KlimawandelMehr marine Hitzewellen, mehr Sturmfluten

Pascal Schürmann

 · 08.11.2022

Klimawandel: Mehr marine Hitzewellen, mehr SturmflutenFoto: grafikfoto.de/M. Staudt
Sturmfluten und extreme Hochwasser, wie hier am Pegel Dagebüll, haben im zurückliegenden Winter deutlich häufiger die Nordseeküste getroffen als in den Jahren zuvor. Eine Folge des Klimawandels? Und was erwartet uns im anstehenden Winter?

Dreimal mehr Sturmfluten im Winter sowie mehrere sogenannte marine Hitzewellen, also eine übermäßige Erwärmung des Wassers, im Sommer: Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) hat Messwerte und Beobachtungen von Nord- und Ostsee ausgewertet und analysiert. Die Erkenntnisse sind zwar leider wenig überraschend, gleichwohl sind sie besorgniserregend

Die Behörde warnt, dass von Oktober bis April das Risiko von Sturmfluten an der deutschen Nordseeküste deutlich zunimmt. Sie schreibt: “Im Winterhalbjahr 2021/22 gab es mit 16 Sturmfluten an der deutschen Nordseeküste drei Mal so viele Sturmfluten wie im langjährigen Mittel. Die Sturmfluten traten gehäuft in Ketten auf, wobei auf eine Sturmflut innerhalb von 48 Stunden die nächste folgte.”

Längste Sturmflutkette seit Beginn der Aufzeichnungen

Beispielsweise hätten sich vom 30. Januar bis zum 7. Februar gleich sechs Sturmfluten ereignet, davon zwei schwere. Kurz danach, vom 17. bis zum 22. Februar, sei mit sieben Sturmfluten sogar die längste Sturmflutkette seit 1990 registriert worden. Verursacht worden seien sie von mehreren aufeinanderfolgenden starken Sturmtiefs mit orkanartigem Wind aus nordwestlicher Richtung.

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Übersicht über die Pegel an der deutschen Nordseeküste sowie entlang der Mündungen der großen FlüsseFoto: BSH
Übersicht über die Pegel an der deutschen Nordseeküste sowie entlang der Mündungen der großen Flüsse

Solche Sturmfluten wirken sich an den großen Flussmündungen bis weit ins Binnenland aus. So hätten in der Nacht zum 19. Februar starke Sturmböen zu einer derart schweren Sturmflut in Hamburg geführt, wie es sie im langjährigen Mittel nur einmal in fünf Jahren gebe. “Am Pegel St. Pauli erreichte der Wasserstand 3,75 Meter über MHW (5,88 Meter über Normalhöhennull). Der bisher höchste Wasserstand wurde mit 4,65 Metern über MHW im Jahr 1976 in Hamburg gemessen (6,45 Meter über Normalhöhennull)”, heißt es seitens des BSH.

In derselben Nacht zum 19. Februar sei es auch im weiteren Elbegebiet und in Nordfriesland zu schweren Sturmfluten sowie zu Sturmfluten in Ostfriesland und im Wesergebiet gekommen.

Was erwartet uns in diesem Winter?

Zwar kann auch das BSH nicht in die Zukunft blicken, weiß also nicht, ob mit derartigen Schwerwetterereignissen auch in den kommenden Wochen und Monaten zu rechnen ist. Messdaten aus dem Sommer könnten aber ein Indiz dafür liefern. Die Monate Juni, Juli und August gehörten zu den wärmsten nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa seit Beginn der Aufzeichnungen. Dies, so das BSH, spiegele sich auch in weiten Bereichen der Nordsee und Ostsee wider.

Im Vergleich zum langjährigen Mittel von 1997 bis 2021 waren die Oberflächentemperaturen der Nordsee im Sommer 2022 wärmer. Das gilt besonders für den südwestlichen Teil, nahe der Ostküste Englands und des Ärmelkanals. Dort übertrafen die diesjährigen Wassertemperaturen das langjährige Mittel um ein Grad Celsius. Nach Norden und Osten hin hätten die Abweichungen zum langjährigen Mittel dann etwas abgenommen, und im nördlichsten Bereich sei es sogar etwas kühler gewesen.

Die Auswertung der Messdaten zeigte außerdem, dass im Sommer eine marine Hitzewelle in der Deutschen Bucht aufgetreten ist. “Insgesamt dauerte sie acht Tage an, und die Temperaturen lagen in drei Meter Wassertiefe maximal zwei Grad über dem langjährigen Mittel”, berichtet das BSH. Damit sei die Hitzewelle ein Extremereignis, wenn auch kein außergewöhnliches. Seit 1989 wurden an der Station insgesamt 42 marine Hitzewellen verzeichnet, heißt es.

Ostsee über 1,5 Grad wärmer

Ein extremeres Bild zeichnete sich für die Ostsee ab. Hier lagen laut BSH die Oberflächentemperaturen im Sommer 2022 großflächig 1,5 Grad und mehr über dem langjährigen Mittel. Dies betreffe insbesondere große Flächen zwischen Südschweden und dem Baltikum sowie die Bereiche nördlich davon. “Vor der deutschen Küste betrug die Abweichung zum langjährigen Mittel ungefähr ein Grad. Das gilt auch für die Mecklenburger Bucht und die Pommersche Bucht”, heißt es im Bericht. Damit sei dies für weite Bereiche der Ostsee der viertwärmste Sommer seit 1997 gewesen.

Oberflächentemperatur-Abweichungen von Nord- und Ostsee im Sommer 2022 | Foto BSH
Oberflächentemperatur-Abweichungen von Nord- und Ostsee im Sommer 2022 | Foto BSH

Und: An der BSH-Messstation „Leuchtturm Kiel“ seien zwei Hitzewellen im Juni/Juli sowie im August/September registriert worden. Die erste habe zehn Tage angedauert, und die Temperaturen in 0,5 Meter Wassertiefe hätten maximal drei Grad über dem langjährigen Mittel gelegen. “Die zweite Hitzewelle hielt sogar 19 Tage an, und die Temperaturen lagen maximal 2,5 Grad über dem langjährigen Mittel”, so das BSH.

Klimawandel führt zu einem Energieüberschuss in den Meeren

Dennoch gelte auch für die Ostsee: “Seit 1987 wurden dort insgesamt 65 marine Hitzewellen beobachtet. Die beiden Hitzewellen im Sommer 2022 sind daher nicht außergewöhnlich.” Gleichwohl weist die Behörde eindrücklich auf den Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Wassertemperaturen und den entsprechenden Auswirkungen auf das Klima und Wettergeschehen hin.

Das Resümee des Berichts lautet: “Der Klimawandel führt zu einem Energieüberschuss, der zu über 90 Prozent im Meer als Wärme gespeichert wird. Wärmere Meere haben weitreichende Folgen für die Meeresumwelt. Außerdem haben die Meere wiederum einen großen Einfluss auf das Wetter- und Klimageschehen. So beeinflussen die Temperaturen des Nordatlantiks zum Beispiel den Verlauf des Winters in Mitteleuropa.”

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie

Das BSH ist die zentrale maritime Behörde Deutschlands. An den Dienstsitzen in Hamburg und Rostock sowie auf fünf Schiffen arbeiten rund 1.000 Beschäftigte aus über 100 Berufen. Im Mittelpunkt der Aufgaben stehen u. a. die Förderung, Sicherheit und Überwachung der Seeschifffahrt, Forschung und Erhebung langer Datenreihen im Bereich der Ozeanographie und Meereschemie, der Wasserstandsvorhersagedienst sowie die nautische Hydrographie, im Rahmen derer amtliche Seekarten erstellt werden.

Bei extremem Hochwasser warnt das BSH frühzeitig über Telefon, Rundfunk und Internet die Schifffahrt, Unternehmen und Menschen in sturmflutgefährdeten Gebieten. Seit Kurzem warnt das BSH auch über die Warn-Apps NINA und KATWAR sowie über eine neue Webseite. Alle Wasserstandsvorhersagen sind auch im Internet zu finden. Dort sind zusätzlich auch alle Sturmflutwarnungen abrufbar.

An der deutschen Nordseeküste sowie in Emden, Bremen und Hamburg wird ab einem Wasserstand von 1,5 Metern über dem mittleren Hochwasser (MHW) vor einer Sturmflut gewarnt. Ab einem Wasserstand von 2,5 Metern über MHW handelt es sich um eine schwere Sturmflut und ab einem Wasserstand von 3,5 Metern über MHW um eine sehr schwere Sturmflut. Die Anzahl und Schwere von Sturmfluten variiert stark von Jahr zu Jahr und von Ort zu Ort entlang der Küste. Neben Gezeitenverlauf, Windrichtung und -geschwindigkeit beeinflusst auch die Küstenform den Wasserstand.

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