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Seekrankheit: 10 Tipps gegen Seekrankheit – Teil 1

Lars Bolle

, Felix Keßler

 · 16.05.2018

Seekrankheit: 10 Tipps gegen Seekrankheit – Teil 1Foto: YACHT/N. Günter

Nichts nimmt so sehr den Spaß am Segeln wie Übelkeit und Schwindel. Dabei lässt sich vorbeugen. Teil 1 unseres Spezials für entspannte Törns ohne Brechreiz

Wenn sich bei Wind und Welle langsam Blässe in das Gesicht eines Mitseglers schleicht, dauert es bis zum ersten "Fische füttern" meist nicht mehr lange. Selbst Segler, die sonst kein Problem mit Seekrankheit haben, erinnern sich häufig an einen Törn, bei dem ihnen zumindest ein wenig flau im Magen wurde. Schämen muss sich dafür niemand. Denn Seekrankheit ist eine Reaktion des menschlichen Körpers auf nicht zueinander passende Sinneseindrücke. Das können etwa die starre Kajütdecke und Schaukelbewegungen durch schweren Seegang sein. Übelkeit auf See zählt damit zu den Bewegungskrankheiten (Kinetosen). Als Reaktion auf die ungewohnten Eindrücke werden vom Gleichgewichtsorgan am Innenohr diverse Stresshormone ausgeschüttet.

Die Ursachen für Seekrankheit oder auch Reisekrankheit allgemein sind noch nicht vollends geklärt. Vorherrschende Meinung ist, dass widersprüchliche Informationen der Sinnesorgane der Auslöser sind. Wenn etwa das Innenohr als Gleichgewichtsorgan sowie die Mechanorezeptoren in den Muskeln und Gelenken Bewegung an das Gehirn melden, das Auge jedoch diese nicht wahrnimmt, etwa unter Deck. Oder auch an Deck, wenn die Augen Dinge fixieren, die sich anscheinend nicht bewegen, etwa den Cockpitboden.

  Diese Statistiken hat das Magazin Yachting World erhobenFoto: Yachting World
Diese Statistiken hat das Magazin Yachting World erhoben

Die Ausprägung der Seekrankheit ist dabei sehr unterschiedlich, sie reicht von leichter Übelkeit bis zu völliger Selbstaufgabe und Suizidwunsch. Doch Letzteres ist selten. So waren von den betroffenen Personen bei der ARC nur etwa 16 Prozent nicht mehr in der Lage, Wache zu gehen und mussten sich ständig erbrechen, der Rest blieb einsatz­fähig, trotz zeitweisen Übergebens (s. Grafik). Meistens jedoch ist die Seekrankheit zeitlich befristet, der Körper gewöhnt sich an die Umstände. Nur 3 Prozent der Betroffenen bei der ARC erholten sich nicht, 14 Prozent benötigten drei und mehr Tage, beim Rest war die Übelkeit nach zwei Tagen bis zu wenigen Stunden überwunden.

1. Verzichten Sie auf diese Lebensmittel

Der Botenstoff Histamin gilt als einer der Auslöser von Seekrankheit, deshalb vor und während der Reise histaminhaltige Nahrung meiden, wie Konserven oder Fertiggerichte, Alkohol, Rotwein, Kakao, Schokolade, schwarzer und grüner Tee, Meeresfrüchte, Nüsse, Tomaten, Erdbeeren, Hülsenfrüchte, Zitrusfrüchte, Käse, Soja, Hefe- und Weizenprodukte.

  Besonders histaminhaltig sind die Produkte auf der linken Seite. Auch Hefehaltiges ist gefährlich (Weizenbier und Rotwein). Die rechte Seite zeigt eher Histaminarmes, kann den Magen aber dennoch reizenFoto: Nico Krauss/YACHT
Besonders histaminhaltig sind die Produkte auf der linken Seite. Auch Hefehaltiges ist gefährlich (Weizenbier und Rotwein). Die rechte Seite zeigt eher Histaminarmes, kann den Magen aber dennoch reizen

Zwar gehören etwa frisches Fleisch oder weißer Fisch zur histamin­armen Ernährung, sie reizen aber den Magen und führen zu verstärkter Produktion von Magensäure. Sie sollten also nicht unmittelbar vor dem Törn und auch nicht in großen Mengen gegessen werden. Zu empfehlen sind, vor allem während des Törns, Bananen, frisches Obst und Ge­müse (keine Zitrusfrüchte), rohe Karotten, Suppen, Zwieback, Kamillen-, Pfefferminz- und Ingwertee. Falls der Magen doch übersäuert, kann mit Magaldrat, Rennie, Alka Seltzer und ähnlichen Antisäuerungsmitteln gegengesteuert werden.

2. Ausgeschlafen auf Törn gehen

  Ein kurzes Nickerchen kann helfen, die Übelkeit zu vertreibenFoto: YACHT/N. Günter
Ein kurzes Nickerchen kann helfen, die Übelkeit zu vertreiben

Ist der Körper ohnehin schon ausgelaugt, lässt das Unwohlsein nicht lange auf sich warten. Deshalb: Den Törn gut erholt starten, am Abend davor nicht zu tief ins Glas schauen. Außerdem: Kaum etwas senkt den Histaminspiegel so schnell und effektiv wie das Schlafen. Ein Nickerchen kann auch während des Törns Wunder wirken. Dabei immer mit den Füßen in Fahrt­richtung liegen. Frieren vermeiden, Einkuscheln und Verkeilen kann helfen. Möglichst nah am Schwerpunkt der Yacht betten, dort sind die Boots­bewegungen am geringsten. Allerdings kann der Aufenthalt unter Deck auch gegenteilig wirken, wegen mangelnder Frischluft und Engegefühl.

3. Hausmittelchen gegen Seekrankheit

Vor dem Griff in die Bordapotheke sollten Betroffene es mit Hausmitteln versuchen. Hier halten sich auch die Nebenwirkungen in Grenzen.

Ingwer Wirkt magenberuhigend, gegen Übelkeit, Schwindel und kalten Schweiß. Wurde schon in der antiken Seefahrt, in Stücke geschnitten und zerkaut, gegen Seekrankheit genommen. Soll ähnlich gut wirken wie Antihistaminika, schmeckt aber nicht jedem. Kann auch als Ingwertee oder kandierter Ingwer konsumiert werden. Gibt es auch als Ingwerpulver (z. B. Zintona-Kapseln).

  Beruhigt den Magen und kann auch gegen Übelkeit helfen: IngwerFoto: Wikimedia/By Bff CC BY-SA 3.0
Beruhigt den Magen und kann auch gegen Übelkeit helfen: Ingwer

Vitamin C Baut den Botenstoff Histamin ab. Professor Dr. Reinhart Jarisch hat die Wirksamkeit in mehreren Stu­dien untersucht und zumindest teilweise belegen können. Mit der Einnahme sollte in der Woche vor dem Törn begonnen werden, ein bis zwei Gramm pro Tag. Geeignet sind Zitrusfrüchte (die jedoch auch den Magen reizen können), Paprika oder Johannisbeeren. Es kann auch als Kapsel oder Lutschtablette (sehr viele Präparate erhältlich) geschluckt werden. Diese schonen während des Törns den Magen.

Placebo Wie in vielen anderen medizinischen Bereichen wirkt auch hier der psychologische Effekt, auch das wurde nachgewiesen. Dabei kommt es nicht darauf an, was genommen wird: Ein normaler Kaugummi oder homöo­pathische Globuli, Eukalyptusbonbons oder das Halten einer rohen Kartoffel, Petersilie im Ohr oder Ohrringe aus Knoblauch – fast egal, was es ist, es muss der betroffenen Person nur glaubhaft die Wirksamkeit vermittelt werden.

4. Lenken Sie sich ab!

Aufgaben zuteilen Wer ständig an seine Übelkeit denkt, wird diese wohl eher nicht los. Deshalb den Crewmitgliedern Auf­gaben zuteilen. Am einfachsten ist, sie abwechselnd steuern zu lassen. Da dazu viel Konzentration nötig ist, lenkt es von der Übelkeit ab. Zugleich bekommt die Person am Ruder das Gefühl, im Wortsinn alles im Griff zu haben, alles unter Kontrolle. Das stärkt die Zuversicht, ebenfalls ein wichtiger Faktor bei Seekrankheit, das Gegenteil wäre Angst. Andere Aufgaben könnten das Abhaken von Fahrwassertonnen in der Seekarte sein, Spiele spielen, Lieder dichten, Abzählreime und so weiter. Hauptsache, die betroffene Person ist nicht mit ihren – meist destruktiven – Gedanken allein.

Horizont beobachten Der Blick auf die Kimm hat einen be­ruhigenden Effekt und wirkt der Seekrankheit entgegen, am besten dabei nach vorn schauen. Die gerade Horizontlinie ist eine gute Referenz für das Auge, die Bewegung der Yacht zu erfassen, womit optische und gefühlte Bewegung in Übereinstimmung gebracht werden können.

So deckt sich der empfundene Eindruck der Schiffsbewegung mit der visuellen Realität. Dabei helfen können auch Brillen, die einen künstlichen Horizont durch Flüssigkeit im Brillenglas simulieren. Einiger Beliebtheit erfreuen sich Akupressur-Armbänder, die durch Druck auf bestimmte Regionen des Handgelenkes die Seekrankheit zurückdrängen sollen. Die tatsächliche Wirkung der Armbänder wird kontrovers diskutiert, ein zuverlässiger Schutz vor Übelkeit auf See sind sie jedenfalls nicht.

5. Beruhigung

Beiliegen Ein ideales Manöver, auch Beidrehen genannt, um die Yacht kurzzeitig zu beruhigen. Dabei wird in der Regel nach einer Wende die Genua back stehen gelassen, das Großsegel killt oder ist, meist etwas eingerefft, gerade so dicht geholt, dass es nicht killt. Die Yacht liegt dabei sehr ruhig und einigermaßen aufrecht schräg zu den Wellen (ausführlicher Bericht in YACHT 17/2013). Die relative Ruhe kann genutzt werden, um einer seekranken Person das Erbrechen zu erleichtern oder sich um sie kümmern zu können – Zuspruch zu geben, zu trösten, einen Tee zu kochen, sie in die Koje zu bringen, beim Einschlafen zu helfen.

Motorsegeln Die Maschine zu Hilfe zu nehmen kann die Bewegungen einer Yacht sehr deutlich verringern, vor allem auf Amwindkursen. Es kann langsamer, dabei aber spitzer zum Wind gesegelt werden. Der Rumpf arbeitet wegen der geringeren Fahrt weniger stark in der See, die geringere Krängung kann Angstgefühle mildern. Trotzdem bleibt die Geschwindigkeit nach Luv gleich.

Der zweite Teil dieses Spezials erscheint an gleicher Stelle in einer Woche, am 24. Mai 2018. Keine Updates von YACHTonline mehr verpassen? Jetzt zum kostenlosen Newsletter anmelden!

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