu vergleichen mit einer persönlichen Niederlage, es ist eine Missachtung der eigenen Anstrengung, des eigenen Könnens, des eigenen Anspruchs. Aber jetzt kommt die gute Nachricht: Es wird im Alter besser.
Ich selbst bin zum Segeln gekommen, als ich 36 Jahre alt war. Keine 20 mehr, aber auch noch keine 50. Mein Mann war damals mit 40 auch nicht mehr ganz jung – und natürlich hat er bereits mit 4 Jahren gesegelt –, aber er war immer noch jung genug, um sich aufzuregen. Er tat damals so, als ob alles von ihm selbst abhinge. Dass er sich behaupten müsse. Zeigen, dass er aufmerksam, erfahren und entschlossen war. Das Beste geben! Auch beim Fahrtensegeln. Heute, zum Glück, ist das anders.
Mit den Jahren hat sich etwas verändert, ganz leise und fast unmerklich. Es ist nicht so, dass einem alles gleichgültig geworden wäre. Im Gegenteil, die meisten von uns lieben das Segeln heute mehr als je zuvor. Aber man hat gelernt zu unterscheiden, zwischen dem, was wesentlich ist, und dem, was nur vorüberzieht wie eine Bö.
Wenn uns heute jemand den letzten Liegeplatz vor der Nase wegschnappt, zucken wir innerlich kaum noch, sondern nehmen den Gang heraus, lassen das Boot langsam weitergleiten und denken: ‚Dann finden wir eben einen am nächsten Steg. Oder im nächsten Hafen.‘ Oder wir warten ein bisschen. Irgendwo läuft bestimmt bald irgendjemand aus, oder wir finden bei der Suche noch irgendeine Ecke, die wir bisher übersehen haben. Und selbst wenn die Weiterfahrt feststeht, ist das kein Unglück. Es ist ja Teil unseres Weges. Ja, es ist so: Früher sahen wir nur das Ziel. Heute aber vor allem auch den Weg.
Forscher der Penn State im US-Bundesstaat Pennsylvania haben für eine Langzeitstudie etwa 3.000 Menschen zwischen 25 und 74 Jahren über einen Zeitraum von 20 Jahren begleitet. Dabei haben die Wissenschaftler sich auf die Tage im Leben dieser Menschen konzentriert, an denen sie sich mit besonders vielen Stressoren konfrontiert sahen. Das waren bei den Mitte-20-Jährigen fast die Hälfte aller Tage, während die 70-Jährigen nur rund ein Drittel ihrer Tage als besonders stressig empfanden.
Das lässt sich auch ganz wunderbar beim Segeln erkennen. Die Gelassenheit nimmt mit zunehmendem Alter zu, der Druck nimmt ab – meistens jedenfalls. Auch über laute Musik und Gegröle auf dem Steg regt man sich irgendwann nicht mehr so auf. Na gut, es mag auch daran liegen, dass man im Alter schlechter hört.
Wir haben schon oft erlebt, wie junge Crews voller Energie und Übermut den Abend feiern, als gäbe es kein Morgen. Ganz früher hätten wir mitgetanzt, dann irgendwann hätten wir das als Störung der eigenen Ruhe empfunden und als Respektlosigkeit gegenüber uns anderen Leuten im Hafen. Wir lagen dann in unserer Koje und ärgerten uns über Musik, jedes Geräusch, jede Stimme, die zu laut war, über jedes Lachen. Heute hören wir es anders. Es ist der Klang der Jugend, der Anfang eines Weges, den man selbst einmal gegangen ist. Man weiß, dass auch die jüngeren Leute eines Tages ruhiger werden. Vielleicht werden sie dann wie wir jetzt nur lächeln über die, die nach ihnen kommen.
„Etwas am Älterwerden führt zu weniger Stressoren im Leben“, erklärt Studienleiter David Almeida, Professor für Menschliche Entwicklung und Familienwissenschaften an der Penn State. „Das kann mit den sozialen Rollen zusammenhängen, die wir im Laufe des Lebens ausfüllen. Als jüngere Menschen müssen wir mehr unter einen Hut bekommen, im Job, in der Familie und zu Hause.“ All das führe zu täglichem Stress. Und weiter erläutert der Forscher: „Wenn wir altern, verändern sich unsere sozialen Rollen und unsere Motivation. Ältere Menschen wollen häufig das meiste aus der Zeit machen, die sie noch haben.“
Es gibt noch viele andere Dinge, die einen nicht mehr aus der Ruhe bringen. Wenn jemand beim Anlegen unsicher ist und mehrfach ansetzen muss, beobachtet die ältere Generation geduldig und bietet Hilfe an, statt innerlich die Augen zu verdrehen. Da sind die Anspannung der Leute, die suchenden Blicke, die Unsicherheit, und gerade ich erkenne mich dann selbst darin wieder. Früher hätte ich vielleicht gedacht: ‚Warum kann er das nicht besser?‘ oder: ‚Wie blöd ist die denn?‘ und hätte mich auf ein bisschen Hafenkino gefreut. Heute denke ich automatisch: ‚Ich helf mal.‘
Hängt jemand seine Fender zu hoch oder zu niedrig, ist eine Leine falsch belegt oder kommt einem ein Manöver unbeholfen und völlig falsch vor, empfinde ich – mittlerweile 60 – keine Überlegenheit mehr. Auch keinen Hochmut. Man weiß, wie wenig solche Dinge über den Menschen aussagen. Davon abgesehen: Jeder hat einmal begonnen. Jeder hat Fehler gemacht.
Wir verändern uns im Alter, und das ist auch gut so. Alles hat seine Zeit, heißt es ja so schön. Und warum die Zeit, die einem bleibt, damit verplempern, sich über andere aufzuregen und genervt zu sein? Das hat nun mal alles mit den diversen Altersgenerationen zu tun. Wir haben früher ja auch die Augen verdreht, wenn ein Älterer sagte: „Ich mach mal Mittagsschlaf.“ Mittagsschlaf? Vergeudete Zeit! Heute bin ich froh, wenn ich mich am Wochenende mittags für eine Stunde in meine Koje im Vorschiff begeben kann – an Bord ist das natürlich noch mal schöner. Samstagmittag im Hafen, kein Auslaufen geplant, einfach hinlegen und den Möwen und den spielenden Kindern und den Stimmen am Steg zuhören und dann schön wegschlummern. Herrlich!
Auch über „falschen Wind“ regt man sich nicht mehr auf. Was waren wir früher sauer, wenn er nicht so wehte, wie wir es wollten. Wenn er das Weite suchte, obwohl Strecke geplant war, oder wenn er plötzlich wiederkam und Pläne durcheinanderbrachte. Heute nimmt man ihn halt, wie er kommt. Es bleibt ja auch nichts anderes übrig, denn es ist sinnlos, Wind anzumeckern oder zu bitten, jetzt mal das zu machen, was man gerne will. Wir haben im Lauf der Jahrzehnte gelernt, uns anzupassen. Das ist ein viel angenehmeres und konfliktfreieres Leben. Es gibt nun mal diese Tage, an denen man stundenlang nur langsam vorankommt.
Früher hätte uns das verrückt gemacht. Wenn ich da nur an meinen Mann denke – mittlerweile Mitte 60 –, er hätte ständig auf die Uhr geschaut, hätte gerechnet, geplant, gedrängt, gemotzt. Heute steht er – meistens – am Rad und sieht dem Wasser zu, und dabei empfindet er eine Ruhe, die ich vorher von ihm so gar nicht kannte. Meistens jedenfalls. Natürlich gibt’s immer noch Situationen, die ihn aufregen, denn jeder Mensch ist nun mal anders gestrickt – aber es ist wirklich besser geworden.
Mich selbst bringt kaum mehr was aus der Fassung. Wenn ein Mitsegler die Kaffeekanne samt gefülltem, nassem Filter umkippt und dann alles für immer in die Bilge sickert. Wenn sich eine Leine verheddert. Wenn etwas zweimal getan werden muss, weil man es beim ersten Mal nicht richtig gemacht hat. Früher waren wir ungeduldig mit uns, heute nachsichtig. Wir haben gelernt, dass Perfektion Wunschdenken ist. Und dass das Wesentliche nicht ist, alles fehlerlos zu tun, sondern bei der Sache zu sein.
Das Forschungsteam konnte noch einen weiteren spannenden Aspekt aus den Ergebnissen herausarbeiten: Wenn sie Stress empfanden, schlug das den jüngeren Probanden deutlich stärker auf die Stimmung. Die älteren Menschen dagegen zeigten selbst an stressigen Tagen noch ein sonniges Gemüt – sie konnten mit den Herausforderungen lockerer umgehen. Insgesamt konnte das Team um David Almeida herausfinden, dass Menschen etwa mit Mitte 50 am wenigsten gestresst waren und außerdem die größte Resilienz im Umgang mit Stressoren an den Tag legten. Zwischen Ende 60 und Anfang 70 gab es einen leichten Anstieg des Stresslevels, vor allem durch geistige und körperliche Herausforderungen des Älterwerdens. Menschen in diesem Alter begegneten Stress im Schnitt allerdings deutlich entspannter als Personen in ihren 20ern und 30ern.
Wir regen uns auch nicht mehr über jüngere Segler auf, die sich bei der Liegeplatzsuche vordrängeln oder es auf dem Steg eilig haben, sondern wir nehmen sie vor allem mit ihren angespannten Bewegungen, ihren schnellen Blicken, ihrer Unruhe wahr. Wir erkennen uns selbst darin wieder, so wie auch wir früher waren. Und dann ist da dieses stille Verständnis. Diese Segler sind eben noch unterwegs auf einem Abschnitt, den wir bereits hinter uns haben.
Es ist, als hätte sich das Verhältnis zur Zeit verändert. Früher war sie etwas, das einen antrieb. Etwas, wogegen man arbeitete. Heute ist sie etwas, das einen eher trägt. Wir haben nicht mehr das Gefühl, etwas zu versäumen. Jeder Tag auf dem Wasser ist vollständig. Manchmal sitzen wir abends im Cockpit, wenn der Hafen langsam still, das Licht weicher und dunkler, die Stimmen leiser werden; alles verlangsamt sich. Man sieht die Boote um sich herum, jedes mit seiner eigenen Geschichte, und sieht die Menschen darauf, die dieselbe Leidenschaft haben wie wir, und dann spüren wir eine tiefe Zufriedenheit, ohne genau sagen zu können, woher sie eigentlich kommt.
Es ist – bei mir jedenfalls – so ein Glücksgefühl im Herzen. Ich hab mich lange gefragt, wie ich dieses Gefühl deuten soll, und irgendwann bin ich drauf gekommen: Es ist nicht die Zufriedenheit, alles erreicht zu haben. Es ist die Zufriedenheit, nichts mehr erreichen zu müssen. Das Alter hat einem etwas geschenkt, das man in der Jugend nicht einmal vermisst hat: Gelassenheit. Sie verhindert nicht, dass der Wind weht oder die Wellen kommen. Wir müssen nichts und niemandem mehr was beweisen. Wir wissen, was wir können, und auch, was wir eben nicht können. Und beides ist absolut in Ordnung. Es ist nicht mehr wichtig, der Erste im Hafen zu sein, sondern dass man heil an und von Bord kommt. Mit dieser Gelassenheit ist eine neue Leichtigkeit in unser älteres Leben gekommen. Wir nehmen alles, wie es kommt, sitzen länger im Cockpit, ohne etwas zu tun. Spüren, dass genau das genügt.
Manchmal glaube ich, dass es uns an Bord heute nach all den Jahren besser geht, nicht weil wir mehr wissen oder können, sondern weil wir nicht mehr so viel brauchen. Möglicherweise ist das für Segler das größte Geschenk des Älterwerdens: Man segelt nicht mehr, um irgendwo anzukommen. Man segelt schlicht, um zu sein. Und wenn uns heute jemand den letzten freien Liegeplatz wegschnappt, dann lächeln wir nur darüber und denken vielleicht sogar daran zurück, wie wichtig uns das einmal gewesen ist. Oder wenn irgendwo auf dem Steg jemand laut lacht, dann lachen wir einfach auch. Oder man lächelt zumindest. Gönnt das Lachen. So einfach ist es. Alles hat seine Zeit.
Und so möchte ich enden mit diesem, wie ich finde, sehr weisen afrikanischen Sprichwort: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

Freie Autorin