Ursula Meer
· 28.05.2026
Die Segler-Vereinigung Cuxhaven feiert ihr 100-jähriges Bestehen mit einem dreitägigen Fest vom 29. bis 31. Mai. Höhepunkt ist am Samstag um 13 Uhr eine spektakuläre Flottillenparade auf der Elbe: 52 Boote werden über die Toppen geflaggt und zwei Kilometer lang formiert gegen die Tide zum Yachthafen fahren – ein maritimes Schauspiel, das sich von der Alten Liebe aus bestens beobachten lässt. Was 1926 mit 15 enthusiastischen Seglern begann, ist heute Deutschlands Tor zur Welt für alle, die mehr vorhaben als Sonntagssegeln.
Am Samstagmittag wird sich ein Bild bieten, wie man es in Cuxhaven selten sieht: 52 Boote, alle über die Toppen geflaggt, formieren sich im Amerika-Hafen zu einer zwei Kilometer langen Flottille und fahren dann bewusst langsam gegen die Tide zurück zum Yachthafen. Die Parade beginnt um 13 Uhr und ist von der Alten Liebe aus perfekt zu beobachten – ein Spektakel nicht nur für Vereinsmitglieder, sondern für alle Cuxhavener und Gäste, die maritime Tradition schätzen.
Nach der Parade, wenn alle 52 Boote wieder angelegt haben, startet um 15 Uhr die Modellboot-Regatta im Hafenbecken. Ein Schlepper gibt mit einem gewaltigen Nebelhorn das Startsignal, und dann nehmen die kleinen Boote Kurs auf das Clubhaus – auch das gut zu beobachten vom Ufer aus, wo die Zuschauer dicht an dicht stehen können. Die Modellbootgruppe, die im Verein seit den 1950er Jahren aktiv ist, zeigt, dass Segelsport auch im Kleinen große Freude macht.
Die Liste derer, die von Cuxhaven aus zu großen Fahrten aufbrachen oder hier nach langer Zeit auf See wieder festen Boden unter den Füßen spürten, liest sich wie ein Who's Who der deutschen Segelgeschichte. 1927 lief Kapitän Carl Kircheiß mit seinem zehn Meter langen Kutter "Hamburg" nach 30.000 Seemeilen und zwei Jahren auf See in Cuxhaven ein – die erste Weltumsegelung eines Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg. Er hatte Kap Hoorn passiert, war durch Taifune gesegelt und hatte in Südsee-Häfen angelegt, die auf keiner Seekarte verzeichnet waren. 1931 schaffte Ludwig Schlimbach mit seiner "Störtebeker" die erste deutsche Einhand-Atlantiküberquerung – auch er machte Cuxhaven zu seinem Heimathafen.
Jahrzehnte später machte Wilfried Erdmann, der Mann mit den zehn Weltumsegelungen, den SVC-Hafen zu seinem Heimathafen. Am 9. Mai 1968 empfing ihn der Verein nach seiner ersten Weltumsegelung, bei der er 32.000 Seemeilen zurückgelegt hatte. Zuvor hatte der Ausnahmesegler auf Helgoland festgemacht, aber dort glaubte ihm noch niemand, dass er einhand um die Welt gesegelt war. Er segelte von Helgoland nach Cuxhaven, und dort angekommen konnten die Schwimmstege die Last der 90 Neugierigen kaum tragen. Seine Geschichte hatte sich schneller herumgesprochen als sein Schlag vom roten Felsen in die Elbe dauerte. Ein Reporter vom „Stern“ kam an Bord, verfrachtete ihn in die Hamburger Zentrale, wo ihm Chefredakteur Henri Nannen höchstselbst die Geschichte exklusiv abkaufte. Erdmann wurde Ehrenmitglied der Segler-Vereinigung Cuxhaven, und wer heute durch den Hafen geht, trifft noch immer Segler, die sich an die Ankunft der "Kathena" erinnern, an den schmächtigen Mann mit dem wettergegerbten Gesicht, der von den Weltmeeren erzählte wie andere von einem Einkaufsbummel.
1970 folgte Rollo Gebhard, ebenfalls Weltumsegler, ebenfalls Ehrenmitglied. „Cuxhaven war immer der erste Hafen, den Segler von See kommend anliefen", erklärt Vorstandssprecher Jörn Pietschke. Das ist kein Zufall: Die Lage an der Elbmündung, dort, wo der Fluss sich zur Nordsee öffnet, macht den Hafen zum natürlichen Dreh- und Angelpunkt für alle, die zwischen Nord- und Ostsee unterwegs sind, zwischen Binnenland und offener See - oder gleich zwischen Deutschland und der Welt.
Von 1968 bis 2019 war die SVC Mitveranstalter einer der anspruchsvollsten Seeregatten Europas: Die Edinburgh-Regatta führte im Rahmen der Nordseewoche alle zwei Jahre über 420 Seemeilen von Helgoland nach Granton bei Edinburgh, direkt über die Nordsee. „Ohne vernünftiges Ölzeug aus atmungsaktiver Membran, ohne GPS, nur mit Consolfunkfeuern und astronomischer Navigation", erinnert sich Dr. Jens Kohfahl, dessen Vater Meinhard die Regatta 1968 anlässlich des 100. Geburtstags des Royal Forth Yacht Club ins Leben rief.
Die Navigation war damals eine echte Kunst: Unter Land gab es Leuchttürme und Richtfunkfeuer, auf offener See die Consolfunkfeuer von Stavanger und Bushmills, die 60 Zeichen pro Minute sendeten. Man musste wissen, in welchem Sektor man sich befand, brauchte den ungefähren Standort nach Koppelnavigation – Schiffsort nach Kurs, Abdrift und zurückgelegter Distanz – und konnte mit etwas Glück eine zweite Standlinie astronomisch ermitteln, etwa durch die Mittagsbreite. „Und noch schlimmer als Sturm war der Nebel, mit dem man immer rechnen musste", schreibt Kohfahl in der Vereinschronik. „Das Überqueren der Nordsee war eine echte Herausforderung, die sich nicht jeder zutraute."
Deshalb war die Beteiligung anfangs gering. Doch mit den Jahren wurde die Edinburgh-Regatta zur Institution, in den besten Jahren nahmen 50 bis 60 Schiffe teil. Es entwickelte sich eine deutsch-schottische Freundschaft, es gab Empfänge beim Bürgermeister in den City Chambers von Edinburgh, und unvergessen bleibt allen, als Klaus Plate 2007 dudelsackspielend den „Hamburger Veermaster" intonierte, gefolgt von einer begeisterten Horde singender deutscher Seglerinnen und Segler, die mit ihm durch die ehrwürdigen Hallen des Rathauses zogen.
Aus der SVC-Jugend, die heute mit Optimisten, Lasern und der vereinseigenen J80 "Gerda M" arbeitet, sind immer wieder Segler hervorgegangen, die es bis an die internationale Spitze geschafft haben. Gordon Nickel begann im Opti auf der Elbe, lernte das Segeln mit Strömung, was ihm beim Störtebeker-Cup vor Helgoland half, die großen Opti-Stars zu ärgern. Über 420er, Platu 25 und größere Kielboote segelte er sich bis zum 32. Americas Cup vor Valencia, dem Mount Everest des Segelsports. Heute ist er Projektleiter auf einer dänischen XR-41 und holte 2024 bei der Weltmeisterschaft Silber.
Jan Schoepe, der als Kleinkind auf dem Boot seiner Eltern das Segeln lernte, machte Karriere im internationalen Matchrace-Segeln, kämpfte im Team von Markus Wieser vor San Francisco, Rio de Janeiro und Malaysia um Weltranglistenpunkte und kam schließlich ins United Internet Team Germany beim 32. Americas Cup. Später segelte er mit Alfred Zahn große Doublehand-Regatten auf der Nordsee, 1000-Meilen-Rennen zwischen IJmuiden und Bergen, und die Regatta „Round Great Britain and Ireland", deren Erlebnisse, wie es in der Chronik heißt, „ein eigenes Buch wert wären".
„In Cuxhaven lernt man eben nicht nur Fahrtensegeln", sagt Regattasegler Dierk Müller, der selbst jahrzehntelang auf Regatten unterwegs war. „Mit dem nötigen persönlichen Einsatz kann man zum sehr guten Regattasegler werden. Die Ausbildung findet auf Optimistenjollen statt, anschließend stehen ILCA-Jollen und eine J80 für Regatten zur Verfügung. Aber das Entscheidende ist das Revier: Wer hier mit Strömung, Tide und Schiffsverkehr klarkommt, ist für vieles gewappnet."
Nicht alle Traditionen der SVC sind so ernst wie die Edinburgh-Regatta. Im Juni 2018 etwa organisierte Jens Nickel auf vielfache Nachfrage eine Neuauflage des legendären Brunchs auf dem Gelbsand – ein opulentes Frühstück auf dem Meeresboden. Der Gelbsand selbst war inzwischen verbotenes Terrain im Nationalpark, aber die revierkundigen Segler fanden eine Alternative, die neun Booten guten Ankergrund bot.
Edler Zwirn war Teilnahmebedingung bei dieser ungewöhnlichen Veranstaltung: Die Damen im Kleid, gern lang, die Herren im Jackett, gern Smoking. Ein Tender übernahm die Verbindung zur Sandbank, wo bei Niedrigwasser eine lange, wenn auch sehr niedrige Tafel aufgebaut wurde. Weißes Tischtuch und Leuchter durften nicht fehlen, die kulinarischen Beiträge waren vielfältig und außergewöhnlich. Die Weite des Wattenmeers und die exklusive Verköstigung regten alle Sinne an, bis die Flut zurückkam und alle mit strahlenden Gesichtern die kurze Heimreise antraten.
Ebenfalls im Watt findet das Buttpedden statt – eine uralte Tradition, bei der man bei Niedrigwasser barfuß durch das Watt watet und mit den Füßen nach Butt tastet. Was sich wie ein Relikt aus vergangenen Jahrhunderten anhört, ist für SVC-Mitglieder gelebte Gegenwart: Wer das Wattenmeer vor der Haustür hat, nutzt es eben nicht nur zum Segeln.
Alle zwei Jahre zieht der Verein mit einer Geschwaderfahrt von Hafen zu Hafen, und dann wird das große Schweinegrillen zelebriert – eine Tradition, die Geselligkeit und seemännische Kameradschaft verbindet. Die Ziele wechseln, mal geht es nach Helgoland, mal nach Büsum oder in andere Häfen der Region, aber das Prinzip bleibt gleich: gemeinsam segeln, gemeinsam feiern, gemeinsam Geschichten erzählen, die später niemand mehr glaubt.
Und dann gibt es noch die Bornemann-Regatta, eine Jux-Regatta mit seemännischen Aufgaben, bei der es nicht um die schnellste Zeit geht, sondern um Geschicklichkeit und Können. Leinen werfen, Knoten machen, Mann-über-Bord-Manöver – alles Dinge, die im Ernstfall sitzen müssen, aber bei der Bornemann-Regatta mit einer gehörigen Portion Humor gewürzt werden.
Von 1993 bis 2001 war der Seglerball in den HAPAG-Hallen ein gesellschaftlicher Höhepunkt, bei dem sich die Segelgemeinschaft in Schale warf und bis in die frühen Morgenstunden tanzte. Die Tradition lebt in anderer Form weiter: Beim regelmäßigen Curry-Essen im Hafen, bei spontanen Grillabenden auf der neuen Grillhütte oder einfach bei den Gesprächen auf den Stegen, wenn die Sonne untergeht und die Erinnerungen wach werden.
„Das macht einen Verein aus", sagt Peter Kahl, der langjährige Hafenmeister. „Nicht die Infrastruktur, nicht die Liegeplätze, sondern die Menschen und das, was sie miteinander erleben. Ob beim Brunch im Smoking auf der Sandbank oder beim Curry in Segeljacke – es geht immer um dasselbe: Gemeinschaft."
Der Hafen der Segler-Vereinigung verfügt über 150 Liegeplätze für Yachten unterschiedlicher Längen – Boote über 20 Meter werden nach vorheriger Anmeldung beim Hafenmeister aufgenommen. Die exponierte Lage direkt an der Elbe hat den Hafen über Jahre als beliebten Anlaufpunkt für Boote auf Überführungsfahrt zwischen Nord- und Ostsee etabliert.
Viele Crews nutzen Cuxhaven als strategischen Zwischenstopp, um biofreien Diesel zu tanken, Wetter oder die passende Tide abzuwarten, bevor es weiter durch den Nord-Ostsee-Kanal oder raus auf die Nordsee geht. Zur Infrastruktur gehören moderne Sanitäranlagen mit Duschen, eine Bootstankstelle mit biofreiem Schiffsdiesel (rund um die Uhr per Selbstbedienung verfügbar), Strom- und Wasseranschlüsse sowie ein Kinderspielplatz und öffentliche Gastronomie in Hafennähe.
Jedoch: Anders als kommerzielle Marinas wird der Hafen der Segler-Vereinigung durch ehrenamtliche Mitgliederarbeit betrieben. Die aufwändigen Vorbereitungsarbeiten für die Saison – vom Positionieren der Schwimmstege bis zur Inbetriebnahme der Tankstelle – werden in Eigenleistung durchgeführt.
Die Elbvertiefung der letzten Jahre hat das Revier noch anspruchsvoller gemacht: Die Strömung ist stärker geworden, der Seegang höher, die Wattflächen haben sich verändert. „Aber nicht weniger reizvoll für alle, die sich mit Wind und Wellen auskennen", wie es im Vorwort der Festschrift heißt. Manche Plätze, die früher bei Niedrigwasser für Wattwanderungen genutzt wurden, sind heute kaum noch begehbar.
Lutz von der Bank, der seit 1951 dabei ist und mit elf Jahren in der Modellbootgruppe anfing, erinnert sich noch an ganz andere Zeiten: an den alten Seglerhafen hinter der Seebäderbrücke, wo die Abwässer der Stadt ungeklärt ins Hafenbecken liefen und sich Tran aus der Fischverarbeitung auf den Bootswänden festsetzte. An die Zeit, als nicht jedes Boot einen Motor hatte und die meisten Motoren sowieso nicht funktionierten. An Geschwaderfahrten nach Neuhaus oder Brunsbüttel, wo 200 bis 300 Menschen zum Ansegeln kamen, abgeholt vom Spielmannszug des Schützenvereins.
Nach 100 Jahren steht die SVC vor neuen Herausforderungen: Erweiterung des Winterlagers, Modernisierung der Infrastruktur, eine neue Grillhütte als Treffpunkt, Digitalisierung der Verwaltung.
Der Kurs ist klar: ein lebendiger Verein bleiben, eine Gemeinschaft, in der Segelsport, Kameradschaft und ehrenamtliches Engagement im Mittelpunkt stehen. Und für alle, die mehr vorhaben als Grillen am Hafenbecken, bleibt Cuxhaven das, was es immer war: der Ort, wo manch großer Törn beginnt oder endet.

Redakteurin Panorama und Reise