Gennaker-TrimmSerie Segeltrimm:In 6 Schritten zum optimalen Gennaker

Lars Bolle

, Felix Keßler

 · 24.04.2019

Gennaker-Trimm: Serie Segeltrimm:In 6 Schritten zum optimalen GennakerFoto: EYOTY/B. Kolthof

Als Leichtwindtuch hat der Gennaker den Spinnaker bei Fahrtenseglern längst abgelöst. Mit ein paar Einstellungen lässt sich der Spaß mit ihm maximieren

Dafür, dass der Gennaker den Spinnaker auf Fahrtenyachten immer häufiger ersetzt, gibt es viele Gründe. Zum Beispiel die einfache Hand­habung. Spinnakerbaum, Toppnant, Niederholer – selbst auf den Barberholer kann verzichtet werden. Es sind nur zwei Schoten zu bedienen. Auf sehr langen Kursen ohne abzusehende Halse ist sogar der Verzicht auf die Luvschot möglich.

Ein weiteres Pro des Gennakers ist der größer gewordene Einsatzbereich. Bei der Mischung aus Genua und Spinnaker, der die Wortschöpfung Gennaker entstammt, waren bei frühen Varianten vor allem tiefe Kurse bis knapp vor dem Wind problematisch; die Blase wurde beim Abfallen immer weiter vom Großsegel abgedeckt und verlor an Wirkung. Deshalb wurde eher dem Spinnaker der Vorzug gegeben, da er die bes­se­ren Allround-Eigenschaften hatte. Mit modernen Schnitten wird jetzt erreicht, dass der Gennaker nach Luv rotiert und sich so von selbst weitgehend aus der Abdeckung des Großsegels befreit.

Deshalb ist auf normalen Verdränger­yachten ein Gennakerbaum nicht nötig – es reicht, den Hals an einem Stummelspriet oder dem Ankerbeschlag anzuschlagen, er muss nur frei vom Vorstag bleiben. Sehr lange Gennakerbäume, wie sie vor allem bei Skiffjollen oder sportlicheren Yachten zu sehen sind, machen bei Fahrtenbooten wenig Sinn. Andererseits bringt ein Gennakerbaum das Tuch aus der Abdeckung des Groß­segels. Eine Verdrängeryacht kann jedoch nicht viel schneller segeln, als es ihre theoretische Rumpfgeschwindigkeit, die Länge ihrer Verdrängerwelle, zulässt. Ein größerer Gennaker hätte nur zur Folge, dass diese "Schallmauer" zwar etwas früher erreicht würde, aber nicht verschoben, dafür das Handling mit viel Tuch und frühem Druck deutlich schwieriger würde.

Obwohl mit modernen Gennakern sehr tief gesegelt werden kann, empfiehlt sich bei wenig Wind eine spezielle Fahrtechnik: das Ausbaumen im Schmetterlingsmodus. Platt vor dem Laken wird der Gennaker mittels Spibaum möglichst weit querab zum Boot geholt. Da das Unterliek sehr lang ist, empfiehlt sich ein Teleskopbaum. Das Großsegel deckt so nicht mehr die Blase ab.

Wie Sie den Gennaker optimal trimmen und wie Sie Segelstellung und -profil verändern können, erfahren Sie auf den nächsten Seiten. Am Anfang steht eine Übersicht und Erklärung der Begriffe und Gennakerkomponenten.

  Übersicht der verschiedenen Bedienelemente des GennakersFoto: YACHT/L. Bolle
Übersicht der verschiedenen Bedienelemente des Gennakers

Es gibt zwei unterschiedliche Arten für die Schotführung. Auf Fahrtenyachten ohne langen Bugspriet hat sich die Schotung außen ums Vorstag (1) herum bewährt. Bei der Halse fliegt der Gennaker um das Boot herum. Ist ein Gennakerbaum vorhanden, wird das Segel auch zwischen dem ei­genen Vorliek und dem Vorstag hindurch gehalst. Am Bug kann das Tuch fest angeschlagen (2) werden, etwa bei Rollsystemen, besser ist jedoch der Einsatz einer Halsleine (3). Sie ermöglicht das Trimmen des Gennakerprofils und erleichtert das Setzen und Bergen. Barberholer (4) sind nicht unbedingt nötig, erweitern jedoch das Trimmrepertoire um eine Komponente. Auf der Schot sollten am besten Snatchblöcke verwendet werden, da sich diese schnell an- und abbauen lassen. Am Barberholer können bei viel Wind hohe Lasten entstehen, diesen am besten über eine Winsch oder Talje bedienen.

Der richtige Anstellwinkel ist wichtig, da ein Gennaker wie eine Genua umströmt wird, seinen Vortrieb also durch Auftrieb erzeugt, nicht durch Widerstand. Um das Tuch nach dem Setzen mit Wind zu füllen, wird langsam an­geluvt und zugleich die Schot dichtgenommen. In dem Moment, in dem sich die Blase füllt, muss wieder abgefallen und die Schot schnell gefiert werden – ansonsten wirkt der Auftrieb vor allem nach Lee, was zu starker Krängung und zum Sonnenschuss führen kann.

Mit der Schot werden der Anstellwinkel und das Profil des Gennakers reguliert

Die Schot wird so lange gefiert, bis das Vorliek des Gennakers anfängt, leicht zu killen, sich nach innen einzuschlagen. Dann ist der ideale Anstellwinkel gefunden, ähnlich wie beim sachte killenden Luv-Windbändsel einer Genua. Da sich mit dem Fieren das Schothorn nach vorn und oben bewegt, wird das Profil runder und öffnet oben im Achterliek, die gewünschte Form stellt sich ein.

  Der Schotzug bestimmt Anstellwinkel und Profil des Gennakers (Klicken zum Vergrößern)Foto: YACHT
Der Schotzug bestimmt Anstellwinkel und Profil des Gennakers (Klicken zum Vergrößern)

Nun kann das Tuch aktiv gefahren werden, indem der Trimmer per Hand oder Winsch dichtholt und fiert, oder passiv, indem die Schot belegt wird und der Steuermann nach dem Gennakervorliek fährt.
Wichtig: Die Schot immer klar zum Loswerfen bereitlegen.

  Das Profil hängt maßgeblich von der Spannung des Vorlieks ab (Klicken zum Vergrößern)Foto: YACHT
Das Profil hängt maßgeblich von der Spannung des Vorlieks ab (Klicken zum Vergrößern)

Vor allem ältere Gennaker sind oft so geschnitten, dass die Vorliekslänge dem Abstand zwischen den Anschlagpunkten Kopf und Hals entspricht. Sind Fall und Halsleine bei diesen Segeln voll durchgesetzt, spannt sich das Vorliek nahezu straff. Damit verlagert sich das Vorliek nach Luv, und mit ihm wird der Anstellwinkel spitzer. Das Segel wird insgesamt gestreckt, die Breite verringert sich, die größte Wölbungstiefe wandert nach vorn, zugleich öffnet sich das Achterliek im oberen Bereich. Je stärker der Wind, desto mehr sollte das Vorliek gestreckt werden. Durch das runde Profil geht zwar etwas Höhe verloren, das gleicht sich jedoch durch die Ver­lagerung der Anschnittkante und den nach vorn gerichteten Auftriebsvektor aus.

Bei flach geschnittenen Gennakern lässt sich das Profil mit der Vorliekspannung beeinflussen

Wird die Halsleine etwas gefiert, staucht das Profil, wird breiter, aber auch flacher. Die flache Anschnittkante ermöglicht manchmal bei wenig Wind etwas mehr Höhe, bei zunehmendem Wind wandert jedoch das Segel nach Lee aus und ver­ursacht Krängung.

  Mit der Spannung des Gennakerfalls lässt sich die Rotation des Gennakerkopfes steuernFoto: YACHT
Mit der Spannung des Gennakerfalls lässt sich die Rotation des Gennakerkopfes steuern

Bei modernen Fahrten-Gennakern ist das Vorliek etwa fünf bis acht Prozent länger geschnitten als das Maximalmaß zwischen Kopf und Hals. Das Vorliek lässt sich so zwar nicht straff ziehen, und es geht etwas Höhe verloren, nur etwa 80 bis 90 Grad zum wahren Wind sind möglich. Dafür ist das Segel runder, breiter und dreht sich auf tiefen Kursen deutlich nach Luv, fast wie ein Spinnaker, und die Blase kommt mehr aus der Abdeckung des Großsegels. So erhöht sich die projizierte, die für den Wind "sichtbare" Fläche, und tiefe Kurse bis zu 170 Grad Windeinfall sind ohne Baum möglich.

Mit der Fallspannung lässt sich die Rotation des Gennakerkopfes nach Luv beeinflussen

Diese Rotation lässt sich durch leichtes Fieren des Gennakerfalles verstärken. Meist reicht schon ein Schrick von zwei bis drei Prozent der Vorliekslänge, bei 16 Metern also etwa 50 Zentimeter. Das Vorliek wird so noch runder und kann zugleich noch mehr nach Luv drehen. Dafür steht der Gennaker allerdings auch etwas unruhiger und muss aufmerksamer gefahren werden.

Leeschot fieren Die Schot weit aus­rauschen lassen, das Schot­horn muss deutlich am Vorstag nach vorn vorbeifliegen
Foto: YACHT

Bei der Halse spielt der Gennaker seinen Vorteil in der Handhabung gegenüber dem Spinnaker voll aus. Die Barberholer werden gefiert und können erst einmal vergessen werden, wichtig sind nur die Schoten. Hier wird die Variante der Halse außen um das Vorstag herum gezeigt, wie sie auf den meisten Fahrtenbooten sinnvoll ist. Dabei kommt es darauf an, dass der Gennaker weit gefiert und auf der neuen Seite schnell dichtgeholt wird. Ansonsten besteht die Gefahr, dass die alte Leeschot ins Wasser fällt und unter das Boot gerät.

Nur zwei Schoten sind zu bedienen, das geht auch einhand

Dann hilft oft nur das Ausfädeln der Schot. Deshalb sollte vor der Halse auch die Maschine rückwärts eingekuppelt werden, damit sich ein Faltpropeller sicher schließt und ein Festpropeller steht – sonst könnte sich die Schot um den Prop wickeln. Gennaker mit Rollanlage oder Bergeschlauch können bei mehr Wind vor der Halse geborgen und auf dem neuen Bug wieder gesetzt werden, das geht manchmal stressfreier vonstatten. Zuletzt kann der Lee-Barberholer wieder dichtgeholt werden.

  OHNE BEIHOLER (LINKS):   Das Schothorn steigt beim Fieren, das Achterliek öffnet sich stark   BEIGEHOLT (RECHTS):   Der Zugwinkel der Schot wird steiler, das Achter- liek schließt oben mehrFoto: YACHT
OHNE BEIHOLER (LINKS): Das Schothorn steigt beim Fieren, das Achterliek öffnet sich stark BEIGEHOLT (RECHTS): Der Zugwinkel der Schot wird steiler, das Achter- liek schließt oben mehr

Wird fast vor dem Wind gesegelt, muss die Schot sehr weit gefiert werden, um die auf der vorigen Seite beschriebene Rotation zu ermöglichen. Der Zug auf das Achterliek lässt durch den immer stumpfer werdenden Winkel nach, das Schothorn steigt, das Achterliek öffnet oben stark und lässt Druck ab.
Ein oben runderes Profil lässt sich durch einen Beiholer erreichen.

Mit dem Beiholer lässt sich das Achterliek des Gennakers auf tiefen Kursen kontrollieren

Das ist eine Trimmleine, die mittels Block oder Loop auf der Schot befestigt und über einen etwa mittschiffs liegenden Punkt nach achtern gelenkt wird. Dazu eignet sich auch eine Mittschiffsklampe. Dichtgesetzt wird der Winkel des Schotzugs steiler, und der Zug auf das Achterliek erhöht sich. Ungeübte Crews sollten jedoch zunächst auf den Barberholer verzichten, denn er muss beim An­luven mitgefiert werden. Sonst verursacht er ein sehr geschlossenes Profil und viel Druck nach Lee.

Wie der optimale Trimm in der Praxis, sprich auf dem Wasser, aussieht, zeigt auch der Beitrag von YACHT tv.

So trimmt man das Raumschotssegel richtig

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