Edinburgh-RegattaSturm, Orkanböen und haushohe Wellen

Nordseewoche

 · 22.05.2013

Edinburgh-Regatta: Sturm, Orkanböen und haushohe WellenFoto: J. Kofahl
"Tramontane", Siegerin der Skagen-Regatta 2012, hat abgedreht

Wie vorhergesagt, erreicht ein Windfeld mit extremen Böen über 50 Knoten die Edinburgh-Regattateilnehmer. Wellen von acht Meter Höhe drohen

Ein Sturm mit Orkanböen zieht an Englands Ostküste entlang. Sieben Regattayachten der Nordseewoche Edinburgh Regatta sind noch auf See. Vier der Yachten haben ihren Kurs Richtung Küste geändert. Zwei Yachten sind im Ziel, alle anderen haben rechtzeitig die Regatta abgebrochen.

"Heute gegen Abend wird das Sturmtief das Seegebiet vor Edinburgh erreicht haben." Meeno Schrader, Segelwetterprofi von Wetterwelt, hatte eine genaue Prognose geliefert. "Das Windfeld hat eine mittlere Windgeschwindigkeit von 35 Knoten aus 340 Grad, die Böen können über 50 Knoten gehen."

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Zum Wind kommt erschwerend der Tidenstrom. Das ablaufende Wasser wird zu kurzen, sich brechenden Wellen führen, die Höhe kann die acht Meter auch übersteigen. Die englische Küste bietet bei der Windrichtung keinen Schutz. Wasser und Luft sind sechs bis acht Grad kalt. "Die langsameren Schiffe sollten in Newcastle Schutz suchen", so Schrader.

Im Eingang des Firth of Forth kommen die Yachten in eine Legerwall-Situation, die bei 10 Windstärken und einer brechende Stromwelle eine ernste Gefahr darstellt.

  Schwere See auf der Doggerbank. Bild von Bord der "Tramontane"Foto: J. Kohfahl
Schwere See auf der Doggerbank. Bild von Bord der "Tramontane"

"Morgen Mittag ist der Spuk vorbei", sagt Meeno Schrader, "die Swan 'Charisma' hat einen seemännisch klugen Kurs gewählt, die hatten den stärksten Wind bereits und werden morgen bei Sonnenschein und Ostwind, später Nordostwind unter Spi nach Edinburgh segeln können." Ein Zuckerschlecken war der Nordschlag der Charisma sicher nicht, die drehenden Winde haben fraglos eine unangenehme Kreuzsee verursacht. Die 44-Fuß-Swan hat Boen über 30 Knoten bereits hinter sich.

Die "Pogo 2" (GER 6003) unter Skipper Michael Mühlmann hat aufgrund der Wetterbedingungen die Regatta abgebrochen und die Crew läuft voraussichtlich Bligh an. Markus Seebich von Sailing Island aus Mönchengladbach: "Ich habe gerade nochmals mit Michael auf der 'Pogo 2' telefoniert: An Bord ist so weit alles unter Kontrolle. Der Wind ist aktuell über 40 Knoten, in Böen bis 50 Knoten. See: 4 bis 5 Meter. Drei Crewmitglieder sind seekrank. Ein Crewmitglied hat eventuell eine Rippenprellung." Die "Pogo 2" segelt im Moment unter gereffter Fock mit etwa neun Knoten Fahrt. Die Distanz bis zum Hafen Blyth beträgt 25 Seemeilen.

Das Schwesterschiff "Pogo 1" (GER 6002) steht so dicht vor der Mündung des Firth of Forth, dass es bald etwas Abdeckung bekommen könnte. Nach den Grip-Daten ist unter Land etwas weniger Wind zu erwarten.

Die "Magic" (GER 6492) der Yachtschule Well Sailing stand um 15.00 Uhr auf 55.57° N, 4.47° W, nur noch 30 Seemeilen bis zum Firth of Forth. Der Race-Tracker scheint seit Mitternacht defekt zu sein. Demnach müsste die "Magic" als dritte Yacht in Edinburgh festmachen.

Skipper Jan Hamester von Bord der Frers 51 "Magic": "Den Umständen entsprechend sieht alles gut aus. Alle Teller sind kaputt – und Scherben bringen doch Glück. Wir haben Böen bis 36 Knoten, jetzt gerade haben wir 25 bis 32 Knoten konstanten Wind. Insgesamt 40 Meilen bis Edinburgh, wir müssten mit ablaufender Tide ankommen."

Die "Dicke Bank", eine Victorie 1200, liegt sicher in Newcastle. In der Nacht vom 22. auf den 23. erreichte um 24.00 Uhr die Crew ein Wetterbericht über UKW-Kurzwelle: 9 Beaufort aus Nordwest, mit der Gefahr von Hurricane-ähnlichen Böen. Zu diesem Zeitpunkt waren an Bord der zwölf Meter langen, sehr seetüchtigen Yacht vier der sechs Crewmitglieder seekrank, aber noch einsatzfähig. Trotzdem kämpfte sich die Mannschaft hochmotiviert durch den ruppigen Seegang und konstant 30 Knoten Wind.

"Wir lagen zu dem Zeitpunkt sehr gut, alle Boote, die wir über AIS orten konnten, hätten uns vergüten müssen." Wolfgang Doczyck, Skipper der "Dicke Bank", ist ein erfahrener Segler. "Keiner von uns hat bisher eine so harte Tour gemacht. Es war sehr kalt. Ständig spülten die Brecher über Deck. Irgendwann wird das Ölzeug auch von innen feucht. Das Wasser kriecht die Arme hoch. Und in der Koje wurde es auch nicht mehr warm."

  Die "Röde Orm" im Hafen von SunderlandFoto: E. Vogel
Die "Röde Orm" im Hafen von Sunderland

Als dann die neuen Wetternachrichten vorlagen, waren sich die sechs einig: "Wenn wir weitersegeln, gehen wir ein Risiko ein, das nicht mehr kalkulierbar ist." Ein bisschen traurig klingt Doczyck am Telefon doch, sein Schiff ist vor allem bei viel Wind an der Kreuz schnell. Als er dann den aktuellen Wetterbericht von Meeno Schrader hört, ist er erleichtert: "Da haben wir ja die richtige Entscheidung getroffen. Vielleicht mieten wir uns ein Auto und fahren nach Edinburgh. Ein paar Tage Urlaub haben wir ja noch."

Das Anlaufen von Newcastle war völlig unproblematisch, Segel lassen sich im Schutz des großen Vorhafens bequem bergen. "Newcastle ist ein idealer Nothafen, hier kommt man bei jedem Wetter rein", meint Doczyck. "Und sicher liegen kann man hier auch."

Die Elan 40 "Röde Orm" hat in Sunderland an der englischen Ostküste Schutz gefunden. Alle sind wohlauf. Der Race-Tracker war ausgefallen, daher haben sich viele Angehörige und Freunde Sorgen gemacht, und bei der Wettfahrtleitung hagelte es Anrufe.

"Erst hatten wir einen abgebrochenen Hebel am Vorluk, da kam jede Menge Wasser ins Vorschiff, wir mussten schöpfen. Ein Leckpfropfen ins Hebel-Loch war dann die Lösung." Elmar Vogel, Skippper der "Röde Orm", ist trotz der Aufgabe gut gelaunt. "Später haben wir bei einem Segelwechsel bemerkt, dass im Unterwant drei Kardeele gebrochen sind. Darum haben wir nicht mehr gewendet, erst die Fock, dann das Groß weggenommen und sind unter Trysegel als Stabilisierung nach Sunderland motort. Mit einem geschwächten Rigg wollten wir nicht einem Sturm entgegensegeln."

Jetzt baut die Crew gerade die Unterwanten aus, um bei einem Riggbauer in der Nähe von Newcastle neue Wanten pressen zu lassen. In Sunderland liegt "Röde Orm" bestens geschützt vor dem nahenden Sturm in dieser Nacht.

Jens Kohfahl, Skagen-Rund-Gewinner 2012, ist mit seiner sturmerprobten Nicholson 31 "Tramontane" seit Donnerstag morgen wieder auf Helgoland. "Auf der Doggerbank lagen wir sechs Stunden beigedreht, haben uns erholt, etwas geschlafen und auf Wetterbesserung gehofft. So was habe ich noch nicht erlebt. Unter drittem Reff und Sturmfock sind wir extrem hart in die Wellentäler gefallen, dabei ist unser Langkieler doch so gutmütig." Mit dem an der Kreuz eher langsamen Langkieler hätte die Crew das kommende Sturmtief in voller Stärke durchsegeln müssen.