Welttag der OzeaneWarum das Meer für Segler mehr ist als ein Revier

Ein Charterkatamaran vor den Seychellen
Foto: YACHT/U. Janßen
Die Schönheit des Meeres
Am 8. Juni ist Welttag der Ozeane. 2026 steht der Aktionstag unter dem Motto „Reimagine“ und ruft dazu auf, das Verhältnis zum Meer neu zu denken. Für Segler ist der Ozean Revier, Naturkraft und empfindliches System zugleich. Was ihn bewegt und warum seine Unterschiede für jeden Törn relevant sind.

Am 8. Juni richtet sich der Blick weltweit auf die Ozeane. Der Welttag der Ozeane erinnert daran, wie abhängig das Leben auf der Erde vom Meer ist: als Klimaregulator, Lebensraum, Nahrungsquelle und Wirtschaftsraum. Für Segler ist das kein abstraktes Umweltthema. Wer draußen unterwegs ist, erlebt Strömungen, Wind, Wellen, Wärme, Kälte, Salzgehalt und Wetter nicht als Theorie, sondern als direkte Bedingungen für jeden Törn. Umso wichtiger sind verlässliche Wetterdaten und Törnplanung, denn der Ozean entscheidet oft mit, wann ein Revier sicher, anspruchsvoll oder schlicht unberechenbar wird.

Dieser Artikel erklärt, was einen Ozean ausmacht, welche Kräfte ihn bewegen und warum seine Unterschiede für Segler so relevant sind. Ergänzend verlinken wir ein Video zum Welttag der Ozeane, das die Bedeutung der Meere und die aktuellen Herausforderungen einordnet.

Video zum Welttag der Ozeane

Warum der Schutz der Meere weltweit Thema ist und welche Rolle Ozeane für Klima, Leben und Zukunft spielen, zeigt das begleitende Video zum Welttag der Ozeane.

Unser blauer Planet

Aus dem Weltraum betrachtet, ist die Erde der berühmte „blaue Planet“, rund 70 Prozent ihrer Oberfläche sind von Wasser bedeckt. Unendliche Weiten, unendliche Chancen für Segler – kein Revier ist wie das andere, jedes hat seine Besonderheiten, und wer einen Törn ganz nach seinem speziellen Gusto sucht, der wird die Möglichkeit dazu mit Sicherheit irgendwo finden.

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Ozeane: Der größte Sportplatz der Welt

Den größten Teil der globalen Wasserfläche bilden die Ozeane Atlantik, Pazifik, Indik, Arktischer und Antarktischer Ozean. Hinzu kommen die Rand- und Nebenmeere, so bezeichnet man alle Seegebiete, die nur durch mehr oder minder schmale Durchlässe mit den Ozeanen verbunden sind oder auf einem Kontinentalschelf liegen. Nord- und Ostsee und auch das Mittelmeer, Hauptsegelgebiete der Deutschen, fallen in diese Kategorie. Weltweit gehört eine Vielzahl anderer Meere dazu, beispielsweise das durch den Antillenbogen und Mittelamerika begrenzte Karibische sowie das Südchinesische und das Rote Meer.

​Besonders deutlich wird die Kraft des Wassers in Gezeitenrevieren wie Nordsee, Wattenmeer, Englischem Kanal oder Bretagne. Dort prägen Wasserstand und Strom den Törnverlauf oft stärker als die reine Distanz auf der Karte. Wer hier unterwegs ist, segelt tatsächlich im Takt der Tide.

Selbst wenn die Gesamtoberfläche der Ozeane beeindruckend genug erscheint, bleibt ihre wahre Größe dem menschlichen Auge doch meist verborgen. Die höchsten Berge der Welt sind am Meeresgrund zu finden, vom Fuß an gemessen, ragt der hawaiianische Mauna Kea etwa 9.000 Meter in die Höhe (der Mount Everest als höchster Berg an Land misst vom Fuß nur etwa 3.500 Meter). Auch das längste Gebirge der Erde versteckt sich unter einer durchschnittlich 2.000 Meter starken Wasserschicht: Der Mittelatlantische Rücken ist etwa 15.000 Kilometer lang (sein Pendant über Wasser sind die Anden mit zirka 7.500 Kilometer Länge).

Sichtbar wird das unterseeische Gebirge indes nur an den wenigen Stellen, an denen seine Gipfel als Inseln zutage treten. Island ist eine solche Erhebung, die höchsten Gipfel bilden die Azoren mit 2.351 Metern über dem Meeresgrund.

Strömungen: Was die Wassermassen in Bewegung setzt

Für das küstenferne Segeln auf den Ozeanen werden Stromsysteme von enormen Ausmaßen relevant. Nicht nur Sonne und Mond setzen Wassermassen in Bewegung, Wind und Schwerkraft sind die stärksten Antriebskräfte für Meeresströmungen. Für das Weltklima sind sowohl die Tiefenströmungen (ab 1.000 Meter) als auch Oberflächenströme wichtig, Skipper und Navigatoren interessieren sich aber ausschließlich für die Wasserbewegungen der Oberfläche. Sie beschleunigen oder bremsen das Schiff bei der Fahrt über Grund ab.

​Für Segler sind Strömungen deshalb nicht nur ein globales Klimathema, sondern eine ganz praktische Navigationsgröße: Selbst wer sauber auf das Ziel zuhält, kann über Grund anders versetzt werden als geplant. Wie Windabdrift, Stromversatz und Vorhaltekurs zusammenspielen, zeigt die praktische Einberechnung von Wind und Strom in der Navigation.

Die großen Stromsysteme wie Golf-, Agulhas-, Brasil-, Kanarenstrom oder das äquatoriale Stromsystem werden alle hauptsächlich von zwei Mechanismen in Gang gesetzt: Wind und Dichte-Unterschiede.

Die oberflächennahen Wasserschichten werden von den vorherrschenden Winden angeschoben. Streicht die Luft übers Wasser, übt sie eine Kraft auf dessen Teilchen aus und versetzt sie in Bewegung. Die resultierenden Wasserbewegungen nennt man Driftströmung. Da die Wasserteilchen von der Erddrehung abgelenkt werden, folgen sie nicht, wie es im ersten Moment logisch erscheinen würde, genau der Richtung des Winds, sondern fließen in einem Winkel von etwas 45 Grad zur atmosphärischen Strömung. Mit zunehmender Tiefe nimmt die Stromgeschwindigkeit ab, und die Ablenkung wird größer. Das resultierende Strömungsprofil wird Ekman-Spirale genannt.

Wasser in Bewegung

Die größten Wassermengen geraten jedoch wegen vergleichsweise geringer Unterschiede in der Wasserzusammensetzung in Bewegung. Temperatur und vor allem der Salzgehalt spielen dabei die entscheidende Rolle.

Das Salz des Seewassers stammt aus den Gesteinen der Erdkruste. Es gelangt hauptsächlich durch Flüsse in die Meere. Da es beim Verdunsten von Seewasser zurückbleibt, hat es sich im Lauf der Erdgeschichte bis zur heutigen Konzentration von durchschnittlich 3,5 Prozent angereichert. Im Vergleich zur Gesamtwassermenge ist der Salzeintrag der Flüsse jedoch so gering, dass der Salzgehalt selbst über Jahrtausende als konstant angesehen werden kann.

Regional bestehen allerdings große Abweichungen von diesem Mittelwert. In die Ostsee beispielsweise münden über 200 Flüsse, und der Niederschlag übertrifft die Verdunstung. Daher nimmt der Salzgehalt von etwa 3 Prozent im Kattegatt bis auf 0,5 Prozent im Bottnischen Meerbusen ab.

​Die Ostsee zeigt besonders deutlich, wie eng Salzgehalt, Wasseraustausch und Sauerstoffversorgung zusammenhängen. Weil schweres, salzreiches Wasser aus der Nordsee nur unter bestimmten Bedingungen in die tieferen Becken gelangt, kann sich dort Sauerstoffmangel bilden. Warum der Ostsee in der Tiefe sprichwörtlich die Luft ausgeht, erklärt ein Blick auf die unsichtbaren Prozesse unter dem Kiel.

Im Mittelmeer hingegen verdunstet mehr Wasser als durch Niederschläge und Flüsse eingeleitet wird, daher erreicht der Salzgehalt hier bis zu 3,7 Prozent und formt so eine Wassermasse, die sich noch Tausende von Kilometern entfernt im Atlantik nachweisen lässt.

Salz, Temperatur, Dichte: Warum Wasser nicht überall gleich ist

Auch wenn diese Unterschiede auf den ersten Blick sehr gering erscheinen, so haben sie doch große Auswirkungen auf Strömungen im Meer. Salz und Temperatur bestimmen das Gewicht eines „Wasserpakets“ – kaltes, salzreiches Wasser ist schwerer als warmes Süßwasser. Wo immer solche Massen unterschiedlicher Dichte aufeinandertreffen, sinkt das schwerere Wasser ab und das leichte steigt auf.

Die Temperatur und der Salzgehalt des Seewassers ändern sich durch Vermischung im Ozean oder durch Wechselwirkung mit der Atmosphäre. Den weltweit wichtigsten Beitrag leistet dabei der Nordatlantik. Stark vereinfacht läuft folgender Prozess ab: In der Labrador- und Grönlandsee wird das Oberflächenwasser im Winter von sehr kalten arktischen Winden abgekühlt. Gleichzeitig steigt der Salzgehalt durch Eisbildung an. Da Salz nicht in die Eiskristalle eingeschlossen wird, erhöht sich seine Konzentration im zurückbleibenden Seewasser. Die Dichte des Wassers nimmt zu, es sinkt ab, fließt in der Tiefe nach Süden und gelangt bis in die anderen Ozeane, dort erwärmt es sich langsam und gelangt an die Oberfläche zurück.

Wieder im Atlantik angekommen, strömt es erneut nach Norden und gibt dort seine Wärmeenergie an die Atmosphäre ab. Auf diese Weise entsteht ein weltweites Band konstanter Strömungen.

Die für Europa wichtigste stellt der Golfstrom dar. Er setzt von der amerikanischen Ostküste nicht nur mit bis zu 4 Knoten nach Nordost und muss bei der Navigation somit intensiv beachtet werden, er transportiert auch die unvorstellbare Energiemenge von einer Milliarde Megawatt nach Norden. Das entspricht etwa der Leistung von einer Million Kernkraftwerken. Diese Warmwasserheizung Nordeuropas erhöht die mittlere Wintertemperatur in Hamburg um etwa 10 Grad gegenüber dem auf gleicher Breite gelegenen Süden Alaskas.

Wenn das System kippt: El Niño und seine Folgen

Ein weiteres Beispiel für die Auswirkungen des Wärmetransports im Ozean ist der sogenannte El Niño im tropischen Pazifik. Der stetige Südostpassat im tropischen Südpazifik schiebt das kalte Wasser des Perustroms (auch Humboldtstrom) mit dem Südäquatorialstrom nach Westen. Auf dem Weg über den Pazifik wird das Wasser von der Sonne stark erwärmt. Es entsteht eine Temperaturdifferenz: im Osten, vor Südamerika, der kalte Perustrom und im Westen, im Bereich der Philippinen, warmes Wasser.

Die unterschiedlichen Wassertemperaturen wirken sich auf die Lufttemperaturen und damit auf den Luftdruck aus. Über Südamerika bildet sich ein Hochdruckgebiet und über den Philippinen ein Tief. Diese Druckverteilung unterstützt die Ost-West-Zirkulation der Atmosphäre, das System ist stabil. Aus bisher nicht endgültig geklärten Gründen kommt es alle drei bis sieben Jahre zu einer Störung dieses Kreislaufs: Der Südostpassat schwächt sich so stark ab, dass das warme Wasser von Westen nach Osten zurückschwappt. Der kalte, nährstoffreiche Perustrom wird zurückgedrängt.

Hat das warme Wasser nach etwa zwei bis drei Monaten die südamerikanische Küste erreicht, kehrt sich die atmosphärische Zirkulation um. Der Passat erstirbt völlig. Statt der üblichen östlichen, wehen jetzt Westwinde. Mit der Umkehr des Windsystems gehen gewaltige Klimaveränderungen einher.

Die Niederschlagsverteilung im tropischen Pazifik ändert sich grundlegend. Über dem warmen Ozean entwickeln sich tropische Stürme, die bis nach Mexiko und Kalifornien reichen und dort große Verwüstungen anrichten. In Südamerika kommt es zu Überschwemmungen, und Australien und Indonesien werden von Dürreperioden heimgesucht, die zu Ernteausfällen und Waldbränden führen. Die Auswirkungen des El Niño reichen sogar bis über den Indik hinweg nach Afrika.

​Aktuell: Was El Niño 2026 für Segler bedeutet

Wie konkret solche Wechselwirkungen für Crews werden können, zeigt die aktuelle El-Niño-Prognose für 2026: Im Atlantik könnte die Hurrikansaison ruhiger ausfallen, während im Nordwestpazifik eine besonders aktive Taifunsaison erwartet wird. Für Crews in der Karibik, rund um Japan, Taiwan oder die Philippinen ist El Niño damit kein fernes Klimaphänomen, sondern ein Faktor für Törnplanung, Saisonfenster und Versicherungsfragen.

Warum kein Törngebiet dem anderen gleicht

Die spezifischen Segelbedingungen in den einzelnen Revieren sind das Ergebnis überaus komplexer Vorgänge und Zusammenhänge. Und es kommt, abseits aller Wissenschaft, noch etwas Wesentliches hinzu: die individuelle Wahrnehmung. Auch wenn ein Törngebiet jeden Tag dasselbe bleibt – Segler können es immer wieder neu erleben.

​Der Welttag der Ozeane erinnert aber auch daran, dass Meeresschutz nicht erst auf großer Fahrt beginnt. Auch an Land und im Winterlager stellen sich praktische Fragen: etwa beim Unterwasserschiff, bei der Wahl des Bewuchsschutzes und beim Umgang mit Schadstoffen. Wie stark Antifouling das Wasser belastet, ist deshalb längst nicht nur ein Technikthema, sondern auch ein Beitrag zur Debatte um den Schutz der Meere.


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Lars Bolle

Lars Bolle

Chefredakteur Digital

Lars Bolle ist Chefredakteur Digital und Gründer von YACHT-Online. Viele Jahre war der Diplom-Sportwissenschaftler als Redakteur der YACHT in den Bereichen Sport und Seemannschaft tätig und hat die größten Segelsport-Veranstaltungen der Welt begleitet, vom America's Cup bis zu Olympischen Spielen. Seine persönliche Segel-Vita reicht vom Leistungssport in der Jolle (Deutscher Meister 1992 im Finn Dinghi) über historische und moderne Jollenkreuzer bis hin zu europaweiten Charter-Törns.

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