Lebenstraum erfülltÜber den Atlantik von West nach Ost auf alter Hanseat 70

Morten Strauch

 · 27.01.2026

Traumhafter Auftakt der Atlantikquerung: Schmetterling zur Abendstunde am Rande der Sargassosee.
​Zwei Brüder wollen den Nordatlantik von West nach Ost überqueren. Im ersten Abschnitt der zweiteiligen Reportage geht es von den USA zu den Azoren.

​Das Abenteuer Atlantik beginnt nachts im Sunshine State. Um 23.00 Uhr sind die Segel gesetzt, und die Maschine verstummt. Trotz der späten Stunde ist es immer noch so drückend warm, dass die T-Shirts auf der Haut kleben. Schub bekommt das Boot jetzt vom Golfstrom und einer wohltuenden Brise von querab. Mit 7,5 Knoten fliegt „Ente“ förmlich nach Norden in Richtung South Carolina. Über der funkelnden Skyline Miamis ziehen gigantische Wolken, die die unzähligen Hochhäuser winzig klein erscheinen lassen.

Noch viel kleiner ist das Schiff, welches uns über den Nordatlantik bis nach Portugal bringen soll und für zwei Monate unser schwimmendes Zuhause sein wird. Für eine Zweihandcrew ist das 34-Fuß-Boot mehr als groß genug, aber ist es das auch für den unendlichen Ozean und all seinen Launen? Wir glauben fest daran, schließlich sind schon ganz andere Boote über den großen Teich gekommen.


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Beim Blick auf die Seekarte mutet die erste Etappe über 450 Seemeilen nach Charleston wie ein Kinderspiel an. Doch bei Wind gegen Strom und mit unberechenbaren Squalls kann es am Rande der Sargassosee auch schnell sehr ungemütlich werden. Mit seitlich bis achterlichen Winden um die zehn Knoten hat sich das ideale Wetterfenster für die nächsten Tage geöffnet, welches perfekt mit der nördlichen Fließrichtung des Golfstromes harmonisiert.

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Die erste Hundewache übernehme ich gerne, an Schlafen ist nicht zu denken. Zu groß ist die Aufregung über den perfekten Start in das bisher größte Segelabenteuer. Der lang gehegte Lebens­traum ist in der Wirklichkeit angekommen. Die Tatsache, dass ich das zusammen mit meinem Bruder Timo machen kann, ist ein unbezahlbarer Bonus.

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Route der Hanseat 70 “Ente”

yacht/1yac-2026-04-018-027_d4058b3bb7a7f75a8180ecbe83a1e6e0Foto: YACHT

Direkt über der Hanseat 70 zeigt sich die Milchstraße in voller Pracht. Es sieht aus, als würde der Masttopp eine funkelnde Verwirbelung durch den Himmel ziehen. Und auch das Boot zieht eine magische Leuchtspur durch das Wasser: Meeresleuchten! Der blut­orangene Halbmond, der sich im Osten aus dem Ozean schiebt, vollendet die Symphonie des nächtlichen Lichtspektakels.

Leichter kann Angeln nicht sein als auf dem Atlantik

Tagsüber brennt die Sonne gnadenlos aufs Deck, sodass das Cockpit mit Sonnensegeln verbarrikadiert wird. Das ist jedes Mal wieder ein Provisorium, aber außer uns sieht es ja niemand. Ein UV-resistenter Kapuzen-Longsleeve aus dem US-Angelshop erweist sich als gute Investition. Dort gab es auch eine einfache Rolle mit einer stabilen, 100 Meter langen Angelschnur und Köder in Form von farbenfrohen Gummioktopussen. Leichter kann Angeln nicht sein. Einfach an der Achterklampe belegt und im Kielwasser ausgebracht, ist es nur eine Frage der Zeit, wann der erste Fang erfolgen wird.

Denn im warmen Golfstrom wimmelt es nur so an prächtigen Fischen. Pünktlich zum Mittag zappelt ein goldgrün schimmernder Mahi-Mahi am Haken, der sofort filetiert und in die Pfanne verholt wird. Heute gibt es nichts aus der Konserve! Noch besser wird es zwei Tage später, als wir eine ausgediente Offshore-Plattform sichten. Timo wittert sofort fette Beute und bereitet sich auf einen Apnoe-Tauchgang mit Harpune vor.

Kaum im Wasser geht er mithilfe eines Bleigurts gleich auf Tiefe. Oben an Bord herrscht eine gespenstische Ruhe und ganz wohl ist mir nicht dabei, dass mein Bruder allein seinem Jagdinstinkt nachgeht. Hoffentlich übernimmt er sich nicht. Und wer weiß, was da unten noch so alles rumschwimmt? Eine halbe Minute später schießt er schon wieder durch die Oberfläche und beeilt sich, die Badeleiter zu erreichen. „Hier nimm!“, röchelt er hektisch und reicht die lange Harpune an. „Ein Hai?“, frage ich, während ich die Oberfläche nach dreieckigen Flossen scanne. „Auch!“, hustet er und zieht sich hoch. „Der hat sich aber nicht für mich interessiert. Dafür habe ich einen dicken Fisch geschossen!“ Dieser entpuppt sich als derart kapitale Pferdekopfmakrele, dass sie selbst sorgfältig portioniert nicht in die Kühlung passt. Not macht erfinderisch: Die restlichen Stücke werden auf einer Tauchflosse gepökelt und auf dem Vorschiff in die pralle Sonne gelegt. Ob das funktioniert, wird sich zeigen.

Küstenhopping in den USA

Die lange Einfahrt durch die Bucht von Charleston hat viel zu bieten. An Backbord zieht eine künstliche Insel mit dem historischen Fort Sumter vorbei, wo die ersten Schüsse des amerikanischen Bürgerkriegs fielen. Derweil stürzen sich rund ums Boot Pelikane ins trübe Wasser, um mit ihren charakteristischen Schnäbeln Beute zu keschern. Dazu immer wieder Delfine und unzählige Angelboote in allen Größen. An Fisch scheint es auch hier nicht zu mangeln. Da wir ein paar Tage in der Südstaatenmetropole bleiben wollen und die Liegegebühren üppig sind, fällt der Anker in unmittelbarer Nähe der City Marina und des alten Stadtkerns. Für Proviant, neue Ruder für das Dingi, eine frische Starterbatterie und andere Ersatzteile braucht es allerdings ein Auto. Gut sortierte Ausrüstungsläden direkt am Hafen sind hier Fehlanzeige. Die Fachgeschäfte liegen weit verstreut im äußeren Stadtgebiet.

Zudem verfolge ich noch eine ganz persönliche Mission hier, die mich in ein Waldstück außerhalb der Stadt bringen wird. Die Gegend hier ist weltweit einer der besten Spots, um uralte Haizähne zu finden. Entweder an den Stränden zwischen Muscheln und Steinen oder beim Graben in fossilreichen Erdschichten. Als Heiliger Gral bei Sammlern gilt dabei der Zahn eines Megalodon, ein vor rund drei Millionen Jahren ausgestorbener Spitzenprädator, dem größten Hai der Erdgeschichte. Seine eindrucksvollen Hauer können bis zu 18 Zentimeter messen. Die Entscheidung fällt auf eine geführte Grabung, bei der tatsächlich zwei wunderschöne megs zutage kommen. Klar, dass der Schatz in der Grabbag verstaut wird.

Für den letzten Tag in South Carolina wird „Ente“ dann doch noch an den Steg der Safe Harbor Marina verholt, um besser bunkern zu können und in den Genuss von Waschmaschine und Trockner zu kommen. Neben frischem Obst und Gemüse, ein paar Dutzend Eier, Pasta, Reis und unterschiedlichsten Konserven, wandern auch 100 Liter Trinkwasser in Flaschen an Bord. In der Hochsommerhitze mit extremer Luftfeuchtigkeit ist jede Anstrengung äußerst schweißtreibend. Zum Abschluss gönnen wir uns ein fleischlastiges Festmahl bei Lewis Barbecue – ein absolutes Halleluja-Erlebnis für den Gaumen.

Letzte Vorbereitungen für den Atlantik

Der nächste Schlag über 200 Seemeilen führt nach Cape Lookout in North Carolina. Auf dem Weg werden wir nachts plötzlich von „Warship 7“ angefunkt. Kurze Aufregung, aber das US-Kriegsschiff vom Format eines kleinen Flugzeugträgers, möchte nur freundlich mitteilen, dass es an unserer Steuerbordseite passieren wird. Das Schiff ist zwar weit weg, aber laut AIS sind noch weitere Marineschiffe samt einem U-Boot in der Nähe. Nach Sonnenaufgang kreuzen Luftkissenboote den Bug, dazu Hubschrauber und Kipprotorflugzeuge in der Luft. Ordentlich Betrieb hier.

Umso friedlicher ist die lagunenartige Bucht, wo der letzte Ankerstopp vor dem großen Sprung über den Atlantik ansteht. Während Timo den Rumpf abtaucht und die Antifouling-Folie reinigt, beschrifte ich die letzten Konservendosen und mache Klarschiff. Am Abend liegen wir im Cockpit und lauschen den anrollenden Brandungswellen. Es hat aufgefrischt, und ein mulmiges Gefühl macht sich in der Magengegend breit. Übernehmen wir uns auch nicht mit dem alten Kahn? Welche Überraschungen erwarten uns? Mit einem guten Schluck Rum geht es in die Koje – morgen geht das Abenteuer so richtig los.

Das Abenteuer Atlantik geht los

Alle Zweifel sind weggewischt, der Anker wird unter Segel aufgeholt. Das Manöver gelingt einwandfrei, und voller Euphorie rauschen wir aus der Bucht, dann kreuzend um das spitze Kap mit seinen auslaufenden Untiefen und schließlich auf Nordostkurs raus auf den offenen Ozean.

Die nächsten Tage nutzen wir wieder die Schubkraft des Golfstroms, unterstützt durch raumen Wind. Mit den anrollenden Wellenbergen von achtern und einem Speed von acht bis neun Knoten kommen wir uns vor wie auf einer Imoca. Der Etmal-Rekord liegt bei 187 Seemeilen, was für die Hanseat unter ihrem alten Tuch beachtlich ist.

Auch der Bordrhythmus hat sich eingependelt, Aufgaben werden nach demokratischer Manier verteilt: Dazu gehören Brot backen in der Pfanne, Abwasch in der Pütz, Wetterprognosen via Starlink einholen und natürlich die Arbeiten auf dem Vorschiff bei Segelwechseln oder Reffmanövern. Das Groß wird dabei standardmäßig im ersten Reff gefahren – das nachgeorderte Gebrauchtsegel ist schlichtweg zu groß für das Rigg. Geschlafen wird meist im Vier-Stunden-Takt. Aufgrund nicht vorhandener Leesegel geschieht das häufig in der Seesternhaltung: Mit ausgestreckten Armen und Beinen, um möglichst viel Grip zu haben.

Sturmtief treibt Stresslevel in die Höhe

Den brauchen wir spätestens, als uns ein Sturmtief erwischt, dessen Wucht deutlich stärker ist als prognostiziert. Mit 46 Knoten in der Spitze steigt auch unser Stresslevel. Für 36 Stunden sind wir unter Deck gefangen, während der Autopilot seinen Job macht. Alles ist feucht bis klitschenass, und die auf den Rumpf eindreschenden Brecher donnern in den Ohren wie Schläge mit dem Vorschlaghammer. Gut zu wissen, dass die Bootsbauer zu den Anfängen des GFK-Zeitalters noch daumendickes Laminat verbauten. Gegessen wird pragmatisch auf dem Salonboden: Wraps mit Erdnussbutter.

Doch nichts ist so schön wie der Morgen danach, wenn auch die Sonne wieder zum Vorschein kommt. Im Nachhinein war alles halb so schlimm und der erste Kaffee zurück im Freien ein Hochgenuss. Fehlt nur noch die traditionelle Blauwasserdusche. Leine um den Bauch und sich für einen Moment durchs Heckwasser ziehen zu lassen. Bei 4000 Meter Tiefe ein einzigartiges Gefühl mit leicht schauriger Note.

Manchmal scheint es, als würde es in der unendlichen Wasserwüste kein Leben außer uns geben. Kein Schiff weit und breit, und seit Cape Lookout will auch an unserer Schleppleine nichts mehr beißen. Bei 999,9 Seemeilen Restdistanz zur westlichsten Azoreninsel Flores trinken wir einen Rum und beschließen diesen feierlichen Akt bei jeder weiteren Schnapszahl zu wiederholen. Das Pökelfisch-Experiment hat indes funktioniert, und die klein geschnittenen Würfel eignen sich gut in Pastasoßen oder als salziger Snack.

Land in Sicht

So ziehen die Tage und Nächte vor­über. Einem furchteinflößenden Tiefdruckgebiet können wir ausweichen, dafür erwischt uns eine bleierne Flaute, die mindestens genauso am Nervenkostüm zerrt wie ein nicht enden wollender Sturm. Speziell wenn der noch vorhandene Schwell das Boot völlig sinnbefreit hin- und her wirft. Einmal löschen wir nachts alle Lichter, schalten den Motor aus und lassen uns treiben.

Delfine kommen regelmäßig zu Besuch – mal zu dritt, mal eine Schule von 30 Tieren. Gute Laune verbreiten sie dabei immer.

Nach drei Wochen ist endlich Flores in Sicht. Da sich die Vulkaninsel fast einen Kilometer in die Höhe streckt, dauert es noch eine kleine Ewigkeit, bis wir auf Tuchfühlung kommen. Am späten Abend und bei absoluter Dunkelheit explodiert plötzlich der Himmel in Form eines Laserfeuerwerks direkt vor uns. Wir laufen tatsächlich zu Beginn eines viertägigen Volksfestes ein, der Festa do Emigrante. Diese Einladung nehmen wir gerne an und mischen uns unter das Volk!

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