Sollte ich jetzt reffen, oder kann ich damit noch etwas warten? Es gibt wenige Fragen, mit denen sich Segler so häufig auseinandersetzen, wie die nach dem richtigen Zeitpunkt für die Segelverkleinerung bei auffrischendem Wind. Da gibt es die Befürchtung, dass die kleinere Segelfläche Fahrt kosten könnte. Und was sollen die anderen Segler denken, wenn man „zu früh“ refft?
Doch entgegen weitverbreiteter Meinung segelt ein Boot mit gerefften Tüchern nicht unbedingt langsamer. Dafür lässt es sich aber einfacher kontrollieren, weil es nicht nur weniger Krängung hat, sondern auch nicht mehr so luvgierig ist. Es hat also weniger Ruderdruck und es reduziert sich die Gefahr eines Sonnenschusses. Auch wenn der Thrill-Faktor leiden mag, Material und Nerven der Crew werden definitiv geschont.
Eine Segelweisheit besagt, dass der richtige Zeitpunkt zum Reffen immer dann ist, wenn zum ersten Mal darüber nachgedacht wird. Im Nachhinein stellt sich diese Einstellung oft als richtig heraus, und immer überwiegt das Gefühl, gut vorbereitet gewesen zu sein – auch wenn die Gewitterwolke dann doch nicht auf das Schiff getroffen ist.
Beim Hinauszögern des Manövers dagegen, verbunden mit der Hoffnung, dass es nicht noch weiter auffrischt, nistet sich gern ein kleines Gefühl der Unsicherheit ein. Und wenn es dann plötzlich knüppeldick kommt und man sofort die Segelfläche verkleinern muss, ist der Stress umso größer: Maschine an und das Boot in den Wind drehen.
Die schlagenden Segel reizen das Nervenkostüm der Crew, während das Schiff durch die Wellen stampft. Der Adrenalinpegel ist am Anschlag, und eventuell muss das Manöver gar wiederholt werden, weil das Schiff aus dem Ruder läuft und wieder Druck im Vorsegel ist. Selbst wenn alles gut funktioniert – das Boot ist zum Stillstand gekommen und muss wieder in Fahrt gebracht werden. Da wundert es nicht, dass so mancher Skipper sich vor einem solchen Reffmanöver scheut.
Dabei gibt es eine Methode für entspanntes und sicheres Reffen: in Fahrt auf einem Amwindkurs. Um das Manöver in der Praxis zu üben, sind wir bei der Hanseatischen Yachtschule in Glücksburg an Bord einer X-382 gegangen. Der stellvertretende Schulleiter Michael Dreyer ist mit voller Crewstärke angetreten, um das Reffmanöver bei moderaten Winden auf der Flensburger Förde zu zeigen.
Das Reffen des Großsegels ist auf diese Art unkompliziert und eignet sich auch gut für kleine Crews oder Solisten. Einzige Voraussetzung sind ein gesetztes Vorsegel und genügend freier Seeraum in Fahrtrichtung.
Als Erstes wird ein Kurs am Wind angelegt und gehalten. Entweder durch eine Person am Ruder oder auch mithilfe eines Autopiloten beziehungsweise einer Windfahne. Als Nächstes wird die Großschot gefiert, bis der gesamte Druck aus dem Segel gewichen ist. Das Groß killt jetzt, aber deutlich unaufgeregter als bei Wind und Welle genau gegenan. Das Boot segelt stabil mit der Kraft des Vorsegels weiter.
Um sich einen Vorteil bei der Vorfahrtsregel zu schaffen, kann es sich lohnen, das Manöver auf Backbordbug zu fahren. Bei einem Rollgroßsegel hingegen hängt die Wahl des Bugs eventuell von der Rollrichtung am Mast ab.
In unserem Fall wird das Groß konventionell mit einem Bindereff verkleinert. Dafür muss zuerst der Baumniederholer gefiert werden. Denn die Reffreihen eines Großsegels sind in der Regel so geschnitten, dass der Baum beim Einreffen etwas steiler steht. „Dadurch soll verhindert werden, dass bei Starkwind überkommendes Wasser im Segel hängen bleibt“, erklärt Dreyer.
Danach wird auch das Großfall so lange kontrolliert gefiert, bis sich die Reffkausch im Reffhaken am Lümmelbeschlag einhaken lässt. Sobald das geschehen ist, kommt das Kommando „Heißt das Großsegel!“ und das Fall wird über die Winsch so lange wieder hochgezogen, bis das Vorliek auf Spannung ist.
Im nächsten Schritt werden die Reffleinen am Achterliek durchgezogen. Auch wenn Reff zwei heute nicht benötigt wird, empfiehlt es sich, die Lose rauszunehmen, um zu verhindern, dass die Reffleinen sich um die Baumnock wickeln.
Das erste Reff wird nun durchgesetzt, erst per Hand, dann mit der Kurbel. Sobald die Reffkausch am Achterliek auf dem Baum liegt, steht das neue Groß mit flachem Profil auf Spannung. Das Segel ist wieder segelbar und kann dichtgeholt werden. Auch der Baumniederholer wird wieder durchgesetzt.
„Wir sind wieder voll manövrierfähig und könnten sofort auf unseren Wunschkurs gehen. Bei mehr Wind und Welle sollte das lose Tuch noch mit Zeisingen zusammengebunden werden, um freie Sicht zu haben und damit sich kein Wasser im Segel sammeln kann. Besser aussehen tut es natürlich auch!“, so der Schulleiter des DHH.
Wichtig für das Zusammenzurren des Tuchs ist eine stabile Segelposition, damit am Baum sicher gearbeitet werden kann. Gegebenenfalls auf der Luvseite des Boots einklinken, um einen sicheren Stand zu haben und nicht über Bord gehen zu können. Ein kleiner, aber wichtiger Tipp für das Einbinden: Das Groß nicht um den Baum binden, sondern nur das Segeltuch mit den Zeisingen locker zusammenziehen. Sonst könnte bei stärkerem Winddruck das Segel an den Reffkauschen einreißen.
Das Manöver hätte besser und stressfreier kaum klappen können. Auch der Perfektionist Dreyer ist zufrieden: „Da wir nicht viel Wind haben und segeln wollen, können wir gleich wieder ausreffen.“ Also Rolle rückwärts. Aber wer weiß, wie lange – bei den wechselhaften Winden.
Der Baumniederholer verhindert das Steigen des Baums. Da die Reffreihen so geschnitten sind, dass der Baum beim Einreffen etwas höher steht, muss zuerst gefiert werden.
Auf dem Amwindkurs wird das Großsegel gefiert, bis es durch den scheinbaren Wind anfängt zu killen. Der Druck ist raus und es kann in aller Ruhe angefangen werden, die Segelfläche zu verkleinern.
Das Fall wird langsam und kontrolliert an der Winsch gefiert, bis sich die gewünschte Reffkausch einhaken lässt. Die Hand dient der sauberen Leinenführung, sodass sich das Fall nicht verklemmen kann.
Je nach Windstärke wird die Reffkausch des ersten, zweiten oder dritten Reffs in den Haken des Lümmelbeschlages gesteckt.
Gleich nachdem die Reffkausch eingehakt wurde, kann das Groß auch schon wieder hochgezogen werden.
Bevor das Großfall mit der Winschkurbel final durchgesetzt wird, wird es per Hand am Mast hochgezogen und achtern nachgeholt. Das ist mitunter anstrengend, dafür aber effizient und zeitsparend.
Sobald die Reffkausch am Achterliek auf dem Baum liegt, steht das neue Groß auf Spannung und weist ein flaches Profil auf. Das Tuch ist wieder segelbar und kann an der Schot dichtgeholt werden.
Für sicheres Arbeiten ist es wichtig, dass das Segel stabil steht.
Das Tuch nicht um den Baum binden, sondern nur mit den Zeisern locker zusammenziehen. Sonst könnte bei stärkerem Druck das Segel an den Kauschen einreißen.
Ob in voller Mannstärke oder als Solosegler – das Einreffen am Wind hat viele Vorteile gegenüber einem Aufschießer oder dem Gegenanbolzen mit der Maschine. Vor allem schont es Material und die Nerven der Crew.
Der Deutsche Hochseesportverband Hansa e. V. (DHH) wurde schon vor einhundert Jahren mit dem Motto gegründet: „Richtig segeln lernen“. Das ursprüngliche Ziel des Verbandes war es, jungen Männern eine Marineausbildung angedeihen zu lassen, also Seefahrts- und Segelkompetenzen zu vermitteln, wobei militärische und sportliche Elemente vereint wurden. Zur zentralen Ausbildungsstätte des DHH wurde die Hanseatische Yachtschule (HYS) in Neustadt, die diverse Seereisen und Seemannschaftstrainings in Nord- und Ostsee bot.
Nach dem Zweiten Weltkrieg konzentrierte sich der DHH auf den Aufbau moderner Segelausbildungsprogramme. Im Jahr 1951 wurde die Hanseatische Yachtschule in Glücksburg wiedereröffnet. Im Laufe der folgenden Jahrzehnte wuchs der DHH stetig und etablierte zahlreiche Yachtschulen. Der Fokus lag stets auf Praxisnähe durch Ausbildungstörns sowie theoretischen Kursen an festen Standorten wie der HYS in Glücksburg und der Chiemsee Yachtschule. Spätere Reformen führten zu einer Neuorientierung mit einer breiter zugänglichen, sportorientierten Segelausbildung. Heute zählt der Verband rund 15.000 Mitglieder und ist einer der größten in Europa.