Anfang Oktober trampen wir aus den Bergen zum Hafen vor Cascais. Edward liegt mit seinem Boot, der „Adela“, neben der Marina vor Anker. Wir sind aufgeregt, denn Edward hat bei all den Telefonaten nie einen Hehl daraus gemacht, dass er erst nach dem persönlichen Kennenlernen eine Entscheidung darüber fällen wird, ob ich – und jetzt sogar: ob wir – ihn wirklich bis auf die Kanaren begleiten können. Wir treffen ihn am Dinghi-Dock.
Edward ist das Klischee eines Seebären. Er hat lange, wilde Haare, ist groß und breitschultrig. Sein Gesicht ziert ein zerzauster Fünftagebart und seinen Oberkörper einer dieser typischen Seemannspullover. Allerdings ist er deutlich jünger, als ich dachte: Ende 20, Anfang 30 vielleicht. Er stellt sich uns als Eddy vor, so würden seine Freunde ihn nennen. Eddy hat strahlende Augen, einen scharfen Humor und liebt es, Geschichten zu erzählen. Von der ersten Sekunde an habe ich ein gutes Gefühl. Wir laden unsere Rucksäcke in das Dinghi und tuckern zu seinem Boot. Als wir die „Adela“ erreichen, sagt Eddy nur: „Kletter da hoch!“ und zeigt zur Reling.
”Per Anhalter in die Karibik”: Die Geschichte der dreijährigen Reise des Carl Beccard, die ihn zum Segler machte, über den Atlantik führte und sein Leben veränderte. Dumont Reise, 18,95 Euro.
Ich entere das Deck, und dann stehe ich da, stolz wie ein Pirat. Ich habe es tatsächlich geschafft. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich auf einem Segelboot – und was für einem. Die „Adela“ ist ein Expeditionsboot mit einem markanten Aluminiumrumpf. Die rechte Seite ist grün gestrichen, die linke rot. Ausgestattet ist sie für die Weltumsegelung. Ich bin begeistert von dem Holz unter Deck, dem Kartentisch und den vielen Instrumenten. Eddy zeigt uns unsere Kajüte. Sie ist klein und eng, aber das stört mich nicht. Viel wichtiger ist, dass Lilly und ich zusammen an Bord sind – und es auch bleiben dürfen.
Sobald das nächste Wetterfenster sich öffnet, will Eddy lossegeln. Zunächst nach Madeira, dann auf die Kanaren. Ich kann es kaum erwarten, mit Eddy in See zu stechen. Er ist einfach ein cooler Hund. Nach dem Abitur hat er in Neuseeland eine Lehre als Bootsbauer gemacht. Anschließend segelte er mit einem alten Franzosen auf dessen Boot nach Frankreich, um in Deutschland Nautik zu studieren. Das Boot war die „Adela“, die Eddy später übernommen hat.
Die erste Nacht an Bord ist unvergesslich. Abends kriechen Lilly und ich, ermattet von all den Eindrücken, in unsere kleine Achterkoje. Alles ist so irreal: das Plätschern der Wellen am Rumpf, der Wind, der in der Takelage pfeift, das leichte Schwanken.
Lilly fallen sofort die Augen zu. Aber ich kann nicht einschlafen. Vor Freude. Irgendwann dreht sich Lilly zu mir und mustert mich mit verschlafenen Augen. „Ich dachte, du schläfst längst“, sagt sie halb überrascht, halb schmunzelnd, „und dann sehe ich dieses breite Grinsen neben mir“, beendet sie ihren Satz. „Ich kann einfach nicht anders“, kichere ich tief glücklich. „Mann, wir sind tatsächlich auf einem Segelboot! Das ist absolut abgefahren, wenn man wirklich mal drüber nachdenkt.“ Jetzt grinsen wir beide.
Aus der schnellen Abfahrt in Cascais wird aber nichts. Das Wetter spielt nicht mit. Eddy sieht es gelassen. „Wir müssen auf das richtige Wetterfenster warten“, erklärt er. Das sei eben das Los aller Segler. Zwei Wochen lang schauen wir jeden Morgen auf den Wetterbericht, checken Wind und Wellen. Eddy ist ein guter Lehrmeister und ich ein gelehriger Schüler. Jede noch so kleine Info sauge ich auf wie ein Schwamm. Alles ist so neu, so aufregend. Die Tage des Wartens verbringen Lilly und ich mit Putzen, Kochen und Proviantieren. Wir erkunden Cascais und treffen uns regelmäßig mit anderen Seglern. Eddy hat ständig Gäste an Bord. Am 28. Oktober, meinem 19. Geburtstag, überraschen mich die Segler eines Nachbarboots mit einer Torte. Sie haben mich als einen der Ihren akzeptiert. Ich bin jetzt ein Segler, ein Freibeuter der Meere.
Doch es gibt auch Spannungen. Wir sind zum ersten Mal auf einem Boot, verhalten uns aber wie in einer Wohnung. Besonders Lilly hat ein Talent dafür, dauernd ihre Klamotten irgendwo liegen zu lassen und nichts dorthin zurückzupacken, wo sie es gefunden hat. Eddy regt das auf. Dann grummelt er vor sich hin: „Immer diese Jugend!“ und richtet seine Kritik an uns beide. Eddy erklärt uns, dass auf einem Boot alles seinen festen Platz hat, um es in einem Notfall sofort griffbereit zu haben. Lilly findet das ein wenig spießig. Zündstoff für hitzige Debatten. Ich fühle mich zerrissen zwischen den beiden. Einerseits kann ich Eddy gut verstehen, andererseits ist Lilly meine Freundin. In der engen Koje sind wir uns noch nähergekommen. Es wäre falsch zu sagen, dass wir verliebt ineinander sind. Vielmehr trägt unsere Beziehung den Stempel „Freundschaft plus“. Dennoch verdient Lilly meine Unterstützung. Und so versuche ich permanent, die Wogen zu glätten und hinter ihr aufzuräumen.
Als sich endlich ein Wetterfenster öffnet, erledigen wir noch einen letzten großen Einkauf. Wir proviantieren für einen Monat. Mit Eddy haben wir einen Deal geschlossen. Die Kosten für Lebensmittel, Diesel und Marina-Gebühren teilen wir uns. Und da Lilly und ich chronisch knapp bei Kasse sind, können wir es uns nicht verkneifen, einen Teil der Lebensmittel aus den Abfallcontainern der Supermärkte zu stibitzen. Und ja, auch im Supermarkt haben wir nicht alles bezahlt. Aber wir sind jetzt eben Piraten.
Anfang November ist es dann endlich so weit. Unter strahlend blauem Himmel rasselt die Ankerkette in den Kasten, der Bug der „Adela“ richtet sich auf den offenen Ozean. Rund 500 Seemeilen, also knapp 1000 Kilometer, liegen vor uns. Die See ist ruhig, der Wind weht schwach. Eddy setzt die Segel und schaltet den Motor aus. Sanft gleitet die „Adela“ durch den Ozean, das Land hinter uns wird immer kleiner und das Abenteuer vor uns immer größer. Ein unbeschreibliches Gefühl. Alles ist neu für mich, spannend und faszinierend. Mich hat das Segelfieber voll erwischt, Lilly dagegen die Seekrankheit.
Die Passage nach Madeira dauert länger als erwartet. Drei Tage stecken wir in einer Flaute. Natürlich könnten wir die Maschine starten, aber wir haben ja Zeit – und die ist voller Premieren. Ich angle meinen ersten Thunfisch, springe mitten auf dem Atlantik ins tiefe Blau. Nachts starre ich in den Sternenhimmel und suche nach den Sieben Schwestern, den Plejaden, einem Sternenhaufen im Sternbild Stier. Eddy hat sie mir gezeigt. „Haben wir die Sieben Schwestern an Backbord, sind wir auf Kurs“, hat er mir erklärt. Die Sieben Schwestern werden zu meinem persönlichen Kompass. Ich bin mir sicher, sie weisen mir den richtigen Weg. Nicht nur auf den Nachtfahrten, sondern auch im Leben.
Lilly und ich halten anfangs gemeinsam Wache. Während ich jede Minute genieße, ist Lilly weiterhin seekrank. Es ist ein bisschen wie Yin und Yang. Ich versuche, Fische zu angeln, Lilly füttert sie eben. Eines Tages zappelt ein Fisch mit einem merkwürdigen Schnabel an unserer Angel. Eddy ist das nicht geheuer, er meint, der Fisch könne giftig sein. Lilly wiegelt ab: „Ach Quatsch!“ Sie nimmt ihn aus, filetiert ihn und wirft ihn in die Pfanne. Er schmeckt uns beiden großartig. Eddy lehnt dankend ab. Als Skipper will er lieber nichts davon essen. Mit seinem Bauchgefühl liegt er goldrichtig. Auch wenn wir das erst viel später erfahren. Wie andere Segler uns berichten, hatten wir wohl eine Art Kugelfisch am Haken. Hätte Lilly beim Ausnehmen versehentlich die Leber beschädigt, hätten wir eine ernsthafte Vergiftung bekommen können, die bisweilen sogar tödlich verläuft. Aber es ist ja noch mal gut gegangen.
Nach neun Tagen auf See erreichen wir die Insel Porto Santo. Es ist ein magischer Moment, als sich langsam am Horizont aus dem Meer eine Landmasse erhebt. Zum ersten Mal in meinem Leben brülle ich: „Land in Sicht!“ und fühle mich wie ein echter Seefahrer. Vor uns erstreckt sich ein kilometerlanger Sandstrand, der in der untergehenden Sonne wie Gold leuchtet – daher wird Porto Santo auch die „goldene Insel“ genannt.
Insgesamt bleiben wir knapp zwei Wochen auf Madeira, ehe es weitergeht auf die Kanaren. Knapp 300 stürmische Seemeilen liegen vor uns. Ich freue mich auf Action, Lilly vergräbt sich seekrank in der Koje. Denn bei dieser Fahrt kachelt es richtig. Aber die Ruhe und Zufriedenheit, die Eddy ausstrahlt, überträgt sich auch auf mich. Ich genieße jede Welle, liebe es, wenn die aufspritzende Gischt auf das Deck prasselt und das Boot sich in jeder Bö auf die Seite legt. So habe ich mir das Seemannsleben immer vorgestellt.
Als wir Anfang Dezember Gran Canaria erreichen, schlafe ich mal wieder. Auf den ersten Blick wirkt Las Palmas hässlich, und auf den zweiten eigentlich auch. Eine kilometerlange Hafenmole trennt den Hafen vom Atlantik. Die Häuser der Stadt wirken wie lieblos an die Wasserfront geklatscht. Sie erzählen die Geschichte einer zu schnell gewachsenen Urbanität auf einer Insel, die vom Massentourismus überfallen wurde. Frachtschiffe liegen auf Reede, Kreuzfahrt-Pötte blöken zu ihrer Ankunft und Abfahrt. Und trotzdem bin ich beeindruckt. Der Containerhafen vermittelt den Eindruck der großen, weiten Welt, dazu eine Marina mit Hunderten Segelbooten.
Hier muss es doch ein Leichtes sein, ein Segelboot zu finden, das mich über den Atlantik bringt. In meinen Träumen male ich mir aus, Weihnachten bereits auf der anderen Seite des Großen Teichs zu feiern. Und bislang sind meine Träume alle in Erfüllung gegangen. Warum sollte es diesmal anders sein?
Würden Sie ohne Segelerfahrung auf einem fremden Boot zu einer solchen Reise aufbrechen? Schreiben Sie uns in die Kommentare, wie spontan ihr dieses Abenteuer wagen würdet.
Diskutieren Sie mit – fair, sachlich und respektvoll. Es gilt unsere Netiquette.