SeekrankheitDie besten Strategien gegen Seekrankheit

Pascal Schürmann

 · 26.01.2022

Seekrankheit: Die besten Strategien gegen SeekrankheitFoto: YACHT/N. Günter
Das hat fast jeder Segler schon einmal durchlitten: so schlimme Übelkeit, dass die Pütz hermuss

Wie lässt sich vorbeugen, und wie verhält man sich richtig, wenn es einen erwischt? Acht Tipps gegen das Übel der Seefahrt von Profisegler Leon Schulz

Dass echten Seglern niemals schlecht wird, ist eine Mär. Es erwischt fast jeden, den einen schon bei moderaten Bedingungen, den anderen erst, wenn es ausnahmsweise mal so richtig hart wird. Doch immer gilt: Gute Seemannschaft bedeutet, nicht verschämt über das eigene Unwohlsein oder das eines Mitseglers zu schweigen, sondern das Übel offen anzusprechen – um dann aktiv dagegen vorzugehen.

Das weiß auch YACHT-Autor Leon Schulz. Als Profiskipper und RYA Yachtmaster Ocean Instructor fährt er seit Jahren mit seiner Hallberg-Rassy 46 „Regina Laska“ diverse Kojencharter- und Ausbildungstörns auf dem Atlantik sowie auf Nord- und Ostsee. Er kennt das Seekrankheitsproblem und sagt, dass es durchaus eine Anzahl hilfreicher Strategien gibt, dagegen vorzugehen – um sich den Spaß am Segeln im wahrsten Sinne des Wortes nicht verübeln zu lassen. Sie spiegeln sich wider in den nachfolgenden acht Fragen und Antworten.

Verlagssonderveröffentlichung

Frage 1: Wenn ich zur Seekrankheit neige, kann ich dann überhaupt segeln?

Antwort: Seekrankheit kommt in zwei Phasen, so scherzen erfahrene Segler: „In der ersten Phase hat man Angst zu sterben. In der zweiten Phase hat man Angst, nicht zu sterben!“ Doch im Ernst: Schon im Crewbriefing vor dem Törn sollte das Thema Seekrankheit offen angesprochen werden. Hier gilt es, über Prävention, Symptome und Behandlung zu reden. Die meisten Menschen leiden unter Seekrankheit, und vielen ist genau das peinlich. Ein offener Umgang mit dem Problem hilft, sich nicht als seeuntaugliche Land­ratte oder Außenseiter zu fühlen. Die gute Nachricht vorweg: Seekrankheit nimmt im Alter meist ab, und man gewöhnt sich im Durchschnitt innerhalb von drei Tagen an das Schaukeln durch Wellengang, man bekommt Seebeine.

Die meisten Menschen neigen zur Seekrankheit, selbst wenn sie es nicht wahrhaben wollen. Einige mögen behaupten, sie wären noch nie seekrank gewesen. Doch die Statistik spricht für sich: Nur etwa zehn bis 15 Prozent der Menschen werden überhaupt nicht seekrank, und eine etwa gleich große Gruppe an Menschen bekommt die Seekrankheit nicht einmal nach mehreren Tagen auf See in den Griff. Immerhin können 85 bis 90 Prozent der Menschen einiges gegen ihre Seekrankheit unternehmen, insbesondere wenn persönliche Anzeichen frühzeitig bemerkt werden und rasch dagegen vorgegangen wird. Seekrankheit ist nicht zu unterschätzen und kann sich negativ auf die Sicherheit an Bord auswirken.

Frage 2: Kann ich mich vor dem Törn irgendwie an die Bewegungen gewöhnen?

Antwort: Zu Beginn eines Segeltörns gestresst und erschöpft den Bürostuhl mit der Koje an Bord zu tauschen und sofort mit großem Meilen­drang lossegeln zu wollen ist nicht gerade ein ideales Vorgehen. Stress macht den gesamten Organismus störungsanfällig, und die Anfälligkeit für Angst und Seekrankheit ist deutlich erhöht. Daher hilft es sehr, zunächst einmal ein oder zwei Tage in Ruhe im Hafen zu liegen, das Gepäck und den Proviant langsam zu verstauen und sein Stressniveau sukzessive abzusenken. Dabei kann man den Aufenthalt an Bord seines Schiffes genießen und sich zunehmend entspannter an die kleinen Wellenbewegungen im Hafen gewöhnen.

Es bietet sich an, den ersten Schlag an einem schönen Tag ohne unangenehme Wellen einzuplanen, das heißt, Strom und Wind in gleicher Richtung zu haben und möglichst bei Sonnenschein zu segeln. Viele Menschen werden nämlich bei Sonne weniger seekrank, als wenn es nass, kalt und bewölkt ist.

Hat man schließlich seine Seebeine bekommen, kann man nach und nach wahrscheinlich immer größere Wellen und Schaukelbewegungen tolerieren – ohne dabei eine Beeinträchtigung im Wohlbefinden zu verspüren. Leider verschwinden die Seebeine relativ schnell wieder: Nach etwa 14-tägiger Abstinenz vom schaukelnden Meer beginnt das leidige Spiel von vorn.

Frage 3: Was kann ich vor dem Törn gegen Seekrankheit unternehmen?

Antwort: Körper und Seele in Einklang zu haben ist eine gute Grundvoraussetzung. Weitere hilfreiche Vorbereitungsmöglichkeiten sind: kurz vor dem Törn keine allzu fettige Mahlzeit zu sich nehmen, kein voller oder hungriger, leerer Magen, kein Restalkohol vom Abend zuvor und nicht zu viel Kaffee oder Tee trinken. Einigen hilft hoch­dosiertes Vitamin C (1000 Milligramm pro Tag mindestens eine Woche vor dem Törn), um von dessen histaminsenkender Wirkung zu profitieren.

Außerdem möchte der Körper weder zu kalt noch zu heiß sein, das heißt, richtige Kleidung ist ebenso wichtig. Ausreichend Nachtruhe mit erholsamem Schlaf ist zudem hilfreich. Psychisch ist wichtig, dass man sich mit der kommenden Situation, dem Wetter, dem Törn, dem Schiff und der Besatzung gut fühlt und selbst keine Ängste hat. Auch Segelerfahrung hilft gegen Seekrankheit. Oft werden Neulinge eher seekrank als erfahrene Segler, die sich psychisch mit dem Segeln wohler fühlen.

Angst und Seekrankheit sind nämlich eng miteinander verknüpft, indem zwischen ihnen Wechselwirkungen bestehen. Angst kann Seekrankheit direkt auslösen und/oder verstärken beziehungsweise genauso umgekehrt. Entsprechend hilft eine respekt- und verständnisvolle Stimmung an Bord, beide Pro­bleme zu verringern. Leider lässt sich zumindest Seekrankheit trotzdem oft nicht vollkommen verhindern.

Vor dem Ablegen können auch Medikamente gegen Seekrankheit eingenommen werden. Sie sind wahrscheinlich die zuverlässigste Methode, um dem Übel vorzubeugen. Einige Arzneimittel benötigen eine Vorlaufzeit von mehreren Stunden, bis sie ihre gewünschte Wirkung entfalten, zum Beispiel Scopolamin. Sie sollten daher rechtzeitig eingenommen werden.

Frage 4: Welche Medikamente kann ich gegen Seekrankheit einnehmen?

Antwort: Es gibt eine große Palette an modernen und äußerst wirksamen Medikamenten gegen Seekrankheit. Sie liegen übrigens auch in jeder gut ausgestatteten Rettungsinsel und sollten im Notfall unverzüglich konsumiert werden.

Aber auch ohne Notfall können verschiedene Medikamente in Rücksprache mit dem Hausarzt zuvor ausprobiert und eingenommen werden. Am besten sollte man das Medikament der Wahl erst an Land testen, um mögliche Nebenwirkungen zu kontrollieren. Rezeptpflichtige Medikamente sind zum Beispiel Cinnarizine (unter den Produktnamen Stugeron, Stunarone, Arlevert, Dizinil­ 25) und Scopolamin (als Pflaster hinter dem Ohr unter dem Produktnamen Scopoderm). Nicht alle Medikamente sind in allen Ländern verfügbar, und so lohnt sich ein Nachfragen im Nachbarland. Auf jeden Fall sollte der eigene Arzt konsultiert werden, bevor man mit Medikamenten experimentiert.

Einige Menschen haben Angst vor den potenziellen Nebenwirkungen von Medikamenten gegen Seekrankheit. Sie sollten jedoch auch Gedanken an mögliche gefährliche Wirkungen der Seekrankheit selbst Beachtung schenken. Seekrankheit kann nämlich durchaus gefährlich werden: vom Austrocknen (Dehydrierung) über Passivität an Bord, wenn Boot und Besatzung in Gefahr kommen, bis hin zu Suizidgedanken. Schwere Seekrankheit ist nicht zu unterschätzen, und Medikamente können hier effektiv helfen.

Frage 5: Wie kann ich während des Törns Seekrankheit vorbeugen?

Antwort: Einige typische Trigger von Seekrankheit gilt es, besonnen zu vermeiden. Sich lange unter Deck aufzuhalten löst beispielsweise schnell Übelkeit aus, insbesondere kopfüber beim Anziehen oder um nach verstautem Gepäck zu forschen. Umsichtige Segler sind entweder aktiv im Cockpit an der frischen Luft oder liegen mit geschlossenen Augen in der Koje. Die Strecke zwischen Cockpit und Koje wird dabei in Blitzgeschwindigkeit zurückgelegt.

Der Toilettengang erweist sich häufig als problematisch. Deshalb weniger zu trinken ist jedoch kontraproduktiv: Dehydrierung ist beim Segeln alles andere als gut. Der Toilettengang sollte so durchgeführt werden, dass man möglichst schnell vom sicheren Cockpit in die Nasszelle und wieder zurück kommt. Wer keine Hemmungen hat, kann sich schon wesentlicher Kleidungsstücke im Cockpit ent­ledigen, rasch hinunterflitzen und später eventuell einen Mitsegler darum bitten, die Toilette für ihn abzupumpen. Alternativ benutzt man den berühmten MuFuEi (Multifunktionseimer), um draußen an der frischen Luft seine Notdurft zu erledigen. Über Bord sollte allerdings niemals gepinkelt werden, denn allzu viele sind schon mit offener Hose ertrunken.

Lesen und Kochen unter Deck sind ebenso Trigger für Seekrankheit, besonders wenn starke Gerüche und Kräuter mit dem Essen einhergehen. Am besten während der ersten Tage im Hafen vorbereitetes Essen mit wenig Kräutern kurz aufwärmen oder bei kürzeren Schlägen einfach Kekse, Früchte oder Butterbrote zu sich nehmen.

Frage 6: Wie zeigen sich charakteristische Symptome?

Antwort: Erfahrene Segler merken schon frühzeitig, wenn es langsam losgeht, und kennen ihren Körper gut genug, um sofort gegenzusteuern. Dann gilt es, schnell zu handeln: raus an die frische Luft, das Ruder übernehmen und aktiv segeln oder den Horizont betrachten. Mit Glück wird hierdurch der Seekrankheit schnell genug entgegengewirkt.

Jeder sollte seine eigenen Symptome kennenlernen – auch das ist Segelerfahrung sammeln. Typische Vorzeichen von Seekrankheit sind Müdigkeit, Passivität und kalter Schweiß. Wenn sich ein Crewmitglied gähnend in Lee hinter der Sprayhood zum Zählen der Stunden bis in den Hafen verkrochen hat, gilt es für den aufmerk­samen Skipper, die Person unauffällig zu aktivieren und damit etwas gegen ihre Seekrankheit zu tun.

Frage 7: Wie können die Schiffsbewegungen während des Törns angenehmer gestaltet werden?

Antwort: Wellen sind nicht gleich Wellen, und auch eine Kursänderung kann während des Törns wahre Wunder bewirken. Es gibt Studien, die besagen, dass Seekrankheit eher beim Stampfen des Schiffes – das Boot schaukelt vorwärts und rückwärts – als beim Rollen – das Boot schaukelt von Backbord nach Steuerbord – getriggert wird. Das deckt sich mit der Erfahrung, dass mehr Menschen beim Segeln gegen den Wind (hart am Wind) seekrank werden als wenn raumschots, also mit Wind von hinten, gesegelt wird. Es wird also als angenehmer erlebt, wenn Wind und Wellen von achtern anrollen und das Schiff langsam von einer Seite auf die andere bewegen, als wenn das Boot gegen Wind und Wellen stampft.

Durch eine Kursänderung nach raumschots werden nicht nur zunächst stampfende Wellen zu rollenden, sondern die Wellen werden gleichzeitig angenehm länger. Wird gegen den Wind angekämpft, segelt man den Wellen quasi entgegen, wodurch die relative Häufigkeit der Wellen hoch ist. Wird stattdessen raumschots gesegelt, haben das Schiff und die Wellen in etwa die gleiche Richtung, und die Wellen rollen nicht mehr so oft unter dem Schiff hindurch. Eine zudem möglichst hohe eigene Bootsgeschwindigkeit hilft nicht nur, die Anzahl der Wellen pro Zeiteinheit weiter zu verringern, sondern auch, um dem Kiel seine Stabilität zu gewähren. Besonders bei Schiffen mit kurzem Kiel ist schnelles Segeln um ein Vielfaches angenehmer als ein Herumdümpeln.

Frage 8: Was kann ich gegen Seekrankheit unternehmen, wenn sie mich befallen hat?

Antwort: Ist die Übelkeit bereits präsent, ist der Weg zurück zur Beschwerdefreiheit lang und stellt sich oft erst nach einer ordentlichen Runde Schlaf ein, sofern nicht das rettende Land mit ruhigem Gewässer in der Nähe ist. Mancher Segler kennt seinen Körper sehr gut, sieht die eigene Seekrankheit am Beginn der Saison als ein notwendiges Übel und nimmt sie mit radikaler Akzeptanz beziehungsweise weitgehend gelassen in Kauf. So greift er geübt zum leeren Joghurt­eimer und übergibt sich rasch dort hinein. Anschließend ein Schluck Wasser, und schon ist der Spuk – bis zum nächsten Mal – vorbei. Doch nicht allen Seglern ist dieser entspannte Umgang mit der Krankheit vergönnt. Wichtig und für alle geltend: Sich über die Reling zu übergeben sollte verboten sein. Das Risiko, dabei über Bord zu fallen, ist einfach zu hoch.

Neben frischer Luft und aktivem Segeln am Ruder hilft vielen auch, über Cockpitlautsprecher Musik zu hören, die man gern mag. Das bietet Ablenkung, ruft gute Laune hervor und motiviert zum Mitsingen. Die beim Singen automatisch getätigte Atmung kann der Übelkeit oft effektiv entgegenwirken. Wer es nicht glaubt, einfach testen! Singen hilft tatsächlich.

Wenn der Törn nicht binnen weniger Stunden vorüber ist, sollte unbedingt genügend Wasser getrunken werden. Sobald man nach erlebter Seekrankheit wieder glücklich im Hafen angekommen ist, helfen Salze (Dioralyte), um die Elektrolyte wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Literatur-Tipp:

  Das im vergangenen Herbst erschienene Buch von Leon SchulzFoto: Delius Klasing Verlag
Das im vergangenen Herbst erschienene Buch von Leon Schulz

In seinem neuen „Praxisguide Fahrtensegeln“ (zum Bestellen hier klicken!) widmet sich Leon Schulz nicht nur ausführlich dem Thema Seekrankheit. Das 336-seitige Werk (Delius Klasing, 24,90 Euro) ist in fünf übergeordnete Kapitel unterteilt: „Das Segelrevier“, „Das Fahrtenschiff“, „Sicherheits- und Notfallausrüstung“, „Vor dem Ablegen“ und „Der Törn“. Darin geht der Autor auf die jeweils wichtigsten Aspekte rund ums Fahrtensegeln ein, die insbesondere Einsteigern einen schnellen und leichten Zugang ins jeweilige Thema erlauben.

  Leon SchulzFoto: Leon Schulz
Leon Schulz

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